„Eine Voraussetzung für Spielfreude ist, keine Angst zu haben“Ein Interview über das Spielverhalten in Krippe und Kita

„Und dann machen wir das so …“ – wenn Kinder im Spiel sind, sind sie hoch konzentriert. Doch was ist, wenn sie ängstlich sind oder häufig unterbrochen werden? Die Verhaltensforscherin Gabriele Haug-Schnabel erläutert, was die Spielfreude ankurbelt.

Eine Voraussetzung für Spielfreunde ist, keine Angst zu haben
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Ein Erzieher berichtete uns, dass einige Kita-Kinder nicht mehr in der Lage seien, zu spielen. Können Kinder tatsächlich ihre Spielfähigkeit verlieren?
Etwas spielerisch zu erkunden und auszuprobieren ist uns Menschen angeboren und hilft uns, Neues zu lernen und weiterzugeben. Für Kinder ist es sehr wichtig, dass Entwicklungsbedingungen vorliegen, die es ihnen möglich machen, sich im Spiel angstfrei zu erproben. Das kann allein oder mit anderen zusammen passieren. Wenn Kinder jedoch ihre angeborene Spielbegeisterung nicht empfinden und nicht spontan überall zu spielen beginnen, hat dies Gründe: Etwas sie Ängstigendes ist passiert oder sie spüren viel Unsicherheit in ihrem Umfeld, was aktuell viele Kinder im Krieg oder auf der Flucht erleben.

Gibt es Studien, die den Zusammenhang von Mediennutzung und dem Spielverhalten von Kindern untersuchen?
Diese Studien gibt es seit Jahrzehnten. Immer wird unter verschiedenen Gesichtspunkten hierüber geforscht. Ab welchem Alter sollten auch digitale Medien genutzt werden? Täglich und wie lange am Tag? Wirklich wichtig scheint hierbei zu sein, dass der Medienkonsum nur ein Aspekt einer möglichst vielfältigen Erfahrungswelt eines Kindes über den Tag oder über die Woche ist. Bei Kindern, die auch oft im Freien und viel in Bewegung sind oder immer wieder mit anderen Kindern zusammen engagiert und vielfältig agieren, wird das Spielverhalten nicht beeinträchtigt.

Welchen Einfluss könnte die Coronazeit auf die Spielfähigkeit von Kindern gehabt haben?
Wir alle – Kinder wie Erwachsene – wurden von Corona und den zur Bekämpfung der Pandemie nötig gewordenen Einschränkungen überrollt, ohne anfangs eine Vorstellung gehabt zu haben, wie lange Corona unser Leben beeinflussen würde. Schon in der Anfangszeit der Pandemie zeigten sich unterschiedliche Irritationen der Kinder durch die nötig gewordenen Veränderungen. Für viele Mädchen und Jungen begann eine schwierige Zeit: nicht in den Kindergarten gehen zu dürfen, sich nicht gegenseitig besuchen zu können und auf Spielplätzen Abstand voneinander halten zu müssen. Die Unsicherheit der Erwachsenen hat sicherlich dazu beigetragen, dass recht viele Kinder durch die nötig gewordenen Schutzmaßnahmen irritiert wurden.

Wie entwickeln Kinder ihre Spielfreude in Krippe und Kita?
Die wichtigste Voraussetzung für Spielfreude ist, keine Angst zu haben, vertraute Fachkräfte und Kinder um sich zu haben und sicher zu sein, wie der abgeholt und nach Hause gebracht zu werden. Nach einer gelungenen Eingewöhnung, die mit Blick auf das individuelle Kind und nicht auf den Kalender abläuft, also nicht zu kurz („Ich bin noch nicht so weit!“) oder zu lang („Irgendetwas muss hier komisch sein, sonst würden die Erwachsenen nicht so ein Theater machen“) ist, beginnen eigentlich alle Kinder in den Tagesablauf und das Spiel einzusteigen. Zumindest zeigen sie dann schon Interesse am Spiel der anderen Kinder, auch wenn sie selbst noch nicht aktiv eingestiegen sind. Ist dies nicht der Fall, können kleine Spaziergänge auf dem Arm oder an der Hand einer vertraut gewordenen Fachkraft Wunder bewirken. Das Kind kann überall zuschauen, muss aber noch nicht ins Geschehen einsteigen oder selbst aktiv werden. Irgendwann startet jedes Kind ein Parallelspiel in der Nähe anderer Jungen oder Mädchen – wenn nicht sogar schon ein kurzes Mitspielen, das nicht kommentiert werden sollte, stattfindet.

Woran erkennen pädagogische Fachkräfte, dass Kinder in ihr Spiel vertieft sind?
Man sieht es am sogenannten Spielflow, an der gemeinsamen Konzentration und spürbaren Freude der Kinder am Zusammentun. Auf eine Idee folgt die nächste: „Und dann machen wir das so …“, „und dann müssen wir noch daran denken, dass …“. Wenn sie ihre Ideen weiterdenken können, sie dabei engagiert und ungestört sind, reißt der Aufmerksamkeitsfaden nicht ab. Unnötige Unterbrechungen der Fachkräfte stören die Konzentration einzelner Kinder, wenn nicht sogar den Gruppenflow. Auf dieses Problem weist der Hirnforscher Gerald Hüther seit Jahrzehnten hin.

Welche Situationen in der Kita können das Spielverhalten der Kinder beeinflussen?
Ein Echtbeispiel: Das Signal für den Beginn des Morgenkreises ertönt, für jedes Kind liegt ein Kissen in der Runde bereit. Zwei Kissen bleiben leer. Die Fachkraft begrüßt jedes Kind im Kreis. Und dann passiert etwas, was leider noch viel zu selten ist: „Von Florentin und Lilian soll ich euch ausrichten, dass sie, wenn sie schnell fertig werden, noch zu uns in den Kreis kommen. Wenn sie aber noch etwas mehr Zeit zum Bauen brauchen, sollen wir am Ende des Morgenkreises zu ihnen kommen. Sie erklären uns dann, wie sie einen Helikopter-Landeplatz auf dem Krankenhausdach gebaut haben.“
Das ist etwas ganz anderes als die immer noch zu beobachtende Routine, dass sobald das Signal für den Morgenkreis ertönt, alles bespielte Material weg- und aufgeräumt werden muss. Wenn dann noch jeder Morgenkreis mit den Fragen beginnt, welchen Tag wir heute haben, in welchem Monat und welches Jahr, sollte überlegt werden, ob sich hierfür das Zusammensitzen lohnt. Und wenn der Morgenkreis vorbei ist, ist folgender Satz häufig zu hören: „Jetzt könnt ihr wieder weiterspielen!“ Gemeint ist eigentlich: wieder von vorn beginnen. Ein Neustart wird nötig!

Wie können pädagogische Fachkräfte Kinder unterstützen, ihre Spielfähigkeit zu erhalten, vielleicht sogar noch auszubauen?
Der wichtigste Punkt ist: Die Kita soll ein geschützter Ort für Kinder sein. Beobachtungen zeigen, dass kleine Anwärmgespräche und Rückerinnerungen an Highlights des letzten Kita-Tages den Einstieg ins Spielen erleichtern. Das bedeutet aber nicht, dass Kinder am gleichen Thema, mit demselben Material und in gleicher „Besetzung“ weiterspielen sollten oder müssen. Wenn die Fachkräfte ein echtes Interesse an Spielinhalt, -figuren oder -handlung zeigen, motiviert dies die Kinder. Unnötige Störungen sollten generell vermieden werden, weil diese alle Kinder, vor allem aber Kinder mit Konzentrationsproblemen, im engagierten Spiel und Weiterdenken hindern.

Was kann passieren, wenn Kinder häufig aus ihrem intensiven Spiel gerissen werden?
Es muss aus verschiedenen Gründen Unterbrechungen im Tagesablauf geben. Diese sollten aber wohlüberlegt sein, da sie zu Unmutsäußerungen, wenn nicht sogar zu aggressiver Abwehr oder Verzweiflung führen können. Es hängt vom Entwicklungsalter und von der Willenskraft eines Kindes ab, ob es ihm gelingt, in seine tolle Spielidee wieder einzusteigen. Wenn Kinder häufig gezwungen werden, ihr vertieftes Spiel abzubrechen, wird beobachtet, dass sie ihre bereits geplanten nächsten Schritte am Nachmittag oder nächsten Tag nicht mehr in Angriff nehmen. Kommen solche Abbrüche häufig vor, schaffen es selbst geübte Spieler*innen nicht, in ihr Spiel nochmals einzusteigen.

Sind Kitas ideale Orte für das Spiel des Kindes?
Wir haben schon viele Kitas in Europa gesehen. Was sie alle verbindet, ist, dass sie einen guten Ort für Kinder schaffen möchten. Idealerweise finden Kinder dort Schutz, möglichst viel Freiraum und signalisiertes Interesse seitens der Fachkräfte. Kitas sollten Orte sein, an denen Kinder sich sicher fühlen, „angekommen“ sind, Wohlgefühl empfinden und angstfrei agieren können. Und: Spielunterbrechungen sollten nur aus gewichtigen Gründen stattfinden. Das ist leichter gesagt als im Kita-Alltag getan.

Welche Rolle spielen Raum und Materialien?
Der Raum spielt eine wichtige Rolle. Seine Bedeutung wird immer noch unterschätzt. Zu kleine Räume – mit mehreren Angeboten auf zu engem Raum – können schnell zu Knallstellen werden. Bei Platzmangel sollten Fachkräfte lieber weniger, dafür aber wohlsortierte, gut zusammenpassende Spielmaterialien anbieten. Was die Kinder aktuell nicht interessiert, kann in den Vorratsbereich zurück, und neues Material wird zum freien Bespielen anregungsreich bereitgestellt. Gerade für größere Kita-Kinder sollten in allen Bereichen Papier, Stifte und Schere bereitliegen, denn spätestens ab 5 Jahren machen Kinder sich Pläne, was sie wie in Angriff nehmen möchten.

Die Fragen stellte Barbara Brengartner, Redaktion kindergarten heute.

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