Wenn die Seele Schutz suchtTraumatisierte Kinder und Familien

Aggression, Rückzug oder Clownerie – die Bewältigungsmechanismen von Kindern, die schlimme Erlebnisse hinter sich haben, können ganz unterschiedlich aussehen. Wie Fachkräfte mit traumasensiblem Handeln helfen können.

Wenn die Seele Schutz sucht: Traumatisierte Kinder und Familien
© Alsu/shutterstock.com

Große Ereignisse der Politik und Weltgeschichte haben häufig verheerende Auswirkungen im Kleinen, im Privaten. Krieg und Vertreibung betreffen Familien und Kinder unmittelbar und langfristig, auch dann noch, wenn die Geschehnisse bereits Monate oder Jahre zurückliegen. Traumatisierung ist ein Phänomen, das sich über die gesamte Weltgeschichte immer wieder beobachten lässt, und durch den Krieg in der Ukraine gerade jetzt wieder von trauriger Aktualität. Wenn das eigene Zuhause von dem einen auf den anderen Tag plötzlich zum Ort höchster Gefahr wird, wenn Familien in eine ungewisse Zukunft flüchten und nahe Angehörige zurücklassen müssen, hinterlässt das zweifellos Spuren an ihrer Psyche.

Das Thema Kriegs- und Fluchttraumatisierung steht im Fokus. Doch die Arten der Traumatisierung sind vielfältig. Auch Naturkatastrophen wie die Flut im Juli 2021 in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz können bei Familien zu traumatischen Erinnerungen führen, ebenso wie Vernachlässigung oder Misshandlung. Immer wieder sind Kitas also mit Menschen konfrontiert, die durch schlimmste Erfahrungen traumatisiert sind.

Überlebensstrategien der Psyche

Ein Trauma entsteht, wenn die Gefahr die persönlichen Bewältigungskapazitäten übersteigt.1 Während in Stresssituationen alle Bewältigungsmechanismen mobilisiert werden, ist in der traumatischen Situation das Handeln aussichtslos geworden, da weder fight (Kampf) noch flight (Flucht) möglich ist.2 Diese erlebte Hilflosigkeit in der Traumatisierung führt dazu, dass der Mensch psychisch nur überleben kann, wenn er gewisse Erfahrungen in das Unbewusste verdrängt, sie also abspaltet. Dissoziation sichert das Überleben der Psyche.3

Bewältigungsmechanismen von Kindern

Traumatische Erfahrungen können zur Abspaltung von Gefühlen und Erinnerungen und dem Aufbau von Überlebensstrategien führen. Kinder entwickeln Verhaltensweisen, um die schrecklichen Erinnerungen nicht wieder in das Bewusstsein zu lassen. Dass diese Verhaltensweisen Bewältigungsmechanismen sind, ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Aggression, Clownerie, sozialer Rückzug oder selbstverletzendes Verhalten können Strategien sein, um die traumatischen Erfahrungen zu verdrängen. Die Überlebensstrategien müssen erst als solche erkannt und identifiziert werden. Häufig werden sie im Alltag jedoch eher als unerwünschtes Verhalten angesehen und es wird versucht, sie zu unterdrücken. Insbesondere für Kinder, die verbal noch wenig Möglichkeiten haben, ihre traumatischen Erinnerungen vom Bewusstsein fernzuhalten, sind diese Handlungsstrategien für ein psychisches Überleben jedoch extrem wichtig. Diese Handlungsmethoden sind bei Kindern also eher als bemerkenswerte Überlebensstrategie und weniger als negatives Verhalten zu werten.

Trauma in Familien

Kitas haben nicht nur mit traumatisierten Kindern zu tun, sondern in manchen Fällen mit ganzen Familien. Trauma wird zudem häufig transgenerational weitergegeben.4 Verhaltensweisen, die erlernt wurden, werden oftmals unreflektiert übernommen und an die nachfolgende Generation übertragen. So kann erlebte Aggression als Konfliktstrategie an die eigenen Kinder weitergeben werden.

Häufig haben Kitas neben der Arbeit mit traumatisierten Kindern die Aufgabe, ganze Familien zu unterstützen. Nur so kann die unreflektierte Weitergabe von traumatischen Erfahrungen unterbrochen werden. Dies kann unter anderem in Form von Vernetzung und Kooperation mit Frühförderstellen oder Psycholog*innen erfolgen.

Konkrete Handlungsmöglichkeiten für pädagogische Fachkräfte

Traumatisierte Kinder und Familien verlangen den pädagogischen Fachkräften vielseitige Handlungsmethoden und Kompetenzen ab. Sie müssen sich umfänglich qualifizieren und fortbilden, damit sie beispielsweise Verhaltensweisen richtig interpretieren. Traumasensibles Arbeiten setzt das Wissen über Traumatisierung und die Folgen für die Betroffenen voraus. Zudem brauchen Fachkräfte ein hohes Maß an Selbstreflexion, um sich eigener traumatischer Erfahrungen bewusst zu werden. Darüber hinaus ist es wichtig, dass sie sich ein interdisziplinäres Netzwerk aufbauen, um traumatisierten Kindern und Familien weitreichende Unterstützung zugänglich machen zu können. Bei Traumatisierung durch Vernachlässigung oder Misshandlung haben Fachkräfte außerdem die Pflicht, nach § 8a SGB VIII das Kindeswohl zu schützen.

Kitas sind eine wichtige Anlaufstelle für Kinder und Familien, die traumatisiert wurden. Gerade weil hier niederschwellig Hilfe angeboten werden kann, kommt Fachkräften eine zentrale Rolle bei Traumata zu.

Sicherheit und geschützte Umgebung

Eine wichtige Aufgabe der Fachkräfte ist es, dass die Kinder sich sicher fühlen. Dafür braucht es einen Ort, der Sicherheit ausstrahlt, zum Beispiel in Form von Ritualen und Transparenz. Wenn über traumatische Erlebnisse gesprochen werden soll, ist die räumliche und strukturelle Umgebung zentral. Das Gespräch sollte in einem geschützten, ungestörten Rahmen stattfinden. Keinesfalls sollte die Situation Ähnlichkeit mit dem traumatisierenden Ereignis aufweisen. Bei einem Trauma, das beispielsweise aufgrund der Flut entstanden ist, bedeutet dies, das Gespräch nicht dann zu führen, wenn es draußen kräftig regnet. Traumasensibles Arbeiten im Sinne eines sicheren Ortes bedeutet in diesem Kontext auch, dass über die traumatischen Erfahrungen nur dann gesprochen wird, wenn das Kind dies ausdrücklich signalisiert.

Beziehungs- und Bindungsarbeit

Das Wichtigste ist primär das Aufbauen einer vertrauensvollen Beziehung. Nur wenn die Kinder und Eltern der Fachkraft vertrauen, werden sie sich ihr anvertrauen können. Für den Aufbau einer solchen Beziehung braucht es zuerst Gespräche über andere Themen. Zunächst muss eine vertrauensvolle Basis aufgebaut werden. Die Fachkraft kann den Kindern und Eltern Zeit geben und warten, bis die Betroffenen sich ihr anvertrauen möchten. Gespräche über traumatische Situationen sollten niemals erzwungen werden und der erste Schritt geht immer von den traumatisierten Menschen aus. Fachkräften kommt in solchen Gesprächen vor allem die Rolle der Zuhörenden zu. Wenn Betroffene über ein Kriegsereignis erzählen, kann die Fachkraft durch nonverbale (zum Beispiel Augenkontakt) und verbale Signale (zum Beispiel: „Das kann ich gut nachvollziehen“) mehr helfen als durch gutgemeinte Ratschläge. Ein empathischer Umgang mit den Aussagen der traumatisierten Person ist grundlegend dafür, dass sich die Betroffenen ernst genommen fühlen und sich der Fachkraft weiter anvertrauen.

Bei Traumatisierung ist es außerdem hilfreich, Gesprächsanlässe zwischen Betroffenen zu ermöglichen. Dafür können Elterncafés stattfinden, bei denen sich Familien in ungezwungener Atmosphäre austauschen. Gesprächsanlässe können für Kinder auch in Form von Morgenkreisen oder Büchern geschaffen werden. Fachkräfte sollten darauf achten, offene Fragen zu stellen („Gibt es auch Situationen, in denen du mal Angst hast?“) und keinesfalls Trigger-Situationen hervorzurufen („Wie war das, als ihr aus deiner Stadt flüchten musstet?“).

Kinder in Trigger-Situationen unterstützen

Fachkräfte sollten Trigger-Situationen identifizieren, nach Möglichkeit vermeiden und – falls es doch dazu kommt – das Kind herausholen. Wenn Kinder bei lauten Geräuschen wie Gewitter oder starkem Regen traumatisierte Verhaltensweisen zeigen, kann die Fachkraft das Kind beispielsweise in einen Raum bringen, in dem es das Unwetter nicht mehr hört. Wenn ein Kind mit Fluchterfahrung Angst vor fließendem Wasser hat, kann die Fachkraft dem Kind einen nassen Waschlappen zum Händewaschen anbieten.

Reagiert das Kind in einer Trigger-Situation panisch, hilft die Reorientierung durch Fragen („Welche Farbe hat deine Hose heute?“). Bei Sprachbarrieren können die Fachkräfte durch das Anbieten von Körperkontakt oder beruhigendes Sprechen und Singen helfen. Die Fachkraft kann in solchen Momenten alleine durch ihre Anwesenheit das Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Kinder stärken

Die gesunden Anteile, die jedes Kind in sich trägt, können gefördert und gestärkt werden. Dafür eignen sich ressourcenorientierte Beobachtungsinstrumente und die partizipative Gestaltung des Kita-Alltags. Die Fachkraft sollte sich nicht auf die Bewältigung der Traumatisierung fokussieren, sondern auf das Zugänglichmachen von Ressourcen. Im Alltag kann am meisten geholfen werden, wenn das Kind Situationen erlebt, die es bewältigen kann, und dadurch in seinem Selbstvertrauen gestärkt wird. Durch Krieg, Flucht, eine Naturkatastrophe oder auch die Pandemie erleben sich die Kinder schlimmen Dingen ohnmächtig ausgesetzt. In der Kita können bewältigbare Herausforderungen (zum Beispiel Bewegungsangebote) geschaffen werden, die das Selbstvertrauen aufbauen. So erlebt sich das Kind wieder als handlungsfähig.

Zum anderen können Fachkräfte Kindern die Möglichkeit geben, destruktive Überlebensstrategien zu ändern. Auch wenn alle Bewältigungsverhaltensweisen als Überlebensstrategien anerkannt werden sollten, sind viele nicht sozial verträglich. Das bedeutet, dass Kinder sich durch aggressives Verhalten oder sozialen Rückzug oftmals aus der Gemeinschaft ausschließen. Diesen Kindern sollten Fachkräfte helfen, alternative Verhaltensweisen zu entwickeln. Wenn ein Kind häufig aggressives Verhalten zeigt, kann diesem Bedürfnis zum Beispiel in einem Boxverein oder durch herausfordernde Bewegungsangebote Raum gegeben werden, ohne dass sich das Kind sozial ausschließt.

Es ist wichtig, die Bedürfnisse des Kindes hinter der Bewältigungsstrategie zu erkennen und Möglichkeiten zu schaffen, damit sie auf konstruktivem Weg befriedigt werden. Fachkräfte können im Alltag auch ganz konkret Bedürfnisse der Kinder erfüllen, die in der traumatischen Situation nicht gegeben waren. Während Corona haben viele Kinder die Sehnsucht nach Kontakten gehabt, die außerhalb der Kita nicht möglich waren. In der Kita können diese Kontaktaufnahmen beispielsweise durch Gruppenspiele gezielt herbeigeführt werden.

Tipps zum traumasensiblen Handeln

Fachkräfte sollten: Fachkräfte sollten nicht:
  • eine vertrauensvolle und empathische Beziehung/Bindung aufbauen,
  • einen sicheren Ort schaffen,
  • Ressourcen stärken,
  • Alternativen für Bewältigungsstrategien anbieten,
  • Kindern und Eltern in Trigger-Situationen helfen,
  • Hilfenetzwerk niederschwellig aufbauen.
  • Kinder oder Eltern direkt auf das Trauma oder die traumatischen Erlebnisse ansprechen,
  • das Trauma verharmlosen („Davor muss man doch keine Angst haben“),
  • gut gemeinte Ratschläge zur Lösung des Traumas geben,
  • Betroffene bewusst in Trigger-Situationen bringen, damit sie ihr Trauma bekämpfen.

Fazit

Kitas kommen immer wieder mit traumatisierten Kindern und Familien in Kontakt. Sie sind deshalb zentrale Akteure im Umgang mit Traumata. Durch Vernetzung und Kooperation können sie den Familien weitgefächerte Unterstützungsmöglichkeiten zugänglich machen. Außerdem können sie traumatisierten Kindern die Möglichkeit geben, ihre Ressourcen zu erweitern und Verhaltensweisen zu ändern. Beides ist für den weiteren Lebensweg der Kinder immens wichtig. Da Traumatisierung nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, braucht es dafür eine umfangreiche Qualifikation der pädagogischen Fachkräfte. Kitas können schlimme Ereignisse im Leben der Kinder nicht verhindern – doch wenn sie traumasensibel handeln, können sie sie auffangen, ihnen Schutz und Geborgenheit vermitteln und ihnen Kompetenzen für ihr weiteres Leben zur Verfügung stellen.

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