Mut zum KlettverschlussTines praktische Theorie

Mut zum Klettverschluss
© Katharina Bocklage, Eggolsheim

Das Frühjahr ist da, die Blumen und Bäume wachsen. Nun beginnt die Zeit, in der die zukünftigen Schulkinder allmählich reif für einen neuen Lebensabschnitt werden. Sie nabeln sich langsam von der Gruppe ab. Mal lauter, mal leiser, manchmal mit der Frage nach Erlaubnis, manchmal nicht.

Um bei den Blumen zu bleiben: Der Topf wird zu eng. Der Schulranzen steht seit Januar im Kinderzimmer. Die Eltern scrollen bei Pinterest nach der schönsten Schultüte. Oma hat die Armbanduhr schon gekauft und eingepackt.
In dieser aufregenden Frühlingszeit gedeihen auch im Elternhaus die ungelösten Fragen: „Ist mein Kind wirklich bereit?“ – „Könnt ihr den Dreipunktgriff nicht noch mehr üben?“ – „Wie klappt das eigentlich mit dem Stillsitzen?“ – „Schleife sollen sie auch binden können. Für den Sportunterricht.“ – „Wie ist das eigentlich mit der Verkehrserziehung? Was bietet ihr denn da an?“
Wenn Außenstehende über den Kindergartenzaun blicken, so scheint es, als würden die Kinder die ersten zwei Jahre spielen, streiten und komische Bilder malen. Doch dann – im letzten wirklich wichtigen Jahr – wird endlich die Bildungsarbeit zur Schulvorbereitung angegangen. Dies aber bitte gut sichtbar mit naturkundlichen Ausflügen, wissenschaftlichen Experimenten und lehrreichen Projekten.

Kuckuck, kuckuck, möchte ich rufen: Schaut euch im Kindergarten genauer um. Mit dem ersten Tag, den die Kinder bei uns sind, beginnt die Vorschularbeit. Mit jedem Schuh, den sie sich selbst anziehen (und vorher suchen müssen), mit jedem Streit um den grünen Stift (von dem noch drei andere in der Schale liegen) und mit jeder eingesauten Matschhose. Ach stimmt, die Kinder haben ja auch noch ein Leben außerhalb der Kita, in dem sie sich prächtig entfalten.
Dass Schule so viel mehr bedarf als grafomotorischer Superskills, diese trillernde Botschaft gehört auf den ersten Elternabend, nicht auf den letzten.
Lasset uns also singen, tanzen und springen, denn die wahren schulischen Superkräfte sind: sich selbst gut zu kennen und anderen erklären zu können, was man braucht. Freude am Lernen zu haben, weil man bereits viel von der Welt kennengelernt hat und – um es mit Ute Zochers Worten zu sagen – „sie schon ein Stück entzaubert hat“. Kinder haben ein tiefes Wissen entwickelt, dass man ihnen vertraut und ihnen etwas zutraut. Wenn das mal nicht klappt, kennen sie einen Ort, an dem sie mit all ihren Gefühlen sein dürfen, wie sie sind. Diesen Rucksack füllen sich die Kinder von Anfang an. Und wir tun gut daran, ihnen gelegentlich beim Verstauen und Tragen zu helfen. Für die Sportschuhe gibt es ohnehin fast nur noch Klettverschluss.

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