Vorgehen bei Verdacht auf KindeswohlgefährdungMit Dokumentationsvorlagen für Ihre Praxis

Im Elternhaus und in der Kita kann es zu gewaltvollen Handlungen gegen Kinder kommen. Im Verdachtsfall liegt es an den Fachkräften, ihre Beobachtungen zu dokumentieren. Was sie dazu wissen müssen.

Vorgehen bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung
© Ponomariova_Maria - GettyImages
Wahrgenommene Anzeichen oder Erzählungen von Kindern müssen fachlich und systematisch verschriftlicht werden. Fehlende Dokumentation erschwert das gesamte weitere Vorgehen, die Fallbesprechungen und die anschließende Netzwerkarbeit. Doch Zeit- und Personalmangel machen es in der Praxis oft nicht leicht, Beobachtungen zu verschriftlichen. Was können Sie tun?

Beobachtungen und Dokumentation sind unabhängig von einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung ein wichtiges Element pädagogischer Arbeit. Durch gezielte Beobachtung können die Interessen und Themen der Kinder wahrgenommen und eine individuelle Entwicklungsbegleitung gewährleistet werden. Dazu stehen Erzieher*innen unterschiedliche Methoden und Instrumente wie Beobachtungsbögen, Bildungs- und Lerngeschichten oder Entwicklungstabellen zur Verfügung. Beobachtungen im Bereich Kinderschutz benötigen eigene Dokumentationsbögen und eigene Vorlagen. Dabei hält die Fachkraft eine detaillierte Beschreibung gewichtiger Anhaltspunkte von Kindeswohlgefährdung fest. Diese gilt es mit Sorgfalt zu führen und verantwortungsbewusst anzufertigen, da sie im äußersten Fall einem Gerichtsverfahren standhalten müssen.

Vorgehen bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung nach § 8a SGB VIII

Fallbeispiel: Jannis (4;6) beginnt, sich in der Kita einzunässen. Fachkraft Sina nimmt Jannis zur Seite und erkundigt sich, wie es ihm geht, doch Jannis mag ihr nicht antworten. Nach einer Weile bemerkt sie blaue Flecken an seinen Armen und wie er zittert, sobald die Stimme einer Fachkraft lauter wird. Sina tauscht sich mit ihren Gruppenkolleginnen aus, die die Auffälligkeiten bestätigen.

Fachkräfte in Kitas sind durch § 8a SBG VIII verpflichtet, den Schutzauftrag in ihrer Einrichtung umzusetzen. Die Beobachtungen und Dokumentation bilden die Grundlage für folgende weitere Schritte:

  1. Fallbesprechung im Team: Die zuständige Fachkraft bringt ihre Beobachtungen in einer Fallbesprechung im Kita-Team unter Einbezug der Leitung vor.
  2. Hinzuziehen einer insoweit erfahrenen Fachkraft: Kommt das Kita-Team zu dem Meinungsbild, es könnte eine Kindeswohlgefährdung vorliegen, wird eine insoweit erfahrene Fachkraft zu einer Risikoabschätzung hinzugezogen. Hier wird der Fall anonym dargestellt. Die Fallverantwortung bleibt in der Einrichtung.
  3. Gespräch mit den Sorgeberechtigten: In diesem Gespräch wird mit den Eltern auf die Inanspruchnahme von Hilfen hingearbeitet, um die Kindeswohlgefährdung abzuwenden.
  4. Meldung an das Jugendamt: Falls die Sorgeberechtigen nicht kooperieren, nicht gewillt oder in der Lage sind, die Kindeswohlgefährdung abzuwenden, ist das Team der Kindertagesstätte verpflichtet, den Fall dem zuständigen Jugendamt zu melden. Dies sollte den Eltern offen kommuniziert werden, insofern der Schutz des Kindes dadurch nicht gefährdet wird.

Auch diese vier Schritte innerhalb eines Verdachts auf Kindeswohlgefährdung müssen durch Gesprächsprotokolle mit Ergebnissen, Absprachen und einem Plan zum weiteren Vorgehen sorgsam festgehalten werden.

Verdacht auf Kindeswohlgefährdung innerhalb der Kita und Meldungen nach § 47 SGB VIII

Fallbeispiel: Anna (2;3) kommt immer wieder mit einer vollen Windel nach Hause, die den Anschein erweckt, sie sei den ganzen Tag nicht gewickelt worden. Als die Mutter dies bei der Bezugserzieherin anspricht, wird ihr gesagt, dass die Anschuldigung absurd sei. In letzter Zeit mehren sich Kampfspuren an Annas Händen und sie kommt mit Blutergüssen am Rücken nach Hause. „Sie kämpft mit den anderen Kindern“, wird der Mutter gesagt. Sie sucht Rat bei einer Erzieherin der Nachbargruppe.

Nicht nur im häuslichen Umfeld, auch in Kitas kann es zu Grenzverletzungen kommen. Für Kolleg*innen, die Beobachtungen dazu machen, gilt es, ebenfalls Ruhe zu bewahren und die Dokumentation einzuhalten. Fälle innerhalb des eigenen Teams sind oft sehr komplex und mit hoher Emotionalität sowie Scham verbunden. Es empfiehlt sich, präventiv durch Schutzkonzepte, die Festlegung eines verbindlichen Verhaltenskodex, eine offene partizipative Teamkultur und bewusste Bewerbungsverfahren bereits alles zum Schutz der Kinder zu tun.

Die Dokumentation bei Feststellung von grenzüberschreitendem Verhalten dient als Grundlage für alle Gespräche im weiteren Prozess. Die aufgeführten Schritte sind letztlich vom Fall abhängig und individuell anzupassen.

  1. Wahrnehmen: Mitarbeiter*innen/Eltern beobachten eine Auffälligkeit oder ein Kind berichtet davon.
  2. Leitung involvieren: Die Leitung der Einrichtung sollte umgehend benachrichtigt werden. Sie entscheidet über weitere Informationen und Gespräche mit der Fachberatung, dem Träger und der Geschäftsführung. Betrifft der Verdacht die Leitung selbst, ist der Träger zu kontaktieren.
  3. Risikoabschätzung: Zur Gefährdungsanalyse können auch im Fall eines Verdachts innerhalb einer Kita eine insoweit erfahrene Fachkraft oder Mitarbeiter*innen von anderen Beratungsstellen hinzugezogen werden.
  4. Gespräch mit dem/der betroffenen Mitarbeiter*in: Im Gespräch mit Mitarbeiter*innen sind offene Fragen wichtig, um den Verdacht vorzubringen. Gemeinsam werden Risiken und Ressourcen eingeschätzt und es wird auf die Inanspruchnahme von Beratung und Hilfen hingewirkt. Die Leitung und der Träger entscheiden über das weitere Vorgehen. Bestätigt sich der Verdacht nicht, muss ein Rehabilitationsverfahren zum Schutz des Mitarbeiters/der Mitarbeiterin in Gang gebracht werden.
  5. Information der Eltern: Die Eltern müssen zügig, aber nicht übereilt informiert werden. Die Gespräche bedürfen einer guten Vorbereitung. Hier können externe Kooperationspartner*innen unterstützen.
  6. Nachbereitung: Wird ein Verdacht im Team geäußert, braucht das Team Beratung und Begleitung. Der gesamte Prozess sollte in einer Supervision reflektiert werden. Eine erneute Gefährdungsanalyse für die Einrichtung, die Überarbeitung des Schutzkonzeptes oder Anpassungen bei Bewerbungsverfahren können nötig sein und zu einer neuen Sicherheit betragen.

Dokumentation benötigt Zeit

Meistens ist es notwendig, über einen längeren Zeitraum regelmäßig Beobachtungen aufzuschreiben. Beim Notieren der beobachteten Anzeichen von der Gefährdung eines Kindes werden folgende Punkte genannt:

  • Datum
  • Uhrzeit
  • Ort
  • anwesende Personen
  • der/die beschreibende Mitarbeiter*in

Hypothesen, die sich aus Beobachtungen ergeben, gehören ebenfalls in die Dokumentationen, müssen aber getrennt notiert werden.

Machen Sie sich bewusst, wie wichtig das Festhalten von Anzeichen auf Kindeswohlgefährdung für die Kinder im Ernstfall ist. Es ist eine Investition von Ressourcen, die sich auszahlt, wenn sich eine Kindeswohlgefährdung herausstellt. Im stressigen Arbeitsalltag ist es oftmals schwierig, die Zeit für die direkte Bearbeitung zu finden. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, die Dokumentationsmöglichkeiten so gut wie möglich vorzubereiten und für alle Mitarbeiter*innen schnellstmöglich und unkompliziert bereitzustellen.

Tipps für die Praxis

  1. Stellen Sie einen Ordner zum Thema Kindeswohlgefährdung in Ihrer Gruppe offen zur Verfügung. Ein solcher Ordner, der alle wichtigen Informationen zum direkten Nachlesen bereithält, ist sehr nützlich. Diese Sammlung enthält Vorlagen zu Beobachtungsbögen und Protokollen, die direkt greifbar sind.
    • è Heften Sie die ausgefüllten Bögen sofort in der Akte des Kindes ab. Die Kinderakten sollten verschlossen aufbewahrt werden und nur für die Fachkräfte der Einrichtung einsehbar sein.
  2. Nutzen Sie professionelle Beobachtungsbögen, Gesprächsprotokolle, Notizvordrucke und Kopiervorlagen. Strukturierte Dokumentationsvorlagen dienen der eigenen Orientierung und erlauben eine professionelle handschriftliche Beschreibung, die nicht am Computer erstellt oder nachbearbeitet werden muss. Vordrucke zu Telefonaten oder Tür- und Angelgesprächen sind ebenfalls hilfreich.
    • è Vorlagen, die Sie verwenden können, finden Sie im Download.
  3. Dokumentieren Sie zeitnah. Versehen Sie die Dokumentation mit Datum, Uhrzeit und allen anwesenden Personen. Dokumentieren Sie so schnell wie möglich nach der Wahrnehmung von möglichen Anzeichen einer Kindeswohlgefährdung.
  4. Dokumentieren Sie kurz und sachlich. Benennen Sie konkret, was Sie gesehen haben, und mit möglichst genauem Wortlaut, was Sie gehört haben. Vermeiden Sie Suggestivfragen („Glaubst du auch, dass …?/Meinst du, dass …?) im Gespräch mit Kindern.
  5. Setzen Sie die Dokumentation bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung ganz weit nach oben auf die Prioritätenliste Ihrer Arbeit. Besprechen Sie im Team, welchen Stellenwert dieser Bericht darstellt und wie sich die Fachkräfte gegenseitig unterstützen können.

Im Internet finden sich viele Leitfäden zum Vorgehen bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung und Vorlagen, die übernommen oder als Beispiel dienen können. Das Erstellen von Protokollen und Kopiervorlagen nimmt erst mal Zeit in Anspruch. Bei Eintreten eines Verdachtsfalls zahlt es sich schnell aus, die Dokumentation sofort beginnen zu können und dadurch Ruhe und Struktur in den vor Ihnen liegenden schweren Prozess zu bringen.

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