Sprachförderung (Ganzheitliche)

"Obwohl sehr viele unterschiedliche Ansätze existieren, kann man doch einige wesentliche übergreifende Merkmale einer ganzheitlichen Sprachförderung nennen: Das Bild vom Kind in der ganzheitlichen Sprachförderung geht vom kompetenten Kind aus, das in der Lage ist, seine Entwicklung eigenaktiv zu beeinflussen. Das isolierte Trainieren von sprachlichen Fähigkeiten findet nicht statt. Sprachförderung ist Teil des Bildungsauftrags in Kindertageseinrichtungen. Die Sprachförderung wird in den anregungsreichen Lebensalltag der Kinder eingebunden und bezieht die Themen der Kinder mit ein. Die differenzierte Entwicklung der Wahrnehmungsfähigkeiten und motorischen Fähigkeiten eines Kindes ist eine Grundlage für den gelingenden Spracherwerb. Ein Kind lernt leichter sprechen, wenn es einen neuen Begriff (z. B. Birne) mit allen Sinnen erfahren – sehen, begreifen, riechen, hören, schmecken, fühlen – kann, als wenn es in einer abstrakten Lernsituation nur das Wort hört. Eine ganzheitliche Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen setzt somit an den Stärken der Kinder an und bezieht vielfältige Aspekte mit ein. Eine ganzheitliche Sprachförderung ist sinnvoll für Kinder mit deutscher Muttersprache, die zunehmend Sprachdefizite aufweisen, und für Migrantenkinder, die Deutsch als Zweitsprache erlernen. Das Einbeziehen der Erstsprache ist eine Grundvoraussetzung einer ganzheitlichen Sprachförderung von Migrantenkindern. Eine ganzheitliche Sprachförderung steht in diesem Sinn immer im Zusammenhang mit einer interkulturellen Bildung.

Die Lernsituationen sind nicht künstlich, sondern die Sprachförderung findet in vielfältigen Situationen statt. Sprachförderung orientiert sich an der Lebenssituation und den Bedürfnissen der Kinder, z. B. beim Vorlesen, in Theater-Projekten, in Rollenspielen, in Kleingruppen, beim Spielen, in Gesprächen, beim Zuhören, beim bewussten Kommunizieren in Alltagssituationen. Nach  Sander/Spanier (2004) ist ein weiterer Bereich, der bei der Sprachförderung nicht fehlen sollte, die sog. „Literacy-Erziehung“ (Sprachliche Bildung – Literacy). Das In-Kontakt-Kommen mit der Lese- und Schreibkultur durch Vorlesesituationen, Erzählen und Hören von Geschichten trägt zur Förderung sprachlicher Fähigkeiten bei. Von Bedeutung ist die Haltung und die Rolle der Erzieherinnen. Sie beeinflussen als Vorbilder die Sprachförderung in der Kindertageseinrichtung maßgeblich.

Sprachförderung gelingt, wenn die Erzieherinnen im Dialog mit den Kindern diesen Interesse entgegenbringen, sie verstehen, ihnen zuhören, sie ausreden lassen, selbst gerne sprechen, ihr Handeln durch Sprechen begleiten, selbst richtig und dem Alter der Kinder angemessen sprechen und der Erst- oder Muttersprache der Kinder Wertschätzung entgegenbringen. Die Eltern sollten über das Thema Sprache und Sprachförderung informiert und dafür sensibilisiert werden. Migranteneltern, die selbst schlecht Deutsch sprechen, sind oft schwer zu erreichen. Gerade ihnen sollte das Gefühl vermittelt werden, dass ihre Kultur und Sprache wahrgenommen, respektiert und wertgeschätzt wird.

Grundlage dafür sind auch Kenntnisse über andere Kulturen. Dem Aufbau der Beziehung zu den Migranteneltern kommt eine wichtige Rolle zu.

Traditionelle und veraltete Sprachförderkonzepte zielen auf das isolierte Üben von sprachlichen Fähigkeiten ab. Es werden bei einem Kind Sprachdefizite festgestellt, die mit Trainingsprogrammen behoben werden sollen. Die aktuelle Situation des Kindes sowie die Bedeutung der Wahrnehmung und der Motorik werden außer Acht gelassen. Dabei stehen die (Sprach-)Schwächen und nicht die Stärken bzw. die Situation des Kindes im Mittelpunkt."