Meine Worte gehen nicht verlorenInterviews mit Kindern führen

Im Vier-Augen-Gespräch ungestört zusammenkommen, das allein ist schon wohltuend und stärkt die Beziehung zwischen Kind und Fachkraft. Gut vorbereitete Interviews bringen aber noch weitere Vorteile für die Beteiligten.

Meine Worte gehen nicht verloren
© Katarzyna Bialasiewicz - iStock

Interviews werden zum Nutzen der Kinder und der Erwachsenen durchgeführt. Sie gewähren Einblicke in die sozial-emotionale und kognitive Entwicklung. Im Dialog lassen uns Kinder teilhaben an ihrem Denken und Fühlen, sie offenbaren ihren individuellen Blick auf die Welt und auf sich selbst. Pädagogische Fachkräfte nehmen in den verbalen Äußerungen verstärkt ihre Sichtweisen und ihre Interessen wahr – und erleben dabei wieder einmal staunend die wunderbare Einzigartigkeit jedes Kindes. Mit der Dokumentation von Interviews werden Worte bewahrt, die sehr viel von den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Kinder widerspiegeln. Sie machen unsere Wertschätzung darüber deutlich.

Pädagogische Bedeutung

Auch für die vielschichtigen Aufgaben im Bildungsbereich Sprache werden Interviews in Dialogform immer wichtiger. Fachkräfte für Sprachförderung nutzen sie als eine Kommunikationsmethode, die viel über Sprachentwicklung und -kompetenz des Kindes verrät und somit hilfreich für die weitere sprachpädagogische Arbeit sein kann. Ein Kind, das sich auf die Fragen einer vertrauten Person einlässt, erweitert außerdem bei der Suche nach Antworten seine Ausdrucksfähigkeit und seinen Wortschatz. Darüber hinaus ist jedes Interview so etwas wie eine Meinungsabfrage und könnte so auch für Kinder zum ersten Schritt Richtung Beschwerdeverfahren werden. Die Erfahrung „Meine Stimme wird ernst genommen, meine Worte gehen nicht verloren“ ermutigt die Kinder, sich auch an anderer Stelle Gehör zu verschaffen. Etwas positiv oder negativ beurteilen oder auf eine gezielte Fragestellung (z. B. „Wie soll unser Kita-Fest aussehen?“) antworten – das alles kann man im Interview üben.

Interviews vorbereiten

Möchte die Fachkraft in Form von Porträts die individuellen Sichtweisen der Kinder ins Blickfeld rücken, wird sie ihre Fragen im Vorfeld gezielt formulieren und verschriftlichen. Für Interviews zu einem bestimmten Thema, zu Sinnfragen unseres Lebens (z. B. „Glück“, „Angst“, „Frieden“) oder zur Klärung einer Sache (z. B. „Wie soll unser Spielplatz aussehen?“) findet sie entsprechende Fragen.
Ein Rückzugsraum in der Kita sorgt für eine ruhige Atmosphäre während des Interviews und garantiert den beiden Interviewpartner(inne)n die wechselseitige, uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Fragebögen, die genügend Platz für das detaillierte und authentische Dokumentieren bieten, liegen bereit. Motivierend und reizvoll kann auch ein kleines „Studio“, eventuell mit Aufnahmegerät und Mikrofon, sein. Dafür eignet sich zum Beispiel ein abgetrennter Raumteil der Bibliothek. So kann den Interviews der Kinder später auch Gehör verschafft werden. Nur da, wo Kindern diese Kommunikationsform bereits sehr vertraut ist und wo Zuhörer/-innen von ihnen nicht als störend empfunden werden, können Interviews auch einmal mitten im Alltagsgeschehen, beispielsweise in der Leseecke, stattfinden. Jedes Kind sollte einfühlsam an Interviews herangeführt werden. Es hat schon im Vorfeld ein Recht auf Informationen zur Methode und muss wissen, was mit den dokumentierten Äußerungen später geschieht.

Offen für ungewöhnliche Antworten

Die vertrauensvolle Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem ist eine der grundlegenden Voraussetzungen für Interviews. Erst die Fünf- und Sechsjährigen sind erfahrungsgemäß bereit, sich auch auf Interviews mit Fremden einzulassen.
Eine weitere Voraussetzung ist die von Achtsamkeit und Offenheit geprägte Haltung der pädagogischen Fachkraft. Mit einem feinfühligen Dialogverhalten ermöglicht sie es dem Kind, sich auf die Fragen einzulassen und etwas von sich preiszugeben. Sie ist sich bewusst, dass jedes Interview mehr ist als eine nüchterne Abfrage – es entwickelt sich fast immer zum Dialog, der auch Gegenfragen des Kindes und ehrliche Antworten des Erwachsenen mit einschließt. Ihr eigenes Interesse und ihre Freude am Dialog sind für das Kind spürbar. Um Kinder in ihrer Einzigartigkeit verstehen zu können, muss sie offen sein für ungewöhnliche, vielleicht auch mal schwer verständliche Antworten, ungeschickte Formulierungen sowie originelle Wortschöpfungen. Eine Fachkraft, die auf unerwartete Antworten mit Offenheit und Akzeptanz reagiert, geht häufig noch einen Schritt weiter. Sie fragt sich, was die Antworten bei ihr auslösen, und überprüft ihre bisherige Einschätzung und ihr Bild von diesem Kind. Die Mitteilungen des Kindes stoßen die Selbstreflexion an und dienen somit auch der eigenen Qualifizierung.
Eine zeitliche Begrenzung der Interviews würde Kindern und Erwachsenen die Situation erschweren. Kinder benötigen unterschiedlich viel Zeit für die Suche nach Antworten, aber auch für Gedanken und Gefühle, die durch eine Frage angestoßen werden. Für die pädagogische Fachkraft bedeutet das Innehalten im Dialog und Mut abzuwarten.
Gleichzeitig ist es manchmal erforderlich, einzelne Fragen mit weiterführenden Erklärungen oder Beispielen aus dem Lebensumfeld der Kinder zu verdeutlichen.
Wer beispielsweise gefragt wird, was er/ sie als Bürgermeister/-in gerne verändern würde, muss zumindest eine vage Vorstellung von seinen/ihren Aufgaben haben. Der Dialog führt zum besseren Verständnis und ermutigt, Worte zu suchen für die eigenen Gedanken und Ansichten.
Zusammen mit einem Foto des Kindes, Namen und Altersangabe können aus den schriftlich dokumentierten Interviews später kleine Porträts gestaltet werden. Ein kollegialer Austausch über die Ergebnisse erscheint, v. a. im Hinblick auf eine qualifizierte Entwicklungsbegleitung, immer sinnvoll. Einige Kinder sind außerdem sehr neugierig auf die Selbstdarstellung ihrer Freunde/Freundinnen und bereit, ihre eigenen Antworten anderen mitzuteilen. Ob die Interviewbögen oder Porträts dann nur für Freunde/Freundinnen oder für alle in der Kita sichtbar sein sollen oder als Ergänzung für Portfolios und Bildungsbücher genutzt werden, muss mit den Kindern, im Team und in Absprache mit den Eltern geklärt werden.

Fragen an ein Kind

Das Interview mit Joanna aus dem Ev. Familienzentrum St. Michaelis bildet den Auftakt zur neuen Reihe „Interviews mit Kindern“, die die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Kinder ins Blickfeld rückt. Die Erzieherin Julia Schierling stellte die von der Redaktion vorgegebenen Fragen, und Joanna fand ihre Art, darauf zu antworten. Das Mädchen gewährt mit ihren Antworten einen kleinen Einblick in ihr individuelles Denken und Fühlen. Der Gesprächsverlauf ist trotz gleicher Fragen niemals vorhersehbar, er kann überraschen oder die Beteiligten sogar vor Herausforderungen stellen. Die Interviews werden von der jeweiligen Situation und den beiden Interviewpartner(inne)n geprägt. Mal wird es viele Worte und einen intensiven Austausch geben, mal werden einige Gedanken und Emotionen zwischen den Fragen und Antworten verborgen bleiben. Wünschenswert wäre, dass solche Interviews sowohl von den Kindern als auch von den Erwachsenen immer als bereichernd erlebt werden. Das ganze Interview mit Joanna finden Sie auf der folgenden Seite.

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