Europäische Theologie: Zukunftsfähig?

Bei ihrer Jahrestagung befasste sich die Europäische Gesellschaft für Katholische Theologie mit der Frage, wie es angesichts der zahlreichen Krisen um sie selbst bestellt ist. Vor allem die Berichte der Nachwuchswissenschaftler stimmten dabei nachdenklich.

Leerer Hörsaal in einer Universität
© Unsplash

Wie steht es um die katholische Theologie in Europa angesichts vielfältiger Krisen in Gesellschaft und Kirche? Auf welche spirituellen Ressourcen kann sie zurückgreifen, um sich zu erneuern und auch in Zukunft für Kirche und Gesellschaft relevant zu bleiben? Gibt es eine spezifisch „europäische“ Theologie und inwiefern hat diese etwas mit einer angenommenen „Identität“ Europas zu tun? Mit diesen Fragen befasste sich der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie (ET), der nach der Tagung 2021 in Osnabrück (vgl. HK, Oktober 2021, 11–12) dieses Mal vom 30. August bis 2. September im ungarischen Pécs stattfand.

Etwa 180 Theologinnen und Theologen aus ganz Europa, darunter auch über 50 junge Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sind der Einladung der ungarischen Organisatorinnen und Organisatoren gefolgt. 17 Plenumsvorträge und fast 90 Kurzvorträge in parallelen Arbeitsgruppen, die ein breites Themenspektrum abdeckten, regten zu einem intensiven internationalen Austausch an.

Kein Eurozentrismus und Triumphalismus

Nach dem aufmunternden Grußwort des Bischofs von Pécs, László Felföldi, setzte Margit Eckholt (Osnabrück), Präsidentin der ET, einen wichtigen Impuls gleich zu Beginn der Tagung: Die Identität Europas und sein Geschichtsbild dürften nicht verdrängen, welche furchtbaren Katastrophen, häufig mit globalen Auswirkungen, in Europa stattfanden. Kreuzzüge, Religionskriege, Kolonialismus und Imperialismus sowie der Nationalsozialismus in Deutschland prägten diesen Kontinent ebenfalls und dürften nie vergessen werden. Die Geschichte Europas sei auch von ihrer Rückseite her und im Zusammenhang einer Weltgeschichte zu erzählen. Das verbiete jeglichen Eurozentrismus und Triumphalismus. In analoger Weise forderte Marie-Jo Thiel (Straßburg), bei allem Nachdenken über spirituelle Ressourcen die Krise des sexuellen Missbrauchs in der Kirche und seine systemischen Ursachen nicht zu verdrängen.

Bereichernd war auch der Beitrag von Sigrid Müller (Wien). Sie versuchte zu erklären, warum sich christliche und islamische Kultur im Spätmittelalter auseinanderentwickelten, wo doch der Islam bis dato durch seine Philosophen (darunter Avicenna und Averroes) für die Weitergabe des antiken Erbes an das westliche Christentum (etwa an Thomas von Aquin) eine so bedeutende Rolle gespielt hatte. Unter Berufung auf Aziz Al-Azmeh, einen syrischen, in Budapest lehrenden Islamwissenschaftler, verwies sie auf die damals aufkommenden Forderungen nach einer „Reinheit“ des Islam, die den Dialog und die Befassung mit den Herausforderungen jener Zeit blockiert hätten.

Besteht möglicherweise eine ähnliche Gefahr für ein traditionalistisches Verständnis des Christentums? Müller jedenfalls betonte, wie wichtig es für die Zukunft sei, Glaube und Vernunft trotz ihres Spannungsverhältnisses zusammenzuhalten und offen zu bleiben für dialogische, damit auf Veränderungen hin offene Prozesse.

Der in Granada lehrende ungarische Philosoph Mátyás Szalay sprach sich für eine stärkere Berücksichtigung der Philosophie Platos aus. Stefan Attard aus Malta zeichnete die Entstehung des Kanons nach und verdeutlichte daran, wie kontingent letztlich sein Zustandekommen gewesen ist. Analoges gilt generell auch für alle Elemente europäischer Traditionen. Zudem umfasst der Kanon für das Judentum und die verschiedenen christlichen Konfessionen ja sogar unterschiedlich viele Bücher. Verfügen die einen deshalb über „mehr Offenbarung“ als die anderen? Levente Balázs Martos, Weihbischof in Esztergom/Budapest, machte da anhand der johanneischen Schriften den Gedanken der Freundschaft mit Jesus und Gott stark. Auf die reichhaltige Geschichte und Bedeutung des europäischen Wallfahrtswesens ging Tamás Fideles aus Pécs ein.

Die Ordensfrau Gabriele (Ausra Vasiliauskaite) aus Kaunas sprach sich ihrerseits für eine „Pastoral der Stille“ aus, weil sie der Stille und dem Schweigen ein großes Potenzial der Selbstreflexion und der Begegnung mit Gott zusprach. Dieses etwas einseitige Lob auf Stille und Schweigen lässt freilich fragen, ob dadurch nicht die Gefahren eines Schweigens aus Angst oder Scham oder des von Missbrauchstätern ihren Opfern auferlegten Schweigens übergangen würden. Insgesamt war zu spüren, dass die Sensibilität für die Missbrauchsproblematik unter den Teilnehmenden unterschiedlich ausgeprägt war. So wurden Bilder in einer Power-Point-Präsentation, die – zweifelsohne in bester Absicht – Kinder zusammen mit Klerikern zeigten, im Plenum unterschiedlich aufgenommen.

Außereuropäische Perspektiven

Der letzte Vormittag schließlich war geprägt durch die Beiträge von außereuropäischen Kolleginnen und Kollegen aus Afrika, Lateinamerika und den USA. Izunna Okonkwo aus Nigeria klagte Europa zwar wegen der verheerenden Folgen des Sklavenhandels und des Kolonialismus an, betonte andererseits aber auch die aus seiner Sicht positiven Folgen der christlichen Evangelisierung. Er verwies auf Prognosen, nach denen 2050 etwa 38 Prozent der Christen der Welt in Afrika leben würden. Einen besonderen Akzent legte er auf ein Verständnis von Eucharistie, das das Teilen auch materieller Güter zur Folge haben müsse.

Susan Abraham aus San Francisco betonte die spirituelle und kulturelle Hybridität in einer postsäkularen Welt. Diana Viñoles, die in der südlichsten Stadt Argentiniens in Ushuaia lehrt, verdeutlichte anhand eines Projekts theologischer und philosophischer Angebote für Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, wie wichtig es sei, naturalistische und ökonomistische Herangehensweisen zumindest zu hinterfragen. Andrew Mészáros, der sich als „amerikanischer Europäer“ bezeichnete (geboren in Ohio/USA, lehrt er derzeit am St. Patricks College in Maynooth/Irland), stellte unter den „Credibility enhancing displays“ (Glaubwürdigkeit fördernde Eigenschaften) des Katholizismus vor allem dessen liturgische Tradition, herausfordernde Praktiken wie das Fasten oder die ewige Anbetung und die Pracht liturgischer Gewänder heraus.

In wohltuendem Kontrast dazu betonte eine der führenden Theologinnen Afrikas, Schwester Béatrice Faye aus dem Senegal, die auch an der Bischofssynode in Rom über Synodalität teilnehmen wird, wie sehr der befreiende Einsatz für die Armen spirituelle Relevanz habe. Dabei dürfe Afrika nicht auf die Armutsprobleme reduziert und die innerafrikanische Vielfalt vernachlässigt werden. Sie forderte drei Haltungen ein: Zuhören, Nachdenken und Dialogbereitschaft. Auch dürften Theologie und Spiritualität nicht gegeneinander ausgespielt werden, denn christliche Spiritualität brauche eine gute Theologie.

Auch Fragen nach der Einschätzung der Politik von Viktor Orbán standen während der Tagung immer wieder im Raum, ohne freilich direkt und kontrovers diskutiert, geschweige denn ausdiskutiert zu werden. Der Europa-Abgeordnete György Hölvényi, der der Fraktion der Europäischen Volkspartei angehört, ließ in seiner Ansprache zu Beginn ähnlich wie der Bischof von Novo Mesto/Slowenien, Andrej Saje, eine gewisse Nähe sowohl zu konservativ-christlichen als auch zu Positionen der Partei Fidesz erkennen.

Zoltán Balog, Bischof der ungarischen reformierten Kirche, äußerte sich differenzierter. Er war von 2012 bis 2018 Minister im Kabinett Orbán, verteidigte auch die Abwehr muslimischer Geflüchteter durch Ungarn, sprach sich aber deutlich für die Minderheit der Roma und Sinti sowie gegen Hetzkampagnen gegen Migrantinnen und Migranten aus. Einerseits sah er die Vorgabe der ungarischen Verfassung ab 2018, dass der Staat die christlich-abendländische Kultur zu schützen habe, durchaus als problematisch an, fand darin aber auch eine mögliche Grundlage, sich in Debatten um politische Entscheidungen auf christliche Werte berufen zu können.

Insgesamt zeigte sich deutlich: Tatsächlich verfügt Europa über einen großen Reichtum an „spirituellen Ressourcen“. Angesichts der Heterogenität und Ambiguität der historischen Entwicklungen und gegenwärtigen Auffassungen dazu sind jedoch Kriterien nötig, um zu entscheiden, welche Tradition vertieft und fortgesetzt oder aber zurückgelassen und überwunden werden muss. Dazu bedarf es der Erforschung der „Zeichen der Zeit“ und eines Dialogs, der möglichst viele Perspektiven zusammenführt, um dann mithilfe überzeugender Argumentation zu einer Unterscheidung der Geister zu kommen, getreu dem Motto des Apostels Paulus: „Prüft alles und behaltet das Gute“ (1 Thess 5,24).

Etwa 20 jüngere Kolleginnen und Kollegen trafen sich vor Beginn der Tagung zu einem Austausch über ihre Situation. Die Stimmung war geprägt von einem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit, wie es angesichts des holprigen Reformprozesses der Kirche sowie der wissenschaftlichen Theologie angesichts überall sinkender Relevanz und Glaubwürdigkeit von Kirche in der Gesellschaft und, damit zusammenhängend, überall sinkender Studierendenzahlen in der Theologie für sie beruflich weitergehen kann. Die älteren und bereits etablierten Theologinnen und Theologen müssten sich hier viel stärker bewusst machen, wie existenziell diese Unsicherheiten für die Betroffenen sind, wie sehr aber auch die Zukunft der Theologie nicht nur an spirituellen, sondern auch an personalen „Ressourcen“ hängt. Deshalb sollten sie, um im ökonomischen Sprachduktus zu bleiben, viel mehr in den theologischen Nachwuchs und seine möglichst mehrgleisige Qualifizierung „investieren“.

Auch dieses Mal wurden wieder Preise verliehen. In der Kategorie der jüngeren Kollegen erhielt Stephan Tautz den Preis für seine Dissertation zum Thema „Radikale Sakramentalität. William T. Cavanaughs politische Theologie der Eucharistie im Gespräch mit radikaldemokratischer Theorie der Macht“ und in der Kategorie der „etablierten“ Kolleginnen Ligita Ryliškité für ihr Buch mit dem Titel „Why the Cross? Divine Friendship and the Power of Justice“.

In der Mitgliederversammlung am Ende der Tagung übergab Margit Eckholt entsprechend den Regeln der ET die Präsidentschaft an Gusztáv Kovács. Zur neuen Vizepräsidentin wurde Fáinche Ryan gewählt. Sie ist derzeit Direktorin des Loyola Institute am Trinity College in Dublin. Dort wird auch der nächste ET-Kongress 2025 stattfinden. Zum neuen Schriftleiter der ET-Studies wurde anschließend im Kuratorium für die Jahrgänge ab 2025 Michael Quisinsky (Katholische Hochschule Freiburg) gewählt. Zudem tagte am Rande des Kongresses auch das Präsidium der Peter-Hünermann-Stiftung, zu deren neuen Präsidentin als Nachfolgerin von Eamonn Conway Margit Eckholt gewählt wurde.

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