Interview mit dem FDP-Politiker Benjamin Strasser„Meinen Glauben kann ich nicht rational erklären“

Das Christentum habe eine durch und durch liberale Botschaft, meint der Bundestagsabgeordnete Benjamin Strasser, auch wenn das in seiner Partei nicht alle so sehen.

Benjamin Strasser und Volker Resing
© privat

Hier bei Ihnen im Büro steht im Tischformat neben der Europa- und der Deutschland-Fahne die israelische Flagge. Was bedeutet das für Sie?

Benjamin Strasser: Wir haben in Deutschland ein Problem damit, israelbezogenen Antisemitismus als solchen auch anzuerkennen und zu benennen. Die Jüdinnen und Juden, die ich in Deutschland kenne, sind gerade fertig mit den Nerven, weil ihnen der Hass entgegenschlägt. Es ist unsere Aufgabe als Nicht-Jüdinnen und Nicht-Juden, gegen jedweden Antisemitismus aufzustehen und auch Solidarität mit Israel zu zeigen.

Wie zeigt sich dieser Antisemitismus, den Sie beklagen?

Strasser: Wenn wir uns die Debatten dazu, auch rund um die Organisation Boycott, Divestment and Sanctions, kurz BDS, anschauen, ist die Bereitschaft nicht sonderlich hoch gewesen, den mit Israel in Verbindung stehenden Antisemitismus zu verurteilen. Stattdessen wird in den Diskussionen etwa auf Joseph-Achille Mbembe verwiesen, der sich der Cancel Culture verschrieben hat und gezielt israelische Wissenschaftler von Podien ausladen will – nur weil sie Israelis sind. Hier herrscht in der intellektuellen Debatte in Deutschland oft eine Doppelmoral. Antisemitismus wird richtigerweise verurteilt, wenn er von rechts kommt. Dagegen wird der israelbezogene Antisemitismus absichtlich relativiert oder gar vergessen.

Woher kommt Ihr Einsatz gegen Antisemitismus?

Strasser: Mein Einsatz für das Judentum hat sicher auch mit meiner kirchlichen Prägung zu tun. Entscheidend hat aber eine Reise nach Israel im Jahr 2012 meinen Blick auf die Dinge verändert. Wenn Sie einmal selbst in Hebron sind, vor Ort sehen, wie die Menschen leben, verändert das manche Einschätzung auf die Lage. Da habe ich gelernt, dass es in dem Konflikt kein Schwarz und kein Weiß gibt. Es ist ein Konflikt, in dem es um viel geht: um Religion, aber auch um Land und Wasser, um geostrategische Überlegungen. Wir haben als Deutschland nicht nur eine historische Verantwortung für das Existenzrecht des Staates Israel – wir haben auch ein ureigenes Interesse am Schutz der einzigen Demokratie im Nahen Osten.

Sie haben Ihre kirchliche Prägung benannt. Wie sind Sie sozusagen katholisch geworden?

Strasser: Zunächst einmal haben meine Eltern mich katholisch taufen lassen und ich bin in einer ur-katholischen Gegend aufgewachsen. Meine Mutter ist seit 40 Jahren im Kirchenchor aktiv, mein Vater war auch mal dabei. Ich habe die klassische oberschwäbische Karriere durchschritten: Ministrant, Oberministrant, Gruppenleiter. Ich war in der Gemeinde in einer Band. Wir haben Kinder- und Jugendgottesdienste mitgestaltet. Ich gehöre immer noch dem Kirchenchor an, auch wenn ich es zeitlich nicht wirklich schaffe, bei den Proben dabei zu sein. Das alles hat mich sehr geprägt. Es hat viel mit Gemeinschaft zu tun, mit gemeinsamer Gotteserfahrung und Gottesbegegnung. Deswegen ist das Katholische immer noch ein wichtiger Teil meines Lebens.

Sie sind aber nicht nur katholischer FDP-Bundestagsabgeordneter, sondern auch noch Blutreiter. Was ist das?

Strasser: Seit über 900 Jahren wird in Weingarten die Heilig-Blut-Reliquie verehrt, in der nach der Überlieferung die Erde von Golgotha vermischt mit Blutstropfen von Jesus Christus aufbewahrt wird. In einer Reiterprozession mit fast 3000 Pferden wird diese Reliquie am Freitag nach Christi Himmelfahrt durch die Stadt und über Land getragen.

Und wie wird man Blutreiter?

Strasser: Das Wichtigste ist natürlich: Sie brauchen ein Pferd. Für die meisten geht es nach der Erstkommunion los. Ich komme aus einer Reiterfamilie, hatte auch Reitunterricht, so bin ich da hineingewachsen. Inzwischen reite ich nur noch einmal im Jahr: am Tag des Blutritts.

Und dann sind Sie aber bei der FDP gelandet. Ein Widerspruch?

Strasser: Also meine Entscheidung, zur FDP zu gehen, hat nicht direkt mit meinem Glauben zu tun. Als Katholik gibt es keinen Automatismus hin zu den Liberalen, das ist klar, aber umgekehrt gibt es für einen Katholiken nicht nur die CDU. Unter Karriere-Gesichtspunkten wäre die CDU für mich vielleicht sogar besser gewesen, wer weiß so etwas schon. Meine Eltern waren auch leicht schockiert, als ich mit 18 gesagt habe, dass ich zu den Jungen Liberalen und der FDP gehe. Mich hat schon immer das liberale Menschenbild fasziniert: Jeder hat ein Talent, egal woher er oder sie kommt oder wie man ausschaut! Liberale trauen Menschen etwas zu – und sie vertrauen ihnen. Das finde ich in der Konsequenz in keiner anderen Partei.

Haben Sie das christliche und das liberale Menschenbild als gegensätzlich oder als verwandt wahrgenommen?

Strasser: Die vermeintlichen Gegensätzlichkeiten von Liberalismus und Christentum haben für mich historisch viel mit Machtverhältnissen und Privilegien zu tun. Die Kirchen hatten in den überkommenen gesellschaftlichen Ordnungen viel Einfluss und Macht, die Liberalen kommen eher aus einer republikanisch-demokratischen Tradition. Der Kampf gegen monarchische Landesfürsten war oft automatisch ein Kampf gegen die Kirchen, da Bischöfe in Personalunion auch Landesfürsten waren. Deswegen standen, vor diesem geschichtlichen Hintergrund, die Liberalen nicht unbedingt immer an der Seite der Kirchen. Aber vom Weltbild her steht sich meiner Ansicht nach nicht etwas Gegensätzliches gegenüber. Für mich hat Jesus von Nazareth eben keine kollektivistische Weltsicht vorgestellt. Das Christentum lehrt ein Menschenbild, das die einzelne Person und seine Würde in den Mittelpunkt stellt. Jesus hat sich nicht mit der gesellschaftlichen Elite, mit dem Establishment, umgeben, sondern sich an die Seite derjenigen gestellt, die am Rand standen und verstoßen waren, und damit die Würde eines jeden Einzelnen betont.

Haben Sie persönlich nie einen Konflikt der unterschiedlichen Denkschulen wahrgenommen?

Strasser: Angesichts von kirchlichen Privilegien mag es wie ein Konflikt erscheinen. Aber aus liberaler Sicht streite ich durchaus auch für die Unabhängigkeit der Kirchen, für die Autonomie gegenüber staatlichen Strukturen. Nur so können Sie Ihren Auftrag in der Gesellschaft wahrnehmen. Es gibt in Deutschland, Gott sei Dank, kein Werte- und Meinungsmonopol. Es gehört deswegen dazu, dass die Kirche auch mal unabhängig und frei in den gesellschaftlichen Debatten Gegenakzente setzt – auch gegenüber dem Staat. Deswegen müssen auch die finanziellen Beziehungen entflechtet werden. Eine finanziell unabhängige Kirche ist auch unabhängiger in ihrem Urteil.

Wie erklären Sie eher säkularen Parteifreunden Ihre kirchennahe Position?

Strasser: Manche in der Partei verstehen nicht, dass man an ein Wesen glaubt, das man nicht sieht oder spürt. Aber bei uns Freien Demokraten ist Toleranz ein hoher Wert. In den Diskussionen mit säkular lebenden Menschen, für die Religion keine Rolle spielt, versuche ich zu vermitteln, dass es auch Menschen gibt, für die Religion ein wichtiger Teil ihrer Identität ist. Der Artikel 4 des Grundgesetzes schützt nicht nur die negative Religionsfreiheit, also sich nicht zu einer Religionsgemeinschaft bekennen zu müssen. Der Artikel 4 schützt genauso diejenigen, die glauben. Und das bedeutet nicht nur, dass jeder zuhause machen kann, was er will. Religionsfreiheit heißt gerade, dass ich meinen Glauben öffentlich zeigen und leben darf. Nicht-Religiöse müssen akzeptieren, mit anderen Weltanschauungen konfrontiert zu werden. Es ist deswegen eine staatliche Aufgabe, den Rahmen so zu setzen, dass sich religiöses Leben entfalten kann. Deswegen ist es gerechtfertigt, wenn der Staat sich beispielsweise finanziell an der Sicherheitstechnik jüdischer Einrichtungen und Synagogen beteiligt.

Ein eher antiliberales Verständnis lässt sich in der katholischen Kirche im Umgang mit Homosexualität erleben. Wie bewerten Sie die Aktion der Segnung homosexueller Paare und das vorrausgegangene Nein aus Rom?

Strasser: Das ist eine innerkirchliche Auseinandersetzung, die ich für wichtig halte. Wir sollten allerdings nicht den Fehler machen, dass der Staat die Glaubenslehre auslegt und sagt, das dürft ihr und das dürft ihr nicht. Ich persönlich sehe es als liberaler Katholik mit großer Befriedigung, dass diese Diskussion in der Kirche geführt wird. Ich freue mich, dass es katholische Priester gibt, die sich aktiv daran beteiligen und mit der Segnung homosexueller Paare deutliche Zeichen nach Rom senden.

Manche wurden in Kindheit und Jugend religiös geprägt. Doch die meisten verlieren den Bezug. Wie sind Sie katholisch geblieben?

Strasser: Meinen Glauben kann ich nicht allein rational erklären. Natürlich hadere ich auch mit meiner Kirche. Vor allem angesichts dessen, was gerade passiert. Das Thema des sexuellen Missbrauchs beschäftigt mich intensiv. Wie die Aufarbeitung abläuft, finde ich nicht zufriedenstellend. Es wurde extrem viel Porzellan zerschlagen und Vertrauen verspielt. Man ist dem selbstgesetzten Versprechen nach konsequenter Aufklärung nicht gerecht geworden. Ich habe mir auch schon mal die Frage gestellt, ob ich Mitglied einer solchen Kirche sein und bleiben kann. Bei einem privatrechtlichen Verein hätte man vielleicht schon längst die Reißleine gezogen, wenn man unzufrieden mit dem Vorstand ist. Nur, die Kirche ist ja kein Verein. Da geht es um den Glauben, auch um eine bestimmte Form der Liturgie. Da fühle ich mich einfach in der katholischen Kirche heimisch. Besonders die Form der Feier ist es, wo ich mich zuhause fühle.

Was ist es genau, was diese Beheimatung ausmacht?

Strasser: Für mich ist die tradierte Form ein Halt und eine Stütze. Das Katholische zeichnet sich meiner Meinung nach dadurch aus, dass vieles im Gottesdienst sich in Riten äußert, ohne es immer erklären zu müssen. So hat jeder seinen eigenen spirituellen Zugang. In diesem Sinne können für mich Tradition und Glaube auch gut zusammengehören. Als Politiker ist das ein Spagat. Natürlich mache ich keine Politik aufgrund meiner Religion und für eine bestimmte Religionsgemeinschaft, aber es gibt grundlegende Werte, die ich mitbekommen habe, ohne die es mich auch als Mensch und damit als Politiker nicht gibt. Zur Freiheit hat uns Christus befreit, hat Paulus in einem Brief an die Galater geschrieben. Eigentlich eine durch und durch liberale Botschaft.

Wie ist es in Ihrer Heimatgemeinde, wird da die Regenbogenflagge gehisst?

Strasser: In meiner Gemeinde noch nicht, aber ich habe es von Nachbargemeinden gehört. Die Auseinandersetzung findet auch in ländlichen Räumen statt. Die Debatte um die Beteiligung von Frauen in der katholischen Kirche, Stichwort Maria 2.0, oder den Zölibat gibt es bei uns. Die Diskussionen sind auch dringend notwendig. Ich verfolge das mit großem Interesse.

Wie stehen Sie dazu, als Katholik?

Strasser: Ich bin in einer liberalen Partei, da liegt es nahe, dass ich mir auch eine Kirche wünsche, die sich öffnet. Die Kirche muss sich gesellschaftlichen Entwicklungen stellen, ohne ihre Identität aufzugeben und beliebig zu werden.

Beim Blutritt sollen künftig auch Frauen mitreiten. Gut so?

Strasser: Nun (lacht), das ist auch so eine spannende Debatte. Bisher gab es Männerwallfahrten, so wie es ja auch reine Frauenwallfahrten gibt. Alles für alle zu öffnen, hat für mich nicht automatisch etwas mit Emanzipation zu tun. Für mich war die besondere Tradition des Blutritts in Weingarten bisher immer ein Gewinn und könnte so bleiben. Meine Gruppe hat sich aber noch nicht entschieden, wie wir das künftig handhaben werden.

Ein Liberaler, der Traditionen schätzt?

Strasser: Aber natürlich, wir sind als Menschen doch keine autarken Wesen, die ohne Anbindung leben. Man darf Autonomie und Freiheit nicht mit Autarkie verwechseln. Wir leben in Beziehungen, wir leben in Bindungen. Es gibt Bereiche, die Menschen wichtig sind, die nicht immer einer rationalen Erklärung bedürfen. Es muss in Ordnung sein, bestimmte Traditionen zu leben, auch wenn andere kopfschüttelnd danebenstehen. Das ist gerade Freiheit – dass es unterschiedliche Lebensformen gibt, die man nicht in Gut und Böse einteilen kann. Solange es niemand anderem schadet, darf es diese ganze Vielfalt geben.

Die Jungen Liberalen haben radikale Veränderungen des Staats-Kirchen-Verhältnisses gefordert: Abschaffung des Religionsunterrichts, Abschaffung der Kirchensteuer, Abschaffung des Sonntags. Was sagen Sie dazu?

Strasser: Die Forderungen gibt es seitens der Jungen Liberalen seit vielen Jahren. Das ist weder die Linie der FDP-Bundestagsfraktion noch unserer Bundespartei und widerspricht unserer historisch gewachsenen Trennung von Staat und Religion. Es waren Liberale, die 1919 das kooperative Trennungsmodell in der Weimarer Reichsverfassung durchgesetzt haben. Ich halte das nach wie vor für richtig. Gerade um die großen gesellschaftlichen Herausforderungen zu lösen. Wir müssen unser Religionsverfassungsrecht so ändern, dass wir der durch Zuwanderung entstehenden religiösen Pluralität besser gerecht werden. Wie gehen wir etwa mit dem Islam um, der Organisationsstrukturen, wie die unserer Kirchen, nicht kennt? Wie können wir diese neuen vielfältigen religiösen Gruppierungen einbinden. Das ist doch die zentrale religionspolitische Aufgabe unserer Zeit.

Wie sieht es mit der Kirchensteuer aus?

Strasser: Die Kirchensteuer ist kein gutes Beispiel für eine konsequentere Trennung von Staat und Religion. Sie steht eben nicht nur einer bestimmten Religionsgemeinschaft offen. Der Staat lässt sich für den Einzug der Steuer als Dienstleistung auch gut bezahlen. Er verdient unter dem Strich sogar Geld damit. Die Kirchensteuer ist ein Mittel von selbstorganisierten Religionsgemeinschaften, um für eine unabhängige Finanzierung durch ihre Gläubigen zu sorgen.

Könnte es mit einer Grün-Rot-Gelben-Koalition nach der Bundestagswahl eine Abschaffung der Kirchensteuer geben?

Strasser: So wie ich das einschätze, wird es dafür im Bundestag keine Mehrheit geben. Die FDP hat sich im Rahmen der Debatte um das Bundestagswahlprogramm explizit gegen eine Abschaffung ausgesprochen. Anders sieht es bei der Ablösung der Staatsleistungen für die Kirchen aus. Die Chance ist groß, dass es in der nächsten Wahlperiode hier zu einem entsprechenden Grundsätzegesetz kommt.

Im europäischen Vergleich findet sich das Bindemittel für Bündnisse von Liberalen und Grünen oft in der Gesellschaftspolitik, also etwa in Fragen der Bioethik, der Abtreibung oder der Sterbehilfe. Stehen bei einer „Ampel“ in Deutschland in diesem Politikfeld Liberalisierungen an?

Strasser: Solche Fragen werden in Deutschland aus guten Gründen nicht in den Fraktionen entschieden. Hierbei handelt es sich um Gewissensentscheidungen. Bei der Frage der Sterbehilfe habe ich mich mit anderen Kolleginnen und Kollegen von Union, SPD, Grünen und Linken in einer überfraktionellen Gruppe zusammengefunden. Das ist keine Frage von Parteipolitik. Es geht vor allem um den Autonomiebegriff. Hier haben wir quer durch die Bundestagsfraktionen unterschiedliche Auffassungen.

Was muss in der Frage der Sterbehilfe in der nächsten Legislaturperiode passieren?

Strasser: Wir brauchen dringend eine Regelung, ohne geht es nicht. Denn nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil befinden wir uns jetzt in einem Zustand, in dem scheinbar für Sterbehilfevereine alles erlaubt ist und die Betroffenen und Ärzte im Unklaren zurückgelassen werden. Meine Position ist klar: keine Kommerzialisierung der Sterbehilfe, Sterbehilfe auch nicht als Normalfall, Suizidprävention statt Suizid-assistenz. Auch die Ärzteschaft teilt diese Auffassung. Der Deutsche Ärztetag hat jüngst klargestellt, dass es zu keiner Normalisierung des ärztlich assistierten Suizids kommen darf.

Das Bundesverfassungsgericht hat aber doch den Staat verpflichtet, der Autonomie des Einzelnen Geltung zu verschaffen?

Strasser: Das Gericht hat aber eben nichts dazu gesagt, wie denn Autonomie festzustellen wäre. Deswegen ist es Aufgabe des Gesetzgebers, Schranken einzuziehen, um Missbrauch zu verhindern. Auch das steht im Urteil. Es besteht die große Gefahr, dass mit der Normalisierung ein unausgesprochener gesellschaftlicher Erwartungsdruck entsteht – gerade bei Älteren und Pflegebedürftigen. Zudem ist unklar, wie wir mit Sterbewünschen von Menschen mit psychischen Erkrankungen umgehen. Die Feststellung eines autonomen Willens ist nur sehr schwer standardisierbar. Auf der anderen Seite dürfen die Gesetze auch nicht so strikt sein, dass die Umsetzung eines autonom getroffenen Sterbewunsches de facto leerläuft.

Wie ist aber eben mit einem Sterbewunsch umzugehen?

Strasser: Menschen mit Suizidwunsch sind zunächst sehr häufig in einer hilflosen Lage. Die persönliche Situation scheint so aussichtslos, dass vor allem die Situation als solche durch eine Selbsttötung beendet werden soll. Es gilt, diesen Menschen Unterstützung und eine umfassende Beratung zukommen zu lassen. Wir sollten nicht in einer Gesellschaft landen, in der der Zugang zur Selbsttötung leichter möglich ist als der zu Unterstützungs- und Therapieangeboten. Gerade das Angebot der Palliativmedizin muss deutlich ausgebaut werden. Ich halte es zudem für erforderlich, über eine Normierung im Strafrecht, Missbrauch durch Sterbehilfevereine zu unterbinden. Es ist die Aufgabe des Gesetzgebers, Menschen, die eigentlich eben nicht sterben wollen, davor zu schützen, das Leben aufgrund äußerer Drucksituationen zu beenden.

Zum Thema Kopftuch: Ist es illiberal, wenn die Bundesregierung es ermöglicht, Beamtinnen das Kopftuch zu verbieten?

Strasser: Es ist ja fraglich, ob tatsächlich das neue „Gesetz zur Regelung des Erscheinungsbilds der Beamtinnen und Beamten“ ein Kopftuchverbot ermöglicht. Ich bin im Grundsatz beim Verbot solcher religiös-konnotierter Bekleidungsstücke sehr skeptisch. Zum einen müsste der Gesetzgeber dann aufgrund des Gleichbehandlungsgebots alle religiösen Bekleidungsstücke verbannen. Zum anderen empfinde ich es als Generalverdacht, Menschen, die eine religiöse Bekleidung tragen, zu unterstellen, sie könnten dann ihr Amt nicht neutral und auf Basis der bestehenden Gesetze auszuüben. Fest steht aber auch, dass das Kopftuch ambivalent ist. Es ist nicht nur ein religiöses Symbol, es ist auch ein Symbol der Unterordnung der Frau. Ich setze auf einen emanzipatorischen Diskurs in der muslimischen Community. Nur so wird es nachhaltig Veränderungen geben.

Ist die Neutralität des Staates nicht gerade für junge Muslime auch ein wichtiges Signal?

Strasser: Der Staat in seinem Handeln muss neutral sein, aber die Gesellschaft darf vielfältig sein. Eine Polizistin oder eine Richterin müssen neutral handeln, aber sie müssen keine neutralen Persönlichkeiten sein. Das ist keiner von uns. Wir müssen darauf achten, dass in Deutschland Wahlfreiheit herrscht, ob eine Frau ein Kopftuch tragen will oder nicht. Aktuelle Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass für die Frage, ob eine junge Muslima ein Kopftuch trägt oder nicht, vor allem die Mutter entscheidend ist. Das zeigt mir umso mehr, dass es innerhalb der Community eine Diskussion braucht.

Sie haben sich auch mit dem sogenannten islamistischen Terrorismus beschäftigt. Welche Rolle spielt die Religion bei der Radikalisierung?

Strasser: Interessant ist, dass islamistische Terroristen oder Gefährder oft zunächst gar keinen richtigen Zugang zu Religion hatten. Es gibt häufig Brüche in den Biografien, an denen dann die salafistische Ideologie ansetzt. Die Rekrutierung beginnt bei Menschen, die sich nach Halt und Orientierung sehnen und die dann für die extremistische Weltsicht gewonnen werden. Gerade in den französischen Banlieues hat man die Religion genutzt, um in den sozial schwachen und prekären Milieus Menschen zu radikalisieren. Das passiert umso leichter, wenn man Religion allein dem privaten Bereich überlässt. Wenn wir bei uns solche Radikalisierung verhindern wollen, brauchen wir die muslimischen Gemeinden als Partner, sonst wird es nicht gelingen. Es braucht muslimische Vorbilder, die wichtige Debatten innerhalb der Gemeinschaft vorantreiben und Orientierung für junge Muslime bieten.

Zum Schluss: Auf Ihrem Schreibtisch steht auch eine kleine Figur von Papst Franziskus. Was schätzen Sie an ihm?

Strasser: Für mich ist Franziskus eine total beeindruckende Persönlichkeit, weil er das ernsthafte Anliegen hat, die katholische Kirche wieder zu ihren Wurzeln zurückzuführen. Er sagt, eine demolierte und ramponierte Kirche sei ihm lieber als eine Kirche, die sich komplett von den Menschen entfremdet habe. Den Anspruch, zu den eigenen Fehlern und auch der eigenen Fehlbarkeit zu stehen, schätze ich sehr. Es gelingt der Kirche noch nicht immer. Das zeigt sich beispielsweise bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in Deutschland, etwa in Köln. Darüber hinaus gefällt mir der global denkende Ansatz von Franziskus. Auch wenn ich nicht alles teile, zum Beispiel wie er sich zum Freihandel positioniert.

Was muss in Sachen Aufarbeitung in Deutschland passieren?

Strasser: Wir können die Kirchen aus ihrer Verantwortung nicht entlassen. Es ist zu simpel zu sagen: Jetzt übernimmt der Staat die Aufklärung. Das wird nicht funktionieren. Aber die Kirche hat massiv Vertrauen verspielt. Deswegen bin ich mir sicher, dass in der nächsten Legislaturperiode die Politik eine spürbarere Rolle übernimmt. Der Staat muss sich aktiver einbringen. Wie das konkret gelingen kann, ist Gegenstand politischer Gespräche – unter anderem mit Betroffenenverbänden. Vor allem ist wichtig zu betonen, dass das Problem des sexuellen Missbrauchs keinesfalls nur im Raum der Kirche vorkommt. Wer nur den Bereich des Sports anschaut, sieht die ganze Dimension des Problems in unserer Gesellschaft. Der Bundestag muss darüber beraten, was insgesamt der richtige Hebel bei der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in Institutionen ist.

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