Gegen die Diskurs-Starre

Ein Wunder: die Erklärung von Johanna Rahner und Stefan Oster

Zwei Schafe blöken sich an
© Pixabay

Dora zieht aus Berlin raus, aufs Land. Schon gleich zu Beginn ihres neuen Lebens passiert es ihr. Bei der Unterhaltung mit dem Nachbarn: Sie verfällt in die „Rassismus-Starre“. Der Nachbar macht beiläufig fremdenfeindliche Witze, unvermittelt stellt er eine Beziehung von Kaffeefarbe und Hautfarbe her. Doch Dora verstummt. Ihr fällt nichts ein, womit sich auf so etwas Bodenloses reagieren ließe. Sie habe schon oft darüber nachgedacht, was hinter der „Rassismus-Starre“ stecke, schreibt sie. „Vielleicht ein Dilemma. Die unmögliche Entscheidung zwischen Moralapostel und Feigling.“ Dora ist die Hauptfigur in dem neuen Roman „Über Menschen“ von Juli Zeh. Wie schwer es sich unter Nazis und mit „Gutmenschen“ lebt, das beschreibt sie in dem zunächst eher heiteren Werk. „Über Menschen“ ist auch eine Skizze unserer, übertragen gesehen, auch innerkirchlichen, Debattenlandschaft.

„Rassismus“ ist in besonderer Weise derzeit das auf den Begriff gebrachte kollektiv verachtete Böse, deswegen ist sein tatsächliches Auftreten verstörend und lähmend, unfassbar für die meisten Menschen. Zugleich ist sein Erscheinen wie ein kleines Flämmchen im trockenen Wald, panisch treten alle auf den Funken, in der Angst vor einem Waldbrand. Dass diese Angst auch in Hysterie, dass somit der Rassismusbegriff selbst zum Funken werden kann, der ein Feuer entfacht, das ließ sich an den verschiedenen Auseinandersetzungen der zurückliegenden Wochen sehen.

Der Rassismusverdacht sei zu einem „Gift“ geworden, das ein Gespräch binnen Sekunden in einen Streit verwandeln könne, so Juli Zeh. Die Auseinandersetzung um die Äußerungen des Grünen-Politikers und Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer ist dafür nur ein Beispiel.

Nun sei aber das Toxische auch an der Rassismus-Starre eben ihre Rassismus-fördernde Wirkung, so wird es zumindest beschrieben. Die Theologin Johanna Rahner zitiert in ihrem viel diskutierten Vortrag beim Digitalen Frauenforum der Diözese Rottenburg-Stuttgart die amerikanische Soziologin Robin DiAngelo, die den Rassismus-Begriff identitätspolitisch erweitert. In einer von weißen dominierten Gesellschaft würde derjenige belohnt, der den Rassismus nicht störe. „Jeder unwidersprochene Witz fördert die Verbreitung von Rassismus“, so gibt Rahner DiAngelo wieder. Rassismus wird also zu einem Funktionsmechanismus erhoben, der strukturell erklärt, warum bestimmte Verhältnisse bestehen bleiben und sich nicht ändern. Ein so verstandener Rassismus hat nicht mehr so viel mit der individuellen Haltung oder Überzeugung des Einzelnen zu tun, sondern mit seiner fatalen Rolle in einem Hierarchie- oder Diskriminierungssystem.

Rahner bezieht dies dann auf die katholische Kirche und das Verhältnis der Geschlechter in der kirchlichen Ordnung. Die Diskriminierung von Frauen in der Kirche werde sich in dieser Logik nur ändern, wenn nicht nur die Frauen, sondern auch die „herrschenden“ Männer, gleich in welcher Funktion, die Struktur selbst als Problem erkennen würden. „Und wenn wir diese Diskriminierung nicht als solche benennen, wird sich daran nichts ändern“, sagte Rahner, um dann mit dem Satz zu schließen: „Wer aber daran nichts ändern will, ist nichts anderes als ein Rassist.“

Eine innerkirchliche Empörungswelle stieg an. Zunächst wurde der Vortrag verkürzt beziehungsweise pointiert wiedergegeben oder auch rezipiert, in etwa so: Wer gegen das Frauenpriestertum ist, sei ein Rassist. Daraufhin ärgerte sich der Passauer Bischof Stefan Oster und wütete gleich gegen die katholischen Medien und die katholische Theologie insgesamt. In den so genannten „sozialen Medien“ sammelten sich wiederum in der Folge blitzartig die jeweiligen Truppenteile zum Gefecht. Nach dem Motto: Weder der Kampf gegen Rassismus noch jener zur Verteidigung des wahren Glaubens kann Kompromisse kennen. Es gibt eine Art Debatten-Starre, die immer wieder auf die gleichen Stellungskriege hinausläuft.

Und dann geschah ein kleines Wunder. Rahner und Oster veröffentlichten eine gemeinsame Stellungnahme. Beide entschuldigten sich. Rahner zog den „Begriff des ‚Rassismus‘ für die Debatte um Frauenrechte in der Kirche zurück“. Oster wiederum bedauerte, „Rahners Stellung als katholische Theologin hinterfragt“ zu haben. Mehr noch: „Beide anerkennen an der jeweils anderen Person den aufrichtigen Wunsch, auch bei unterschiedlichen Positionen und Perspektiven an einer guten Zukunft für die katholische Kirche und im Geist Jesu Christi arbeiten zu wollen.“

Die Erklärung von Rahner und Oster markiert einen wahrhaft synodalen Moment in der von Starrheit geprägten innerkirchen und gesellschaftlichen Lage. Es ist der anti-schismatische Kairos, dem nun aber alle Beteiligten auch wahrhaftig Taten folgen lassen müssten. Es ist der Moment der Umkehr, von dem auch in der politischen Debatte einige etwas lernen könnten.

Die Erklärung von Rahner und Oster könnte eine Blaupause sein, wie nun mit einigen besonders strittigen Themen beim Synodalen Weg umzugehen wäre. In den Papieren, die jetzt erarbeitet werden, muss sich ein Respekt gegenüber der jeweils anderen Meinung wiederfinden. Stattdessen droht hinter den Kulissen der Konflikt weiter zu eskalieren. Es muss eine Diskurs-Starre überwunden werden, die in Ausschließlichkeiten denkt und somit auf eine Entweder-oder-Entscheidung drängt. Es gibt zahlreiche ganz unterschiedliche historische Beispiele in der Kirchengeschichte, bei denen um eine Art Versöhnung des Unversöhnlichen gerungen wurde. War etwa die Integration der Franziskaner in die Kirche selbstverständlich? Wie wurde der Gnadenstreit zwischen Dominkanern und Jesuiten gelöst? Und wie schließlich hat die Königsteiner Erklärung befriedend gewirkt? Darüber nachzudenken lohnt sich. resing@herder.de

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