KommentarMärtyrer

Kommt endlich Bewegung in das Seligsprechungsverfahren für Oscar Romero?

Kommentar: Märtyrer
Oscar Arnulfo Romero© KNA-Bild

Wartet denn noch wirklich jemand, dass endlich das offizielle Seligsprechungsverfahren für den am 24. März 1980 ermordeten salvadorianischen Erzbischof Oscar Romero abgeschlossen wird? Weit über die Grenzen El Salvadors hinaus wird Romero, den ein von rechts-reaktionären Kreisen gedungener Killer vor dem Altar einer Klinikkapelle erschossen hat, längst als Heiliger verehrt.

Unzählige Menschen in Lateinamerika berufen sich nach wie vor auf Romero in ihrem Einsatz für Menschenrechte, in ihrem Kampf gegen strukturelle Ungerechtigkeit, in ihrer Solidarität mit den Armen. Für sie stellt der zur Kirche der Armen erst konvertierte, ehemals eher konservative bis unpolitische Erzbischof von San Salvador eine bleibende Ermutigung dar. Er ist der „Heilige Romero von Amerika“, wie der brasilianische Bischof Pedro Casaldáliga die breite Verehrung durch das lateinamerikanische Volk einmal auf den Punkt gebracht hat.

Immer wieder haben Romeros Verehrer nachgefragt, auch die Bischofskonferenz El Salvadors (in Romeros Diözese hatte man 1990 das Seligsprechungsverfahren für Romero eröffnet). Auch Papst Johannes Paul II. und sein Nachfolger Benedikt XVI. wurden gefragt, erst recht aber der erste Lateinamerikaner auf dem Stuhle Petri, Papst Franziskus: Warum verläuft der Seligsprechungsprozess, 1997 offiziell eingeleitet, ausgerechnet bei Romero so schleppend? Für keinen der drei Päpste aber stand der Seligsprechung etwas Grundsätzliches entgegen, alle drei sprachen sich ausdrücklich für eine Seligsprechung aus (vgl. HK, Mai 2010, 221ff.). Johannes Paul II. hatte 1996 bei einer Reise in das zentralamerikanische Land das Grab des Erzbischofs in der Kathedrale von San Salvador besucht, trotz großer Bedenken seiner Berater; im Heiligen Jahr 2000 nahm er Romero in die Liste der Märtyrer des 20. Jahrhunderts auf.

Die Erklärungsversuche konnten nicht wirklich überzeugen. War es wirklich Romeros späte und gar nicht so große Nähe zur so genannten Befreiungstheologie, deren gelegentlich marxistisch klingendes Vokabular man in Rom zu Zeiten des Kalten Krieges fürchtete wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser? Der Kalte Krieg ist lange vorbei und El Salvador befindet sich seit 1992 nicht mehr im blutigen Bürgerkrieg. Dieser war mit dem Mord an Romero weiter eskaliert; den Befehl zur Ermordung hatte – so hat es die Wahrheitskommission des Landes in ihrem Bericht von 1993 festgehalten – der Gründer der rechtsgerichteten Arena-Partei und damalige Geheimdienstchef Roberto D´Aubuisson gegeben.

Man tue sich schwer mit der Kanonisierung, denn als Motiv der Ermordung müsse der „Hass gegen den Glauben“ ausschlaggebend sein, hieß es aus der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren. Allein politische Gründe reichten als Motiv nicht.

Anfang des Jahres veröffentlichte die von der Italienischen Bischofskonferenz getragene Tageszeitung „Avvenire“ in der Sache Romero eine bemerkenswerte Nachricht. In das Seligsprechungsverfahren kommt neuer Schwung. Wird Romero womöglich zu seinem 35.Todestag seliggesprochen?

Offenbar haben die theologischen Berater der  Heiligsprechungs-Kongregation – ausdrücklich heißt es: einstimmig – das Martyrium Romeros anerkannt. Es habe sich sowohl in formaler wie in materieller Hinsicht um einen Märtyrertod gehandelt. Der Erzbischof sei demnach doch aus „Hass auf den Glauben“, odium fidei, getötet worden.

Damit fehlt formal jetzt nur noch die offizielle Anerkennung durch die Kongregation und die Zustimmung von Papst Franziskus. Letztere dürfte dabei keine Frage sein. Der Satz Romeros, „die politische Dimension des Glaubens bedeutet nichts anderes als die Antwort der Kirche auf die reale politische Herausforderung der Welt, in der sie existiert“, könnte doch geradeso von Franziskus stammen.

Und erst jüngst versicherte der Papst, der Seligsprechungsprozess sei jetzt auf einem „normalen“ Weg. Einige Jahre sei das Verfahren von der Glaubenskongregation „aus Vorsicht blockiert“ gewesen. Er selbst wünsche sich aus diesem Prozess eine theologische Klärung, ob ein Martyrium jeweils sowohl aus dem Glaubensbekenntnis heraus als auch aus dem Auftrag Jesu zur Nächstenliebe begründet ist.

Nun lässt sich immer noch und zu Recht fragen: Warum erst jetzt? Und haben die Kardinäle erst einen Lateinamerikaner zum Papst wählen müssen? Gleichermaßen befremdet vordergründig solch römisches Theologengezänk. Ist eine solche Unterscheidung, hier der Mord aus „Hass gegen den Glauben“ und dort „nur“ ein Mord wegen des Einsatzes für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit nicht völlig weltfremd, aus der Zeit gefallen, schlechte Theologie obendrein? Womit denn hätte Romero diesen Einsatz begründet, wenn nicht aus einer in seinem christlichen Glauben begründeten Nächstenliebe?

Am 2. Februar 1980, kurz vor seiner Ermordung also, erklärte Romero bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Leuven in Belgien: „Der größte Beweis des Glaubens an einen Gott des Lebens ist das Zeugnis dessen, der bereit ist, sein Leben einzusetzen (…) Viele Salvadorianer seien bereit, ihr Leben zu opfern, damit die Armen leben können“ (vgl. „Blickpunkt Oscar Romero. Ein Zeuge und Märtyrer“, herausgegeben vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat anlässlich des 30. Todestages).

Einen spannenden Aspekt allerdings gibt es doch, bleibt man einmal innerhalb der römischen Logik: Es waren Katholiken, die Romero haben ermorden lassen, Menschen desselben Glaubens also aus „Hass gegen den Glauben“. Im Normalfall werden Märtyrer nicht von anderen Katholikinnen und Katholiken „gemacht“.

Herder Korrespondenz-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Herder Korrespondenz-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.