Indonesien und seine ReligionenSchleichende Islamisierung?

Der Islam in Indonesien ist traditionell tolerant. Bei den Parlamentswahlen im April ging denn auch der Stimmenanteil islamischer Parteien gegenüber der letzten Wahl deutlich zurück. Gleichzeitig gibt es vor allem auf regionaler Ebene Bestrebungen, das Land durch Einführung der Scharia zu islamisieren. Landesweit hat dieses Vorhaben allerdings kaum Chancen.

Während seiner ersten Amtszeit (2004 bis 2009) ist es Präsident Susilo Bambang Yodhyono weitgehend gelungen, in Indonesien geordnete politische Verhältnisse zu schaffen, die Wirtschaft des Landes zu fördern und innenpolitisch für stabile Verhältnisse zu sorgen. Getrübt wird diese positive Bilanz der ersten Amtsperiode durch die im Lande andauernden und zum Teil sich verschärfenden Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen der Mehrheitsreligion Islam und den religiösen Minderheiten.

Während die Mehrzahl der Muslime die kulturelle und religiöse Vielfalt in Indonesien bejaht und für ein friedliches Miteinander der verschiedenen Religionsgemeinschaften eintritt, verfolgen einige radikale islamische Gruppen und politische Parteien das Ziel, eine Islamisierung der indonesischen Gesellschaft mit Einführung der Scharia-Gesetze zu erreichen und oft mit Gewalt durchzusetzen. Kritiker werfen der Regierung von Präsident Yodhyono vor, gegenüber diesen die Einheit und den inneren Frieden des Landes gefährdenden Gruppierungen nicht konsequent genug das in der indonesischen Verfassung festgelegte Prinzip einer „Einheit in Vielfalt“ verteidigt zu haben.

Trotz dieser berechtigten Kritik zeigten die demoskopischen Umfragen vor der Wahl am 9. April deutlich, dass Präsident Yodhyono persönlich sich großer Beliebtheit und hohen Ansehens erfreut, was dann auch durch das Wahlergebnis bestätigt wurde. Bei den Wahlen ging es um die Besetzung der beiden Kammern des indonesischen Parlaments, also um die Vergabe der 560 Sitze im Abgeordnetenhaus und um die 132 Sitze des Rates der Regionalvertreter, dem indonesischen Oberhaus.

Zu den Wahlen waren 38 Parteien zugelassen, die sich um die Stimmen der 171 Millionen wahlberechtigter Indonesier bewarben. Neu war bei diesen Wahlen, dass sich nicht nur nationale, sondern auch regionale Parteien wie zum Beispiel die Partai Aceh beteiligen konnten, die in der Provinz Aceh einen Stimmenanteil von 70 Prozent erringen konnte. Parteien, die für die im Juli stattfindenden Präsidentschaftswahlen einen eigenen Kandidaten stellen wollen, müssen wenigstens 20 Prozent Stimmenanteil bei den Parlamentswahlen erzielt haben.

Die Wahlen in Indonesien sind die größten an einem Tag abgehaltenen Wahlen in der Welt. Das Auszählen der abgegebenen Stimmen, das weitgehend von Hand und nur zu zehn Prozent elektronisch geschah, war langwierig und oft von Protesten von Wahlbeobachtern der beteiligten Parteien gegen die vorgelegten Ergebnisse begleitet. Von daher wird verständlich, dass ein endgültiges offizielles Wahlergebnis durch die nationale Wahlkommission erst einen Monat nach Schließung der Wahlbüros am 9. Mai vorgelegt werden konnte.

Die Wahlen verliefen im Wesentlichen friedlich und ohne größere Unregelmäßigkeiten. Nur in der Unruheprovinz Papua gab es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten, bei denen sechs Menschen getötet wurden. Für die beiden Distrikte Ost-Flores und Lembata in Ost Nusa Tenggara, beide mehrheitlich von Katholiken bewohnt, wurden die Wahlen wegen der Passions- und Osterfeiern auf den 14. April verschoben, ein Entgegenkommen gegenüber der christlichen Minderheit.

Es gab logistische Probleme an einigen Orten, in denen falsche Wahlunterlagen eine reguläre Durchführung der Wahlen behinderten beziehungsweise vereitelten. Es wurden auch einige Fälle von Stimmenkauf registriert, an denen so gut wie alle großen Parteien beteiligt waren. Schwierigkeiten gab es auch mit den Stimmlisten, die vor dem Wahltermin bekannt gemacht wurden, damit die einzelnen Wähler überprüfen konnten, ob sie registriert waren. Dabei hat es größere Pannen gegeben, so dass bei der Wahl am 9. April gut zehn Millionen der 171 Millionen Wahlberechtigten nicht in den Listen verzeichnet waren und damit auch nicht wählen konnten.

Die Partei des Präsidenten war Wahlsieger

Wie sich im Wahlkampf schon angedeutet hatte, ging die Demokratische Partei (Partai Demokrat) des amtierenden Präsidenten mit 20,85 Prozent der Stimmen als Sieger hervor und verbesserte sich, verglichen mit dem Ergebnis der Wahlen im Jahr 2004, mit jetzt 150 Abgeordneten erheblich. Der Erfolg der jungen Demokratischen Partei, die im Vergleich mit den anderen großen Parteien immer noch erhebliche organisatorische Schwächen aufweist, wird allgemein der Popularität ihres Vorsitzenden und amtierenden Präsidenten Yodhyono zugeschrieben.

Von den anderen großen Parteien erreichte Golkar, die Partei des früheren Diktators Suharto, die bei den Parlamentswahlen 2004 mit 21,5 Prozent die stärkste Partei war, dieses Mal nur 14 Prozent. Die Indonesische Demokratische Partei des Kampfes (PDI-P) von Megawati Sukarnoputri erreichte ebenfalls etwa 14 Prozent und erhielt 95 Sitze. Von den zur Wahl angetretenen 38 Parteien haben nur neun mehr als die für den Einzug ins Parlament notwendigen 2,5 Prozent erreichen können.

Besondere Beachtung fand die Tatsache, dass der Stimmenanteil der sieben zu den Wahlen zugelassenen islamischen Parteien, der 2004 bei 39,4 Prozent gelegen hatte, sich 2009 auf insgesamt 25 Prozent verringert hat. Von diesen islamischen Parteien schnitt die Partei für Gerechtigkeit und Wohlstand (PKS) mit 8,2 Prozent am besten ab und landete mit 57 Sitzen auf dem vierten Platz. Auch wenn die PKS als fundamentalistische Partei, die einen an der Ideologie der Wahhabiten ausgerichteten Islam vertritt, relativ großen Zuspruch gefunden hat, sprechen Wahlbeobachter doch von einem „Sieg des Pragmatismus über Ideologie“ und von einer „Niederlage der radikalen Islamisten gegenüber den gemäßigten Muslimen“.

Ahmad Suaedy, der Direktor des islamischen Wahid-Instituts in Jakarta, das vom früheren Präsidenten Abdurrahman Wahid gegründet wurde, nannte das Wahlergebnis einen Beweis dafür, dass der Islam mit Demokratie vereinbar sei. Die radikalen islamistischen Parteien hätten die Wahl verloren, weil die Menschen ihre extremen ideologischen Programme ablehnten und den Islamisten nicht zutrauten, die indonesische Gesellschaft zum Besseren zu verändern.

Beherrschendes Thema war die internationale Finanzkrise

Das Wahlergebnis spiegelt wider, dass die beherrschenden Themen im Wahlkampf nicht Religion oder Fragen der gesellschaftlichen Moral, sondern die aktuelle Wirtschaftslage und die Herausforderungen durch die internationale Finanzkrise waren. Wie in allen anderen Länder ist auch die Wirtschaft Indonesiens von einer tiefen Rezession und einem steilen Anstieg der Arbeitslosigkeit betroffen, die nach Voraussagen in diesem Jahr auf gut 8 Prozent steigen soll. Die Opposition wirft Präsident Yodhyono vor, ausländische Investitionen einseitig gefördert und versäumt zu haben, die einheimische Wirtschaft zu stärken, wodurch die Abhängigkeit von den internationalen Märkten sich dramatisch verstärkt habe.

Die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise hat aber auch positive Aspekte, da viele Verbrauchsgüter billiger geworden sind. Durch das Sinken des Ölpreises hat sich der Preis für Treibstoffe verringert, so dass die Geldzuwendungen der Regierung zum Kauf von Kraftstoffen für ärmere Familien eingestellt werden konnten. Nach Regierungsangaben ist die Zahl der Armen in Indonesien sogar im letzten Jahr leicht gesunken und beläuft sich auf 14 Prozent der Bevölkerung.

In Indonesien gilt jemand, der pro Tag weniger als 1,55 US-Dollar verdient, als arm, während die Weltbank von Armut bei 1,25 US-Dollar Tagesverdienst spricht. Nach Angaben des Erziehungsministeriums haben drei Millionen Kinder keinen Zugang zum regulären Erziehungssystem. Von diesen Kindern sind 2,6 Millionen als Kinderarbeiter in verschiedenen Betrieben und Werkstätten tätig. Andere Kinder sind wegen ihrer Herkunft, wegen Krankheiten wie HIV/AIDS oder wegen Transportschwierigkeiten nicht imstande, eine normale Schulausbildung zu erhalten.

Der Ausgang der Parlamentswahlen hat auch Auswirkung auf die Wahl des Präsidenten im Juli dieses Jahres. Direkt nach den Parlamentswahlen erklärte der bisherige Vizepräsident Jusuf Kalla, nicht wieder für diesen Posten zur Verfügung zu stehen, und am 2. Mai gab die Parteileitung von Golkar bekannt, dass der ehemalige Befehlshaber der indonesischen Armee, General Wiranto, der mit seiner Partei Hanura bei den Aprilwahlen nur 3,8 Prozent erreichte, als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten zusammen mit Jusuf Kalla bei den Präsidentschaftswahlen im Juli 2009 antreten werde. Megawati Sukarnoputri hat inzwischen ebenfalls angekündigt, sie werde zusammen mit Prabowo Subianto von der Gerindra-Partei bei den Präsidentschaftswahlen kandidieren.

Diesen Kandidaturen werden allerdings keine großen Chancen eingeräumt. Denn in politischen Kreisen und in der öffentlichen Meinung wird fest damit gerechnet, dass der amtierende Präsident Yodhyono im Juli für eine zweite Amtszeit bestätigt wird. In den Meinungsumfragen liegt er jedenfalls mit etwa 50 Prozent der Stimmen eindeutig in Führung. Da aber die Demokratische Partei des Präsidenten allein nicht über die hinreichende Mehrheit verfügt, ist Yudhyono auf die Unterstützung durch andere Parteien angewiesen. Im Vorfeld ist von einem Bündnis mit der islamischen Partei für Gerechtigkeit und Wohlstand (PKS) die Rede, wodurch der eigentlich liberale Yodhyono zu Zugeständnissen an die muslimischen Hardliner der PKS gezwungen sein könnte.

Der indonesische Islam setzt auf Toleranz

Der Islam in Indonesien unterscheidet sich noch immer von der Form des Islams wie ihn die Wahhabiten aus Saudi Arabien weltweit zu verbreiten suchen. In einem Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur UCA-News erklärte Ahmad Suaedy, dass die Eigenart des indonesischen Islam darin liege, ethnische und religiöse Vielfalt anzuerkennen. Diese Offenheit und Toleranz gelten nicht nur für das Zusammenleben mit anderen Religionsgemeinschaften sondern auch für den indonesischen Islam selber, der beispielsweise in Zentraljava sich deutlich vom Islam in Ostjava unterscheide und auf den Inseln Kalimantan oder Sulawesi noch einmal ein anderes Gesicht zeige.

Ein für den indonesischen Islam typisches eigenständiges Element sei die Einrichtung der Pesantren, von einem religiösen Lehrer, dem Kiai, geleitete schulische Internate, die vor allem von der Nadhaltul Ulema (NU), der größten islamischen Vereinigung im Lande, gefördert werden. Die Ursprünge der Pesantren gehen auf die Blütezeit des Hinduismus in Indonesien zurück; diese sind somit vor-islamische Elemente, die zunächst einmal Ausdruck indonesischer Kultur und Lebensart sind und vom Islam aufgegriffen wurden.

Gegenüber Tendenzen, weltweit einen einheitlichen Islam zu propagieren, bietet der Islam in Indonesien eine Alternative an, die auf die Respektierung von Verschiedenheit setzt. Seit kurzem sieht sich diese Eigenart des Islam in Indonesien Angriffen von radikalen islamischen Gruppen ausgesetzt. So hat der indonesische Rat der Ulema, das zentrale Gremium der islamischen Rechtsgelehrten, eine Reihe von Rechtsgutachten (fatwa) erlassen, in denen die Anerkennung eines religiösen Pluralismus als mit islamischen Prinzipien unvereinbar verurteilt wird.

Kritiker werfen den Islamgelehrten vor, Pluralismus mit Relativismus verwechselt zu haben. Schließlich sei religiöser Pluralismus in Indonesien eine unleugbare Realität. Religiös oder moralisch angreifbar und als falsch zurückzuweisen sei dagegen die Haltung des Relativismus, nach der alle Religionen gleich seien. Wie auch immer die richtige Interpretation der Erlasse der Rechtsgelehrten aussehen mag, unzweifelhaft ist, dass diese islamistischen Tendenzen eine Gefährdung der nationalen Einheit darstellen und der Tradition von Toleranz und Harmonie zuwiderlaufen, die für Indonesien so lange kennzeichnend war.

Die Ideologie der Pancasila hat ihre integrierende Kraft verloren

Seit der Unabhängigkeit haben die Prinzipien der Pancasila für den inneren Zusammenhalt der ethnisch und religiös verschiedenen Gruppierungen gesorgt und sich als tragende Säulen erwiesen, die den inneren Zusammenhalt der Nation und die religiöse Verständigung unter den Religionen sicherstellten. Die vom Gründerpräsidenten Sukarno festgelegten fünf Grundsätze der Pancasila lauten: 1. Glaube an Gott, 2. Achtung der Menschenwürde, 3. Wahrung der nationalen Einheit Indonesiens, 4. Demokratie auf der Basis von Beratung und 5. Soziale Gerechtigkeit.

In den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit hat die Pancasila-Ideologie den vielen Versuchen islamischer Gruppen, Indonesien in einen islamischen Staat mit Geltung der Scharia zu verwandeln, widerstanden. Seit dem Sturz der Regierung Suharto jedoch hat die Ideologie der Pancasila viel von ihrer integrierenden Kraft verloren und wird ihrer Funktion, über die Grenzen der verschiedenen Religionen und Weltanschauungen hinweg verbindend zu wirken, immer weniger gerecht. Zu sehr war sie ein Instrument der Regierung, das von den Religionsgemeinschaften oft nur widerwillig und gegen ihre eigenen Überzeugungen und Lehren mitgetragen wurde.

Die religiösen Spannungen und die Gewalttaten auf den Molukken und auf Sulawesi zwischen 1999 und 2002, in denen mehr als 5000 Menschen ihr Leben verloren, haben andererseits aber auch gezeigt, dass die nationale Einheit und der religiöse Frieden nur gesichert werden können, wenn es Prinzipien gibt, die von allen Religionsgemeinschaften akzeptiert und respektiert werden. Indonesien ist immer noch auf der Suche nach einem Modell einer Zivilgesellschaft, das von der mit der Pancasila-Ideologie vorgegebenen „Zwangsharmonie“ (Olaf Schumann) zu einem konstruktiven Miteinander findet, um das im Staatswappen ausgedrückte Staatsmotto des Ideals von „Einheit in Vielfalt“ zu realisieren.

In jüngerer Zeit mehren sich die Forderungen, die Pancasila-Ideologie wieder zur Grundlage des nationalen Zusammenlebens zu machen. Der Vorsitzende der einflussreichen Muslimorganisation Nahdlatul Ulama (NU), Hasyim Muzadi, sagte in einem Interview mit der Jakarta Post im März 2009, dass die in der Pancasila-Ideologie enthaltenen Ideale auch heute noch das einzige Instrument seien, über alle religiösen und ethnischen Verschiedenheiten hinweg die nationale Einheit und Harmonie zu sichern. Als Mehrheitsreligion habe der Islam in Indonesien die Verpflichtung, die Rechte der religiösen Minderheiten zu schützen und zu sichern. Mit Blick auf die Zunahme von Gewaltakten im Namen der Religion erklärte Muzadi, Indonesien sei kein Zentrum des Terrorismus, vielmehr dessen Opfer, da schließlich die radikalen und gewaltbejahenden Ideologien aus dem Ausland nach Indonesien gebracht worden seien.

Der Islam in Indonesien war nie eine homogene Glaubensgemeinschaft, in der alle Gläubigen die religiösen und ethischen Vorschriften des Korans in Gänze als für sich verbindlich erachteten. Die Mehrheit der Muslime in Indonesien vertraten und vertreten immer noch einen moderaten Islam und sind gegenüber den Minderheitsreligionen tolerant eingestellt. Daneben gibt es die Anhänger der streng orthodoxen Lehre, die in Indonesien eine rein islamische Gesellschaft aufbauen wollen, in der die religiösen Minderheiten nur geduldet wären und ihnen eine untergeordnete Stellung zugewiesen würde.

In diesem Kultur- und Religionskampf ist es den Kräften, die auf die Einführung der Scharia und die Errichtung eines islamischen Staates in Indonesien hinwirken, bis jetzt nicht gelungen, Zustimmung auf nationaler Ebene zu finden, wie die Wahlen am 9. April noch einmal eindrücklich unterstrichen haben. Sie haben inzwischen einsehen müssen, dass eine Umsetzung ihrer Ideen landesweit in absehbarer Zeit auf friedlichem Weg nicht möglich sein wird.

Daher versuchen sie, über eine Salamitaktik der kleinen Schritte ihrem großen Ziel langsam näher zu kommen. Dies geschieht durch die Einführung der Scharia-Gesetze in einzelnen Gemeinden oder Distrikten, in denen beispielsweise durch lokale Verordnungen ein nächtliches Ausgehverbot für Frauen erlassen, das Tragen des Kopftuchs angeordnet und der Ausschank von Alkohol sowie Glücksspiele verboten werden. Begonnen haben diese Praktiken in der Provinz Aceh, in der in Absprache mit der Regierung die Einführung der Scharia-Gesetze im Friedensabkommen mit den Rebellen, die für die Unabhängigkeit Acehs kämpften, zugestanden wurde. Seit 1998 ist Aceh die einzige Provinz in Indonesien, in der die Scharia-Gesetze verbindlich eingeführt wurden.

Umstrittenes Antipornographiegesetz

So ist es unverheirateten und nicht miteinander verwandten Männern und Frauen verboten, allein zusammenzusein, Frauen müssen den Schleier tragen und die von der Scharia vorgeschriebene Kleiderordnung einhalten. Offizielle und noch häufiger selbst ernannte Sittenwächter achten auf die Einhaltung dieser Vorschriften und ahnden, oft eigenmächtig und willkürlich, Verstöße gegen die Scharia. Im Zuge der Dezentralisierung sind in 52 Distrikten und Kreisverwaltungen in West-Java, Sumatra, Sulawesi und in Tangerang, einer Satellitenstadt von Jakarta, ähnliche Verordnungen ergangen, durch die die von der nationalen Verfassung garantierte Religionsfreiheit und Rechte der nicht-islamischen Religionsgemeinschaften beeinträchtigt beziehungsweise aufgehoben werden.

Eine Art Symbol für die Bestrebungen, islamische Moralvorstellungen und Scharia-Gesetze im ganzen Land verpflichtend zu machen, ist das Antipornographiegesetz, das im Oktober 2008 nach langen und heftigen Diskussion in der Bevölkerung auf Druck von muslimischen Parteien vom Parlament verabschiedet wurde. Kritik richtet sich gegen die diesen Gesetzesbestimmungen zugrundeliegende Definition von Pornographie, die schwammig und unklar ist. In dem Gesetz wird als Pornographie alles verstanden, was durch „Bilder, Sketche, Illustrationen, Fotos, Musik, Filme, Karikaturen, Gedichte, Gespräche, körperliche Bewegungen oder dergleichen sexuelle Begierden wecken könnte und gegen die moralischen Werte in der Gesellschaft verstößt“. Die Herstellung solcher Materialien, deren Besitz und Verbreitung wird unter Strafe gestellt.

Katholische Gruppen auf Flores und der Bund der Protestantischen Kirchen (PGI) haben deshalb zusammen mit einigen NGOs beim Verfassungsgericht eine juristische Überprüfung des Gesetzes verlangt. Bei der praktischen Durchführung erscheint es oft als reine Behördenwillkür, was im Einzelfall als Pornographie bezeichnet wird und mit Strafen für die Urheber verfolgt werden kann. Da beispielsweise Nacktdarstellungen jeder Art verboten werden, könnten die Reproduktion und Darstellung einer Reihe von Werken religiöser Kunst unter dieses Gesetz fallen und gerichtlich verfolgt werden. Unter das Gesetz fallen aber auch viele kulturelle Traditionen der verschiedenen ethnischen Gruppen in Indonesien wie bestimmte Initiationsriten, Tänze, bildliche Darstellungen und vieles mehr. Das Antipornographie gefährdet so die Vielfalt der Kulturen, Sitten und Gebräuche und würde, wenn es in der jetzt angenommenen Form durchgesetzt würde, der von den islamistischen Gruppen angestrebten islamischen Einheitskultur den Weg bereiten helfen.

Das Dekret der Regierung aus dem Jahr 2006, in dem die Bedingungen für den Bau von Moscheen, Kirchen und Tempeln neu geregelt wurden, hat das eigentlich intendierte Ziel, Auseinandersetzungen und Streitigkeiten unter den Religionsgemeinschaften möglichst auszuschließen, bisher nicht erreicht. Die Regelungen sind vielmehr auf Widerstand bei allen Religionsgemeinschaften gestoßen. Die Maßgabe sieht vor, dass für eine Genehmigung für den Neubau eines religiösen Gebäudes sowohl die für die Religionen zuständige Behörde wie auch die örtliche Behörde ihre Zustimmung geben müssen, diese aber nur erfolgen darf, wenn die Mindestquote von 90 Angehörigen der den Antrag stellenden Religionsgemeinschaft erreicht wird, sowie die Zustimmung von mindestens 60 Personen der jeweiligen Mehrheitsreligionsgemeinschaft vorliegt.

Konkret bedeutet dies, dass religiöse Minderheiten in bestimmten Gebieten keine offiziell genehmigten Gebetsstätten errichten können. Darin sehen die religiösen Minderheiten eine Verletzung ihres von der Verfassung garantierten Rechts auf Religionsfreiheit. Das Gesetz hat in einer Reihe von Fällen dazu herhalten müssen, dass protestantische und katholische kirchliche Versammlungs- und Gebetsorte angegriffen und zerstört wurden, da sich dort Christen ohne die gesetzlich vorgeschriebene Genehmigung zum Gottesdienst trafen.

Anstieg der Gewalttaten islamistischer Gruppen

In einem vom Setara Institut für Demokratie und Frieden in Jakarta veröffentlichten Rückblick auf das Jahr 2008 wird von einem Anstieg von Gewalttaten islamistischer Gruppen berichtet und den staatlichen Behörden vorgeworfen, nicht entschieden genug gegen die Gewalt dieser Gruppen vorzugehen. Der Bericht beschuldigt die Sicherheitsbehörden und die Polizei, in einer Reihe von Fällen nicht nur nicht eingegriffen, sondern die Gewalttaten billigend geduldet, ja sogar unterstützt zu haben.

So kam es in Reaktion auf die Invasion Israels in den Gazastreifen im Januar 2009 in einer Reihe von indonesischen Städten zu Demonstrationen gegen Israel, aber auch gegen die USA wegen ihrer Unterstützung Israels. In der Stadt Surabaya auf Java schlossen die Behörden kurzerhand die Synagoge des Ortes und hinderten die Juden am Betreten ihres Bethauses. Zur Begründung gaben die Behörden an, die Juden gegen befürchtete Angriffe islamistischer Gruppen nicht schützen zu können.

Im Bericht des Instituts heißt es weiter, dass die Zahl der Fälle von Verletzungen der Religionsfreiheit von 135 im Jahr 2007 auf 265 im Jahr 2008 gestiegen sei und sich damit fast verdoppelt hätten. Nachdem es den Islamisten 2008 gelungen ist, eine vom Innen- und Religionsministerium erlassene Erklärung zu erreichen, in der die Glaubensgrundsätze der islamischen Bewegung Ahmadiyah für unislamisch erklärt und ihr die Verbreitung ihrer Ideen verboten wurden, haben sich die Gewaltakte gegen diese Gruppe stark vermehrt. Während moderate Muslimführer, wie der frühere Präsident Abdurrahman Wahid, sich dafür ausgesprochen haben, die Ahmadiya in Ruhe zu lassen, bekämpfen radikale islamistische Gruppen wie die Front zur Verteidigung des Islams (FPI) die Angehörigen der Ahmadiyah und ihre Einrichtungen, indem sie Moscheen und Gebetsstätten dieser Gruppe zerstören und auch nicht vor Angriffen gegen Ahmadiyah-Anhänger zurückschrecken.

Statistische Angaben zur Religionszugehörigkeit in Indonesien sind nicht unproblematisch. Offiziell wird der Anteil der Muslime an der indonesischen Bevölkerung von 215 Millionen Einwohnern von muslimischen Stellen mit 90 Prozent angegeben, während die Regierung 87,6 Prozent nennt. Andere Quellen geben dagegen den Anteil der Muslime mit 74,4 Prozent bedeutend niedriger an. Dieser nach unten korrigierten Zahl liegt zugrunde, dass es immer noch eine große Zahl ethnischer Gruppen oder Volksstämme vor allem in Kalimantan, in Sulawesi und in Papua gibt, die nach ihren traditionellen religiösen und kulturellen Bräuchen leben, auch wenn sie sich formell als Muslime bekennen.

Die Regierung von Präsident Suharto (1966 bis 1998) hatte die Zugehörigkeit zu einer der vom Staat anerkannten Religionsgemeinschaften für alle Indonesier verpflichtend gemacht. Die fünf staatlich anerkannten Religionen waren Islam, Hinduismus, Buddhismus, Katholizismus und Protestantismus, während der Konfuzianismus seit 1967 nicht mehr als Religion anerkannt wurde. Erst nach dem Sturz Suhartos hat Präsident Abdurrahman Wahid 1999 dem Konfuzianismus wieder den Status einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft zuerkannt.

Bei einer offiziellen Feier zu Beginn des chinesischen Neujahrs am 29. Januar 2009 hat Präsident Yodhyono betont, dass der Konfuzianismus, dem viele Indonesier chinesischer Herkunft angehören, in Indonesien wieder anerkannt und geschätzt und in den Schulen auch wieder gelehrt werde. Schon einen Monat vorher hatte Yodhyono am 27. Dezember 2008 bei der nationalen Feier aus Anlass des Weihnachtsfestes in einer Rede alle Indonesier aufgefordert, bei allem Respekt vor der Verschiedenheit die religiöse und kulturelle Vielfalt in Indonesien zu bewahren, zu schätzen und zu fördern. Ausdrücklich wies er darauf hin, dass die indonesische Verfassung die Vielfalt der Religionen anerkenne und ihren Schutz garantiere.

Fußball als Instrument des religiösen Dialogs

Bestrebungen, den interreligiösen Dialog zu fördern, sind in Indonesien sehr zahlreich. Im Oktober 2008 wurde in Manila bei der Vollversammlung der Asiatischen Konferenz der Religionen für den Frieden (ACRPD) Syamsuddin, der Präsident der Muhammadiyah, der zweitstärksten islamischen Vereinigung in Indonesien, zum neuen Leiter gewählt. Einen Monat nach seiner Wahl hat Syamsuddin in Jakarta auf einer Konferenz des Zentrums für Dialog und Zusammenarbeit unter den Religionen in Jakarta vor Vertretern der anderen Religionsgemeinschaften seine Vorstellungen von interreligiösen Dialog und Friedensarbeit vorgestellt, die dem interreligiösen Dialog neue Impulse gaben. Benny Susetyo, Sekretär der Kommission für Ökumene und interreligiösen Dialog der indonesischen Bischofskonferenz, sicherte Syamsuddin im Namen der Bischöfe volle Unterstützung bei den Anstrengungen zu, sich in den Krisengebieten von Mindanao und in Südthailand für die Beilegung der dort seit Jahren bestehenden Konfliktherde einzusetzen.

In Reaktion auf die internationale Finanzkrise und ihre Auswirkungen in Indonesien haben die Führer der sechs großen Religionsgemeinschaften in einer auf einer nationalen Konferenz im Dezember 2008 veröffentlichten Erklärung dazu aufgerufen, die Religionen sollten ihre religiösen Differenzen zurückstellen und sich gemeinsam dafür einsetzen, die negativen Folgen der Krise abzufangen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Eine interessante Variante auf dem Gebiet des interreligiösen Dialogs stellt die in Sibolga in Nordsumatra vor einigen Jahren gestartete Initiative dar, muslimische, buddhistische, katholische und protestantische Fußballmannschaften gegeneinander antreten zu lassen. Diese interessante Alternative zum herkömmlichen interreligiösen Dialog begann mit einem einmal im Jahr stattfindenden Turnier, woraus sich inzwischen eine interreligiöse Fußballliga, die „Liga der Verschiedenheit“, entwickelt hat, die trotz gelegentlicher Fouls auf dem Fußballfeld zu einer Verbesserung des interreligiösen Klimas beigetragen hat.

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