Ein Gespräch mit dem Philosophen Wilhelm Schmid über Lebenskunst in der Moderne„Das Dilemma der Freiheit anerkennen“

Nach Lebenskunst fragt, wer das Leben nicht mehr von selbst versteht, in welcher Kultur und Zeit auch immer. Seit Alters ist es das Anliegen der Philosophie, die Suche nach einer bewusst gewählten Gestaltung der Existenz zu unterstützen. Wir sprachen mit dem Philosophen Wilhelm Schmid über Lebenskunst unter den Bedingungen der Moderne. Die Fragen stellte Brigitte Böttner.

HK: Herr Dr. Schmid, Ihre „Philosophie der Lebenskunst“ ist schon seit mehr als vier Jahren ein Long- und Bestseller auf dem deutschsprachigen Buchmarkt und findet gerade auch jenseits der wissenschaftlich-philosophischen Zunft breiten Zuspruch. Trifft die „Philosophie der Lebenskunst“ einfach den Nerv der Zeit oder was ist ihr Erfolgsgeheimnis gegenüber dem Angebot zahlloser moderner Sinn-Agenturen? Der Buchmarkt ist hierzulande ja nicht eben spärlich mit so genannten „Lebenshilfe“-Titeln übersät...

Schmid: Mit Sinn-Agenturen hat das philosophische Projekt wenig zu tun. Der relative Erfolg der „Philosophie der Lebenskunst“ hängt vermutlich mit der Situation der Zeit zusammen, mit dem Zustand der so genannten Moderne. Diese Zeit wirft Fragen auf, Lebensfragen, und dies offenkundig für sehr viele moderne Menschen. Was ich mache, ist im Grunde etwas sehr Einfaches: Ich versuche, die Hintergründe dazu zu beleuchten und einige mögliche Antworten zu erörtern. Gleichwohl wird man in der Philosophie der Lebenskunst aus wohlüberlegten Gründen keine definitiven Antworten finden.

HK: Welche Frage beschäftigen Ihrer Meinung nach denn einen modernen Menschen? Und warum sucht dieser Mensch dann Hilfe bei der Philosophie?

Schmid: Die Moderne ist ja nicht vom Himmel gefallen, sie war ein Projekt nicht zuletzt von Philosophen und ein Resultat des Konzepts der Aufklärung, das bestimmte Ideen enthielt. Die zentrale Idee war das Ziel, Freiheit zu realisieren, und zwar eine Freiheit, die in erster Linie als Befreiung verstanden wurde: als Freiheit von Bindungen, Traditionen, auch von Religionen. Aus heutiger Sicht dürfen wir feststellen, dass diese Freiheit in moderner Gesellschaft weitgehend wahr geworden ist. Aber wir müssen auch konstatieren, dass damit keineswegs das Glück verbunden war, das man sich von der Moderne erhofft hatte. Wohl sind die Menschen endlich ihre Bindungen los – bis hin zu den privaten Bindungen zwischen Zweien. Ohne Bindung jedoch sind sie erneut unglücklich. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen der Versprechungen müde geworden sind – und deswegen nach anderen Wegen fragen. Die Philosophie erscheint ihnen offenkundig glaubwürdig und ehrlich, weil sie eben gerade keine wohlfeilen Sinnangebote macht.

„Das Individuum ist von Grund auf allein – spätestens wenn es ans Sterben geht“

HK: Dennoch scheint Ihre Philosophie der Lebenskunst zu einer Art Markenzeichen auch innerhalb des philosophischen Angebots geworden zu sein. Was steckt dahinter, wenn nicht ein konkretes Sinnangebot?

Schmid: Lebenskunst meint nichts anderes als bewusste Lebensführung und ist ein althergebrachter philosophischer Begriff: techne tou biou, peri bion techne im Griechischen, ars vitae, ars vivendi im Lateinischen. Philosophie der Lebenskunst ist das Nachdenken über diese bewusste Lebensführung, und zwar auf zwei Ebenen: Zum einen auf grundsätzlicher Ebene die Frage zu stellen, was für das Leben überhaupt grundlegend ist – mit Wahrscheinlichkeit, nicht mit definitivem

Wahrheitsanspruch. Denn kein Philosoph kann diese Frage definitiv beantworten, vielmehr müsste jede Erörterung zu diesem Thema mit einem „es scheint so“ versehen werden. Wenn es also so scheint, dass im Leben Macht eine gewisse Rolle spielt, dass viele Menschen nach Glück streben und so weiter, mag das für eine bestimmte Zeit, einen bestimmten Raum, eine Kultur, eine Epoche mit relativ großer Sicherheit zutreffen. Doch sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass die Kultur der Moderne allenfalls zwanzig Prozent dieses Planeten ausmacht. Auf einer zweiten, optativen Ebene kann man dann darüber nachdenken, welche Möglichkeiten sich für den Umgang mit diesen scheinbar grundlegenden Phänomenen des Lebensbieten. Wenn wir beispielsweise am Phänomen Macht auf absehbare Zeit nichts werden verändern können, so ist danach zu fragen, welche Optionen wir haben, uns zur Macht zu verhalten. Eine konkrete Wahl hat dann jedoch das Individuum selbst zu treffen, Empfehlungen dazu liefert die Philosophie der Lebenskunst nicht...

HK: . . . die sich der moderne Mensch aber vielleicht gerade erhofft hatte? Muss er also nach wie vor unter dem „Zeichen der Freiheit“ verharren, kann sich der Qual der Wahl nicht entziehen, muss vielmehr selbst zu einer Entscheidung finden? Und allein mit den Konsequenzen fertig werden?

Schmid: Im Unterschied zu anderen Grundannahmen geht die Philosophie der Lebenskunst davon aus, dass das Individuum von Grund auf allein ist – spätestens dann, wenn es ans Sterben geht. Den Tod muss jeder Mensch allein leben – unabhängig davon, ob ihm in dieser Stunde ein anderer Mensch zur Seite steht und die Hand hält, was zweifellos sehr schön ist – aber spätestens den letzten Schritt geht ein Mensch dennoch allein. Und Lebenskunst, bewusste Lebensführung besteht zu einem nicht geringen Maße darin, so früh wie möglich darauf aufmerksam zu sein, dass das Individuum allein es ist, das dieses Leben lebt und das Leben zuletzt auch allein zu Ende zu bringen hat. Diese existenzielle Ernsthaftigkeit kann die Philosophie der Lebenskunst vermitteln. HK: Womit allerdings bezüglich der theoretischen Wahlmöglichkeit – oder faktischen Entscheidungsnot – , mit der sich ein Mensch in der Moderne konfrontiert sieht, noch nichts gewonnen ist. Kann man angesichts einer ständig wachsenden Zahl so genannter Optionen heute tatsächlich von einer Wahlfreiheit sprechen, ist ein modernes Individuum wirklich in der Lage, diese oder jene Möglichkeit frei und bewusst zu wählen?

Schmid: Ständig haben wir eine Wahl zu treffen. Unser Problem ist: Wir können es nicht. Die moderne Zeit hat ihren Stolz und Ehrgeiz darin gefunden, den Menschen Wahlmöglichkeiten zu eröffnen – was ihr offenkundig gelungen ist. Dennoch existiert keine einzige Erörterung darüber, was eine Wahl eigentlich ausmacht und wie man sie trifft. Das fängt bei scheinbar kleinen und ganz praktischen Fragen an, zum Beispiel bei der Wahl eines Joghurts in einem Kaufhaus. Fünf Sorten stehen im Regal – welche nehmen Sie? Hier zeigt sich bereits, dass hinter einer einzigen Frage, nämlich der nach der Wahl eines Joghurts, oftmals ein ganzes Bündel weitergehender Fragen und Zusammenhänge steckt, in diesem Falle eine ganze Ökologie. Dafür ein Bewusstsein zu entwickeln, mögliche Kriterien für eine Wahl zu finden und auf dem Weg zur Wahl behilflich zu sein, ist eine Aufgabe der „Philosophie der Lebenskunst“.

„Im westeuropäischen Kulturkreis hat die Theologie ein Defizit an Glaubwürdigkeit“

HK: Ein sehr anspruchsvolles Konzept – und ein sehr aufwendiges Verfahren für die Fragen des täglichen Lebens. Aber ist es für die Normalverbraucherin nicht schlicht eine Überforderung?

Schmid: Es gibt eine gute Alternative: Schaffen wir die Freiheit wieder ab! Geben wir alle Freiheit, alle Wahlmöglichkeiten wieder zurück! Abgesehen davon, dass dieses Vorhaben kaum umzusetzen wäre, bin ich mir nicht sicher, ob moderne Menschen, die real erfahren haben, was wählen können bedeutet, plötzlich auf diese Möglichkeiten wieder verzichten wollten. Ganz im Gegenteil; sie kommen mit Freiheit zwar nicht zurecht, aber sie wollen, von einigen wenigen Ausnahmen mal abgesehen, sie auch nicht abgeben. Also kommt alles darauf an, wahrzunehmen, dass es reale Probleme der Wahl gibt, die sich nicht ohne Weiteres beseitigen lassen. Wenn wir das Dilemma der Freiheit des modernen Individuums als Stand der Dinge anerkennen, gelingt es uns vielleicht, darüber nachzudenken, wie wir besser damit umgehen können, damit wir uns nicht selbst ruinieren. Einer anderen Zielrichtung bedürfen wir meines Erachtens nicht, schon gar nicht einer Erlösung von der modernen Welt und ihren Problemen.

HK: Was vermag eine Philosophie der Lebenskunst aber bezüglich der letzten Fragen eines Menschen zu leisten? Reicht somit der sprichwörtliche „Trost der Philosophie“ zwar bis an das definitive Ende eines Menschenlebens, aber nicht darüber hinaus?

Schmid: Was die Frage nach der Grenze und dem „Darüber hinaus“ betrifft, so gibt es dazu zwei große Theorien: darüber hinaus ist etwas, und darüber hinaus ist nichts. Im Unterschied zu Weltanschauungen, die in dieser Frage gerne Schlüsse vorgeben wollen, kann die Philosophie der Lebenskunst sehr gut damit leben, dass Menschen hier zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Wichtig erscheint lediglich für den Einzelnen, sich darüber klar zu werden, was ihm plausibel erscheint, um darauf sein Leben zu gründen.

HK: Erfährt die Philosophie nicht auch deswegen großen Zuspruch, weil sich heutzutage sowohl die Psychotherapie in gewisser Weise verausgabt zu haben scheint als auch die Bedeutung der christlichen Kirchen schwindet?

Schmid: Was den westeuropäischen Kulturkreis betrifft, scheint die Theologie ein Defizit an Glaubwürdigkeit zu haben. Das erlebe ich beispielsweise bei meiner Arbeit als „philosophischer Seelsorger“ in einem Krankenhaus. Die Menschen konsultieren eher den Philosophen, weniger den Theologen, was aber nicht ihm, sondern dem Image seiner Institution zuzurechnen ist. Das Bild, das sich viele Menschen heute von der Kirche machen, hat sich über Jahrhunderte hinweg verfestigt. Entsprechend könnte es ohne weiteres ein Jahrhundert dauern, bis die Glaubwürdigkeit der Theologie wieder zurückgewonnen wird, das heißt, hier muss nun die Theologie in Vorleistung gehen. Und was den therapeutischen Bereich betrifft, so scheint mir das Arbeitsfeld der philosophischen Lebenskunst sehr viel umfangreicher zu sein. Wer Lebensfragen hat, muss nicht unbedingt zur Therapie gehen.

HK: Ist demgegenüber die Philosophie der Lebenskunst aber in jedem Fall die richtige Adresse? Setzt sie nicht auch eine gewisse Vor-Bildung voraus, was etwa das denkerische Abstraktionsvermögen angeht, um es ganz vorsichtig zu formulieren? Schließlich war ja auch die antike Philosophie eine Frage schicksalhafter gesellschaftlicher Privilegien, waren Sklaven und Frauen von der offiziellen Denkerzunft bekanntlich ausgeschlossen...

„Das Bedürfnis, auf die eigene, überlegene Kultur hinweisen zu müssen, ist ungut“

Schmid: Zur Philosophie der Lebenskunst finden Menschen aus allen sozialen Schichten, Berufen, Altersklassen – ein Phänomen, das mich selbst immer wieder verblüfft: Gerade das Thema der Lebenskunst, das man bislang für so individualistisch hielt, schafft es, die Gesellschaft zu versammeln. Lebenskunst ist offensichtlich nicht nur etwas für Privilegierte oder Eingeweihte. Was die Publikation zur Philosophie der Lebenskunst betrifft, so mögen bei der Lektüre mitunter begriffliche Schwierigkeiten auftreten – in der Diskussion gibt es die nicht. Gerade im Krankenhaus erlebe ich, dass es möglich ist, auf jedes Abstraktionsniveau zu verzichten und ein gewisses Maß an Vertrauen und Sicherheit zu schaffen, um Menschen zu ermutigen, auch mit einem Philosophen über ihre Lebensfragen zu sprechen.

HK: Wenn prinzipiell jeder Mensch das Zeug zum Lebenskünstler oder zur Philosophin hat, wie findet er oder sie den Zugang zu dieser Fertigkeit? Aus gutem Grund spielen Mystagogie und Katechetik eine wichtige Rolle in den Religionen. Wer führt den philosophischen Nachwuchs in die Lebenskunst ein? Lässt sich Lebenskunst überhaupt „lehren“? Kann man sie lernen, und wo läge dafür die mutmaßliche Altersgrenze?

Schmid: Es gibt keine Altersgrenze. Wie es scheint, besitzen Kinder gewissermaßen von Natur aus Lebenskunst. Manches kann man Kindern nahe bringen, aber vieles bringen diese in schonender und liebenswürdiger Weise den Erwachsenen nahe. Lernen lässt sich Lebenskunst zweifellos, wenn nicht in Schule oder Ausbildung, dann im Leben, schlicht durch Erfahrungen, Begegnungen und Ereignisse, zu denen man sich irgendwie verhalten muss. Lehren jedoch kann man bestenfalls theoretische Grundlagen von Lebenskunst, wobei es niemals darum gehen kann, Menschen zu sagen, wie sie zu leben haben. Es lassen sich aber durchaus Grundlagen, Zusammenhänge und Themen aufzeigen, mit denen ein Mensch im Laufe seines Lebens sicher konfrontiert wird: Macht, die Frage nach Glück, die Frage nach Sinn, Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Es geht darum, Menschen zu befähigen, ihre eigene Wahl zu treffen.

HK: Haben aber nicht auch die Religionen im Laufe der Zeit ihre je eigenen Techniken der Lebenskunst entwickelt? Das Christentum beispielsweise hat sich doch schon seit Alters mit den Fragen einer spezifisch christlichen Lebensführung befasst und auch um deren theoretische Begründung bemüht.

Schmid: Der Kirchenvater Klemens von Alexandrien, gestorben um 215, ist ein gutes Beispiel dafür: Sein „Paidagogus“ enthält nichts anderes als eine christliche Lebenskunst. Klemens übernimmt sogar genau diesen Begriff aus der antiken Philosophie und beschreibt en detail, was christliche Lebenskunst ausmacht. Was das Essen und Trinken angeht, das Baden, das Miteinander-Schlafen – sehr konkrete Lebensfragen, die die Menschen interessieren. Ich bin überzeugt, dass auch heutige Menschen weniger an haarspalterischen theologischen Erwägungen interessiert sind als an der Frage, wie sie ihr Leben bestreiten können. Man muss dabei ja nicht unbedingt wie Klemens vorgehen, der normative Vorgaben macht. Aber lebenspraktische Themen in den Räumen der Kirche zu erörtern, würde vielen Menschen den Zugang zu dieser Institution erleichtern, deren Schwelle heute in vieler Hinsicht zu hoch angesetzt ist.

HK: Hätten die einzelnen Religionen insofern die Aufgabe, auf der Basis der Lebenskunst ihr je eigenes Profil zu entwickeln und zu zeigen, was zum Beispiel eine christliche Lebenskunst ausmacht?

Schmid: Warum sollte es nötig sein, sich profilieren zu müssen, anstatt sich damit zu bescheiden, dass man eben ein Angebot unter vielen ist? Das ist ein Ehrgeiz, den ich nicht ganz nachvollziehen kann. Das Bedürfnis, andere Kulturen zwar anzuerkennen, im selben Zuge aber auf die eigene, überlegene Kultur hinweisen zu müssen, erscheint mir ungut. Gerade im theologischen Bereich lassen sich deutlich die kontraproduktiven Konsequenzen eines überbordenden Anspruchs beobachten: Die Menschen gehen weg, wenn sie damit konfrontiert werden. Aber das ist ein Problem der römischen Glaubenskongregation; es gibt viele Christinnen und Christen, die anders ansetzen. Gott sei Dank, denn ich persönlich mag mir keine Welt vorstellen, aus der die christliche Kultur verschwunden wäre.

„Wir haben die Wahl: in der Theorie ethisch und moralisch korrekt zu sein – ohne Wirkung“

HK: In Ihrem Projekt der Philosophie der Lebenskunst geht es nicht zuletzt um die Suche nach einer „anderen Moderne“: Während die heutige Moderne über den Zustand der Befreiung von gesellschaftlichen Bindungen, Traditionen, Raum und Zeitvorstellungen nicht herausgekommen sei, ginge es in der anderen Moderne darum, die fehlenden Formen der Freiheit auszuarbeiten. Wie könnte ein Aufbruch in eine andere Moderne aussehen und welchen Beitrag die Philosophie der Lebenskunst dabei leisten?

Schmid: Im Rahmen meiner Lehrtätigkeit an der Universität in Tiflis in Georgien kann ich den dramatischen Prozess einer Gesellschaft beim Übergang in die Moderne zurzeit hautnah mitverfolgen. Der Staat dort hat kaum Mittel zur Verfügung, es gibt keine Industrie und 60 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos. Es ist offenkundig, dass eine Modernisierung technischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art nötig ist. Das jedoch wird Traditionen treffen: In Georgien ist die Großfamilie noch intakt, und gesellschaftliche Modernisierung bedeutet deren sichere Auflösung – ein Prozess, der sich bei den Studierenden schon abzuzeichnen beginnt. In dieser Situation versuche ich, mit den Mitteln der Reflexion ein nützliches Handwerkszeug zur Verfügung zu stellen. Vorlesungen über die Kirchenväter etwa können dazu beitragen, ein historisches Bewusstsein vom Christentum zu entwickeln. Die Kirchenväter, die in weit höherem Maße als die Evangelien oder Paulus die Grundlage jenes Christentums bilden, das heute in Erscheinung tritt, helfen die christliche Kultur und ihren Werdegang zu verstehen. Die orthodoxe Kirche, die jegliche Modernisierung bekämpft, erscheint dann nicht mehr als das einzig richtige Modell des Christentums, das sie zu sein beansprucht. Vielleicht entsteht auf diesem Wege zugleich ein Bewusstsein von Religiosität, die nicht zwingend ans Christentum gebunden ist, ein verbindendes Zwischenglied, eine Brücke zwischen Areligiosität und Orthodoxie, zwischen dem einen und dem anderen Teil der georgischen Gesellschaft, die sonst über der Frage Orthodoxie oder Moderne früher oder später zu zerbrechen droht.

HK: Man hat Ihnen verschiedentlich vorgeworfen, die Ethik durch Lebenskunst ersetzen zu wollen. Anstelle der Pflicht solle die Klugheit oder die Reflexion treten, der menschliche Hang zum Egoismus weniger bekämpft als kooperativ genutzt werden. Lebenskunst als geschicktes soziales Zusammenspiel moderner Individuen, die sich nicht mehr kollektivieren lassen?

Schmid: Ist das schlimm? Wir haben die Wahl: in der Theorie ethisch und moralisch korrekt zu sein – wenn auch ohne jegliche praktische Wirkung. Oder uns davon zu lösen und auf andere Weise zu bewerkstelligen zu suchen, was die Moral ursprünglich wollte. Stellen wir uns doch auf die faktische Situation ein: Menschen in dieser Kultur, in dieser Zeit sind ansprechbar auf ihren Egoismus. Sprechen wir sie also an und sagen: Nun versuche einmal, ein konsequenter Egoist zu sein! Was tut ein konsequenter Egoist? Er versucht, sich selbst nicht zu schaden. Was schadet mir am meisten? Mein Egoismus. Also versuche ich aus Egoismus, mich von meinem Egoismus zu lösen. Und wenn das relativ konsequent betrieben wird, landen wir wenigstens mit den besseren Exemplaren des Egoismus – tatsächlich beim Altruismus, und zwar aus Egoismus. Ist das besonders schlimm?

HK: Man könnte Ihnen den Vorwurf des Utilitarismus machen, nur den eigenen Nutzen bei größtmöglichem persönlichem Lustgewinn im Auge zu haben...

Schmid: Die Konsequenzen des eigenen Handelns im Auge zu behalten, ist gute alte philosophische Tradition: Quidquid agis, prudenter agas et respice finem, so findet man das bei Cicero. Was immer du tust, handle klug und bedenke den Ausgang. Ich wüsste nicht, was daran verwerflich sein sollte. Die philosophische Tugend der Klugheit wurde im modernen Moral- und Ethikdiskurs zu Unrecht vollständig gemieden. Die Klugheit ist unverzichtbar: Sie ist angebunden an das Individuum und sogar an das Ego, an das Eigeninteresse. Um der Klugheit willen wird aus Eigeninteresse etwas betrieben, was man Sensibilisierung nennen kann. Was mich selbst angeht, so ist meine Tätigkeit im Krankenhaus weder dem Zufall noch der Moral geschuldet, sondern ein Resultat der Überlegung, Lebenskunst nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu versuchen, und das kann heißen, auf andere zuzugehen und für andere da zu sein. Die Grundlage dafür ist die Sorge um sich und Stärkung des Selbst – strikt nach dem christlichen Grundsatz des „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, der sich ähnlich schon in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles findet. Das ist Bestandteil einer „Goldenen Regel“, wie sie zu jeder Kultur gehört – das eigentliche Weltethos.

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