KommentarÜberfordert

Die Kleruskongregation will die Pfarrer ermutigen.

Es sind die, die an vorderster Front zu kämpfen haben, denen sich eine Ende Oktober veröffentlichte Instruktion der Kleruskongregation mit „besonders herzlicher Aufmerksamkeit“ widmete: die Priester in den Pfarreien. Niemand wird dabei ernsthaft bestreiten, dass die Pfarrer tatsächlich, wie die Kurialen schreiben, häufig mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, zumindest in den Pfarreien der Kirchen westlicher Gesellschaften. Hilfe, Ermutigung und Anregung soll die Instruktion geben.

Dabei fällt bei einer ersten Lektüre zunächst die nahezu eifersüchtige Sorge vor Übergriffen der Laien auf priesterliche Aufgaben und Dienste ins Auge. Die Kleruskongregation verfolgt aber eine andere Stoßrichtung. Sie will die gleichermaßen prekäre wie unverzichtbar wichtige Stellung des Pfarrers zum Anlass nehmen, um mit größerer Klarheit den wesensmäßigen und vitalen Unterschied zwischen dem allgemeinen Priestertum und dem Amtspriestertum herauszustellen. Denn in den letzten Jahrzehnten habe die Kirche die Erfahrung gemacht, dass Probleme der priesterlichen Identität von einer zu wenig klaren Anschauung hinsichtlich der beiden Arten der Teilhabe am Priestertum Christi herrührten. Aus dieser Unklarheit aber resultiert, was an mehreren Stellen der Instruktion als eine der Hauptsorgen der Kongregation deutlich wird: die vorgebliche Klerikalisierung der Laien und die Säkularisierung der geistlichen Amtsträger.

Der Titel der Instructio: „Der Priester, Hirte und Leiter der Pfarrgemeinde“ ist damit Programm: Den Schwierigkeiten vieler Pfarrer mit ihrer Situation und ihrem Amt werden ein sehr entschiedenes Priesterbild, ein sehr enggeführtes Amtsverständnis als Korrektiv gegenübergestellt; der Priester als „alter Christus“. Ausschließlich der Priester vergegenwärtigt Christus und in dieser unbedingten Christusbezogenheit ist er der Gemeinde strikt gegenübergestellt. Stütze und Hilfe in dieser schwierigen Situation sollen dem Pfarrer neben einer ausgeprägten Sakramentenfrömmigkeit auch die Treue gegenüber der kirchlichen Disziplin sein, in reifer Annahme der eigenen amtlichen Verpflichtung und in besonderer Fügsamkeit gegenüber liturgischen Gesetzen. Mit diesem Priesterbild steht die neue Instruktion entschieden in einer Linie mit dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Pastores dabo vobis“ von 1992, mit dem „Direktorium für Dienst und Leben der Priester“ von 1994, mit der interdikasteriellen Instruktion „Ecclesiae de Mysterio“, der sogenannten Laieninstruktion von 1997 und mit dem Rundschreiben der Kleruskongregation „Der Priester, Lehrer des Wortes, Diener der Sakramente und Leiter der Gemeinde für das dritte christliche Jahrtausend“ von 1999.

Mehr oder minder ausgesprochen enthält der Text dabei eine ganze Reihe Vorwürfe und wohl auch Unterstellungen an die Adresse der Pfarrer. Sie sollen etwa daran mitschuldig sein, dass an manchen Orten ein vielfältiges Erscheinungsbild des Priesters vorherrsche, das vom Soziologen zum Therapeuten, vom Arbeiter zum Politiker, zum Manager, bis zum „pensionierten Priester“ reiche. Beim letzten Punkt sieht sich die Kleruskongregation sogar veranlasst, daran zu erinnern, dass der Priester Träger einer ontologischen Weihe ist, die sich auf die ganze Zeit seines Lebens ausdehnt. Wie muss es den Pfarrer vor Ort ankommen, wenn die Instruktion selbstverständlich von der Dringlichkeit spricht, dem priesterlichen Dienst namentlich in der Pfarrei größeren Schwung zu geben – und zwar auf der Grundlage eines authentischen Verständnisses des Dienstes des Priesters? Soll umgekehrt gelten, dass der fehlende Schwung von der fehlenden Auseinandersetzung oder mangelnder Kenntnis der authentischen Theologie des Priestertums rührt? Was höchst plausibel klingt, wird in der Umkehrung ebenfalls zum Vorwurf: Wer innerlich austrocknet, hat die Prioritäten falsch gesetzt. Und muss das Gleiche nicht auch für den von der Kleruskongregation gebrandmarkten „Bürokratismus, Funktionalismus, Demokratismus“, das Managerhafte gelten, dem manche Pfarrer verfallen seien? An anderer Stelle wird eine Klage über den Priestermangel mehr oder minder abgetan als hausgemachtes Problem, die Ursache im fehlenden Eifer um Berufungen von Priester und Gemeinde gesucht. In ihrer ganzen Anlage ist die Instruktion wenig geeignet, den Adressaten die versprochene Hilfe und Ermutigung verschaffen zu können. Zuallererst, weil sie die in den vielfachen pastoralen Zwängen dringend benötigte Entlastung verweigert: Vor allem die Entlastung, im Vertrauen auf die Fähigkeit und Begabung sowie nicht zuletzt auch den Glaubenssinn aller Gläubigen nicht für alles, die Zukunft der Kirche und das Heil der Welt selbst und alleine verantwortlich zu sein. Die Entlastung aus Versprechen und Hoffnung, sich einreihen zu dürfen in die Gemeinschaft der Glaubenden in gleicher Distanz und gleicher Nähe zu Jesus Christus.

Ganz anders gestimmt war der fast zeitgleich öffentlich gewordene Vortrag von Kardinal Karl Lehmann anlässlich der Jubiläumsakademie „450 Jahre Ponitficium Collegium Germanicum“, gleichfalls programmatisch betitelt: „Erwartungen eines Bischofs an die Priesterausbildung“ Entschieden stellte Lehmann diesen Erwartungen voran die „Verwurzelung aller Dienste und Ämter im gelebten Glauben, der jedem Christen aufgegeben ist“. Denn viel zu schnell, so Lehmann, stelle man gelegentlich das gemeinsame Priestertum aller Glaubenden und das Priestertum des Dienstes gegenüber; der gemeinsame „Wurzelbereich“ stehe immer in Gefahr, aufgegeben zu werden. „Diese elementare Zusammengehörigkeit im gemeinsamen Zeugnis des Christseins scheint mir eine wichtige abwehrende Instanz zu sein gegen einen Klerikalismus, der letztlich den priesterlichen Dienst isoliert und überhöht, was dann auch einer Immunisierung gleich kommt.“

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