Glaubensfrei

Woran glauben wir? An den Markt? Oder an die technische und moralische Überlegenheit des Westens? Die Neuausgabe eines Moltmann-Klassikers rückt die Dinge zurecht.

Hat der christliche Glaube einer Zeit der zerfallenden Glaubenssätze noch etwas Tragfähiges anzubieten? Seit mehr als einem halben Jahrhundert arbeitet der evangelische Theologe Jürgen Moltmann an Entwürfen einer weltzugewandten Theologie. Mit einer kleinen Schrift von 1971 verweist er auf einen Gott, der die schöpferischen Kräfte von Menschen freisetzen und nicht durch das ständig nagende Gefühl der Unzulänglichkeit blockieren will.

Spielerisch glauben

„Die ersten Freigelassenen der Schöpfung“ – so hatte Johann Gottfried Herder im Jahr 1770 die Menschen ausgezeichnet. Moltmann knüpft daran an: „Freigelassene … freuen sich zuerst an ihrer Freiheit und probieren spielend ihre neuen Möglichkeiten und Kräfte aus. Warum ist davon so wenig zu merken? … Es wird kaum etwas Gutes und Gerechtes zustande kommen, wenn es nicht im Überschwang der Freude und der Leidenschaft der Liebe geschaffen wird.“ Für diese Haltung wirbt Moltmann eindringlich. Er geht dabei von den Grundlagen des biblischen Menschenbildes aus und überführt sie in Perspektiven für die Gemeindepraxis.

Seit seiner Analyse und Mahnung sind nun 50 Jahre vergangen. Doch unsere Gesellschaft oder wenigstens die Gemeinschaften der an Christus Glaubenden sind seither nicht entscheidend mehr vom Überschwang der Freude und dem freien spielerischen Ausprobieren von Möglichkeiten geprägt. Moltmanns Schrift hat deshalb an Aktualität nichts eingebüßt. Er selbst schätzt den Traktat von allen seinen Schriften besonders hoch; man kann ihn als sein theologisches Vermächtnis betrachten.

Perle theologischen Denkens

Eingerahmt ist die Neuausgabe durch ein Geleitwort von Richard Kölliker, der den Bogen von Moltmanns „Theologie der Freude“ bis hin zu den ökologischen Herausforderungen der Gegenwart und einer „sakramentalen Spiritualität der Erde“ spannt. Am Schluss findet sich als Widmungstext ein wunderschönes Denkbild der Herausgeberin Rosemarie Egger, dazu eine kurzgefasste Lebens- und Werkgeschichte des Autors aus ihrer Hand. Man kann dieser kostbaren Perle theologischen und geistvollen Denkens nur eine erneute weitreichende Resonanz wünschen.

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