Biblische WundererzählungenAlles gut?

Jesus heilt, und die Welt ist eine andere. Wie wir das Licht der Wundergeschichten auch in unserem Alltag zum Leuchten bringen.

Er hat alles gut gemacht“ (Mk 7,37). So die staunende Reaktion der Menge, nachdem Jesus den Taubstummen geheilt hat. Was für ein Satz! Allerdings: Ist das nicht sehr groß gesprochen – „alles“? Man muss die Heilung nicht kleinreden, um das etwas übertrieben zu finden. Offensichtlich zeigt sich für die, die es erleben, noch mehr als „nur“ ein Heilungswunder.

Was ist das „alles“, das da aufleuchtet? Ich habe jedes Mal, wenn dieses Evangelium gelesen wird, eine Passage aus Bachs Matthäuspassion im Ohr. Dort fragt Pilatus jene, die ihm Jesus ausliefern: „Was hat er denn Übles getan?“ Vor die Antwort der Menge im Evangelium ist ein Sopran-Solo eingeschoben, das die Antwort aus Sicht des Glaubens gibt: „Er hat uns allen wohlgetan/Den Blinden gab er das Gesicht/Die Lahmen macht er gehend/Er sagt uns seines Vaters Wort/Er trieb die Teufel fort/Betrübte hat er aufgericht’/Er nahm die Sünder auf und an./Sonst hat mein Jesus nichts getan.“

Es geht um eine neue Zeit des Heils, die im Wirken Jesu greifbar wird. Und dafür gelten gerade Heilungen als besonders starke Zeichen. So heißt es bei Jesaja: „Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott!… Er selbst kommt und wird euch retten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt“ (Jes 35,4–6a). Das Staunen, dass „alles gut“ ist, verweist außerdem auf Genesis 1, wo Gott wiederholt von seinem entstehenden Schöpfungswerk sagt, es sei gut, am Ende sogar „sehr gut“ (Gen 1,31). Auch wenn die Erzählung den Anfang der Welt zu beschreiben scheint, ist es doch, ebenso wie Jesaja 35, eigentlich ein Hoffnungstext: Wir hoffen gegen den Augenschein, dass die Welt im Tiefsten gut ist, weil sie im Willen eines guten Gottes gründet, und dass deshalb „am Ende“ alles gut werden kann.

Die Heilung ist ein Zeichen. Das heißt nicht, dass sie in sich unwichtig wäre. Aber sie verweist auf mehr. Es geht um den größeren Horizont der Hoffnung, dass Gott letztlich alles gut machen wird – immerhin war der Satz „Er hat alles gut gemacht“ als schlichte Gegenwartsbeschreibung damals so wenig zutreffend, wie er es heute ist.

Im Blick auf unsere Welt kann sich der staunende Ausruf in einen Schrei verzweifelter Sehnsucht verwandeln: Herr, warum sieht man so wenig von deinem Heil? Der Ort, an dem in der Matthäuspassion die jesuanischen Heilszeichen aufgezählt werden, zeigt, dass diese Spannung das Christentum von Anfang an begleitet: Der, der „alles gut gemacht hat“, wird kein Friedensreich aufrichten, sondern am Kreuz hingerichtet werden. Und auch nach seiner Auferstehung bleibt es dabei, dass das Heil hier und da aufleuchtet, aber sich gewissermaßen noch nicht niederlässt.

Aber immerhin: Es leuchtet. So kann der Text anregen, sich auf die Suche nach Spuren eines solchen „aufleuchtenden Heils“ zu machen. Gab es Momente, in denen ich sagen konnte: „Er hat alles gut gemacht“? Wer solche Erfahrungen machen durfte, weiß um ihre Kraft. Eine Kraft, die sie auch dann nicht verlieren, wenn wir anschließend wieder mit ganz viel Noch-nicht-Gutem konfrontiert werden.

Ein solches Aufleuchten kann spektakulär sein, aber auch sehr diskret. So diskret wie Jesus selbst in seinem heilenden Handeln. Er inszeniert sich – wie so oft – nicht als Zauberer, sondern er nimmt den Taubstummen ausdrücklich „beiseite, von der Menge weg“ (Mk 7,33). Und er verbietet sogar, über die Heilung zu sprechen (woran sich niemand hält). Ein solch merkwürdiges Verbot wird uns bei der Lektüre des Markusevangeliums noch öfter begegnen.

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