1700 Jahre jüdisches Leben in DeutschlandFaszination und Ablehnung

Alle reden gerade über „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Aber wie kommt man eigentlich zu dem Datum? Die Spurensuche führt von Köln in die römische Antike – und zurück. Ein historischer Ausflug.

Köln – eine Stadt mit langer jüdischer Geschichte. Im Jahr 2007 feierten sie dort die Rückkehr einer restaurierten Tora-Rolle, welche die Nazis geschändet hatten.
Köln – eine Stadt mit langer jüdischer Geschichte. Im Jahr 2007 feierten sie dort die Rückkehr einer restaurierten Tora-Rolle, welche die Nazis geschändet hatten.© Foto: picture-alliance/ dpa / DB Henning Kaiser

Gäbe es eine „Zahl des Jahres“, so wie es ein „Wort des Jahres“ gibt – 1700 hätte das Zeug dazu. In Verbindung mit der Jahreszahl 321 nach Christus berichten seit Jahresbeginn Theologen, Historiker und Feuilletonisten über 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, ein Anlass zum Danken und Denken. Doch das Jubiläum lädt in seiner Verkürzung zu kritischen Anmerkungen ein: Im Jahr 321, an dem der urkundliche Beginn jüdischen Lebens und jüdischer Kultur hierzulande festgemacht wird, kann von „Deutschland“ keine Rede sein. Die Zeitreisenden befinden sich in der römischen Spätantike, in der Regierungszeit Konstantins des Großen, der 324 nach seinem Sieg über seinen Mitkaiser und Schwager Licinius Alleinherrscher im Römischen Reich wurde.

Ein trügerisches Privileg

Am 11. Dezember 321 veröffentlichte Konstantin ein Dekret, das im Codex Theodosianus, einer spätantiken Gesetzessammlung, überliefert ist. Der Erlass richtete sich an die Dekurionen, die Ratsherren, von Köln. In einer „generellen Anordnung“ für sein Herrschaftsgebiet verfügte der erste christliche Kaiser: „Allen Stadträten erlauben wir durch ein allgemeines Gesetz, die Juden in die Kurie (in den Rat) zu berufen. Damit ihnen aber eine Entschädigung für den früheren Brauch (die Befreiung vom Dienst in der Kurie) verbleibt, so wollen wir jeweils zweien oder dreien das Vorrecht gewähren, durch keinerlei Berufungen in Anspruch genommen zu werden.“

Auf den ersten Blick scheint das Gesetz den Juden ein Privileg zu verleihen. Doch auf den zweiten Blick entpuppt es sich als „Zwangsmaßnahme“. Die Mitgliedschaft in einem Stadtrat war längst nicht mehr wie in früheren Zeiten nur eine Ehre. Sie war zu einer Last geworden, weil die Dekurionen kommunale Aufgaben zu erledigen hatten und mit ihrem Vermögen für die Abgabe der Steuern hafteten. So mancher entzog sich dieser Bürde, indem er in das Heer oder in die kaiserliche Verwaltung eintrat, deren Angehörige von Steuern befreit waren. Saß man einmal im Stadtrat, dessen Mitgliedschaft damals erblich geworden war, konnte man sich nur durch Flucht oder durch Vermögensverzicht von den belastenden Pflichten befreien. Kein Wunder, dass die Kölner Ratsherren bemüht waren, ihre Lasten auf viele Schultern zu verteilen, und daher begehrliche Blicke auf wohlhabende Einwohner jüdischen Glaubens warfen.

Das war der im überlieferten verkürzten Gesetzestext übergangene Anlass, warum sich die Ratsherren an den Kaiser gewandt hatten und frühere antijüdische Ressentiments zurückstellten. Wahrscheinlich hatten sich die in Frage kommenden Kandidaten gegen die Begehrlichkeiten zur Wehr gesetzt, und der Streit konnte nur mit einem Machtwort des Kaisers entschieden werden. Das tat er mit obigem Reskript zugunsten der alteingesessenen Ratsherren.

Und doch ein Zugeständnis

Ein eingeschränktes Privileg sprach Konstantin doch noch aus: Zwei oder drei wohlhabende Angehörige der jüdischen Gemeinde sollten von einer Mitgliedschaft im Rat befreit sein. Köln wurde Präzedenzfall für andere Städte im Herrschaftsbereich Konstantins. Zehn Jahre später erließ er am 1. Dezember 331 ein weiteres Gesetz, das die jüdische Priesterschaft und die Synagogendiener von allen Dienstverpflichtungen befreite: „An die Rabbinen, die Archisynagogen (Vorsteher), die Synagogenväter (Ältesten) sowie die übrigen, welche an demselben Ort (den Synagogen) ein Amt bekleiden: Wir verordnen, dass die Rabbinen, Archisynagogen, Synagogenväter sowie die übrigen, welche in den Synagogen ein Amt bekleiden, von jeder persönlichen Leistung frei sein sollen.“ Der jüdische Klerus sollte der heidnischen Priesterschaft und dem christlichen Klerus gleichgestellt werden, nachdem das Christentum 311 im sogenannten Toleranzedikt des Kaisers Galerius zu einer religio licita, einer erlaubten Religion, erklärt worden war. Doch auch Konstantin war vor antijüdischen Polemiken nicht gefeit. So drohte er Juden, welche die zum Christentum bekehrten Glaubensgenossen bedrängten oder gar steinigten, den Tod auf dem Scheiterhaufen an, ebenso ihren Helfershelfern. Im selben Gesetz nannte der Kaiser die Juden eine „abscheuliche Sekte“, und jeder, der sich zu ihnen bekehrte, sollte ebenfalls bestraft werden.

Kaiser Konstantin der Große, gest. 337
Kaiser Konstantin der Große, gest. 337© Copyright: picture-alliance / Prismarchivo / Prismaarchivo

Das konstantinische Gesetz von 321 gilt als die früheste urkundliche Erwähnung von Juden in „Deutschland“. Die Betonung liegt auf „urkundlich“. Denn Gesetze beschreiben in der Regel den Endpunkt längerer Entwicklungen und Diskussionen. So lebten die Kölner Jüdinnen und Juden wohl spätestens seit dem ersten nachchristlichen Jahrhundert in der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, deren klingender Name auf die Patronin anspielte: Iulia Agrippina die Jüngere, Tochter des römischen Feldherrn Germanicus, Gattin des Kaisers Claudius und Mutter des berüchtigten Nero. Zu ihren Ehren war im Jahr 50 aus der Siedlung am Rhein eine colonia mit besonderen Rechten geworden. An Kölns römische Zeit schlossen sich eine fränkische und eine karolingische Epoche an. Vielschichtige Entwicklungen gingen ins Land, bis sich Köln eine „deutsche“ Stadt nennen konnte.

Abgesehen von der ersten Erwähnung Kölner Juden schweigt die literarische Überlieferung zu den Anfängen jüdischen Lebens in den Nord-West-Provinzen des Römischen Reichs. Archäologische Funde des ersten und zweiten Jahrhunderts, die allerdings spärlich ausfallen, bestätigen jedoch, dass es dort Einwohner jüdischen Glaubens gab.

Jahreszahlen sind die Krücken der Geschichte. An ihnen werden Ereignisse und Entwicklungen festgemacht, die in der Regel eine Vor- und Nachgeschichte haben. Und doch sind sie notwendig, um gemeinsame Bezugspunkte für das Denken und Sprechen über die historia, die Erforschung der Zeitläufe, zu gewinnen. Wer sich mit den Anfängen jüdischen Lebens im heutigen Deutschland beschäftigt, darf die Geschichte der Juden im Römischen Reich nicht vernachlässigen. Denn sie bot den Nährboden, auf dem sich jüdisches Leben jenseits der Alpen entwickelte.

In römischer Zeit gab es ein vielfältiges jüdisches Leben außerhalb der Provinz Judäa, und es lebten wohl mehr Juden und Jüdinnen in der Diaspora als in ihrem Stammland. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wird im ersten nachchristlichen Jahrhundert auf zehn Prozent geschätzt. Sie kamen als Soldaten, Händler oder Flüchtlinge, die das effiziente Verkehrsnetz aus Fernstraßen und Raststationen und die generelle Bewegungsfreiheit im Römischen Reich nutzten. Die meisten von ihnen lebten im hellenisierten Osten, doch hinterließen sie, wenn auch in geringer Zahl, einige Spuren in den Donauprovinzen, in Gallien und Germanien. Neu eingerichtete Provinzen boten tüchtigen Handwerkern die Möglichkeit, am Aufbau teilzuhaben und sich einen auskömmlichen Lebensunterhalt zu erarbeiten. Zu den ökonomischen Anreizen trat der Wunsch nach Sicherheit und Frieden, der für die Diaspora-Juden nach der zweimaligen Zerstörung des Jerusalemer Tempels 587/86 vor Christus und 70 nach Christus ein weiteres Motiv war, ihr Glück in der Migration und im Exil zu suchen.

Ein erster Kontakt mit den zur Mittelmeer-Macht aufgestiegenen Römern fiel in das Jahr 161 vor Christus: Während des Makkabäer-Aufstandes schloss eine jüdische Gesandtschaft mit Rom ein Bündnis, das in den folgenden Jahren mehrmals erneuert wurde. Direkt in Palästina griff der römische Feldherr Pompeius ein, nachdem er 64 vor Christus Syrien erobert und zur römischen Provinz gemacht hatte. Anlass gab der Kampf der Hasmonäerbrüder Aristobul und Hyrkan um das Amt des Hohenpriesters, in dem sich der Römer auf die Seite Hyrkans stellte. Pompeius eroberte Jerusalem und nahm Aristobul und seine Familie als Gefangene mit nach Rom. Dass er nach dem Fall Jerusalems das Innere des Tempels betreten und so entweiht hatte, vergaßen ihm die Juden nie. Die große Zahl der Kriegsgefangenen, die er zudem an den Tiber verschleppte und die später freigelassen wurden, bildete den Kern einer jüdischen Gemeinde in der Hauptstadt. \Julius Caesar war den Juden so freundlich gesonnen, dass sie nach seiner Ermordung 44 vor Christus zu denen gehörten, die ihn beim Leichenbegängnis besonders lautstark betrauerten. Denn er hatte den jüdischen Gemeinden freie Kultausübung und die Sabbatruhe garantiert.

Synagoge von Rom, 1986: Großrabbiner Toaff empfängt Johannes Paul II.
Synagoge von Rom, 1986: Großrabbiner Toaff empfängt Johannes Paul II.© Copyright: picture alliance / ©Catholic Press Photo | ©Giancarlo Giuliani/CPP / IPA

Augustus, der sich im Bürgerkrieg nach Caesars Tod als Herrscher durchgesetzt und das Römische Kaiserreich begründet hat, setzte die judenfreundliche Politik seines Adoptiv-Vaters fort. Zu seiner Regierungszeit (31 vor Christus bis 14 nach Christus) zählte Rom wohl mehrere Zehntausend jüdische Bewohner, unter ihnen Sklaven, Freie aus den Provinzen und römische Bürger. Nicht nur in der Großstadt am Tiber hatten sie sich niedergelassen, sondern auch in vielen Städten des Römischen Reichs gab es inzwischen jüdische Gemeinden mit Synagogen.

Der Bericht über das erste christliche Pfingstfest in der Apostelgeschichte (2,1–13) belegt das. Er erwähnt die Ursprungsorte der Juden, die zu Pfingsten nach Jerusalem gekommen waren: „Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asia, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten.“ Die größte jüdische Gemeinde außerhalb Palästinas lebte im ägyptischen Alexandria, wo es immer wieder zu Konflikten mit griechischstämmigen Einwohnern kam.

Roms Kaiser und die Juden

Zu Augustus unterhielt König Herodes (37 bis 4 vor Christus) gute Beziehungen, die mit zur Stabilität seiner tyrannischen Herrschaft im Innern beitrugen. Daher war es nicht verwunderlich, dass nach seinem Tod Unruhen ausbrachen, die sein Nachfolger Archelaos nicht in den Griff bekam. Eine jüdische Gesandtschaft bat daher Augustus, diesen abzusetzen, worauf der Kaiser im Jahr 6 Judäa zu einer Provinz unter einem römischen Statthalter machte.

Der Nachfolger des Augustus – Tiberius – hatte Vorbehalte gegen die römischen Juden. Da einige von ihnen eine vornehme Dame betrogen hatten, schickte er 4000 waffenfähige Juden nach Sardinien, um dort die Räuberplage zu bekämpfen. Süffisant bemerkte er: Wenn sie dort infolge des ungünstigen Klimas zugrunde gingen, sei das ein billiger Verlust. Die übrigen Juden sollten Italien verlassen, es sei denn, sie würden zu einem festgesetzten Termin die Vielgötterreligion annehmen. Nach dem Tod des Tiberius im Jahr 37 kehrten viele verbannte Juden nach Rom zurück.

Sein Nachfolger Caligula empfing eine jüdische Gesandtschaft aus Alexandria, die ihn bat, in ihren Synagogen keine Götter- und Kaiserstatuen aufzustellen. Über den enttäuschenden Verlauf der Verhandlung berichtete später der jüdische Philosoph Philo, der die Gesandtschaft angeführt hatte. Eindrucksvoll beschrieb er, wie herablassend und beleidigend der Kaiser die Gesandten behandelte.

Der hemdsärmelige Umgang der Römer mit jüdischen Gesetzen und Bräuchen führte immer wieder zu Reibereien. Grundsätzlich hatten die „Herren des Erdkreises“ Respekt vor dem Alter der jüdischen Religion, aber sie taten sich schwer mit dem konsequenten Monotheismus der Juden, die zudem den Kaiserkult ablehnten. Für manche Bräuche wie die Beschneidung brachten die Römer überhaupt kein Verständnis auf.

Die Juden in der Hauptstadt Rom bildeten keine einträchtige und homogene Gemeinde, wie ein berühmter Zwischenfall unter Caligulas Nachfolger Claudius (41 bis 54 nach Christus) enthüllt. Über den Vorfall berichtete der Biograph Sueton in seiner Vita des Kaisers: Claudius verbannte die Juden aus Rom, die „unter einem Anstifter Chrestus Tumulte veranstaltet hatten“. Eine alte Diskussion entzündete sich an der Identität dieses Chrestus, dessen griechischer Name Christus ausgesprochen wird. War der Grund der Auseinandersetzungen etwa ein Streit zwischen orthodoxen Juden und Judenchristen, wie er mehrfach in der Apostelgeschichte bezeugt ist? In diesem Fall wäre der Sueton-Text aus dem Jahr 49 das älteste nichtchristliche Zeugnis über Jesus. Christusgläubige Juden waren nach Rom gekommen und stießen dort auf ehemalige Glaubensgenossen, die schon längst in der Hauptstadt heimisch geworden waren. Das aus der Apostelgeschichte und aus Paulusbriefen bekannte christliche Missionarsehepaar Prisca und Aquila gehörte zu denen, die damals Rom verlassen mussten. Außenstehende sahen zu diesem Zeitpunkt noch keinen Unterschied zwischen Juden und Christen.

Der römische Historiker Tacitus fällt ein vernichtendes Urteil

Die ausführlichste lateinische Darstellung des antiken Judentums findet sich zu Beginn des fünften Buchs der „Historien“, mit dem der Geschichtsschreiber Tacitus etwa um das Jahr 100 seine Geschichte des jüdischen Kriegs von 66 bis 70 eingeleitet hat. Sie selbst ist allerdings nicht mehr erhalten. Aus seinen Kapiteln, die griechischen und lateinischen Vorlagen folgen, spricht der Vorbehalt, sogar der Hass einzelner Autoren gegen die Juden. So verunglimpfte der Philosoph Seneca, der Erzieher und langjährige Berater Neros, die Juden als die „abscheulichste Nation“. Allerdings bewunderte mancher Zeitgenosse auch den jüdischen Monotheismus.

Tacitus beginnt mit der Herkunft der Juden und äußert sich ausführlich zur hässlichsten Version: Die Juden waren die Nachfahren von Aussätzigen, die aus Ägypten vertrieben wurden und unter Moses Führung in ihre jetzige Heimat gekommen waren. Auf ihrer Wüstenwanderung wurden sie nicht von einem himmlischen Führer geleitet, sondern von einer Herde Wildesel, welche die Verdurstenden an eine Wasserstelle brachten. Um seine Macht zu sichern, führte Mose neue religiöse Bräuche ein. Zu den auffälligsten zählte Tacitus das Verbot von Schweinefleisch, die Beschneidung und die Sabbatruhe. Typisch jüdisch waren dem römischen Historiker zufolge auch die Abgrenzung von allem Fremden, weshalb der Geschlechtsverkehr mit nichtjüdischen Frauen untersagt war. Umso enger war der innere Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfsbereitschaft. Zeugungslust und das Verbot, Kinder zu töten, führten laut Tacitus zum Anwachsen der jüdischen Bevölkerung. Der Glaube, dass die Seelen der Gefallenen ewiges Leben haben, machte die Juden im Kampf zu gefährlichen Gegnern, wie der nachfolgende Krieg belegen würde. Vielleicht spielte der Historiker in dem Zusammenhang auch auf die Belagerung der Festung Masada an, die erst nach dem kollektiven Selbstmord der jüdischen Verteidiger im Jahr 74 fiel. Sicher wollte er vor zukünftigen Konflikten warnen.

Ruine der Masada-Festung hoch über dem Toten Meer. Zeugnis jüdischen Widerstands im Kampf gegen Rom.
Ruine der Masada-Festung hoch über dem Toten Meer. Zeugnis jüdischen Widerstands im Kampf gegen Rom.© Foto: picture alliance / Zoonar / Daniel Ferreira-Leites Ciccarino

Vernichtend fasste Tacitus seine Vorbehalte zusammen: „Was bei uns heilig ist, das ist dort alles für unwert geachtet, und wiederum bei ihnen ist erlaubt, was uns als Unzucht gilt. Das Bild des Tieres, das ihnen zum Wegweiser geworden, um sie vom Irregehen und Verdursten zu retten, stellten sie zur Verehrung im Tempel auf.“ Sein böses Urteil, das auch seiner Unkenntnis des Judentums entsprang, ergänzte er um die angebliche jüdische Haltung zum Geld: „Denn es haben verworfene Menschen sich von den Geboten ihrer Väter losgesagt und Abgaben und Geldgewinne dort zusammengetragen; das war der jüdischen Macht förderlich.“ Das Pamphlet unterstreicht, dass es bereits in der Antike eine „Judenfrage“ gab. Im Grunde hat Tacitus schon die Verunglimpfungen aufgeführt, mit denen die jüdische Minderheit in den nachfolgenden Jahrhunderten immer wieder diffamiert worden ist.

Der Weg in die Diaspora

In seinem jüngst erschienenen Buch „Kurze Geschichte des Antisemitismus“ (C.H. Beck, München 2020, 335 Seiten, 26,95 ) vermutet der Judaist Peter Schäfer im hellenistischen Ägypten den Geburtsort zentraler antisemitischer Verleumdungen: die angebliche Gottlosigkeit und Menschenfeindlichkeit des Judentums. Ein wesentliches Element des Antisemitismus – der Begriff entstand erst Ende des 19. Jahrhunderts – sei eine „ständige Ambivalenz zwischen Hass auf die Juden und Angst vor den Juden“. Die Judenfeindschaft römischer Intellektueller, die nicht wenige Zeitgenossen teilten, kontrastierte mit der Faszination, die das Judentum auch ausgeübt hat. Bis ins 4. Jahrhundert kam es immer wieder zu den von Konstantin verbotenen Konversionen zum jüdischen Glauben, der für das aufstrebende Christentum eine ernstzunehmende Konkurrenz war.

Eine Stadt zu Ehren des römischen Gottes Jupiter: Rekonstruierte Reste der Colonia Aelia Capitolina in Jerusalem.
Eine Stadt zu Ehren des römischen Gottes Jupiter: Rekonstruierte Reste der Colonia Aelia Capitolina in Jerusalem.© Foto: Carole Raddato, cc-by-sa-2.0

Mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 erlosch das traditionelle Kultleben. Die Tempelsteuer floss fortan als fiscus iudaicus in die kaiserliche Kasse. Spannungen mit der römischen Macht blieben nicht aus und entluden sich von 115 bis 117 in blutigen Aufständen in Kyrene, Ägypten, Zypern und im Zweistromland. Als Kaiser Hadrian 132 die Beschneidung verbot, brach der Bar- Kochba-Aufstand in Judäa aus. Erst nach drei Jahren gelang es Rom, den erbitterten Widerstand zu brechen. Fortan sorgten die Zehnte Legion und vier Kohorten für Ruhe im Land, und die Juden durften Jerusalem nur noch an einem bestimmten Tag im Jahr betreten. Zu Ehren Jupiters erhob Kaiser Hadrian Jerusalem zur Colonia Aelia Capitolina, eine weitere Schmähung gegen die jüdische Religion. Im Zuge der kaiserlichen Maßnahmen verließen viele Juden Palästina, und die galut, das erneute Exil, führte dazu, dass sich die jüdischen Gemeinden im Römischen Reich weiter vergrößerten und vermehrten. Das Judentum in der Diaspora wurde fortan zu seiner bestimmenden Lebensform.

Wie es in Köln weiterging

Von den Niederlagen in den Jahren 70 und 135 ergibt sich somit eine Verbindung zu jüdischen Bewohnern in den germanischen Provinzen und so auch zur aufblühenden jüdischen Gemeinde im spätantiken Köln, deren Existenz allein das anfangs erwähnte Konstantin-Dekret aus dem Jahr 312 nach Christus belegt. Im frühen Mittelalter verliert sich ihre Spur. Archäologische Zeugnisse für eine kontinuierliche Siedlungsgeschichte von der Antike bis zum Mittelalter fehlen, was wiederum nicht bedeutet, dass in dieser Zeit keine Juden in Köln gelebt haben. In den 1950er-Jahren förderten Ausgrabungen vor dem Alten Rathaus Überreste eines jüdischen Viertels aus der Mitte des 11. Jahrhunderts zutage. Entdeckt wurden eine Synagoge, die vielleicht bereits im 9. Jahrhundert entstanden ist, und eine Mikwe, eines der ältesten Tauchbäder jenseits der Alpen. Seit 2007 wird erfolgreich weitergegraben: Wohnhäuser, die zum Teil auf den Resten des römischen praetorium, des Statthalterpalastes, stehen, ein Hospital, eine Bäckerei und ein Tanzhaus gewähren Einblick in das Leben der mittelalterlichen Gemeinde. In acht Meter Tiefe haben sich Epochen und Kulturen gemischt.

„Judensau“ (um 1280) am Dom in Köln. 1349 kam es dort zu einem Juden-Massaker – sie hätten die Pest verursacht.
„Judensau“ (um 1280) am Dom in Köln. 1349 kam es dort zu einem Juden-Massaker – sie hätten die Pest verursacht.© Foto: © Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)

Zerschlagene Ziegel oder Brandspuren weisen auf Gewalt und Tod hin. Literarische Quellen wie die Kölner Chroniken bieten eine Erklärung für den Zustand der archäologischen Zeugnisse. Als 1349 die Pest in Köln wütete, hielten die verängstigten Bürger Ausschau nach einem Sündenbock. Der war rasch gefunden: Die Juden hätten die Brunnen der Christen vergiftet, heizten die damaligen Verschwörungsmystiker die Stimmung an. In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1349 eskalierte die Spirale der Verdächtigungen, und ein fanatisierter Mob drang in das jüdische Viertel ein, ermordete die Bewohner, plünderte und brannte die Häuser nieder. Den sogenannten Pogromschutt entsorgten die Fanatiker in den Kellern und Latrinen, heute eine reiche Fundgrube für Archäologen.

Was es bald zu sehen gibt

Baustelle des Kölner „MiQua“ im März 2021, rechts das Alte Rathaus.
Baustelle des Kölner „MiQua“ im März 2021, rechts das Alte Rathaus.© Foto: picture alliance/dpa / Oliver Berg

Zurzeit entsteht in und über der „Archäologischen Zone“ ein Museum mit dem sehr technisch klingenden Namen „MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln“. Das Projekt fand sowohl Befürworter als auch Kritiker in Politik und Gesellschaft. Letztere beklagten die Kosten und eine mögliche Trübung des Blicks auf das Alte Rathaus. Dennoch: 2024 soll die Einweihung gefeiert werden. Wer Geschichte lesend und anschaulich erleben möchte, kann demnächst Konstantins Dekret von 321 bewundern: als Leihgabe der Vatikanischen Bibliothek. Die Abschrift aus dem 6. Jahrhundert wird die Jubiläumsausstellung „321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben“ bereichern, die für September 2021 bis August 2022 in Kolumba, dem erzbischöflichen Kunstmuseum, geplant ist.

Hoffnung auf Normalität: Jüdische Tanz- und Musikshow Jewrovision in Köln.
Hoffnung auf Normalität: Jüdische Tanz- und Musikshow Jewrovision in Köln.© Foto: KNA/Jörg Loeffke

Die Erinnerung an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland erweckt einen Eindruck von Kontinuität – die jedoch brüchig ist. So gebührt Köln die Ehre, die früheste bezeugte Judengemeinde in Deutschland beherbergt zu haben. Ob sie auch die älteste ist, bleibt offen. Geschichte ist immer für Überraschungen gut. Und für neue Jubiläen.

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