Petrus Canisius (1521-1597)Der zweite Apostel der Deutschen

Es kommt darauf an, dass Christen wissen, was sie glauben, und dass sie es überzeugend sagen können. Das lehrt uns der große Jesuit Petrus Canisius auch noch an seinem 500. Geburtstag.

Den 500. Geburtstag von Petrus Canisius, des achten Jesuiten, feiern, heißt bei einem Reformator in die Schule zu gehen. Dabei bietet das 16. Jahrhundert manche Parallelen zu dem gigantischen Umbruch der Kirche, in dem wir heute stehen. Damals wie heute kommt es – natürlich höchst verschieden – darauf an, dass Christen auch wissen, warum sie glauben, und dass sie es auch überzeugend sagen können. Ein entschiedenes Schatz- und Selbstbewusstsein tut not.

Nicht zufällig trägt die Gestalt der römisch-katholischen Kirche, wie sie bis zum letzten Konzil selbstverständlich war, deutlich die Handschrift jener katholischen Gegenoffensive und diese deutlich die Handschrift dieses unermüdlichen Kämpfers. Der Katechismus von Petrus Canisius war bis dahin das verbreitetste Lehr- und Lernbuch des Glaubens. Am Ende dieser kanisianischen Kirchengestalt und im konziliaren Übergang zu einer neuen ist es heilsam, dieses „zweiten Apostels der Deutschen“ zu gedenken. Vor allem die ebenso fachkundig wie glänzend geschriebene und schön bebilderte Biografie „Petrus Canisius. Wanderer zwischen den Welten“ von Mathias Moosbrugger (Tyrolia, 2021)bietet dazu gründliche Information und viel Anschauungsmaterial. Auch die Biografie „Der Unermüdliche“ (Echter, 2021) von Pierre Egmont liefert wichtige Anregungen.

Promotor, Prediger, Ratgeber

Schon sein Werdegang spannt unterschiedliche Welten zusammen. Just an dem Tag, an dem in Worms der kaiserliche Reichsbann über Martin Luther ausgesprochen wurde, wird Pieter Kanijs am 8. Mai 1521 in Nijmwegen geboren. Sohn des dortigen Bürgermeisters, wächst er großbürgerlich privilegiert auf. Ein aufgewecktes Bürschchen mit großen Lebenschancen schaut einen vom Flügelaltar an, den der reiche Vater für seine verstorbene erste Frau stiftete.

Pieter wächst noch ganz im Bann jener Spiritualität entschiedener Innerlichkeit auf, die man devotio moderna nennt, und die damals mit besonderem Profil von den Kartäusern gelebt wurde. Bei denen wäre der hochbegabte Jurastudent in Köln sicher eingetreten, wäre er nicht per Zufall in Mainz dem faszinierenden Peter Faber begegnet – einem der allerersten Jesuiten, den jüngst erst Papst Franziskus als einen seiner Lieblingslehrer heiliggesprochen hat. Durch ihn schließt sich der fast schon entschiedene Kartäuser 22-jährig der werdenden Jesuitengemeinschaft an. Nicht (nur und in erster Linie) Innerlichkeit lautet fortan sein Lebensprogramm, sondern „Seelen retten“; nicht länger klösterliches Leben, sondern hinaus in alle Welt und zu allen Völkern.

Rasant ist das Wirken des jungen Jesuiten schon in Köln, wo durch ihn umgehend die erste Jesuitenniederlassung im deutschen Reichsgebiet entsteht. Durch Predigt, Lehre und Seelsorge schnell bekannt, wird Pieter Kanijs auch für kirchenpolitische Missionen gebraucht. Ab 1547 nimmt er zum ersten Mal kurz am gerade begonnenen Reformkonzil von Trient teil. Seitdem nennt er sich latinisiert Petrus Canisius. Die lebensentscheidende Prägung erfolgt dann in der römischen Ordenszentrale.

Voll geistlicher Leidenschaft

Ignatius von Loyola folgt der Bitte aus dem sizilianischen Messina, dort eine Schule zu gründen, und schickt Canisius mit neun Gefährten dorthin. Hier beginnt, was die Kirchengestalt europaweit prägen wird: das Netzwerk jesuitischer Kollegien mit intensiver Lehr- und Bildungstätigkeit. Der erste Anlauf in Ingolstadt scheitert zwar, aber Wien wird die erste äußerst kreative Wirkungsstätte des neuen Stils, und Canisius selbst ihr Promotor, beliebter Prediger und zudem kaiserlicher Ratgeber. Den drängenden Wunsch des Kaisers freilich, dort Bischof zu werden, lehnt Canisius im Sinne der Jesuiten-Statuten ab.

Nur fünf Jahre nach der Gründung in Messina gibt es schon drei Dutzend Jesuiten-Kollegien im Reich. Als Canisius 1597 stirbt, werden es 245 solcher Bildungszentren sein. Just Augsburg, der Ort des Religionsfriedens von 1555, wird nach Wien zum weiteren Wirkungszentrum für Canisius, den Ignatius noch kurz vor seinem Tod zum ersten Provinzial der neu gegründeten Oberdeutschen Ordensprovinz ernannt hatte. Und das bleibt er von 1556 bis 1569, äußerst aktiv weit über den süddeutschen Raum hinaus: Er nimmt erneut am Konzil von Trient teil und vermittelt in Spannungen zwischen Papst und Kaiser. Vor Ort aber kommt es zu Auseinandersetzungen mit seinem Nachfolger in der Leitung. Canisius ist ein äußerst fleißiger, aber auch fordernder und eigenwilliger Chef. Neben Leitungskonflikten sind es auch gewisse scharfmacherische Neigungen im Umgang mit dem Dämonen- und Hexenwahn, die zu seiner Versetzung an den äußersten Zipfel der Ordensprovinz führten, nach Fribourg in der Schweiz, wo er hoch verehrt 1597 stirbt. Ein ganzes Jahrhundert unterschiedlicher Reform- und Gegenreformbewegungen in einem einzigen Menschenleben voll geistlicher Leidenschaft.

Schon diese knappe Skizze eher äußerer Daten lässt die spirituelle Bedeutung dieses unermüdlichen Missionars ahnen. Kirchen-Bildung im wörtlichsten Sinne war sein Leben, und die konfessionelle Landkarte der deutschsprachigen Länder sähe ohne Petrus Canisius mit Sicherheit anders aus. Nicht nur die rein physische Lebensleistung mit den unendlich vielen langen Reisen ist beachtlich, sondern vor allem die spirituelle und pastorale Kreativität. Tausende von Briefen schrieb er, die Wirkung seiner Predigten ist legendär, neben seinem Katechismus ist es vor allem seine zweibändige Nacherzählung der biblischen Geschichten, die viele Generationen prägte.

Anführer der Gegenreformation

Zeitlebens war Canisius schriftstellerisch tätig. Schon als 22-Jähriger hatte er die Schriften von Johannes Tauler ediert, später manche der großen Kirchenväter.Für seine innere Geschichte sind zusammen mit der Entscheidung für die Jesuiten zwei unmittelbar mystische Erfahrungen bedeutsam, 1549 in Rom und 1568 im Dom von Ancona. Aber die alltägliche Normalität jenes geistlichen Gehorsams, die ihm Frieden und Gewissheit schenkte, war die Basis seiner unglaublich beharrlichen Erneuerungsarbeit.

Canisius wurde zum Sprachrohr und Anführer der katholischen (Gegen-)Reform. Dass dabei des Öfteren die Fetzen flogen, gehört zum Zeitkolorit, so befremdlich dieser wechselseitige „kontroverstheologische Grobianismus“ (Moosbrugger) für heutige ökumenisch gestimmte Ohren auch klingt. Bei aller Kampfrhetorik und scharfen Romorientierung fällt umso mehr dann auch das Kreative im Wirken von Canisius auf, ebenso sein Bemühen um Vermittlung trotz glasklarer Positionierung.

Arg befremdlich und nicht untypisch für seine Neigung zum Zelotischen ist seine Befürwortung und theologische Begründung der Hexenverfolgung, eindeutig ein dunkles Kapitel und ein tiefschwarzer Fleck auf der weißen Weste dieses unermüdlichen Missionars. Zwar war Canisius kein sadistischer Scharfmacher, und sein Kampf gegen den römischen Index verbotener Bücher etwa zeigt feines Gespür für falsche Weichenstellungen. Aber den allseits grassierenden Dämonen- und Hexenwahn hat er theologisch befürwortet, mit fatalen Folgen für viele. Mit seiner Neigung zum harten Schwarz-Weiß und einer gewissen Dämonenfixierung, die schon Peter Faber an ihm kritisierte, war er zeitweise auch exorzistisch unterwegs, bis es ihm seitens der Ordensleitung untersagt wurde.

So finster diese Schattenseite, sie darf das lichtvolle Wirken und die immense Erneuerungsleistung nicht verdunkeln. „An niemandem darf man verzweifeln“, hatte schon der junge Kölner Student unter eine Kreuzesdarstellung geschrieben – ein lebenstypisches Motto. Später wird er einmal, typisch für seinen hartnäckigen Reformeifer, seinem General schreiben: „Je trauriger, ja verzweifelter die Dinge nach dem Urteil der Welt sind, umso mehr wird es unsere Pflicht sein, Hilfe zu bringen, wenn die Lage verzweifelt steht, weil wir die Gesellschaft Jesu sind.“

Mit der Fürsprache eines glaubenserfahrenen Kirchenreformators in die nächste Zukunft zu schauen, entspricht dem Gemeinschaftscharakter christlicher Hoffnung. Elementarisierung könnte demnach eine Empfehlung des heiligen Petrus Canisius sein, Konzentration auf die Essentials und deren sach- und zeitgemäße Vermittlung. Wir müssen wissen, was wir glauben – und es auch sagen können und sagen wollen. Derzeit aber ist die Kluft zwischen Wissen und Glauben erschreckend groß – bis hinein in die Glaubenssprache.

Umfassende Bildungsoffensive

Die Bibel geht verloren, weil man die wissenschaftliche Exegese nicht ernst nimmt und eine steinzeitliche Hermeneutik, nein: Hermetik, betreibt. Der Hunger nach mystischer Gott- und Lebensunmittelbarkeit und die kirchliche Art, Liturgie zu feiern, fällt auseinander. Dass christlicher Glaube etwas Zentrales zu Lebens- und Überlebensfragen zu sagen hat, wissen und glauben selbst Kirchentreue oft nicht mehr.

Dass dem Evangelium gerade am Tisch des Religionsdialogs eine besondere Bedeutung, ja ein Alleinstellungsmerkmal, zukommen könnte, ist zu wenig bewusst. Es braucht also viel von diesem Selbst- und Sendungsbewusstsein, das etliche Reformatoren damals auszeichnete, eben auch Canisius. Es braucht eine umfassende, grundlegende Bildungsoffensive. Und ein Zweites: Canisius war ein zwar entschiedener Einzelner. Aber er war nicht allein, er hatte Gefährten. Ohne Frauen und Männer, die sich mit äußerster Konsequenz ergreifen lassen und deshalb engagieren, geht es nicht. Ohne basisorientierte Kirche(werdung) geht es nicht. Und drittens: Ohne das innere Feuer, ohne das Beten, geht es nicht. Nur so „bildet“ sich Kirche, sich und andere.

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Die Anfänge der Jesuiten

Der Mai 1521 gehört zu den entscheidenden Marksteinen in der Gründungsgeschichte der Jesuiten. Am 20. Mai dieses Jahres wurde Ignatius Loyola in Pamplona durch eine Kanonenkugel schwer am Bein verletzt und begann in der Rekonvaleszenz seinem Leben eine völlig andere Richtung zu geben – vom stolzen Ritter zum demütigen Pilger. Über die Bedeutung dieser Wandlung schreibt der Jesuit Christian Rutishauser in der übernächsten Ausgabe von CHRIST IN DER GEGENWART.

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