Queen Elizabeth II.Die letzte Gesalbte

Queen Elizabeth II. ist eine durch und durch religiöse Figur, das zeigt besonders ihre Salbung bei der Krönungsfeier in der Westminster Abbey im Jahr 1953.

© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Jonathan Brady

Die Briten können Pomp. Zur Hochform laufen sie auf, wenn es um die königliche Familie geht. Zuletzt, am 17. April bei der Beerdigung von Prinz Philip, dem Ehemann von Queen Elizabeth II., mussten sie allerdings darauf verzichten. Wegen der Corona-Pandemie gab es keinen traditionellen Trauerzug vom Buckingham-Palast zum Schloss Windsor mit Militärparaden und Menschenmassen, die die Londoner Straßen säumen. Stattdessen: eine eingedampfte Zeremonie auf dem Landsitz der Queen, ihrem in Corona-Zeiten bevorzugten Wohnort gut 30 Kilometer westlich der Hauptstadt.

Prinz Philips Beerdigung: Einschaltquoten wie bei Spielen der Fußball-Nationalmannschaft

Erst gab es eine kurze Prozession vom Schlosshof zur Sankt-Georgs-Kapelle, dort folgte ein schlichter Gottesdienst mit 30 Teilnehmern, dem engsten Kreis um Philip. Und doch hat die britische Königsfamilie dabei wieder Bilder geschaffen, die die ganze Welt bewegten. Allein in Deutschland, das sich seiner Monarchie vor gut 100 Jahren entledigt hat, übertrugen sieben Sender den Abschied vom Prinzen. Sie kamen dabei nach Angaben des Medienmagazins DWDL.de zusammen auf mehr als 11,3 Millionen Zuschauer. So viele schauen im Durchschnitt ein Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei einer EM oder WM.

Schon jetzt ist eine Aufnahme von Philips Abschied ikonisch: die etwas krumm gewordene, irgendwie verloren wirkende Königin Elizabeth II. – schwarzer Hut, schwarze Handschuhe, schwarze Atemschutzmaske mit dezentem weißem Rand – wegen der Corona-Maßnahmen ganz alleine im mächtigen Eichen-Chorgebälk der Georgs-Kapelle. Vor ihr der Sarg ihres Ehemanns Prinz Philip, mit dem sie 73 Jahre verheiratet war, den sie noch gut zehn Jahre länger gekannt hat, fast ein ganzes Leben also.

14 Premierminister, 12 US-Präsidenten, 5 Päpste

Die Queen ist kürzlich 95 Jahre alt geworden, was an sich schon beachtlich ist. Dabei ist Elizabeth eine Frau der Superlative. Seit 1952 auf dem Thron, ist sie das am längsten amtierende lebende Staatsoberhaupt der Welt. Politisch praktisch machtlos, „regiert“ sie nicht, sondern sie „herrscht“, wie die Briten sagen. The Queen reigns, but does not rule – und das in Großbritannien und weiteren 15 Staaten, die aus dem untergegangenen British Empire hervorgegangen sind, darunter Kanada, Australien, die Bahamas und Tuvalu, ein Inselstaat im Pazifik. Man könnte sagen: Ihre Aufgabe ist es, mit größtmöglicher Würde über dem Parteien-Gezänk zu schweben, zu repräsentieren, eben einfach „da“ zu sein. Winston Churchill hat das einst auf den Punkt gebracht: „Wenn eine Schlacht verloren ist, macht man die Regierung verantwortlich. Wird sie gewonnen, jubelt das Volk der Königin zu.“ Die Queen hatte bis jetzt 14 britische Premierminister unter sich. Fünf Päpste traf sie, der erste war Pius XII.; außerdem zwölf US-Präsidenten, angefangen bei Harry Truman; natürlich auch schon zahlreiche deutsche Bundeskanzler, von Konrad Adenauer bis Angela Merkel vor sechs Jahren. Elizabeth II. ist womöglich die bekannteste lebende Frau unserer Zeit.

2. Juni 1953: Krönungsfeier mit Salbung der Königin - nach dem Vorbild des Alten Testaments

Sie ist diejenige, die sozusagen der halbe liebe Gott ist. Sie ist mindestens der Papst“, behauptete Royal-Experte Rolf Seelmann-Eggebert einmal über die Queen. Ersteres ist Unsinn, Letzteres maßlos übertrieben. Doch sprach der langjährige Königshaus-Erklärer damit etwas an, was oft vergessen wird. Elizabeth ist nämlich nicht nur Staatsoberhaupt, sondern auch Oberhaupt der Anglikanischen Kirche von England. Eigentlich müsste man sagen: Sie ist eine durch und durch sakrale Figur. Um zu verstehen, was das heißt, blickt man am besten auf ihre Krönungsfeier am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey. Was dort im Gottesdienst passierte, sollte an die Salbung der Könige Israels im Alten Testament erinnern und knüpfte an die Einsetzung christlicher Herrscher bis in die Neuzeit an: Nach dem Gesang des Veni Creator Spiritus – „Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein“ – intonierte der Chor die Krönungshymne Zadok the Priest von Georg Friedrich Händel. Die Melodie kennt jeder, weil sie heute die Hymne der Champions League im Fußball ist.

Der Text fasst die Bibelstelle mit der Salbung Salomos in freier Form zusammen: „Zadok der Priester und Natan der Prophet salbten Salomo zum König. Und das ganze Volk jubelte und rief: ,Gott schütze den König! Lang lebe der König! Möge der König ewig leben! Halleluja!‘“(vgl. vor allem 1 Kön 1,38–40) Anschließend salbte der Erzbischof von Canterbury Geoffrey Fisher die Königin unter einem Baldachin mit Chrisam-Öl – an den Händen, auf der Brust und auf dem Kopf. Elizabeth hatte ihre festlichen Gewänder dafür abgelegt und trug eine Albe aus Leinen, das Grundgewand jedes Gottesdienstes. Erst dann kam die eigentliche Krönung.

Der ganze Ritus der Krönungsfeier folgte in seiner Grundform einer über 1000 Jahre alte Ordnung, bis hin zum englischen König Edgar im Jahr 973. Der Bezug auf Salomo macht klar: Königin von Großbritannien zu sein, das ist etwas Sakrales, ja Sakramentales. Im Hintergrund steht die altorientalische Königstheologie, die den Gesalbten in einer engen, intimen Beziehung mit Gott sieht, wodurch seine Herrschaft und sein Reich ins Recht gesetzt werden: Rule, Britannia! Wenn die englischen Fußballfans vor den Spielen ihrer Nationalmannschaft God save the Queen („Gott schütze die Königin“) grölen, dann singen sie streng genommen ein Kirchenlied.

Elizabeth II. ist heute die einzige lebende Person, die noch zur christlichen Monarchin gesalbt wurde. Ihr Krönungsgottesdienst war zugleich die erste europäische Live-Übertragung im Fernsehen, zu sehen in England, Frankreich und Deutschland – bis auf zwei Abschnitte: Die BBC zeigte weder die Salbung noch die Kommunionfeier, die man als zu heilig empfand, um sie einem Millionenpublikum in die Wohnzimmer zu übertragen.

Wie eine kinderlose Ehe die Kirche von England begründet hat

Was hat es nun damit auf sich, dass die Queen nicht nur Staatsoberhaupt ist, sondern zugleich auch Oberhaupt der Kirche von England - Supreme Governor of the Church of England? Im Grunde liegt das an Heinrich VIII., der im 16. Jahrhundert König von England und insgesamt sechs Mal verheiratet war. Die Kurzfassung geht so: König Heinrich wollte seine Frau Katharina von Aragon loswerden, da sie keinen männlichen Thronfolger zur Welt brachte. Damals war man auf den britischen Inseln noch römisch-katholisch, und so bat der König Papst Clemens VII. darum, die Ehe mit Katharina für nichtig zu erklären. Der Papst lehnte ab, worauf der König sich von Rom lossagte. Die englische Kirche wurde eigenständig, es kam zur Gründung der anglikanischen Staatskirche mit dem Monarchen als weltlichem Oberhaupt und Schutzherrn der Kirche. Die geistliche und praktisch bedeutsame Leitung der Church of England lag und liegt allerdings beim Erzbischof von Canterbury, dem Primas von ganz England. Seit 2013 ist das Justin Welby. So etwas wie der Papst ist die Queen also längst nicht.

Der Erzbischof von Canterbury steht im Protokoll über dem Premierminister

Das Konstrukt bedeutet allerdings, dass Staat und Kirche in Großbritannien bis heute recht eng verbunden sind. Der Monarch ist hierbei die Klammer. Der Premierminister und der Erzbischof von Canterbury müssen die Queen regelmäßig „anhören“, wie es heißt – natürlich streng vertraulich. Der Erzbischof steht protokollarisch über dem Regierungschef. Die Queen ernennt Bischöfe und andere hohe Geistliche. Außerdem eröffnet sie die Synoden der englischen Kirche. Zudem sitzen bis heute 26 anglikanische Bischöfe im Londoner Oberhaus, dem House of Lords. Im Parlament wird vor den Sitzungen gebetet, auch im Unterhaus, dass Gott „unserer Königin und ihrer Regierung und den Mitgliedern des Parlaments in allen verantwortlichen Positionen die Führung seines Geistes schenken möge“. So geht Staatskirche. Man ahnt schon, dass der privilegierte Status der Anglikanischen Kirche im politisch und religiös mittlerweile eher liberalen England heftig umstritten ist. Weniger als 15 Prozent der Briten sind aktive Mitglieder der Church of England. Die „Sicherheiten“ einer Staatskirche könnten lähmen, der Botschaft den Biss nehmen, meinen einige. Es wäre allerdings extrem kompliziert, das über Jahrhunderte gewachsene Gefüge von Politik und Religion neu zu ordnen, und keine Regierung hat sich bisher daran getraut. Es gibt in England nicht einmal eine eindeutige schriftliche Verfassung.

Man kann ohne zu übertreiben sagen, dass es das Land gehörig erschüttern würde, wollte man Monarchie, Politik und Kirche entflechten. Der Brexit wirkt dagegen jedenfalls wie eine Textaufgabe aus der Grundschule.

Die Queen ist Defender of the faith - Verteidigerin des Glaubens

Eine Ironie der Geschichte ist der Ehrentitel Defender of the faith („Verteidiger des Glaubens“), den Königin Elizabeth trägt. Papst Leo X. hatte ihn König Heinrich VIII. verliehen, als dieser noch katholisch war. Es war der Dank des Papstes für das Werk zweier treuer Söhne der Kirche. Heinrich und Thomas Morus hatten in ihrer „Verteidigung der sieben Sakramente“ nämlich die Ehe und die kirchliche Vorrangstellung des Papstes betont. Nachdem der Stratege Heinrich später wegen Katharina von Aragon mit Rom gebrochen hatte, verlieh das Londoner Parlament den Titel kurzerhand selbst an die britischen Monarchen, zuerst Eduard VI. und dann all seinen Nachfolgern. The faith meinte von nun an das anglikanische Kirchenwesen.

Für die Engländer ist Elizabeth II. die Verkörperung der Geschichte“, sagte die Historikerin Karina Urbach einmal im Interview mit dem Spiegel. Sie sei zum „nationalen Symbol“ geworden. Das liegt wohl auch daran, dass sie ihre Aufgabe seit eh und je mit stoischem Ernst erfüllt. Für alle unter 70-Jährigen war die Queen immer schon da. „Indem man sie feiert, feiert die Nation sich selbst“, erklärt Urbach, die an der Universität London forscht. Tatsächlich gibt es zwar mittlerweile viele Engländer, die der Monarchie mehr als kritisch gegenüberstehen, aber solange Elizabeth auf dem Thron sitzt, wird das Land wohl kaum zur Republik. Der britische Guardian, dem man nun wirklich keine pathetische Monarchie-Begeisterung unterstellen kann, hat die Queen einmal anerkennend die „letzte christliche Monarchin“ genannt. In ihren Weihnachtsansprachen spricht sie regelmäßig vom Christus-Glauben: „Ich ziehe meine Kraft aus der Botschaft der Hoffnung im Evangelium.“ Natürlich geht sie jeden Sonntag in die Kirche. Ohne Religion ist Elizabeth II. nicht zu verstehen.

Die Beerdigung von Prinz Philip und das Foto der einsamen Königin im Chorgestühl der Sankt Georgs-Kapelle waren für viele wohl auch deshalb so eindrücklich, weil sie andeuten, was in den nächsten Jahren auf England zukommt. Wenn die Queen stirbt, endet eine Ära – und das meint zwar auch etwas Gefühliges, ist aber ebenso handfest politisch. In Australien und Neuseeland etwa werden sie sich fragen, ob man sein Staatsoberhaupt weiterhin am anderen Ende der Welt haben will. Eine Abspaltung Schottlands von England, Wales und Nordirland würde das Vereinigte Königreich zerbrechen lassen und damit die Monarchie mindestens beschädigen. Der bevorzugte Status der anglikanischen Staatskirche könnte neu verhandelt werden.

Wird Elizabeth II. abdanken?

Ob die Nummer eins der Thronfolge, Prinz Charles, wie seine Mutter als christlicher Monarch gesalbt wird, ist längst nicht ausgemacht. England gilt mittlerweile als weltanschaulich extrem vielfältig. Prinz Charles hat in den Neunzigerjahren einmal angedeutet, er sehe sich eher als Defender of faith, also des Glaubens in allen Religionen, statt of the faith, was sich ja ausschließlich auf die Kirche von England bezieht. Auch will Charles das Königshaus verschlanken, Geld sparen. Entscheidend für die Zukunft der Monarchie wird sicher die Integrität der jungen Royals sein. Skandale sind tabu.

„Das zweite Elisabethanische Zeitalter, geprägt von Disziplin, Stolz und Zähigkeit, geht gerade seinem Ende entgegen.“ Das hat der Spiegel-Redakteur Christoph Scheuermann vor drei Jahren geschrieben. Heute ist die Queen immer noch da. Kommt sie nach ihrer Mutter, die 101 Jahre alt wurde, hat sie weitere sechs Jahre vor sich. Abdanken ist bei ihr übrigens nicht vorgesehen. Wie sollte man auch zurücktreten von einer Weihe an Gott? Das fragte man sich bis vor wenigen Jahren bei Päpsten auch.

Queen Elizabeth II. besucht Papst Franziskus am 3. April 2014 im Vatikan.
© picture alliance / Picciarella/ Spaziani / vatican pool

Anzeige
Anzeige: Eberhard Schockenhoff - Die Kunst zu lieben

Der CiG-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen CIG-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.