KirchenaustrittEin Niedergang, der uns als Christen erschrecken muss

Erneut und in nie dagewesener Weise zeigt die kirchliche Jahresstatistik in Deutschland ein Bild des Niedergangs. Nur noch wenig mehr als die Hälfte (52,1 Prozent) der Bevölkerung gehört der katholischen oder evangelischen Kirche an (Stand: Ende 2019). Über eine halbe Million Bürger sind im letzten Jahr ausgetreten: etwa 272000 aus der katholischen, 270000 aus der evangelischen Kirche. Von einer „Erosion persönlicher Kirchenbindung“ sprach der Limburger Bischof Georg Bätzing, der Vorsitzende der Bischofskonferenz. Es gebe eine starke „Entfremdung zwischen Kirchenmitgliedern und einem Glaubensleben in der kirchlichen Gemeinschaft“.

Heftige Abbrüche sind katholischerseits auf allen Ebenen zu verzeichnen. So sank der Gottesdienstbesuch (er liegt nur noch bei 9,1 Prozent), die Zahl der kirchlichen Trauungen (etwa 38500, damit knapp 4000 weniger), der Taufen (159000, fast 9000 weniger; ein Rückgang um mehr als fünf Prozent!), der Erstkommunionen (166000, 4800 weniger) und selbst der kirchlichen Bestattungen (knapp 234000, 9700 weniger). Rückläufig war auch die Zahl der Eintritte (2300) und Wiederaufnahmen (5300).

Auch auf evangelischer Seite wird die Zahl der Austritte und Todesfälle nicht durch „neue“ Gläubige ausgeglichen, selbst wenn die Zahl der Taufen mit 160000 beziehungsweise der Aufnahmen (25000) im Vergleich zum Vorjahr in etwa gleich blieb.

Erschreckend stimmt vor allem die fehlende Kirchenbindung bei den jüngeren Generationen. Gerade die Berufseinsteiger, die jungen Leute zwischen 25 und 35 Jahren, verlassen in Scharen die Glaubensgemeinschaft. Wer jetzt noch in einer Kirche ist, ist meistens älter – und wurde von seinen Eltern religiös erzogen. Junge Väter und Mütter legen dagegen kaum mehr Wert darauf, mit ihren Kindern über Gott zu reden, weil ihnen selbst der Glaube abhanden gekommen ist. Sie lassen ihre Kinder immer seltener taufen. „Selbst wenn die Menschen nicht aus der Kirche austreten, geben sie den Glauben innerhalb der Familie nicht weiter“, analysiert der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack. Es finde ein Traditionsabbruch statt.

Experten erwarten, dass sich diese Entwicklung noch weiter verschärfen wird, weil ja etwa die Erfahrungen der Corona-Zeit mit dem wochenlangen Aussetzen der Gemeindegottesdienste noch gar nicht in diese Statistik eingeflossen sind. Irmgard Schwaetzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, erklärte dazu: „Die Corona-Krise hat offengelegt, dass die Schwäche der Kirche auch mit einer Glaubenskrise zu tun hat. Wir wollen zuallererst also mit einer geistlichen Orientierung dagegenwirken, uns selbst neu ausrichten.“ Man lasse sich aber nicht entmutigen und werde im Herbst über die Neuausrichtung beraten.

Auch die Bischofskonferenz kündigte an, sich bei einem Studientag im Herbst mit der Statistik auseinanderzusetzen. Mit Blick auf die hohe Zahl von Kirchenaustritten sagte Georg Bätzing: „Wir laden jeden, der gegangen ist oder gehen will, ein, mit uns zu sprechen.“

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