Glauben und WissenWas ist Wahrheit?

Jeder müsse selber wissen, was gut für ihn ist, was er will. Jeder habe seine eigene Sicht der Wirklichkeit. Objektiv lasse sich nicht sagen, was wahr und was falsch ist. Diese Ansichten sind heute weit verbreitet. Dabei wollen die Menschen doch nicht in der Lüge leben. – Teil 1.

Aus der Sicht der Philosophie lässt sich keine der heutzutage öffentlich kursierenden Thesen so schnell aus der Welt schaffen wie die Behauptung, dass es keine Wahrheit gibt. Denn jeder, der im Ernst der Ansicht ist, dass es Wahrheit nicht gibt, kann nicht anders, als die Wahrheit eben dieser seiner Auffassung zu unterstellen. Also widerspricht er sich selbst und hat allein mit dem Anspruch auf die Wahrheit seiner Verneinung der Wahrheit ein Beispiel dafür gegeben, dass er, was immer alle anderen von ihr halten, zumindest selbst auf die Wahrheit nicht verzichten kann.

Dieser Hinweis ist keine Spitzfindigkeit! Mit jeder sinnvollen Aussage, letztlich mit dem Wissen selbst, ist notwendig der Anspruch auf Wahrheit verknüpft. – Dass dies so ist, hat mit der Tatsache zu tun, dass sich der Mensch nur mit Hilfe von mehr oder weniger artikuliert geäußerten Begriffen über sich und seine Welt verständigen kann. Das heißt nicht, dass er notwendig immer etwas Bestimmtes sagen können muss; er kann notfalls auch nur mit dem Kopf nicken, ihn schütteln oder auf etwas zeigen. Es heißt auch nicht, dass er stets bei der Wahrheit bleibt, oder dass es die Wahrheit wie einen Edelstein, eine Goldader oder als eine, wie auch immer beschaffene, metaphysische Wesenheit, quasi gegenständlich, in der Welt gibt. Und es heißt schon gar nicht, dass es nur eine Wahrheit gibt!

Wenn der Homo sapiens lügt

Wahrheit ist, wie nicht nur schon Sokrates und Platon wussten, sondern auch der Apostel Paulus (vgl. Gal 5,7), vielfältig und kann, je nach Standpunkt, sogar höchst gegensätzlich sein. Überdies gibt es viele Möglichkeiten, ihr aus dem Weg zu gehen. Aber daraus zu schließen, dass es keine Wahrheit gibt, ist gerade so klug wie der Kinderglaube, mit dem Schließen der Augen sei auch der verschwunden, den man gerade noch sah.

So können auch Erwachsene verfahren: Sie können sich dumm stellen, kommentarlos über etwas hinweggehen oder von der Sache ablenken. Und vor allem: Sie können lügen. Die Lüge aber ist der sicherste Indikator dafür, dass es eine Wahrheit gibt – von der jemand nicht sprechen will. Gewiss: Es ist kein Ruhmesblatt für den Menschen, dass er wissentlich lügen kann. Gleichwohl ist der Homo sapiens darin einzigartig, und niemand kann bestreiten, dass die Mensch-heit auch daraus ihr Kapital schlagen kann.

Natürlich wissen wir, dass nicht nur der Mensch Haken schlagen, falsche Fährten legen oder etwas vortäuschen kann. Pflanzen und Tiere können darin sogar von bewundernswerter Raffinesse sein. Aber im Übertreiben, Erfinden, Phantasieren und schließlich in der Fähigkeit zur manifesten Lüge ist der Mensch, so traurig es ist, allen anderen Lebewesen überlegen.

Aber das bedeutet nicht, dass er nicht wahrheitsfähig ist! Im Gegenteil: Wer bewusst lügt, hat zumindest eine Vorstellung davon, was richtig ist; meist weiß er sogar genau, warum er die Wahrheit verschweigt. Und gerade mit der verschwiegenen Wahrheit verbindet sich die Erwartung, in ihr könnte etwas liegen, was auch andere betrifft.

Worauf Verlass ist

Um nur ein Beispiel zu nennen: Wenn jemand einen Diebstahl abstreitet, sind nicht nur er selbst, sondern auch die Bestohlenen, die Polizei, die Richter sowie vermutlich auch seine eigenen Angehörigen und Freunde tangiert. Das weiß niemand besser als der Lügner selbst. Also kennt er (der Sache nach) die soziale Reichweite der Wahrheit und ihre kommunikative Bedeutung. Folglich lässt sich schon an seinem Beispiel zeigen, dass er ein mustergültiges Exemplar des animal sociale sive rationale ist – also des Lebewesens, in dem sich Sozialität und Rationalität in singulärer Weise verbinden. Die Wahrheitsfähigkeit des Menschen ist somit ein Beleg dafür, dass die Humanität nicht zuletzt darin besteht, sich sowohl seiner Angewiesenheit auf seinesgleichen als auch der gemeinsam erkannten Sachverhalte bewusst zu sein.

Die zunehmende Unverzichtbarkeit der Wahrheit. Es ist keineswegs so, dass die Wahrheit unter den modernen (kurzfristig auch mal „postmodern“, gelegentlich als bloß „ironisch“ oder „narrativ“ genannten und inzwischen einfach nur „digital“ gewordenen) Bedingungen allmählich an Bedeutung verliert. Es ist vielmehr im Gegenteil so, dass die Wahrheit nun auch im globalen Maßstab buchstäblich „weltweit“ unentbehrlich wird.

Mit der Verdichtung der besiedelten Erde zum „globalen Dorf“ wächst der Wert der Wahrheit kontinuierlich an: Je komplexer und zugleich komprimierter die Lebensverhältnisse werden, umso wichtiger ist die verlässliche Koordination der erdumspannenden Aktivitäten. Dass Fahr- und Flugpläne unbrauchbar sind, wenn die in ihnen enthaltenen Daten nicht der Wahrheit entsprechen, ist seit langem offenkundig; dass auch Organtransplantationen auf exakte Vorerhebungen, treffende Diagnosen bei Spendern und Empfängern und schließlich auf einen exakt eingehaltenen Zeitplan angewiesen sind, wissen nicht nur die Mediziner; auch die Hubschrauber-Piloten sowie das Klinik-Personal müssen es wissen, so dass sie sich danach richten können. Das Leben der Patienten hängt sowohl von der lückenlosen Wahrheitskette der Informationen als auch von der Einhaltung der Vorschriften für exakte Leistungen ab.

Der zivilisatorische Handlungszusammenhang macht augenblicklich klar, wie voraussetzungsvoll es heute geworden ist, auch nur von Länge und Gewicht zu sprechen. Doch ganz gleich, ob in der Physikalischen Bundesanstalt, in der Statik für die Decke, die uns auf den Kopf fallen kann, oder beim Einkauf auf dem Markt: Wir brauchen die in zahllosen Varianten vorkommende Wahrheit, um gemeinschaftlich leben und verlässlich handeln zu können!

Daran ändert die Tatsache nichts, dass man Ereignisse und Geschichten auch erfinden kann. Denn deren Sinn beruht stets darauf, dass der Erfinder und jene, die ihm glauben, davon ausgehen, in einer gemeinsamen Welt zu leben, in der man oben und unten, früher oder später, jetzt oder nie unterscheiden kann. Und dass man dies kann, ist eine Folge der uns alle verbindenden begrifflichen Beziehung zu einer uns alle umfangenden und durchdringenden Wirklichkeit, in der es möglich ist, sich zum selben Zeitpunkt am selben Ort zu treffen.

So einfach ist das mit der Wahrheit, wenn es um ein bestimmtes Wissen geht, das wir brauchen, wenn wir unsere Feste so feiern wollen, wie sie fallen, einen Termin wahrzunehmen haben, der im Programm angekündigt ist, und dem Taxifahrer mindestens das zahlen wollen, was das Taxameter anzeigt.

Nietzsches Zweifel

Ein philosophisches Missverständnis im Umgang mit der Wahrheit. Wer unter diesen Bedingungen die These verbreitet, auf Wahrheit komme es nicht mehr an, der hat ein Interesse daran, die Wahrheit zu verbergen oder zu verfälschen. Und umso wichtiger muss sie uns selber sein, die sich über sie verständigen wollen!

Das Interesse, von der Wahrheit abzulenken oder sie zu bestreiten, hat viele Motive, die sich über die elektronischen Medien zunehmend wirksam durchsetzen lassen. Das Marketing in Ökonomie und Politik und die sprunghaft gestiegene Kriminalität im Internet führen uns das derzeit mit niederschmetternder Effektivität vor Augen. Zum Glück ist davon gegenwärtig viel die Rede, so dass niemand, der sich selber ernstnimmt, nach Strich und Faden belogen werden will. Folglich sollte er in seinem Verhalten im Umgang mit den digitalen Medien und insbesondere in den sogenannten sozialen Netzwerken so wenig Anlass wie möglich bieten, zum Opfer medialer Fremdbestimmung zu werden. Mehr möchte ich zu dem Thema an dieser Stelle nicht sagen. Für unser Thema reicht es zu wissen, dass jemand, der einer Täuschung zum Opfer fällt, wissen kann, dass man ihn zum Narren gehalten hat. Die Urheber der Täuschung kennen die Wahrheit und lenken bewusst von ihr ab.

Wichtiger ist mir zu betonen, dass es durchaus ernstzunehmende philosophische Motive geben kann, die Wahrheit zu leugnen. Dafür hat Friedrich Nietzsche ein bis in die Gegenwart nachwirkendes Beispiel gegeben. Ihm ging es allerdings nicht darum, die Geltung alltäglicher Wahrheiten zu leugnen: Er hat über Musik und Tragödie, über Sokrates, Schopenhauer und Richard Wagner geschrieben, und es wäre ihm auch nachträglich nie in den Sinn gekommen, den verwendeten Begriffen und Namen ihren Wahrheitsgehalt abzusprechen.

Nietzsche hat auch nie in Abrede gestellt, dass es in der zwischenmenschlichen Verständigung wahre Aussagen gibt: So erwähnt er in einem frühen Entwurf zu seiner Wahrheitskritik das Würfelspiel, bei dem sich alle Beteiligten einig sein können, dass die oben liegende Seite des Würfels eine 1, eine 6 oder eine andere Zahl dazwischen anzeigt. Es muss auch nicht in Zweifel stehen, ob das Spiel am Tag, am Abend oder in der Nacht stattfindet. Man kann es gewiss auch als eine Wahrheit bezeichnen, dass einer nicht allein, sondern mit anderen spielt. Doch alles das setzt Nietzsche voraus, ohne daraus Schlüsse für die alltägliche Geltung von Wahrheitsaussagen zu ziehen. Sein Wahrheitszweifel hatte ein anderes Motiv:

Ihm geht es um die Frage, ob in dem, was Menschen als „Wahrheit“ bezeichnen, überhaupt etwas benannt wird, das in der Welt als solcher Bedeutung oder Bestand hat. Er fragt, ob es „die“ Welt, von der wir sprechen, überhaupt gibt, und ob die „Dinge“ und „Vorgänge“, die wir darin zu erkennen meinen, in dieser Welt tatsächlich als „Dinge“ oder „Vorgänge“ vorkommen.

Seine Antwort ist entschieden negativ: Bei dem, was wir mit den Begriffen letztlich bezeichnen, gibt es keine reale Entsprechung in der „Welt“ und insofern gibt es keine verbindliche Wahrheit! Damit kommt Nietzsche aber nur zu derselben Antwort, die bereits vor ihm von vielen anderen Philosophen vertreten worden ist: Es gibt keine Wahrheit im metaphysischen Sinn! Ob es in der Welt „als solcher“ tatsächlich Objekte gibt, die in exakt derselben Weise auch von Außerirdischen oder von einem Gott begriffen werden, wie wir es tun, wissen wir nicht.

Nietzsches Selbstwiderspruch

Eine verpasste Chance. Neu an Nietzsches Beweisführung ist lediglich, dass er die Unmöglichkeit der Erkenntnis von Dingen und Ereignissen „an sich“ mit sprachkritischen und physiologischen Mitteln aufweist: Seiner Meinung nach haben die Menschen ursprünglich nur Bilder und Tonfolgen in ihrem Bewusstsein. In der Verständigung mit ihresgleichen machen sie daraus dann „Metaphern“ und „Metonymien“, also sinnliche Vergleiche und Beispiele, die sie im Lauf der Zeit immer weiter verdichten und abkürzen, so dass sie schließlich zu bloßen „Begriffen“ werden, von denen sie annehmen, dass sie genau das bezeichnen, was der Mensch im Umgang mit ihnen versteht.

Doch Begriffe sind für Nietzsche wie „abgegriffene Münzen“, von denen man im alltäglichen Gebrauch nicht mehr genau sagen kann, welche Bildmotive in sie eingeprägt sind. Als Begriffe drücken sie lediglich mehrfach transformierte Empfindungen und Sinneseindrücke aus, die mehr über unsere leibliche Organisation aussagen als über die Beschaffenheit der bezeichneten Dinge und Vorgänge in einer „Welt“, die – ähnlich wie die „Wirklichkeit“ oder die „Wahrheit“ – zu den total abgenutzten Wortmünzen gehören. In dieser Perspektive „gibt“ es für Nietzsche also keine Wahrheit – schon gar nicht über den ursprünglichen Gehalt dessen, was wir da nach unserem Verständnis vor Augen haben und in unserem Verstand – strenggenommen nur für uns selbst – mit einer Bedeutung versehen. Damit ist über den gesuchten metaphysischen Gehalt der Wahrheit nichts gesagt.

Leider zieht Nietzsche aus seiner sprachgeschichtlich höchst bemerkenswerten Reflexion den Schluss, damit sei letztlich alles(!) Sprechen von Wissen und Wahrheit entwertet. Und schon hier gerät er in Widerspruch zu seiner eigenen Kulturkritik, von der er doch hofft, dass sie einsichtig ist, begabte Anhänger findet und letztlich zu einer Selbststeigerung der menschlichen Kräfte führt. So kommt er in die missliche Lage, weitreichende Forderungen aufzustellen und sie zugleich durch den Verzicht auf die Wahrheit in ihrem Geltungsanspruch zu dementieren. Das ist leider das Schicksal, dem letztlich Nietzsches ganzes Denken unterworfen ist.

Das Beste, was man über die Folgen dieses Denkens sagen kann, ist, dass es die Künstler stimuliert. Wer Nietzsche aber philosophisch ernstnehmen will, der muss gerade in der bewundernden Anerkennung des produktiven Scharfsinns dieses Künstlerphilosophen auf die gravierenden Missverständnisse achten, die er mit seinem Jahrhundert teilt. Nietzsche ist keineswegs so „unzeitgemäß“, wie er es sich wünscht. Vielmehr fällt er dem Positivismus, Historismus und Säkularismus seiner Zeitgenossen zum Opfer und hält seine Epoche für ein Ende, obgleich er doch besser als jeder andere hätte wissen können, dass diese Epoche des Erkennens und der Aufklärung, die schon vor Jahrtausenden, spätestens mit Sokrates, einen unerhörten Anfang gemacht hat, nun endlich, ungleich fundierter angelegt, zu einer hoffnungsvollen Fortsetzung führen könnte.

Wer wie Nietzsche – in einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1875 – gegenüber sich selbst bekennt: „Socrates, um es nur zu bekennen, steht mir so nahe, dass ich fast immer einen Kampf mit ihm kämpfe“, der hätte sich fragen müssen, warum er in dieser gefühlten Nähe zum Anfang des Philosophierens und in dieser Lust, seine Kräfte mit Sokrates zu messen, diesen ersten großen, uns von Platon in einzigartiger Erinnerung gehaltenen Denker nicht wirklich ernstgenommen hat?

Um nur ein Beispiel zu nennen: Ich frage mich, wie Nietzsche die in der „Fröhlichen Wissenschaft“ mitgeteilte Einsicht, dass es nur „geglaubte Motive“ gebe, nach Art eines modernen Psychologen für das Ende aller Aussicht auf die Wahrheit halten konnte, und nicht, wie der platonische Sokrates es getan hat, darin die Verpflichtung sehen wollte, unter der Anleitung dieser „geglaubten Motive“ eines jeden Einzelnen nach einer alle Menschen verbindenden Einsicht in Erwartung eines gemeinsamen politischen Handelns, einem alle Menschen umfassenden Verständnis von Gerechtigkeit oder gar nach einem Guten überhaupt zu suchen, das man im Eros und Ethos dieses Strebens „göttlich“ nennen kann?

Weiter Bedeutungsraum Glauben

Der Ursprung des Wissens. Für den platonischen Sokrates liegt der systematische, vielleicht aber auch der historische und biographische Ursprung des Wissens im Glauben. Das Liniengleichnis, das er zum besseren Verständnis des im Anschluss daran erzählten Höhlengleichnisses vorausschickt, setzt an die erste Stelle der Entfaltung des menschlichen Wissens die sinnliche Vorstellung (aisthesis), die vom mehr oder weniger deutlich wahrgenommenen Bild(eidos) ausgeht, und das es erlaubt, eine Meinung (doxa) zu haben.

Im nächsten Schritt, der ebenfalls noch in den Bereich sinnlicher Vorstellungen gehört, liegt insofern eine Steigerung, als nun ein Bezug des Bildes auf bestimmte Gegenstände hinzukommt. Es sind Gegenstände, wie sie in der Natur und im täglichen Leben von Bedeutung sind.

Diese zweite Stufe, auf der mit Hilfe der Sinne alles Leibhaftige, alles Lebendige und Geschaffene erschlossen wird, steht im Griechischen unter dem Titel pistis, den wir im Deutschen mit dem Begriff des Glaubens übersetzen. Man könnte ihn auch als Überzeugung oder gegenständliche Gewissheit verstehen. Doch da Sokrates das, worauf die Tugend der Frömmigkeit sich stützt, in der Regel auch pistis nennt, machen wir, so denke ich, nichts falsch, wenn wir von „Glauben“ sprechen. Pistis hat somit im Griechischen einen weiten Bedeutungsraum, wie wir ihn auch aus dem Deutschen kennen, in dem man „Glauben“ sowohl für eine begründete Überzeugung als auch für den Glauben an Gott verwenden kann. Die Mehrdeutigkeit des Wortes ist kein Nachteil, sondern gerade auch mit Blick auf den religiösen Glauben ein eminenter Vorzug, der uns jederzeit klarmacht, wie nahe das Göttliche den alltäglichen Dingen steht.

Im Liniengleichnis ist mit Meinen und Glauben aber nur die erste Hälfte des den Menschen eröffneten geistigen Selbst- und Weltverhältnisses beschrieben. In der zweiten Hälfte geht es um das, was wir als Erkenntnis (gnosis) bezeichnen und was hier noch einmal eigens zunächst in Verstandes- und dann in Vernunfterkenntnis unterschieden wird.

Was dem Wissen vorausgeht

Diesen Unterschied machen wir im Anschluss an Kant und Hegel noch heute. Die Verstandeserkenntnis bezieht sich, nach Platon, auf das Feld des Wissens (episteme), und zur Vernunfterkenntnis kommt es im Denken (dialegestai) – wobei Denken hier dasjenige meint, was durch argumentativ ausweisbare Schlussfolgerungen gesichert ist und sich im Dialog zu bewähren hat. Mit Platon und Kant sprechen wir auch von Dialektik, deren Sinn dann durch Hegel und Marx metaphysisch verselbständigt worden ist.

Zu alledem gäbe es viel zu sagen; deshalb habe ich hier ausnahmsweise einmal mehrere Namen erwähnt: Doch in der Sache genügt es, darauf aufmerksam zu machen, dass Wissen und Denken ihre Bedeutung erst dadurch gewinnen, dass sie sich in der Mitteilung dialogisch zu bewähren haben. Während es im Meinen und Glauben um die Beziehung zwischen dem Einzelnen und dem von ihm oder ihr vorgestellten Gegenstand geht, rückt im Wissen und Denken die unerlässliche Beziehung auf die anderen Menschen in den Blick, die das Erkannte in genau der Weise verstehen können müssen, in der es von jedem anderen auch gedacht werden kann!

Ehe ich erläutere, welche verblüffend einfache Lösung sich mit dieser Unter-scheidung für die Begriffsbestimmung der Wahrheit im Glauben einerseits und der Wahrheit im Wissen andererseits ergibt, möchte ich nur hervorheben, wie elementar der Glauben nach dieser Darstellung – nicht nur für Platon – ist. Glauben ist nicht das, was man, wenn man schon manches weiß – aus welchen Motiven auch immer –, in Ergänzung, Vervollständigung oder Abrundung noch hinzufügt! Glauben ist vielmehr immer schon das, was dem Wissen vorausgeht und ihm auch weiterhin zugrunde liegt, allein schon deshalb, weil man ohne ihn, ohne die als treffend angenommene sinnliche Vorstellung nicht den geringsten Gebrauch von seinem Wissen machen kann.

Und wenn man ihn macht, gelangt man an einen Punkt, an dem man nicht mehr weiter weiß – einfach weil sicheres Wissen und das exakte Denken nicht mehr zu eindeutigen Erkenntnissen führen und wir dennoch auf weiterreichende Vorstellungen angewiesen sind: so wie das bei jeder auf die Zukunft gerichteten Orientierung der Fall ist! Dann sind wir mit unserem Wissen am Ende, und es bleibt uns nur der das Wissen überschreitende Glauben! Es ist ein Glauben, der sich teils auf einzelne wohlbegründete Annahmen stützt, wie beim Wetterbericht oder bei der Katastrophenwarnung. Der sich aber auch auf eine Vielzahl von Annahmen stützen kann, wie die Aussagen über den Klimawandel oder die Entwicklung der Weltwirtschaft.

Selbstvertrauen – Weltvertrauen

Dieser auf Orientierung zielende Glauben gewinnt augenblicklich eine ethische und (je nach Anspruch) religiöse Dimension, wenn ich mich frage, was das für den Sinn meines Handelns bedeutet. Auch hier kann es dann mich persönlich überzeugende Auffassungen geben, die mich hoffen lassen, ja mir sogar die Gewissheit geben können, dass sogar im Leiden ein Trost liegen kann, weil es auch andere mir nahestehende Menschen gibt, die mir mit ihrem Selbst- und Weltvertrauen ein Beispiel gegeben haben. Das kann ethisch wie auch religiös von Bedeutung für mich sein.

So geht der Glauben dem Wissen voraus, trägt es, soweit es verlässlich ist, und verhindert, dass wir rat- und mutlos in uns zusammensinken, weil das bloße Wissen uns keine Sicherheit mehr gibt. Also ist es der Glauben, der uns über die Grenzen des Wissens hinaus Selbstvertrauen und Zuversicht gibt, die es erlauben, im Bewusstsein unserer besten Kräfte weiterhin handlungsfähig zu sein. Das ist in allen Fällen unserer tätigen Beziehung auf die Zukunft, die keiner von uns kennt, der Fall, und es gilt insbesondere dort, wo wir, bei aller Ungewiss-heit, unser Selbstverständnis nicht preisgeben dürfen und es hoffentlich auch nicht wollen.

(Ein zweiter Teil folgt.)

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