"Inklusiver Kapitalismus"Kaeser und der Papst

Eine neue Debatte über „inklusiven Kapitalismus“ erreicht den Vatikan. Führende Manager aus der Technik-, Chemie- und Pharmabranche wollen eine gerechtere Verteilung von Profiten.

Bei einem Treffen mit hochrangigen Wirtschaftsleuten hat Papst Franziskus die Ansätze eines „inklusiven Kapitalismus“ gelobt. Dabei handelt es sich um eine Initiative von Spitzenmanagern, die sich für ein nachhaltiges und soziales Wirtschaftsmodell einsetzen. „Ein Blick auf die jüngere Geschichte, insbesondere die Finanzkrise des Jahres 2008, zeigt uns, dass ein gesundes Wirtschaftssystem nicht auf kurzfristigem Gewinn auf Kosten einer langfristig produktiven, nachhaltigen und sozial verantwortlichen Entwicklung und Investition basiert“, sagte Franziskus I. nach dem Treffen. Firmenchefs hätten die „edle Berufung“, Arbeitsplätze zu schaffen, den allgemeinen Wohlstand zu steigern und die Güter der Welt für alle zugänglich zu machen.

Das sind deutlich andere Töne als zu Beginn seines Pontifikats. Wenige Monate nach seiner Wahl hatte Papst Franziskus das ökonomische System heftig angegriffen und war dafür nicht nur von Wirtschaftsvertretern kritisiert worden. Sein oft unter dem Slogan „Diese Wirtschaft tötet“ zusammengefasster Rundumschlag sei zu verallgemeinernd, hieß es, und biete zu wenig konkrete Lösungen, wie eine soziale Welt-Marktwirtschaft aussehen könnte. Die Unterstützung des „inklusiven Kapitalismus“ kann als Reaktion auf diese Kritik gesehen werden.

Kern dieser neuen Spielart des Kapitalismus ist es, dass erfolgreiche Unternehmer ihre Angestellten und die Gesellschaft im Ganzen stärker an Profiten beteiligen und nicht in erster Linie an die Aktionäre denken. Es sei dafür zu sorgen, die Kluft zwischen dem Wohlstand einiger weniger und der Lage der Mehrheit zu verringern. Daneben soll möglichst langfristig gewirtschaftet und investiert werden. Die Idee eines „inklusiven Kapitalismus“ ging 2016 aus einem Spitzentreffen von Managern und Sozialorganisationen hervor, darunter die Chefs von IBM, Monsanto, McKinsey, Johnson & Johnson und Siemens sowie Vertreter der Rockefeller-, Ford- und Mo-Ibrahim-Stiftung. Der Vorstandsvorsitzende von Siemens, Joe Kaeser, gehört zu den führenden Verfechtern dieser Art des Wirtschaftens. „Wenn ich Erfolg habe, kann und muss ich der Belegschaft und der Gesellschaft etwas zurückgeben“, sagte er im „Handelsblatt“. So werde inzwischen mehr in die Fort- und Weiterbildung von Mitarbeitern investiert. Großprojekte in Entwicklungsländern sind mit der lokalen Ausbildung junger Menschen, humanitären Maßnahmen und der Sicherung des Grundbedarfs in ländlichen Gegenden verbunden. „Die Feigenblattphilosophie der traditionellen Corporate Social Responsibility (der unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung) reicht nicht aus; sie muss neu gedacht und implementiert werden.“

Allerdings wird Kaesers Vorgehen von verschiedenen Seiten kritisiert. Während Investoren skeptisch auf das neue Konzept reagieren, geht der Siemens-Vorstandsvorsitzende in den Augen anderer noch nicht weit genug. Sozial-Aktivisten werfen ihm vor, mit Weiterbildungsmaßnahmen doch wieder bloß in die Zukunft des eigenen Unternehmens zu investieren, statt Bedürftige zu unterstützen. Papst Franziskus sprach sich für eine „Erneuerung von Herz und Verstand aus, damit der Mensch immer in den Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens gestellt werden kann“. Ob der „inklusive Kapitalismus“ dem näher kommt?

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