Die grüne Lunge

Neue Hitzerekorde, Waldbrände, Bienensterben. Fast täglich wird von neuen Umwelt-Schreckensmeldungen und -folgen des Klimawandels berichtet. Was können insbesondere Städte dagegen tun, und welche Lösungsansätze gibt es bereits?

Während in Deutschland so wenige Menschen in die Kirche gehen, dass Kirchen geschlossen werden müssen, werden in Russland pro Tag drei neue Kirchen eröffnet. Doch auch das hat seine „Schattenseiten“. Sehr deutlich wurde das in Jekaterinburg, wo die 1930 von den Bolschewiken abgerissene Katharinenkathedrale neu aufgebaut werden sollte. Die der Namenspatronin der Stadt geweihte Kirche wurde im Kommunismus durch einen kleinen Park mit Springbrunnen ersetzt, und genau dieser hätte für den Neubau der Kathedrale weichen müssen. Nach massiven Protesten und einer Volksbefragung, in der sich die deutliche Mehrheit der Bevölkerung gegen das sakrale Gebäude aussprach, soll die Kirche nun an einem anderen Ort in der Stadt errichtet werden. Es war nicht der „Hass auf das Christentum“, der den Kirchenbau verhindert hat, wie der Erzpriester Maxim Minjajlo unterstellt hat. Viele Gegner des Bauvorhabens sind selbst Christen. Dennoch ist ihnen der Erhalt einer Grünfläche wichtiger als der Wiederaufbau einer Kathedrale an der traditionellen Stelle.

Und das aus gutem Grund: Die positiven Effekte von Grünflächen auf die psychische Gesundheit und das Stresshormonsystem werden durch immer mehr Studien belegt. „Grüne Lungen“ reinigen zusätzlich die Luft, weil sie Kohlendioxid und Abgase binden, Schatten spenden und durch die Abgabe von Feuchtigkeit ihre Umgebung kühlen. Sie werden in jeder modernen Städteplanung mitgedacht, denn Städte spielen beim Klimaschutz eine zentrale Rolle. Immerhin entstehen dort etwa siebzig Prozent der Treibhausgase und sonstigen schädlichen Abgase.

Trotzdem verschwinden Grünflächen auch in Deutschland immer schneller. Hier gefährdet die Wohnungsknappheit Parks und (Klein-)Gärten, die vor allem bei jungen Familien wieder beliebt sind. Natürlich müssen auch die einkommensschwächeren Gesellschaftsschichten Zugang zu bezahlbaren Wohnungen haben. Aber gibt es dafür nicht andere Lösungen, als Grünflächen zu versiegeln und die Städte angreifbarer für Starkregen und Hitzeperioden zu machen? Besonders Schrebergärten sollen immer häufiger geschlossen werden, damit auf den Flächen neue Wohnsiedlungen entstehen können.

Kampf um die Gärten

Das eigene Gemüse anbauen und den Kindern so einen Bezug zur Natur und zum gesunden Essen ermöglichen, das möchten immer mehr Menschen. In Berlin wird mittlerweile fast jede zweite Parzelle an eine junge Familie vergeben. Dort sind Schrebergärten so beliebt, dass man jahrelang warten muss, bis ein Garten frei wird. Aktuell stehen zwölftausend Personen auf der Berliner Warteliste. Eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn hat nachgewiesen, dass die Nachfrage seit 2011 stark gestiegen ist und dass ein Generationenwechsel bei den Kleingärtnern stattfindet. Die klassischen Kleingartenkolonien liegen oft in sehr günstigen Lagen, in der Nähe von Wohngebieten mit guter Verkehrsanbindung und Infrastruktur. Damit sind sie aber auch begehrt für den erweiterten Wohnungsbau. Tatsächlich haben etliche große Städte bereits zahlreiche Gartenkolonien geschlossen: In den vergangenen fünf Jahren wurden in der Bundesrepublik 6500 Kleingärten in Bauflächen für Schulen und Wohnungen umgewandelt. Der Protest der unmittelbar Betroffenen und der Umweltschützer macht das Kernproblem jeder Städteplanung sichtbar: Längst herrscht ein Verteilungskampf um die begehrtesten Flächen in den Ballungsräumen.

Um mehr Grün in die Städte zu bekommen, braucht es innovative Konzepte. Dafür gründen sich immer mehr Unternehmen mit unterschiedlichsten Lösungsvorschlägen. Nach der Studie „Green Startup Monitor“ des Berliner Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit und des Bundesverbands Deutsche Startups ist bereits heute ein Viertel aller neu gegründeten wirtschaftlichen Unternehmen „grün“. Sie kümmern sich beispielsweise darum, ungenutzte Flächen in den Städten für das sogenannte Urban Gardening (den städtischen Gartenbau) nutzbar zu machen. So kann auf Dächern ein Gemeinschaftsgarten für die Nachbarschaft entstehen oder können professionell auf kleinem Raum Nutzpflanzen angebaut werden. Das geht sogar auf senkrechten Flächen. Gerade da bieten Bepflanzungen noch mehr Vorteile: Sie absorbieren nicht nur den Straßenlärm, sondern kühlen auch die Luft. Für solche Projekte arbeiten Architekten und Landwirte zusammen, und es werden Pflanzen gezüchtet, die optimal an derartige Bedingungen angepasst sind.

Grüne Lunge statt grauer Betonwüste. Nichts ist so schlecht fürs Stadtklima wie versiegelte Flächen. Beton speichert Wärme besonders gut. Daher ist es in Städten oft ein paar Grad wärmer als im Umland. Weil das Regenwasser oft schnell und direkt in die Kanalisation geleitet wird, leiden besonders Straßenbäume zwischen oder neben den Asphaltflächen. Sie können keine Feuchtigkeit mehr über ihre Blätter abgegeben, Verdunstung aber sorgt für Abkühlung.

Eine Lösung dieses Problems bietet das sogenannte Schwammstadt-Prinzip: Wasser soll gespeichert und zur Kühlung genutzt werden.In Berlin ist es offiziell in Planung. In Essen gibt es bereits umgesetzte Projekte. Im Quartier Johanniskirchgärten wurden drei künstliche Wasserreservoirs gebaut, in die Regenwasser von den Dächern der umliegenden Wohnhäuser geleitet wird. Im Sommer funktionieren die Wasserflächen als natürliche Klimaanlage.

Es müssen gar nicht immer sehr große Veränderungen sein, um eine Stadt umweltfreundlicher zu machen. In Berlin werden zum Beispiel auf einigen vormals grünen Wiesen Wildblumen ausgesät, damit Bienen und Insekten dort Nektar finden. Bei einem Projekt in Hildesheim wurde ein abgestorbener Baumstumpf stehen gelassen, damit Fledermäuse und Spechte in ihm Futter finden und sein Holzsubstrat zum Nestbau verwenden können. Braunschweig plant eine „Wildbienenautobahn“, also Blühstreifen, die das Stadtzentrum mit dem Umland verbinden, und in Fulda wurden bereits mehr als 500 Straßenlaternen mit LED-Lampen ausgerüstet, die gedimmt werden können und so weniger Insekten töten.

Der Wald – nur noch Plantage

Noch wichtiger sind Wälder – in Stadtnähe oder mitten in der Stadt. Zwar ist immer noch ein Drittel der Flächen in Deutschland bewaldet. Aber das Baumsterben nimmt infolge der Trockenheit wieder zu. Einst war es der „saure Regen“, nun ist es der fehlende Regen. Waldbrände und Borkenkäfer haben den Bäumen zugesetzt. 110000 Hektar Wald sind seit dem vergangenen Jahr verloren gegangen. Deutschlands Wälder sind in den wenigsten Fällen Urwälder, die meisten werden vom Menschen als Plantagen bewirtschaftet. Nadelbaum-Monokulturen, wie es sie häufig in Deutschland gibt, sind zum Beispiel stark trocken- und feuergefährdet. Die dünnen, geraden Bäume lassen das Sonnenlicht ungehindert bis zum Boden durch. Dort liegen die getrockneten Nadeln, idealer Zunder. Pierre Ibisch von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde beschreibt die Gefahr am Beispiel der Kiefernpflanzungen: „Monokulturen sind leicht entzündlich, weil die harzhaltigen Kiefern selbst gut brennen. Außerdem begünstigt trockener Nadelstreu Brände, das Mikroklima ist viel trockener als in Laubwäldern, es fehlt wasserspeicherndes Totholz – und in den relativ offenen Beständen facht der Wind das Feuer leichter an.“ Die Lösung wären die viel widerstandsfähigeren Mischwälder, wie sie natürlicherweise in Deutschland vorkommen würden. Aktuell sind deutlich weniger als die Hälfte der deutschen Wälder Mischwälder. Das liegt daran, dass zum Beispiel die Waldkiefer schnell wächst und damit ein beliebter Holzlieferant ist. Den besten Ertrag bringt also, kurz gedacht, eine Nadelbaum-Monokultur. Hier stehen die Interessen der Ökonomie denen der Ökologie entgegen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz fordert eine neue Waldwirtschaft.

Die Beispiele zeigen: Es gibt in Deutschland weitaus mehr Potenzial, als in der öffentlichen Debatte um Dieselfahrzeuge, SUVs und Feuerungsanlagen bedacht wird, um dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen. Dazu zählt der Erhalt und die Neugestaltung von Grünflächen und die Diversifizierung der Wälder. Auch wenn bei globaler Betrachtung, insbesondere beim Blick nach Brasilien mit seinen großflächigen Rodungen des Amazonas-Regenwaldes, der Erhalt der deutschen Wälder wie ein Tropfen auf den heißen Stein erscheint, ist doch jeder Schritt zu einem umweltfreundlicheren Leben einer in die richtige Richtung. Ein noch weiteres Feld ist die Landwirtschaft – und deren Umgestaltung hin zu ökologischer Verträglichkeit gerade auch mit Böschungen, naturnahen Randstreifen und brachliegenden Zonen. In aller Munde ist der Martin Luther nachgesagte Spruch: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen.“ Besser ist es, wir pflanzen dieses Bäumchen schon heute.

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Anzeige: Mitten im Leben. Post von Margot Käßmann

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