OpfergruppenDie „Bevorzugten“

Die württembergische Integrationsforscherin Sandra Kostner kritisiert ein politisches Meinungsklima, wonach bestimmte Minderheiten beziehungsweise sogenannte Opfergruppen gegenüber der Allgemeinheit rechtlich und in der gesellschaftlichen Wahrnehmung bevorzugt beachtet sowie behandelt werden sollten. Und das einzig aus dem Grund, dass Personen aus diesen Kollektiven in der Vergangenheit Unrecht erlitten haben, was unter den Heutigen nachträglich ausgeglichen, wiedergutgemacht werden müsse. Als Beispiele nennt Sandra Kostner Migranten, Muslime, Homosexuelle, aber auch Frauen. Sie kennzeichnet die von ihr kritisierte Haltung als eine „identitätslinke Läuterungsagenda“. Das bedeutet: Der Staat oder die Gesellschaft meinen, sich von früheren Sünden reinigen, das Gewissen läutern zu können, indem sie Mitgliedern jener Gruppen und Minderheiten Vorteile gewähren.

Nach Sandra Kostners Beobachtung finden sich Vertreter dieses gesellschaftspolitischen Ansatzes inzwischen an Schlüsselstellen der Macht, in Politik, Behörden, Medien und Wissenschaft. Sie würden ein entsprechendes Programm betreiben. Wie die Integrationsforscherin in Stuttgart vor Journalisten erklärte, liegen die Wurzeln jenes Denkens, das vor allem unter Grünen und Linken verbreitet ist, in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre. Die Überdehnung der Ansprüche bestimmter Gruppen, die sich benachteiligt fühlen, erzeuge jedoch neue Ungerechtigkeiten in der Allgemeinheit, bei der Mehrheit, und schaffe den Boden für Rechtspopulismus.

Sandra Kostner hat ein Buch mit dem Titel „Identitätslinke Läuterungsagenda“ verfasst. Einer der Mitautoren ist der unter den Grünen wegen querdenkerischer und provokativer Äußerungen diskutierte und scharf kritisierte grüne Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Er vertritt strikt den rechtsstaatlichen Gleichheitsgrundsatz. Hinsichtlich der genannten Gruppen dürfe es weder Sonderrechte noch Sonderpflichten, noch den Anspruch auf „Kränkungsverschonung“ geben. Jeder müsse Kritik aushalten. Notwendig sei, in Individuen und nicht in Kollektiven zu denken. Palmer verlangt, wider die Maßregelungen politischer Korrektheit zu einer echten liberalen, offenen Debattenkultur zurückzukehren.

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