Sexueller MissbrauchWer kümmert sich um die falsch Beschuldigten?

Neben der Aufgabe, Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen und Opfern in ihrer schweren Not umfassend zu helfen, muss sich die Kirche auch um jene Priester und Mitarbeiter kümmern, die mit Falschaussagen solcher Verbrechen beschuldigt werden. Das hat der österreichische Psychiater und Neurologe Reinhard Haller bei einer Wiener Fachtagung „Sex & Crime“, die vom Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie zusammen mit der Sigmund-Freud-Privatuniversität veranstaltet wurde, eingefordert. „Es gibt auch Missbrauch mit dem Missbrauch“, so der angesehene Gerichtspsychiater, der auch der Unabhängigen Opferschutzkommission Österreichs angehört. Zu Unrecht Beschuldigte werden seiner Erfahrung nach von der Kirche meistens alleingelassen.

„Alle internationalen Untersuchungen zeigen, dass dreißig Prozent der Anzeigen wegen Missbrauchs Fehlanzeigen sind“, so Hallers Befund. Aus seiner eigenen beruflichen Erfahrung könne er das bestätigen. Für die Beschuldigten sei eine Falschanzeige jedoch folgenschwer: „Es gibt keine wirksamere Form der sozialen Hinrichtung, als jemand des Missbrauchs zu beschuldigen.“ Betroffene von Beschuldigungen hätten kaum Chancen auf Verteidigung, und „das Beste, was herauskommen kann, ist, dass man dann sagt: Irgendwas wird schon gewesen sein, man kann es ihm halt nicht nachweisen.“

Unter Priestern und Ordensleuten sei derzeit eine „unglaubliche Verunsicherung“ bei dem Thema spürbar. Zusätzlich spiele eine verzerrte Wahrnehmung der Öffentlichkeit mit hinein: Nur zu einem sehr geringen Anteil – Untersuchungen zufolge drei Promille – seien Missbrauchsvorfälle auf kirchliche Institutionen zurückzuführen. Haller beobachtet in dem Zusammenhang eine „Überprojektion“ auf die Kirche, was den Blick auf Missstände in anderen Bereichen verhindert. „Wo sind die restlichen 99,7 Prozent?“, fragt der Experte. „Mit diesen müsste man sich auch befassen.“

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