Luthers Bibel-ÜbersetzungAntisemitismus durch Übersetzungsfehler

Martin Luthers Bibelübersetzung prägt unser Verständnis der Heiligen Schrift bis heute. Dabei finden sich in seiner Bibelversion zahlreiche antijüdische Passagen – deutlich mehr als im Urtext.

Dass Bibeltexte neu interpretiert und umgeschrieben werden, um den jeweiligen Zeitgeist widerzuspiegeln, ist nichts Neues. Zahlreiche „Jugendbibel“-Projekte versuchten, die Heilige Schrift in die jeweils aktuelle Jugendsprache zu übertragen und allzu unzeitgemäße Kanten abzuschleifen, um Teenager an die vermeintlich verstaubten Geschichten heranzuführen. Die „Bibel in gerechter Sprache“ hat die patriarchalen Strukturen der Urtexte aufgebrochen und sie gender- und minderheitengerecht ins 21. Jahrhundert gebracht. Inzwischen ist aber bekannt, dass diese Tendenz, die hebräischen, aramäischen und griechischen Originaltexte umzuinterpretieren und „zurechtzubiegen“, um eigene Interessen zu unterstützen, bis zur Bibelübersetzung auf der Wartburg zurückreicht. Der Bibelforscher Hans Förster verglich Luthers Übersetzung mit den Urtexten und konnte nachweisen, dass der Reformator deutliche Spuren seiner Zeit und seiner eigenen Vorurteile in seiner Bibelausgabe hinterließ.

Politisch brisant wird das, wenn zwischen den Zeilen Luthers klar antijüdische Ressentiments sichtbar werden. Besonders in seinem Neuen Testament finden sich immer wieder „Passagen, deren judenfeindlicher Charakter gegenüber dem griechischen Text verschärft oder sogar, gegen den griechischen Text, überhaupt erst in die Übersetzung hineingetragen wird“, so Förster in einem Beitrag in der „Herder Korrespondenz“ (März). Diese Abschnitte seien oft von den zahllosen späteren Übersetzern übernommen worden und hätten so bis in moderne Bibelausgaben überdauert. Beispielhaft nennt er „eine der judenfeindlichsten Aussagen des gesamten Neuen Testaments“ im Ersten Thessalonicherbrief, die in der revidierten katholischen Einheitsübersetzung so lautet: „Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jene von den Juden. Diese haben Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen“ (1 Thess 2,14f). In der revidierten Lutherbibel: „Ihr habt dasselbe erlitten von euren Landsleuten, was jene von ihren erlitten haben, den Juden, die den Herrn Jesus getötet haben und die Propheten und die uns verfolgt haben und die Gott nicht gefallen und allen Menschen feind sind.“ Förster weist nach, dass diese allgemeine Verurteilung der Juden als homogene Gruppe nicht vom Urtext gestützt wird, stattdessen spricht Paulus über eine bestimmte Teilgruppe des Judentums. Als originalgetreuere Übersetzung schlägt Förster vor: „Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jene von einigen unter den Juden. Eben solche unter den Juden haben Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet …“

An anderer Stelle werden jüdischen Schriftgelehrten Mordabsichten unterstellt, die sich so nicht im Urtext finden lassen. In der deutschen Version des Matthäus-Evangeliums heißt es nach einem Heilungswunder am Sabbat: „Die Pharisäer aber gingen hinaus und fassten den Beschluss, Jesus umzubringen“ (Mt 12,14, revidierte Einheitsübersetzung). Bei Luther: „Da gingen die Pharisäer hinaus und hielten Rat über ihn, dass sie ihn umbrächten.“ Förster erklärt: „Dies ist umso erschütternder, als damit ausdrücklich unterstellt wird, dass die Pharisäer als Gremium sich nicht an die Zehn Gebote gebunden fühlen. Vielmehr handelt es sich bei ihnen, so scheint es, um eine Truppe heimtückischer Mörder. Dieses Bild der Pharisäer ist jedoch nur auf Grundlage des deutschen Textes möglich.“ Das im griechischen Urtext verwendete Verb apollymi werde an keiner anderen Stelle mit „umbringen“ gleichgesetzt. Förster bietet als originalgetreuere – und weit harmlosere – Übersetzung an: „Die Pharisäer aber gingen hinaus und berieten, wie sie Jesus loswürden.“

Diese auf den ersten Blick geringfügigen Verschiebungen in der Übersetzung erlangten in den 500 Jahren seit Luther tragische Relevanz. Gerade diese Stellen wurden immer wieder herangezogen, um die Kollektivschuld der Juden am Christusmord zu belegen. „Der Christusmord ist nun eines der wichtigsten Motive christlicher Judenfeindschaft“, erläutert Förster. „Mit dem Christusmord wurden Pogrome gerechtfertigt, mit dem Christusmord arbeitete die nationalsozialistische Propaganda.“

Angesichts dieser historischen Relevanz ist es umso dramatischer, dass so viele moderne Übersetzungen der „Macht der Gewohnheit“ nachgaben und sich mehr an Luthers Version statt am Originaltext orientierten. Dieses Problem reicht über den deutschen Sprachraum hinaus. Auch die einflussreichste englischsprachige Bibelausgabe, die King-James-Version, wurde von der Luther-Übersetzung geprägt. Für Förster „deuten die bisher erzielten Ergebnisse darauf hin, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelt“. Allein im Johannes-Evangelium geht er von bis zu sechzig Versen aus, die neu überarbeitet werden müssten, um dem Originaltext gerechter zu werden. Letztlich führe nichts an einer grundlegenden Revision der Bibelübersetzung vorbei, um näher an den Urtext heranzukommen: „Es wird Zeit für einen Neustart.“

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