Sexualmoral und sexuelle RevolutionDer ehemalige Papst nimmt Stellung

Vor allem binnenkirchlich Aufsehen erregt hat ein kritischer Einwurf des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. zur Kirchenkrise. Ein Dokument mit Vorwürfen, die bei allem Widerspruch dennoch zu diskutieren wären.

Ein ehemaliger Papst nimmt Stellung zur Lage der Kirche, des christlichen Glaubens und der Sexualmoral: Es ist ein ungewöhnliches, kritisches, gelehrte Personen teilweise verletzendes, sehr persönliches Schreiben, das Benedikt XVI./Joseph Ratzinger unmittelbar vor Beginn der Karwoche in die Öffentlichkeit gebracht hatte. Fast wie ein Hirtenbrief aus dem „Exil“ der Pension, fast wie ein „Rundschreiben“ an das Volk Gottes, was man eigentlich angesichts der höchst bedrohlichen Krisensituation der katholischen Kirche und des christlichen Glaubens eher vom amtierenden Papst erwartet hätte. Wenn auch der Tonfall wahrscheinlich ein anderer wäre.

Dennoch sollte man zur Kenntnis nehmen, was der aus dem Amt geschiedene Nachfolger des Petrus im Petrusdienst in dieser Situation wohl der gesamten katholischen Kirche sagen will. Der zehnseitige Text, überschrieben mit „Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs“, lässt von den ersten Zeilen an die Sorge spüren, dass sich die Kirchenkrise zu einer dramatischen Glaubenskrise geweitet hat und immer mehr weitet. Zudem wird schnell klar, dass der Ex-Papst einen Gegenakzent setzen möchte zu dem, was momentan an Reformforderungen – womöglich auch von seinem Nachfolger – vorgebracht wird: von geänderten Zugangsbedingungen für das Priestertum bis zu einer neuen Ausbalancierung der Sexualmoral.

Im Vorspann erinnert Benedikt XVI./Joseph Ratzinger daran, dass er selber zum Zeitpunkt des öffentlichen Ausbruchs der Krise an „verantwortlicher Stelle als Hirte in der Kirche gewirkt“ hat. Er habe zwar jetzt nicht mehr diese Verantwortung, doch sieht er sich offensichtlich gedrängt, rückblickend etwas aufzuarbeiten. Allerdings ist nicht, was man erwarten würde, zunächst einmal von möglicherweise eigenen Versäumnissen und Fehleinschätzungen die Rede. Vielmehr gehe es aus der Rückschau heraus darum, etwas „zu einem neuen Aufbruch“ beizutragen.

Ein erster Abschnitt geht scharf mit der sogenannten sexuellen Revolution, die spätestens in den sechziger Jahren begann, ins Gericht. Tatsächlich hat sie die Gesellschaft und die Kultur in Grundanschauungen, Haltungen und im Verhalten innerhalb kürzester Zeit nachhaltig verändert, wie es nur wenigen anderen Revolutionen „gelungen“ ist. Der einstige Kirchenführer aus Deutschland beklagt zum Beispiel die seinerzeit begonnene, staatlich verordnete Sexualerziehung, die in drastischer Weise auch mit optischen Mitteln, einschließlich öffentlicher filmischer Darstellung des Geschlechtsverkehrs, das Bewusstsein der Menschen und damit den Umgang mit dem Intimsten der Beziehung von Mann und Frau verändert habe – bis zur allgemeinen und exzessiven Ausbreitung von Pornografie. Aus seiner eigenen Erinnerung erzählt Benedikt XVI./Joseph Ratzinger, wie er im katholischen Regensburg vor einem großen Kino, das Sexfilme zeigte, „Menschenmassen stehen und warten sah, wie wir sie vorher nur in Kriegszeiten erlebt hatten, wenn irgendeine Sonderzuteilung zu erhoffen war“.

War das Naturrecht besser?

Der Verfasser vermutet einen engen Zusammenhang zwischen der sexuellen Freiheit, „die keine Normen mehr zuließ“, und einem „seelischen Zusammenbruch“ in der Gesellschaft, was sich in jenen Jahren in zunehmender Gewaltbereitschaft geäußert habe. Ohne die Grünen oder sonstige Alternative zu erwähnen, wird darauf verwiesen, dass damals in manchen dieser Kreise Pädophilie „als erlaubt und als angemessen“ betrachtet wurde. Der ehemalige Papst zieht von daher eine Linie zum „Zusammenbruch des Priesternachwuchses“ und zu der hohen Zahl von Laisierungen, also des Ausscheidens aus dem Priesteramt.

Dann rechnet Ratzinger mit reformerischen Entwicklungen der Moraltheologie ab, wobei er sich nicht zurückhält, hoch angesehene Persönlichkeiten wie Franz Böckle oder den Jesuiten Bruno Schüller nachträglich zurechtzuweisen, weil sie anstelle einer naturrechtlich verankerten Moraltheologie eine „pragmatisch vorgehende“ entworfen hätten, „ohne damit eine Antwort auf die Krise der Moral geben zu können“. Extrem irritierend ist eine geradezu zynisch klingende, wenn auch vielleicht nicht so gemeinte Äußerung über Böckle, der im Vorfeld der geplanten Moral-Enzyklika „Veritatis splendor“ (Glanz der Wahrheit) von Papst Johannes Paul II. erklärt habe: „Wenn die Enzyklika entscheiden sollte, dass es Handlungen gebe, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen seien, wolle er dagegen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräfte seine Stimme erheben.“ Dann folgt der äußerst befremdliche Satz von Benedikt/Ratzinger: „Der gütige Gott hat ihm die Ausführung dieses Entschlusses erspart; Böckle starb am 8. Juli 1991. Die Enzyklika wurde am 6. August 1993 veröffentlicht und enthielt in der Tat die Entscheidung, dass es Handlungen gebe, die nie gut werden können.“

In der 1989 von Theologen unterzeichneten „Kölner Erklärung“, die im Namen der Freiheit der Wissenschaft diese auch für die theologische Forschung und Lehre einklagte, sieht der Verfasser nichts anderes als ein Aufbegehren gegen die Autorität des kirchlichen Lehramts. Zurückgewiesen wird vom einstigen Papst die Auffassung, dass das kirchliche Lehramt nur in eigentlichen Glaubensfragen eine endgültige Kompetenz etwa für unfehlbare Letztentscheidungen habe, nicht aber in Fragen der Moral. Es wird eingeräumt, dass es in dieser Einschätzung „wohl Richtiges“ gebe, „das weiter diskutiert zu werden verdient“. Trotzdem sei der Glaube verbunden mit der Moral, weil er keine bloße Theorie sei, sondern „einen Anspruch an das konkrete Leben“ habe. Es gebe eine klare „Grenze zwischen Wahrheit und Lüge“, über die zu wachen das Lehramt die Vollmacht besitze.

Kritik an autonomer Moral

Benedikt XVI./Joseph Ratzinger setzt sich auch mit der Auffassung auseinander, dass es gar keine besondere christliche Moral gebe, weil sie Anteil habe an dem, was allgemein als autonome Moral oder Weltethos gelte, ohne diese Begriffe, die von den Tübingern Alfons Auer und Hans Küng geprägt wurden, hier zu erwähnen. Die Tatsache, dass sich zu jeder Aussage christlicher Moral auch etwas Ähnliches in anderen Religionen finden lasse, könne das besondere Eigene nicht relativieren, so der ehemalige Papst, denn das christliche Ethos habe eine unverwechselbare eigene Verankerung: im biblischen Gottesbild, in den Zehn Geboten und vor allem in Jesus Christus selbst. Die Christusbezogenheit sei der christlichen Moral eigentümlich, für sie entscheidend. „Der Glaube ist ein Weg, eine Weise zu leben.“ In der alten Kirche habe es daher das Katechumenat gegeben, einen Lernprozess mit Anspruch, eine Einübung ins Christsein. Damit verbunden war eine Absage ans Heidentum „einer immer mehr demoralisierten Kultur“. Kirche als Kontrast, als Kontrastgesellschaft. So jedenfalls deutet Ratzinger die Zusammenhänge.

In einem zweiten Teil beschreibt er, was seine Beobachtungen und Feststellungen für den priesterlichen Dienst bedeuteten und bedeuten: „Der lang vorbereitete und im Gang befindliche Auflösungsprozess der christlichen Auffassung von Moral“ habe zu entsprechenden Verwerfungen im geistlichen Amt geführt. Was vielfach bestritten wird, wird vom ehemaligen Papst, der die Verhältnisse aus seiner Amtszeit ja gut kennen muss, nunmehr bestätigt: „In verschiedenen Priesterseminaren bildeten sich homosexuelle Clubs, die mehr oder weniger offen agierten und das Klima in den Seminaren deutlich veränderten.“ Dass mancherorts Seminaristen und Pastoralreferenten – letztere teilweise mit Frau und Kind oder auch Freundin – zusammenlebten, sei der besonderen priesterlichen Berufung abträglich gewesen. In einem Textabschnitt werden sogar Bischöfe scharf kritisiert, die in Ratzingers Augen „die katholische Tradition insgesamt ablehnten“.

Zu viele Verteidigungsrechte?

Warum aber ging es bei der Bekämpfung der Pädophilie und Bestrafung der – priesterlichen – Täter nicht rasch voran? Warum so viel Vertuschung zum Schutz des Systems? Spätestens hier hätte man erwartet, dass der für die Glaubens- und Moralfragen lange Zeit zweithöchste und dann höchste Amtsträger der katholischen Kirche nach eigenen Versäumnissen – auch im Vatikan – gefragt hätte. Doch wird nur erläutert, dass es aufgrund komplexer kirchenrechtlicher Zusammenhänge anfangs schwierig war, Täter grundsätzlich – und nicht nur für eine gewisse Dauer – vom priesterlichen Amt auszuschließen, sie entschieden zu bestrafen und zu verurteilen. Auch da sieht der Verfasser das Problem auf der anderen Seite, bei Tendenzen, das Recht der Verteidigung eines Angeklagten sehr weit auszudehnen. Deshalb seien „Verurteilungen kaum noch möglich“ gewesen. Indirekt wird die Schuld an Theologen weitergereicht, die verlangt hatten, bei Lehrbeanstandungsverfahren klare Rechte zur eigenen Verteidigung, zur Akteneinsicht sowie Berufungsmöglichkeiten zu erhalten. Das vorliegende Dokument verlangt wieder mehr Strenge, wenn der Glaube beschädigt werde.

Im dritten Teil wird deutlich, dass der einstige Papst keine Lösung des Problems von Reformen erwartet, wie sie momentan von vielen wieder vorgetragen werden: von der Abschaffung des verpflichtenden Zölibats für Weltpriester (ähnlich der ostkirchlichen Tradition; auch in den dortigen katholischen Ortskirchen) über eine Einbeziehung human- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse in die Sexualmoral bis hin eventuell zu einem Diakonat der Frau. Stattdessen müsse die Kirche der immerwährenden Lehre treu bleiben, auch in einer strikten Individualmoral, bei deren Beachtung es die Missbräuche nicht gegeben hätte.

Guter Gott, gute Kirche

Alles hänge an der Gottesfrage, an der Liebe zu Gott. Ohne Gott sei alles sinnlos. Gott allein sei der Garant für die Maßstäbe des Guten oder Bösen. Letztlich sieht Benedikt/ Ratzinger alle Missstände dadurch verursacht, dass Gott aus dem Leben der Menschen ausgeblendet wurde, ja dass er aus der Gesellschaft in die Privatheit jedes Einzelnen gebannt worden sei. Nicht einmal sei es gelungen, die Verantwortung vor Gott in eine europäische Verfassungsordnung aufzunehmen. Selbst die Christen, die Priester würden lieber nicht von Gott reden, „weil diese Rede nicht praktisch zu sein scheint“. „Wir müssen vor allen Dingen wieder lernen, Gott als Grundlage unseres Lebens zu erkennen.“ Ratzinger beobachtet da zu viele Ausweichmanöver: Man spreche zum Beispiel auch über die Kirche fast ausschließlich „mit politischen Kategorien“. Und das gelte bis zu den Bischöfen hin, „die ihre Vorstellung über die Kirche von morgen weitgehend ausschließlich politisch formulieren“. Hier scheint indirekt noch etwas anderes mitzuschwingen: eine Kritik daran, dass Kleriker und insbesondere auch Kirchenführer meinen, sich um der öffentlichen Wahrnehmung willen mehr aufs Parkett der Politik und (sozial-)politischer Forderungen begeben zu müssen, statt sich in einer vorrangigen Option für die Gottesfrage auf die ureigenen religiösen Hausaufgaben als Dienst an der Gesellschaft zu konzentrieren.

Beklagt wird ferner ein Eucharistieverlust, die Vernachlässigung sakramentaler Bewusstseinsbildung. Die Kommunion werde oftmals nur noch als „zeremonielle Geste“ für gewisse familiäre Feste betrachtet. Vor derart folkloristischem Missbrauch müsse das Geschenk der Eucharistie unbedingt geschützt werden.

Zum Schluss versucht der ehemalige Papst, das Mysterium der Kirche in Erinnerung zu rufen. Es gebe in ihr Sünder, aber auch die Ernsthaften, die Heiligen. Man dürfe trotz des Versagens Einzelner die gute Kirche als Ganze nicht schlechtreden, nicht schlechtmachen. „Es gibt auch heute die heilige Kirche, die unzerstörbar ist.“

Wie ist das Schreiben zu bewerten, dessen Analysen von vielen Fachleuten nicht geteilt werden? Zweifellos spiegelt sich in dem Dokument die große Sorge des ehemaligen Papstes über den äußerst betrüblichen Zustand der Kirche und des Christseins im Zeitalter umfassender Säkularisierung und religiöser Entfremdung wider. Obwohl er nach der Verabschiedung aus seinem höchsten Amt nicht mehr öffentlich das Wort ergreifen wollte, hat er sich in den letzten Jahren dennoch verschiedentlich nicht daran gehalten und deshalb manch erhebliche Irritation verursacht – unter anderem mit der Änderung eines früheren Aufsatzes aus der Zeit als Theologieprofessor über die Ehe und über eine Wiederheirat nach Scheidung oder zuletzt zur christlich-jüdischen Thematik und der Frage des ungekündigten Bundes Gottes mit dem Volk Israel.

Auffällig ist, wie sehr der Autor eher reformorientierte Theologen und aufgeschlossene Bischöfe mit „konziliarer Gesinnung“ kritisiert, ohne sie – abgesehen von den zwei bis drei genannten Persönlichkeiten – beim Namen zu nennen. Der Vorwurf des Verfassers lautet: „Konziliar“ sei in erster Linie als „eine der bisherigen Tradition gegenüber kritische oder negative Haltung verstanden“ worden, „die nun durch ein neues, offenes Verhältnis zur Welt ersetzt werden sollte“. Dabei hätten in dem Text durchaus mit Selbstkritik auch Fehlbesetzungen von Bischofsstühlen mit traditionell orientierten Personen – trotz eingegangener Warnungen – erwähnt werden können. Es waren Leute, die Missbrauch vertuscht oder selber Missbrauch verübt haben. Auch wäre daran zu erinnern, dass Führer geistlicher Bewegungen, die sich selber solches zuschulden kommen ließen, vom Vatikan, ja von Papst Johannes Paul II. lange hofiert worden waren, wenn man nur an die „Legionäre Christi“ denkt. Schließlich: Die ungeheuer vielen „Altfälle“ sexuellen Missbrauchs lange vor der „sexuellen Revolution“ lassen sich mit dieser gerade nicht erklären.

Fehlersuche – nur nicht kirchlich

So bleibt nach der Lektüre des Dokuments ein zwiespältiger Eindruck zurück. Ja, es stimmt, dass mit der extremen Sexualisierung etwas gewaltig schiefgelaufen ist und schiefläuft in unserer Kultur und Gesellschaft. Die dadurch ausgelöste Instabilität von Paarbeziehungen hat viele Menschen – und insbesondere Kinder und Jugendliche – schwer neurotisiert, psychisch geschädigt.

Ja, es braucht eine neue Aufklärung, welche die halbierte Aufklärung der „sexuellen Revolution“ ergänzt und korrigiert durch das, was verantwortete Sexualität und Elternschaft in einem humanitären und christlichen Sinn bedeutet. Aber für einen aufrichtigen Dialog mit dem, was medizinisch wie psychologisch über die Sexualität des Menschen erkundet wurde, fehlt dem Text das Sensorium. Was verwundert, weil die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI., „Gott ist die Liebe“, den Bogen des Glaubens zur Würde der menschlichen Sexualität und Erotik spannte.

Zudem wäre auch ein deutliches Wort zum kirchlich-lehramtlichen, klerikalistischen Versagen notwendig gewesen gegenüber den vielen Menschen und besonders Ehepaaren, denen man die sexuelle Freude und Lust am Leben auszutreiben versuchte, indem man sich ständig in das Intimste einmischte, als Sünde und Unzucht brandmarkte und in selbstgewisser Arroganz eine Hoheit selbst über die Ehebetten beanspruchte. Bis hin zur Einmischung in die Geburtenplanung und menschliche Fruchtbarkeit. Wieviele falsche Gewissensbisse, wieviel Leid, wieviel kirchlich erzeugte Neurosen sind so von der Kirche als Moral-Überwachungsinstanz verursacht worden! Wieviel Schuld hat das geistliche Amt auf sich geladen dadurch, dass es auf diese Weise die wachsende Entfremdung der Menschen von Glaube und Kirche provozierte, was schließlich die radikale Abwendung der folgenden Generationen mit in Gang setzte. Wenn schon Fehlersuche und Brandmarkung von Fehlentwicklungen – dann auch innerkirchlich, dann auch durch einen 92-jährigen Theologen und ehemaligen Kirchenführer, der jene Zeit und jene Drangsalierung wahrgenommen haben muss. Kirche gab sich mehr als obsessive Moralorganisation denn als Heils-Glaubensweg. Immerhin hat der nicht sehr viel jüngere Nachfolger-Papst erkannt, was die Zeichen der Zeit sein müssten, wenn auch diese Einsicht für die Kirche als Ganze jetzt verspätet kommt. Zu spät, weil das Zeitfenster für grundlegende Korrekturen längst geschlossen ist?

Ja, es stimmt allerdings auch, was das Ratzinger-Dokument kritisch anzudeuten scheint, dass die klerikalen Amtsträger eine stets besserwisserische Politisiererei einstellen und sich auf ihre eigentliche Aufgabe und Kernkompetenz konzentrieren sollten: gerade in glaubensproblematischen Zeiten Christus zu verkünden und die Neugier auf Gott im Dialog mit Wissenschaft und Kultur zu wecken, um daraus eine moderne Plausibilität für die letzten Fragen, für das eigentliche Mysterium zu gewinnen. Demokratieerfahrene mündige Staatsbürger und Weltbürger und Christen brauchen jedenfalls keine Belehrung über Demokratie aus Bischofsmund, schon gar nicht, wenn das eigene Kirchensystem peinlicherweise weiterhin fest hierarchisch-monarchisch verfasst ist. Ein erneuertes, zeitgemäßes Glaubens- und Gottesverständnis mit einem wahrhaft mystischen Christusbezug im Horizont einer erweiterten Welterfahrung verlangt nach mehr und nach anderem als dem, was früheren Generationen an Erkenntnis verfügbar und damals hilfreich war. Nicht jede Tradition, die sich für gewisse Zeit bewährt hat, muss für alle Zeiten fruchtbar sein.

Für oder gegen Papst Franziskus?

Hat der ehemalige Papst mit diesem Text dem heutigen Papst, dem er im letzten Satz dankend huldigt, aus konservativ-traditioneller Sicht – wie der Eindruck erweckt wird – verteidigend beispringen wollen, womöglich gegen jene Konservativen und Traditionalisten, die inzwischen eine mächtige Front gegen Franziskus I. aufgebaut haben? Faktisch liest sich vieles eher wie eine Kritik an dessen Öffnungskurs, als sollte noch einmal vom Vorgänger verbindlich in Erinnerung gerufen und festgeklopft werden, was sein Nachfolger zu beachten und ohne Wenn und Aber zu verteidigen habe. Also doch so etwas wie ein Doppelspiel einer klammheimlichen Doppelspitze von Ex-Papst und Papst, von „zwei Körpern“ in einem fiktiv einzigen Amt?

Der Stärkung lehramtlicher Autorität dient das nicht. Dass mit dem provozierenden Einwurf Joseph Ratzingers aber auch mal die Gegenseite von westeuropäischen und (nord-)amerikanischen Einschätzungen wahrgenommen wird, ist zur Überprüfung womöglich mancher allzu selbstgewissen und selbstgerechten Überzeugungen sinnvoll. Unfehlbar ist selbst bei besten Argumenten und Reformabsichten niemand. Auch ein Ex-Papst nicht, der trotz seines eindringlichen Appells zur Gewissenserforschung nicht auf die ganze Wahrheit Bezug nimmt. Es ist höchste Zeit, dass sich nun endlich der amtierende Papst mit seiner Sicht deutlich äußert zu einer epochalen Kirchen- und Glaubenskrise, die so heftig ist wie vielleicht seit der Reformation nicht mehr.

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