Mystik im AlltagSpielräume

Mach kein Theater? Erst über die Inszenierung wird der Mensch zum Menschen, schöpferisch, kreativ.

Die Urmenschen haben, bevor sie zur Jagd gingen, den Bären spielend schon vorher getötet, spielend haben sie Götter besänftigt. Diese Bewältigung der Angst wird es immer geben. Das ist das größte Geheimnis, das wir haben: dass wir vor anderen Menschen etwas spielend behaupten und dass wir Menschen dadurch frei machen können.“ Das bemerkte der Regisseur Claus Peymann einmal in einem „Spiegel“-Interview. Gewiss war es nicht nur die Angst, die zu bewältigen ist. Mehr noch war es die schöpferische Gestaltung von Spiel-Räumen zum Leben – und zwar angesichts überwältigender, „göttlicher“ Wirklichkeiten wie Donner und Blitz, wie Fruchtbarkeit und Tod. Theater – Peymann hat recht – ist dazu da, Alternativen zu suchen, andere, „heilere“ Welten, in denen es göttlich und menschlich zusammenstimmt – und mit den Opfern, die es dafür zu bringen gilt. Gerade im tragischen Ausspielen dunkler Verwicklungen – Aristoteles hat es auf den Punkt gebracht –, geht es um Reinigung durch Furcht und Mitleid(en). Ergriffen können wir besser begreifen, was gilt; getroffen können wir es genauer antreffen.

„Mach kein Theater“, heißt es in Auseinandersetzungen, also: „Übertreib nicht.“ Aber Inszenieren gehört zum Leben. Vor allem Spielen ist elementar – gemäß Schillers berühmtem Satz: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Selbst das ausgeklügelte, profitorientierte Spiel – wie etwa im bezahlten Fußball – hat noch etwas von der lustvollen Unterhaltung, von der Befreiung aus dem Verzweckten. Selbst die oft fatalen „Spiele der Erwachsenen“ in kalkuliertem Kommerz und berechnendem Geschäft mit ihren Tricks und Raffinessen haben ihren Reiz. Schmal ist der Überschritt von legitimer Gewinnsteigerung zu Hab- und Spielsucht. Wie wichtig erst recht ist das Spielen – das wirkliche und absichtslose – von Kindesbeinen an bis zu den Stamm- und Spieltischen. Dass es dabei ernst zugehen kann und nach Regeln, gehört gerade dazu. „Nur im Spiel empfinden wir uns der Schöpfung verwandt, deren Teil wir sind, und nehmen teil an dem Impuls, der sie geschaffen hat. Er darf grundlos gewesen sein und ohne Zweck.“ So schreibt der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg.

Ein frühjüdisches Glaubensgedicht lässt die göttliche Weisheit – die erste „Regieassistentin“ in Gottes ständiger Schöpfungsarbeit – erzählen (Spr 8,31f): „Ich spielte auf dem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein. Nun … hört auf mich (und macht es mir nach).“ Die Schöpfungsarbeit ist ein förmliches Liebesspiel, wie zum Beispiel Mechthild von Magdeburg betont: „die spielende Flut der Minne“. Haben nicht die Gleichnisse und das Wirken Jesu, in allem Ernst, etwas Spielerisches und Leichtes? Zu Tode gearbeitet hat sich der Wanderprediger aus Nazaret nicht, vom Feiern ist oft die Rede (vgl. Mt 11,17). Ist nicht das der Sinn und Auftrag von Christen und Kirchen, in seinem Namen Spielraum gottmenschlicher Präsenz zu sein und entsprechende Spielräume zu schaffen – in Gottesdienst und Liturgie, an der Tafel oder bei Flüchtlingen, in der Lust und Last des Daseins?

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