Auch Körperhygiene will gelernt seinIntimpflege bei Kindern

Reichlich Wasser, wenig Kosmetik und ganz viel Zuwendung. Das sind die Zutaten für die tägliche Pflege von Po & Co. Wie Eltern dabei die Balance zwischen Hygiene ritual, Schamgefühl und Privatsphäre halten können

Babyhaut ist sehr sensibel. Zu viel Pflegeprodukte schaden eher
Babyhaut ist sehr sensibel. Zu viel Pflegeprodukte schaden eher© Daniel Reche - pexels

Eltern von Babys wissen: Solange ihr Kind noch Windeln trägt, sind sie für seine Körperpflege zuständig. Irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr kommt die Zeit, in der Kinder nach mehr Autonomie streben. Der Job von Mamas und Papas ist es dann, die Jungen und Mädchen beim Waschen so anzuleiten und zu unterstützen, dass Körper- und Intimpfl ege für sie so selbstverständlich wird wie Händewaschen und Zähneputzen. Eine morgendliche Katzen wäsche von Händen und Gesicht mit lauwarmem Wasser ist hier schon genug. Ebenfalls täglich sollten Kinder – je nach Entwicklungsstand mit oder ohne Hilfe ihrer Eltern – ihren Po und die Geschlechtsteile mit lauwarmem Wasser waschen. Immer von vorne nach hinten und am besten mit der Hand oder einem Waschlappen. „Jeden Tag duschen oder baden, das muss nicht sein. Ein- oder zweimal die Woche reicht völlig. Es sei denn, Haut und Haare sind schmutzig oder das Kind hat stark geschwitzt“, rät die Ärztin und Sexual medizinerin Katharina Rohmert von der pro-familia-Beratungsstelle in Darmstadt. Zu häufige Dusch- oder Wannenbäder greifen nur den Säureschutzmantel der Haut an. Beim Baden reicht ein Schuss Pflanzenöl als Zusatz, beim Duschen eine pH-hautneutrale Waschlotion. Nach dem Waschen sollten alle Hautfalten gründlich abgetrocknet werden. Zusätzliches Eincremen ist meistens nicht nötig. Kinder mit empfindlicher oder zu Allergien neigender Haut brauchen dagegen eine hautfreundliche Creme ohne Zusatzstoffe. Wichtig: Jedes Familienmitglied sollte eigene Waschlappen und Handtücher haben. Waschlappen müssen täglich in die Wäsche, Handtücher alle paar Tage.

Die Großen machen es vor

Eltern sind für ihre Kinder in den ersten Lebensjahren die wichtigsten Vorbilder überhaupt. Erleben die Kinder, wie sich Mama und Papa selbstverständlich waschen und duschen, wollen sie ihnen nacheifern. Zuerst voll motiviert, dann aber mit abnehmender Lust, weil sie merken, dass Waschen und Abtrocknen auf Dauer langweilig sind. Dann müssen Eltern dem Kind wieder und wieder zeigen, helfen und erklären, wie es sich waschen kann und warum dies so wichtig ist. Anfangs brauchen Kinder noch mehr Unterstützung, etwa beim Abputzen des Pos nach dem Toilettengang. Ist die Haut rot oder gereizt, helfen ölgetränkte Vliestüchlein ohne Duftstoffe und andere Zusätze oder ein Spritzer Pflanzenöl aufs Toilettenpapier. Gemeinsam mit dem Kind waschen Mama oder Papa den Po und die Geschlechtsteile und erklären ihm, wie das geht: „Wir wischen von vorne nach hinten in Richtung Po, damit keine Kacka-Reste in deine Scheide/in dein Glied kommen und dich krank machen.“ Spätestens ab dem Kindergartenalter wollen die Kinder sich alleine waschen und auf die Toilette gehen. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie seine Selbstständigkeit und Eigenverantwortung wertschätzen, auch wenn die Waschversuche erst einmal nicht optimal laufen. So fördern Sie sein Selbstbewusstsein und tun viel für ein gutes Körpergefühl.

Wenn Eltern ihre Kinder auf die Toilette begleiten, waschen oder mit ihnen baden, entsteht Nähe und Intimität: Der zweijährige Sohn möchte unbedingt mit auf die Toilette, wenn seine Mutter muss, und weicht ihr nicht von der Seite. Die dreijährige Tochter merkt plötzlich, wie lustig es ist, beim Baden kaltes Wasser auf Papas Glied zu schütten. Die Mutter nimmt es mit Humor, der Vater möchte sofort raus aus der Wanne. Körperscham ist eine sehr persönliche Sache, bei Kindern und Erwachsenen. Gibt es überhaupt ein richtiges oder falsches Verhalten? „Entscheidend ist doch, die eigenen Schamgrenzen zu akzeptieren – und natürlich auch die der Kinder“, betont Sexualmedizinerin Rohmert. Denn Eltern, die ihren Kindern zuliebe das eigene Schamgefühl unterdrücken, vermitteln ihnen eine gefährliche Botschaft: Es ist in Ordnung, Berührungen zu ertragen, die mir unangenehm sind. Besser ist es zu sagen: „Das möchte ich nicht.“ Das verstehen auch kleine Kinder und lernen dabei etwas Wichtiges: dass jeder Mensch das Recht hat, seine Intimität zu schützen und „Nein“ zu sagen.

Pflegetipps Mädchen

Beim täglichen Waschen des Intimbereichs zeigen Mütter und Väter ihren Töchtern, wie sie ihre inneren und äußeren Schamlippen sowie die Gegend um den Darmausgang mit viel lauwarmem Wasser waschen. Babyfeuchttücher oder feuchtes Toilettenpapier sind dafür eher ungeeignet, weil sie Duftstoffe und Konservierungsmittel enthalten, die die Haut irritieren und allergische Reaktionen hervorrufen können. Grundsätzlich verzichten sollten Eltern auf alkalische Seifen, Intimsprays, Intimwasch lotionen oder gar Scheidenspülungen. Denn die Produkte sorgen keineswegs für eine lupenreine Hygiene. Stattdessen greifen sie bei Mädchen und auch bei erwachsenen Frauen den Säureschutzmantel der Haut an und zerstören das Gleichgewicht der Scheidenflora und damit deren natürlichen Schutzmechanismus gegen Keime.

Pflegetipps Jungs

Auch Glied, Hodensack und Po von kleinen Jungen brauchen eine tägliche Wäsche mit reichlich warmem Wasser. In den ersten Lebensjahren ist die Vorhaut noch mit der Eichel verklebt. Daher raten Urologen und Kinderärzte dringend davon ab, sie zurückzustreifen, um die Haut darunter zu reinigen. Den Ablöseprozess sollten Eltern der Natur überlassen. Spätestens ab dem Grundschulalter können Eltern ihren Jungs dann zeigen, wie man die Vorhaut vorsichtig zurückzieht und die Kranzfurche um die Eichel herum abwäscht. Das ist wichtig, weil sich unter der Vorhaut eine Absonderung namens Smegma bildet. Sie riecht nicht nur unangenehm, sondern kann auch Entzündungen von Eichel und Vorhaut verursachen. Beim Waschen kommt es vor, dass der Penis des Jungen steif wird. Während dieser vielleicht mit Stolz oder Lachen reagiert, ist das manchen Eltern peinlich. Machen Sie aber kein Drama daraus und vermeiden Sie abwertende oder spöttische Bemerkungen. Ist Ihr Kind verunsichert oder fragt es nach, können Sie ihm erklären, dass sein Körper sich darüber freut, berührt zu werden – und ein steifes Glied ein Zeichen dafür ist. „Kinder haben ein gutes Körpergefühl. Sie gehen ganz natürlich mit ihren Geschlechtsorganen um, die sie als Teil des Ganzen betrachten“, erklärt die Systemische Therapeutin und Sexualpädagogin Kathrin Skoupil (siehe Interview). „Erleben sie von ihren Eltern eine Wertschätzung ihrer Körperlichkeit, stützt das die Entwicklung zu einer sich selbst bewussten Persönlichkeit.“

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Schamgefühl ist wichtig für die Entwicklung

kizz sprach mit Kathrin Skoupil, Systemischer Therapeutin und Sexualpädagogin mit Praxis in Darmstadt

Wie gehen Eltern damit um, wenn sich die Kinder alleine waschen wollen und sie aus dem Badezimmer schicken?

Etwa ab dem Kindergartenalter entwickelt sich bei Kindern langsam das Schamgefühl. Dazu gehört auch, dass sie von sich aus Türen schließen, wenn sie sich waschen, aufs Klo gehen oder umziehen. Ihr Verhalten hat aber nichts mit der Scham von Erwachsenen oder Peinlichkeit zu tun. Vielmehr macht das erwachende Schamgefühl das Entstehen eines eigenen persönlichen Bereichs überhaupt erst möglich und ist damit wichtig für die persönliche Entwicklung. Wenn ein Kind seinen Eltern also signalisiert, dass sie draußen bleiben sollen, gilt es, das zu respektieren.

Umgekehrt möchten manche Eltern nicht ständig unter Beobachtung zur Toilette gehen oder duschen – was raten Sie ihnen?

Auch Eltern müssen sich abgrenzen und Freiheiten für sich bei den Kindern einfordern dürfen. Kinder akzeptieren Regeln, die sie in der Familie lernen und die Teil der Familienkultur sind. Wenn dazu gehört, dass Eltern sagen: „Ich brauche Zeit für mich und möchte im Badezimmer allein sein“, ist das für Kinder nichts Besonderes und sie akzeptieren das auch. Im Umgang mit Körperlichkeit und Intimsphäre gibt es in Familien natürlich große Unterschiede. Körperscham ist eine sehr persönliche Angelegenheit, da sollten Väter und Mütter dem folgen, was sich für sie stimmig anfühlt.

Was, wenn Eltern regelrecht Probleme mit Nacktheit und Intimität haben? Ist das schlecht für die kindliche Entwicklung?

Wenn Vätern und Müttern das Interesse der Kinder am elterlichen Körper peinlich ist und ihr Schamgefühl verletzt, sollten sie ruhig offen mit ihren Kindern darüber sprechen und mit ein paar kurzen, einfachen Sätzen erklären, warum sie Probleme damit haben. Ein guter Kompromiss für beide Seiten kann sein, sich gemeinsam ein kindgerechtes Körper-Buch mit vielen Bildern anzuschauen und darüber miteinander zu reden. Im Übrigen machen Kinder auch eine eigene Sexualentwicklung durch und suchen mit der Zeit nach einem Weg zu ihrer individuellen Sexualität. Viel falsch machen können Eltern da gar nicht. Nur wenn zu Hause überhaupt nicht über Körperlichkeit und Sexualität gesprochen wird, hemmt das Kinder in der Entwicklung und das Thema ist mit Peinlichkeit und Scham besetzt.

Viele Eltern geben den Geschlechtsteilen Kosenamen. Fördert oder verhindert das einen natürlichen Umgang mit dem Körper?

Viele Eltern geben den Geschlechtsteilen Kosenamen. Fördert oder verhindert das einen natürlichen Umgang mit dem Körper? Es darf durchaus eine Familiensprache für Geschlechtsteile geben. Kosenamen klingen oft weicher und entsprechen dem Sprachgeschmack der jeweiligen Familie. Allerdings sollten alle Kinder die allgemeingültigen Begriffe wie Scheide, Vulva, oder Penis kennen. Sie müssen sich hier ja auch außerhalb der Familie verständlich machen können. Pädagogische Fachkräfte sollten in ihrem Berufsalltag übrigens unbedingt die genannten neutralen Begriffe nennen. Zum einen haben sie einen Bildungsauftrag, zum anderen sollten Sie aus ihrer fachlichen Rolle heraus eine gewisse sprachliche Distanz halten, was die Bezeichnung der Geschlechtsteile angeht.

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