WerteerziehungHaltung zeigen?!

Vegane Würstchen und immer danke sagen: Müssen Kinder die Werte ihrer Eltern leben?

Hotdog oder Tofuwurst? Kinder dürfen selbst entscheiden, was sie mögen
Hotdog oder Tofuwurst? Kinder dürfen selbst entscheiden, was sie mögen© Daniela Kohl

Ich finde es gut, dass Atomkraftwerke abgeschaltet werden, früher bin ich manchmal sogar auf Anti-Atomkraft-Demos gegangen. Damals hatte ich noch keine Kinder, sonst hätte ich sie bestimmt mitgenommen. Damit sie sehen, was eine Demo ist und wofür oder wogegen sich ihre Eltern engagieren. Aber wäre es auch okay gewesen, wenn ich ihnen einen „Atomkraft? Nein Danke“-Aufkleber auf die Babyjacke geklebt hätte? Ihnen ein „Wir wollen lieber lachen, statt strahlen“-Fähnchen in die Hand gedrückt hätte? Eher nein, finde ich.

Kinder nicht instrumentalisieren

Und wie ist das mit Tofuwürsten? Könnte ich von meinen Kindern verlangen, nur noch Sojaschnitzel zu essen, wenn ich selbst zum Veganer würde – nur um mich dann abends mit gutem Gewissen in meine Bio-Bettdecke zu kuscheln? Natürlich erziehen Eltern ihre Kinder gemäß ihren Werten. (Zumindest wird Werteerziehung oft gefordert.) Aber wo bleibt die Freiheit der Kinder? Wo beginnt die Manipulation? Gibt es – auch in modernen, offenen Familien – so etwas wie eine elterliche Wertediktatur?

Anruf bei Andreas Urs Sommer. Er ist Philosophieprofessor in Freiburg und hat das Buch Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt geschrieben. „Das ist eine reizvolle Frage“, sagt er. „Tatsächlich kann man manchmal den Eindruck bekommen, dass Kinder als Wertekopien ihrer Eltern drapiert werden.“ Es sei schon berechtigt, mal darüber nachzudenken, „inwieweit wir die eigenen Kinder zu Abziehbildchen der eigenen Werte machen.“

Zu den eigenen Überzeugungen stehen

Steckt also tatsächlich eine autoritäre Haltung dahinter, Kinder auf die eigenen, vermeintlich überlegenen Werte zu verpflichten? Eine moderne Wiederholung des alten „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst …“, angereichert mit moralischer Überlegenheit? Eine Haltung, die der Kabarettist Gerhard Polt mit dem Spruch auf den Punkt bringt: „Wir brauchen keine Opposition, weil wir sind schon Demokraten.“

Andererseits kann und will ich vor meinen Kindern nicht verstecken, was ich für gut und richtig halte. Jesper Juul, der Star unter den Familientherapeuten, formuliert die Herausforderung so: Eltern „sollen sich selbst nicht verleugnen, müssen zu ihren Ansichten und Erfahrungen stehen – dabei nur nicht ihre Kinder zwingen, wie sie selbst zu sein.“ Im Alltag treffen wir ständig Werteentscheidungen, wir können gar nicht anders: Was wir wo kaufen, wie freundlich wir dabei zu wem sind, ob wir an der Ampel zurückpöbeln oder nicht. Aber wenn ich meinem Kind zum hundertsten Mal erkläre, dass bei uns am Tisch nicht mit Essen gespielt wird – wie gut kann ich das dann eigentlich begründen? Es ist kompliziert.

Macht nichts, sagt Philosoph Sommer: „Ich bin da recht entspannt – die Durchschlagskraft der elterlichen Wertediktatur scheint mir in pluralen Gesellschaften eher gering zu sein.“ Denn es sei gar nicht zu vermeiden, dass Kinder auch mit anderen Wertevorstellungen und gelebten Werten konfrontiert werden als denen der Eltern: bei Freunden, im Kindergarten, in der Schule. Das macht gerade die Stärke unserer offenen Gesellschaft aus, sagt Sommer. Wenn das vegan lebende Mädchen mit dem Anti-AKW-Sticker auf dem Rucksack gemeinsam mit seiner muslimischen Mitschülerin den Geburtstag der Freundin bei McDonald’s feiert, löse das vermutlich die ein oder andere Verwirrung aus – zum Glück, findet Sommer: „Das ist außerordentlich fördernd. Unsere Kultur muss damit umgehen, dass sich ständig Menschen begegnen, die ihre Präferenzen unterschiedlich sortieren.“

Das Leben mit Kindern ist keine wertfreie Sphäre, kann und soll es nicht sein. Ich finde es gut, wenn Eltern ihre Kinder auf eine Demo mitnehmen. Aber ohne sie zur Überzeugungsübernahme zu zwingen. Das ist wie beim Spinat- Prinzip am Esstisch: Probieren soll das Kind. Ob es dann davon isst, entscheidet es selbst.

Vorleben statt vorschreiben

Werte sind „ Kommunikationsprodukte“, sagt Sommer. Wichtig sei, dass Eltern deutlich machen, warum sie so leben, wie sie leben. Und dass sie nicht alles (besser) wissen. Den Kindern ständig einen Wertekanon vorzubeten, dürfte ohnehin nicht besonders gut funktionieren: „Wenn Menschen Liebe gepredigt wird, lernen sie nicht lieben, sondern predigen“, hat die Psychologin Alice Miller beobachtet. Vorleben statt vorschreiben – dieser gute Erziehungsgrundsatz wirkt auch hier. Oder wie es Karl Valentin sagte: „Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“

Was bedeutet das jetzt für die Tofuwürstchen? Philosoph Sommer entwickelt am Telefon gleich eine Versuchsanordnung: Das Kind ist mit seinen veganen Eltern bei den Großeltern zum Schweinebraten eingeladen. Bekommt das Kind jetzt die vegane Extrawurst der Eltern oder ein Stück vom großmütterlichen Festtagsschmaus? Sommer plädiert dafür, keine dogmatische Antwort zu geben – sondern sich mit den jeweiligen Argumenten zu befassen: Was ist wem wie wichtig? Stammt das Schwein aus der Massentierhaltung oder vom benachbarten Bauernhof? Sein philosophischer Rat: „Die Auseinandersetzung nicht vermeiden.“

Anstrengend? Ja klar, sagt Sommer. Das gehöre zum Leben dazu. Irgendwann versuchten Kinder ohnehin, die elterlichen Werte in Frage zu stellen oder zumindest selbstständig auszulegen. Das werde den Eltern spätestens klar, wenn die 15-jährige Tochter vor ihnen steht und sagt: „Ihr redet dauernd davon, wie wichtig Freiheit ist – dann lasst mich doch bei meinem Freund übernachten.“

Die Familie als Ort für Wertedebatten

Das fordert die Werte der Eltern heraus. Sie erleben, dass ihre Kinder widerständige und ganz andere Wesen sind als sie selbst. Eine wichtige Erfahrung, sagt Sommer, die Folgen haben kann: „Es gibt zum Beispiel Eltern, die durch die Wertearbeit der Kinder zu fl eischloser Ernährung hingeführt wurden.“ Familiäre Wertedebatten können Wechselwirkungen haben.

Vielleicht geht es gerade darum: dass ich als Vater für das einstehe, was mir wichtig ist. Und trotzdem nicht gleich jede kleine Abweichung von den eigenen Moral- und Stilvorstellungen bei anderen verurteile. Dass ich Vorstellungen davon habe, was mein Kind mitbekommen soll, ohne es zu einer Kopie von mir selbst machen zu wollen. Dass ich offen bleibe. Und weiß, wie wertvoll es ist, mit meinem Kind über Tofuwürstchen diskutieren zu können.

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