Warum Routine für Kinder wichtig istSame procedure as every day

Man könnte Eltern prima durch Roboter ersetzen, meint Kolumnistin ASTRID HERBOLD. Denn Kinder wollen am liebsten mechanische Eintönigkeit, tagein, tagaus

Same procedure as every day
Eltern oder lieber Roboter? © Daniela Kohl

Buähhh, macht es im Treppenhaus. Buuuäääääh. Herzzerreißend, ohrenbetäubend. Da muss wohl jemand ganz fürchterlich die Treppe runtergefallen sein. Nein, Entwarnung, winkt die Nachbarin müde ab. Sie hat beim Verlassen der Wohnung nur aus Versehen den Lichtschalter im Flur betätigt. Ihre Hand ist einfach vorgeschnellt und hat draufgedrückt. DABEI IST DAS DIE EHRENVOLLE AUFGABE DES NACHWUCHSES! JEDEN MORGEN MACHEN WIR DAS SO! HAST DU DAS ETWA VERGESSEN, MAMA? So lässt sich das erzürnte Geschrei des Zweijährigen wohl interpretieren.

Aus Solidarität stehen wir nun alle andächtig vor dem Lichtschalter und warten darauf, dass es nach drei Minuten wieder dunkel wird und sich damit eine erneute Chance zur Erleuchtung der Welt ergibt. Ordnung muss sein. Und ohne morgendliches Licht-an-Ritual geht hier kein Kleinkind aus dem Haus.

Jeder, der Kinder hat, kennt solche Situationen. Früher dachte ich manchmal noch, meine Kinder seien nicht ganz normal. Bis ich andere Kinder kennenlernte. Und Eltern, denen Schweißperlen der Angst und Verzweifl ung auf der Stirn standen, weil Lieblingsschnuffeltücher auf dem Spielplatz liegen geblieben oder Lieblingsschnuller aus dem Buggy gefallen waren. Gnade uns, wenn der Abend kommt …

Je jünger Kinder sind, desto fixierter sind sie auf ihre täglichen Routinen. Am liebsten soll alles immer genau gleich sein. Die rote Soße auf den gelben Nudeln muss immer identisch aussehen und schmecken, die Kinderzimmertür muss nachts exakt sieben Zentimeter offenstehen. Rund um das Kopfkissen müssen in genau dieser Reihenfolge der Teddybär, das Schaf, das Zebra, die Katze, die Eule liegen. Das korrekte Drapieren erfordert allabendlich große Konzentration. Zum Einschlafen muss zunächst mit der linken Hand der Hals der Giraffe „Gigi“ fest umklammert werden, dann muss das Handgelenk in einem Winkel von 57 Grad gekippt und ans Kinn gedrückt werden. Nur so und nicht anders läuft das hier!

Seinen pedantisch-redundanten Lebensstil setzt der Nachwuchs gerne auch sprachlich durch. Keineswegs wollen Kinder jeden Abend eine neue, innovative, überraschende Lektüre vorgesetzt bekommen. Nein, es darf ruhig immer wieder das gleiche zerfledderte, alte Pappbuch sein. Kaum ist es durchgelesen und zugeklappt, erschallt sofort: „Noch mal!“ Und wehe, man wagt es, den Vorlesesingsang mal etwas abzuändern, die Stimme an der falschen Stelle zu verstellen oder eigenmächtig ein Füllwort wegzulassen. Das goutiert das junge Publikum gar nicht. „So heißt das nicht!“

Nicht anders ergeht es uns Eltern, wenn wir frei erzählen. Mein Sohn konnte sich jahrelang nicht satthören an der Geschichte über den Tag, an dem er zur Welt kam. Wie viel Schnee damals auf der Straße lag und wie Papa „gaaaaanz langsam“ das Auto zum Krankenhaus fuhr und Mama dort noch „stuuuundenlang“ Treppen rauf und runter laufen musste. Die Geschichte musste aber immer exakt gleich erzählt werden – was ihrem Wahrheitsgehalt auf Dauer übrigens nicht förderlich war. Irgendwann konnte ich alle 17 Sätze der kindgerecht aufbereiteten Geburtsanekdote zwar auswendig, aber wie der Tag damals wirklich verlaufen war, hatte ich fast vergessen. Oder anders formuliert: Wer Kinder hat, der weiß, wie Märchen und Sagen entstehen.

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