„Geht’s noch?!“ – „Nee, nicht mehr lange“Tines praktische Theorie

Gehts- noch nein nicht mehr lange
© Katharina Bocklage, Eggolsheim

Wenn ich an dieser Stelle über zu wenig Zeit, zu wenig Geld, zu wenig Personal und zu wenig Anerkennung klage, werde ich niemandem etwas Neues erzählen. Wenn mehr als zwei pädagogische Fachkräfte aufeinandertreffen, ist es quasi ein Naturgesetz, dass dieses Thema zur Sprache kommt. Wir alle wissen um die katastrophalen Strukturen, die sich in den vergangenen zwei Jahren noch einmal zugespitzt haben.

Aber offensichtlich ist das Thema noch immer nicht ausreichend in die breite Öffentlichkeit vorgedrungen. Warum sonst haben Fachkräfte noch nicht einmal ein mageres Klatschen vom Balkon abbekommen, als sie in der Pandemie Kinder betreuten? Warum sonst hält sich hartnäckig das Klischee von der entspannt Kaffee trinkenden Basteltante?

Deshalb hier eine Kopiervorlage für alle diejenigen, die es immer noch nicht glauben wollen. Für die Mütter und Väter, die (verständlicherweise) genervt auf Betreuungsausfälle und Streiks reagieren.

Liebe*r ___________,

vielleicht wartest du gerade auf das Entwicklungsgespräch zu deinem Kind und die Erzieherin verspätet sich? Vielleicht schüttelst du wütend den Kopf, weil ein Streik angekündigt ist? Here we go.

Wusstest du, dass wir inzwischen die Reinigungskräfte in der Personalplanung berücksichtigen müssen? Sie dürfen nicht zu früh kommen, damit die Fachkraft nicht in der letzten Stunde allein mit den Kindern im Haus ist. Wenn wir also streiken, geht es den meisten nicht mal um mehr Geld. Ich kenne so viele, die nicht auf die Idee kommen würden zu streiken, wenn einfach nur alle Stellen in ihrer Einrichtung besetzt wären.

Gibt es auf dem freien Markt da draußen Systeme, in denen Führungspositionen übernommen werden, ohne dass diese Mehrarbeit entlohnt wird? Ohne dass Zeit für die Umsetzung der neuen Verantwortungen zur Verfügung gestellt wird? Die Position der Stellvertretung wird im Kitagesetz nicht mal erwähnt. Der Träger setzt sie aber voraus. Man macht das in der Regel also ehrenamtlich. Wer als stellvertretende Leitung Geld und Zeit dafür bekommt, gehört zur großen Ausnahme.

Davon bekommst du in der Regel nichts mit. Du siehst nur: Die Kita ist schon wieder zu. Letzte Woche wegen Betreuungsmangel und jetzt streiken die auch noch! Natürlich treffen wir damit die Falschen.

Aber ich finde es nicht allzu vermessen, wenn man Arbeitsbedingungen fordert, unter denen man nicht nach fünf Jahren eine Kur braucht. Wenn ich für jedes „Also, ich könnte das ja nicht, dieser Lärm und die schlechte Bezahlung!“ einen Cent kriegen würde, hätte ich schon die Mittel für die Schlichtung der Tarifverhandlungen zusammen. Also unterstützt uns und lasst eure berechtigte Wut an der richtigen Stelle raus. Aber nicht mit Essen werfen und keine Schimpfwörter sagen. Das müssen wir euren Kindern ja schon abgewöhnen.

Liebe Grüße, deine Tine

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