Das haben wir schon immer so gemacht!Tines praktische Theorie

Das haben wir schon immer so gemacht
© Katharina Bocklage, Eggolsheim

„Stillstand ist Tod“, sagen die einen. „Aber wat de Bur nich kennt, dat frett he ok nich“, sagen die anderen (viele Grüße vom platten Land). Ich liebe es, in anderen Kitas zu hospitieren. Nirgendwo kriegt man mehr Inspiration für die kleinen Veränderungen als in anderen Einrichtungen. Denn irgendwie entwickelt jede Kita über die Jahre ihren eigenen Kosmos. Man muss ja nur mal die 57 verschiedenen Versionen von „Fünf kleine Fische“ zusammentragen! Wir sind uns alle einig: Kinder brauchen Strukturen, Rituale und Beständigkeit in ihrem Kita-Alltag. Aber brauchen wir Fachkräfte das auch? Und wenn ja, warum? Warum fällt es oft so schwer, Neues zu wagen? Und da rede ich jetzt nicht von einer ganz ausgefallenen Laterne aus Plastik aschen, die der Kollege auf Pinterest entdeckt hat. Ich meine diese strukturellen Trampelpfade, an die man sich nach Jahren der Gewöhnung gar nicht mehr herantraut. Es fällt einem nicht mal auf, dass abseits dieser Pfade überhaupt begehbares Land liegt!

Seit ein paar Jahren erlebe ich das Gefühl einer größeren Zeitenwende im pädagogischen Alltag. Erziehung hat sich verändert. Die gute, alte Conni wurde überarbeitet und kommt plötzlich inklusiver und diverser daher. Autoritäre Maßnahmen wandern mehr und mehr in den pädagogischen Giftschrank. Empathie und Entfaltung der Persönlichkeit stehen deutlicher im Fokus als Gehorsam und Leistung. Und dennoch muss jedes einzelne Kind auch in der Lage sein, seine Bedürfnisse der Gruppe unterzuordnen. Das war früher irgendwie einfacher, wenn auch nicht zwingend besser. Viele der Erziehungsmaßnahmen, die wir selbst als Kinder noch erlebt haben, gelten heute als übergriffig und sind in Teilen sogar gesetzlich verboten. Zum Glück! Manchmal ist es nicht ganz einfach, als Team alle auf diese Reise mitzunehmen. Noch schwieriger ist es, das geliebte Bekannte, vermeintlich Harmlose, auch noch auf den Prüfstand zu stellen. Warum Indianerkostüme und romantisierende Bücher über amerikanische Ureinwohner*innen problematisch sein können, darüber kann man nicht nur in Feuilletons und Facebook-Kommentarspalten trefflich streiten, sondern auch in der Kita. Mehr denn je müssen Teams miteinander reden und sich reflektieren. Nicht immer wird eine Neuausrichtung von allen mit Heiahussassa beklatscht. Dennoch lebt unser pädagogischer Alltag vom fortwährenden Wandel. Und das schaffen wir, indem wir ganz klein anfangen und die Veränderungen dann wachsen und groß werden lassen. Das ist ja quasi unsere Kernkompetenz. 

Tine Backhus ist Erzieherin und stellvertretende Leiterin einer Betriebskita in Oldenburg. Sie kennt den Spagat zwischen Theorie und Praxis, den pädagogische Fachkräfte leisten, und den täglichen Wahnsinn zwischen Bauklötzen und Bildungsplan. Wie gut, dass sie in dieser Kolumne darüber lachen kann.

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