Vertraute Reime, neue WörterSprachbildung nach dem Corona-Stillstand

Mit anderen in der Kita spielen oder über Entdeckungen im Tierpark erzählen – solche natürlichen Sprechanlässe fehlten während der Corona-Beschränkungen. Wie sich dies auf die Sprachentwicklung von Kindern auswirkt und wie Fachkräfte wieder anknüpfen können.

Viele Situationen mit hoher Sprachdichte fielen durch die Schließungen von Kitas, Spielplätzen, Zoos, Museen, Kindertheatern und Bibliotheken weg. Den meisten Kita-Kindern standen enge Bezugspersonen, wie Großeltern und Gleichaltrige, nur eingeschränkt als Gesprächspartner* innen zur Verfügung. Zudem wurden für Kinder, bei denen zu Hause kaum oder gar kein Deutsch gesprochen wird, die Möglichkeiten verringert, regelmäßig mit der deutschen Sprache in Kontakt zu kommen. Dem Bildungsort Familie kam somit ein noch höherer Stellenwert zu, als dies sonst schon der Fall ist. Ob sich ein Kind in dieser Phase sprachlich weiterentwickelt hat, hing also stark davon ab, wie die Familie die Zeit der Kontaktbeschränkungen erlebt und gestaltet hat. Doch worauf ist in Bezug auf Sprache beim Wiederankommen in der Einrichtung und dem Einleben in eine veränderte Situation zu achten?

An Vertrautes anknüpfen

Zunächst einmal ist es erforderlich, den Kindern sprachlich in dem vielleicht teilweise fremd gewordenen Kita-Alltag wieder Sicherheit zu vermitteln. Arbeiten Sie deshalb mit Ritualen und Wiederholungen. Schauen Sie Bücher an, die Sie auch vor der Schließung betrachtet haben, greifen Sie die Lieder, Reime und Fingerspiele auf, die zu dieser Zeit gemocht wurden. Betrachten Sie gemeinsam frühere Fotos und greifen Sie Themen und Projekte auf, die zuvor aktuell waren.
Versuchen Sie, dem Gefühl zu widerstehen, sprachlich nun möglichst schnell aufarbeiten zu müssen, was vielleicht verloren gegangen ist oder Sie den Kindern unbedingt noch hatten mitgeben wollen. Bedenken Sie, wie viel Veränderung die Kinder in den letzten Monaten durchlebten und wie wohltuend es nun sein muss, auf Vertrautes zu stoßen.
Dies ist vor allem sehr wichtig, da sich auch in der Kita notgedrungen Abläufe veränderten haben. So kann die Gruppenzusammensetzung oder -größe nun eine andere sein und vermutlich wird die Bring- und Abholsituation ebenfalls anders gestaltet sein als zuvor.

Mit Sprache den Alltag positiv gestalten

Ändert sich unsere Welt, so ändert sich die Sprache. Aber es funktioniert auch andersherum: Verändern wir unsere Sprache, verändern wir damit die Welt. Daher ist es wichtig, im Team gemeinsam zu überlegen, welche Begriffe verwendet und wie (neue) Regeln formuliert werden. Wirkt das Wort Mundschutz nicht anders, vielleicht sogar weniger bedrohlich als Schutzmaske? So macht es einen Unterschied zu sagen: „Wir begrüßen die Eltern gerne im Eingangsbereich und empfangen dort die Kinder“, statt: „Eltern dürfen die Gruppenräume zurzeit nicht betreten.“

Einen Corona-Wortschatz aufbauen

Sprache kann Unbehagen bereiten oder Hoffnung. Vor allem aber muss sie verstanden werden. Also, welche Wörter werden Kinder künftig benötigen, um ihr Umfeld zu verstehen? Wörter wie Virus, Infektion, Hygiene und Quarantäne werden uns wohl noch länger begleiten und den Einzug in den aktiven und passiven Wortschatz von Kindern finden (müssen). Hier gilt es, zu beobachten, welche Wörter sie in Spielsituationen oder Erzählkreisen selbst benutzen. Überlegen Sie, wie die fehlenden, aber eventuell notwendigen Begriffe ergänzt werden können. Um den Wortschatz rund um das Thema Corona anzubahnen, bieten sich natürlich Bücher und Geschichten1 an. Unter anderem haben Axel Scheffer und Julia Donaldson ihre beliebtesten Kinderbuchhelden auf einzelnen Bildern „coronatauglich“ gemacht. So trägt die Hexe aus „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“ nun Mundschutz und der neuerdings vernunftbegabte „Grüffelo“ folgt der Maus weiterhin durch den Wald – aber mit zwei Metern Abstand.2 Materialien wie Arztkoffer und Verbandsmaterial oder ein zum Krankenhaus umfunktioniertes Puppenhaus können ebenso bereitgestellt werden, um Kindern im Dialog die passenden Wörter anzubieten.

Regeln sichtbar machen

Bei vermeintlich einfachen, eindeutigen Begriffen ist es wichtig, zu hinterfragen, ob wirklich alle Kinder die Bedeutung kennen. So genügt es nicht, ein Kind zu bitten, den Abstand zu wahren. Was und wie viel genau ist Abstand? Hier ist die Kreativität der Fachkräfte gefragt, um die Bedeutung von Wörtern sichtbar und für alle einheitlich zu machen. Mit Schwimmnudeln, die man zwischen zwei sich gegenüberstehende Kinder klemmt, können alle erkennen, was unter Abstand zu verstehen ist.

Gefühle ausdrücken

Ein weiterer Schwerpunkt in der Sprachbildung kann sein, Kinder beim Ausdrücken ihrer Gefühle zu unterstützen. Einige Kinder haben in den letzten Monaten vielleicht auch Ängste und Sorgen der Eltern erlebt, Wut der älteren Geschwister und die Ungewissheit, wann der Kindergarten wieder öffnet. Aus diesem Grund bieten sich Materialien und Projekte an, die Kinder in ihrer Ausdrucksmöglichkeit im Wortschatzbereich Gefühle3 unterstützen. Geschichten über kindliche Helden wie Pippi Langstrumpf, das Sams oder die Maus im „Grüffelo“ sind ein subtiler Weg, um Themen wie Angst zum Beispiel auch mithilfe einer Handpuppe anzubahnen.

Sprachspaß sollte im Vordergrund stehen

Viele Rituale im Tagesablauf können in einem veränderten Alltag gut zur Sprachbildung genutzt werden. Während des vermutlich nun noch häufiger stattfindenden Händewaschens lässt es sich herrlich singen, reimen und Quatschgedichte erfinden. Kleinere Gruppen bieten zudem sprachlich zurückhaltenden Kindern mehr Raum, sich einzubringen, und die Möglichkeit, jedem einzelnen Kind in Gesprächskreisen länger zuzuhören. Denn so wichtig eine gemeinsame Sprache rund um die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen ist: Der pädagogische Alltag sollte weiterhin Ablenkung, Spaß und Zerstreuung durch und mit Sprache bieten.   

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