Was bewirkt Erlebnispädagogik?So gelingt die Zusammenarbeit im Kita-Team (7)

Gemeinsam unter einem schwingenden Seil laufen oder im Wald eine Kugelbahn bauen – erlebnispädagogische Übungen können den Teamgeist verändern. Und was ist, wenn Aufgaben nicht auf Anhieb lösbar sind? Umso besser.

Was bewirkt Erlebnispädagogik?
© Helia Schneider, Freiburg

9:00 Uhr: Die Gruppe unseres heutigen Seminars trifft in einer Holzhütte am Waldrand ein. 22 Teilnehmer*innen aus pädagogischen Berufen, u. a. Lehrer*innen, Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen. Wir starten direkt mit der ersten Übung, noch bevor wir irgendetwas erklärt haben − Seillaufen, ein Klassiker der Erlebnispädagogik. Mit meinem Co-Trainer schwinge ich ein Kletterseil, unter dem die Teilnehmer*innen durchlaufen müssen, ohne dieses zu berühren: allein, zu zweit, zu viert und als ganzes Team. Schnell wird die Gruppe aktiv und kommt in Bewegung.
Als Referententeam haben wir bereits im Blick, wer nach vorn geht, wer sich an wem orientiert, wer noch in einer Schutzhaltung ist, wer motorisch eingeschränkt ist, und vor allem, wie die Gruppenmitglieder untereinander kommunizieren. Und da passiert es: Es wird gelacht. Die Gruppe hat Spaß. Ein guter Start in den Tag. Denn letztlich geht es darum, dass alle in der Gruppe miteinander ins Arbeiten kommen und positive Erlebnisse teilen.

Was macht erlebnispädagogisches Arbeiten aus?

Der im Ursprung der Erlebnispädagogik zentrale Bezug zur Natur ist in den meisten Ansätzen immer noch maßgebend. Wesentlicher als eine primäre Naturerfahrung erscheint allerdings der Blick auf den eigentlichen Prozess, den das Individuum und die Gruppe durchlaufen. Die Seminarleitung hat dabei die Aufgabe, einen guten Rahmen zu gestalten, damit die Gruppe eine für sie passende Lösung formulieren und umsetzen kann. Dies bedingt eine Haltung, die grundsätzlich ressourcen- und lösungsorientiert ist. Gute Teams weisen eine Ausgewogenheit zwischen Beziehungsorientierung und Sachorientierung auf. In der Erlebnispädagogik kann dies durch Übungen angeregt werden, die eine gute Zielfindung und -orientierung erfordern. Der Lösungsweg ist dabei stets ergebnisoffen. Leitung definiert sich in diesem Zusammenhang als fachlich kompetente, aber neutrale Begleitung, die davon ausgeht, dass jede*r Teilnehmer*in Expert*in für das eigene System ist. Von Interesse und Neugier geleitet erfolgt so wenig Intervention wie möglich, so viel wie nötig.

Überschreiten der roten Linie

Ein Kernpunkt erlebnispädagogischen Arbeitens liegt im Erleben und Verstehen des Lernmodells der roten Linie. Systeme neigen dazu, sich im Komfortbereich einzurichten, in dem Bereich, der Sicherheit und Vertrautheit bietet. Lernen findet aber außerhalb dieses Bereiches statt, in der sogenannten Lernzone. Um dorthin zu gelangen, muss eine Grenze (eine rote Linie) in ein noch unbekanntes Gebiet überschritten werden. Das kostet Überwindung – wie es bspw. beim ersten Abseilen geschieht, wenn man an der Felskante steht und sich fragt: „Hält das Seil, der Bohrhaken im Felsen?“ – „Habe ich alle Knoten richtig gemacht?“ – „Kann ich meiner/meinem Partner*in am Boden vertrauen?“
Dieses Modell lässt sich auf alle Lebensbereiche übertragen. Wer sich selten traut, seinen Komfortbereich zu verlassen, stets vor Konflikten zurückweicht, sich selbst nichts zutraut, wird auf Dauer an Kompetenzen verlieren und den geschützten Bereich verkleinern.
Entsprechend werden die Seminar-Teilnehmer*innen eingeladen, ihren Komfortbereich in einem unbekannten Setting zu verlassen, also ihre rote Linie zu überschreiten, Neues auszuprobieren und ihren Handlungsspielraum zu erweitern.

Neue Erfahrungen im sicheren Rahmen

Erlebnispädagogische Übungen sollten immer an die jeweilige Gruppe angepasst sein. Zudem ist eine gute Präsenz der Begleitung an dem Punkt des „Sich-Trauens“ elementar. Denn wenn jemand in die Panikzone kommt und die Handlungskontrolle verliert, muss klar sein, dass die/der Begleiter* in sie/ihn wieder gut in den geschützten Bereich zurückbringen kann. Dies verdeutlicht zudem die pädagogische Rolle als aufmerksame*r Begleiter*in, die eigene Erfahrungen in einem sicheren Rahmen ermöglicht.

Welchen Nutzen haben positive Erlebnisse?

Eine Vielzahl erlebnispädagogischer Übungen bietet die Möglichkeit, im sozialen Kontext positive Erfahrungen in allen fünf Bereichen des Wohlbefindens (siehe Kasten) zu machen. Es liegt nahe, dass in diesem Fall ein positiver Entwicklungseffekt gegeben ist, sowohl auf individueller Ebene als auch in Bezug auf den Gruppenaspekt. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt hierbei die Qualität der Sprachbegleitung des Prozesses durch die/ den Anleiter*in.
Unser Gehirn reagiert auf negative und schmerzhafte Reize wesentlich stärker als auf einen gleichermaßen positiven Impuls. An schmerzvolle Erfahrungen können sich Menschen leichter erinnern. Es benötigt also ein Vielfaches an positiven Interaktionen, um negative zu überschreiben. Sich an vermeintlich negativen Impulsen zu orientieren, liegt in der menschlichen Natur.
Umso erfreulicher erscheinen da Forschungsergebnisse der „Psychologie positiver Intervention“. Wenn wir Erlebnisse mit guten Gefühlen assoziieren, wir unsere eigenen Stärken ausleben und Erfahrungen machen können, bei denen wir Gemeinschaft erleben, einen Sinn erkennen und am Ende auch etwas geschafft haben, dann geht es uns allgemein besser. Wir können wieder besser auf andere zugehen und sind uns unserer eigenen Kompetenzen bewusster. In einem erlebnispädagogischen Setting wird versucht, genau dies „erlebbar“ zu machen.

Und was ist, wenn die Gruppe scheitert?

In der Erlebnispädagogik werden Gruppen vor komplexe Aufgaben gestellt, die kooperative Lösungsstrategien erfordern. Nicht jede Gruppe bringt hierfür die nötigen Ressourcen mit. Ein Scheitern ist also immer möglich. Wir begegnen häufig Teilnehmer*innen, die unter dem Leistungsgedanken eine enorme Erfolgserwartung haben. Dabei liegt gerade in Übungen, die nicht funktionieren, bei denen die Gruppe also scheitert, das weitaus größere Potenzial für einen Entwicklungsprozess. Denn hier werden Konflikte aufgedeckt und außerhalb des Berufskontextes in einem Rahmen erfahrbar gemacht, der eine Betrachtung von außen zulässt.

Raus aus alten Mustern

Verharrt eine Gruppe bei veralteten Mustern, die überlebt sind und eigentlich schon nicht mehr zu ihr passen, wird dies im Seminar deutlich. Mit einem „das haben wir schon immer so gemacht“ wird man neue Herausforderungen (im Seminar) nicht meistern.
Wenn Teammitglieder jedoch erleben, dass einzelne Kolleg*innen zur Problemlösung beitragen können, verändert sich das Bild. Und damit die Möglichkeit der Zusammenarbeit im Team.
Ein erlebnispädagogisches Setting kann eine Bühne eröffnen, auf der alternative Handlungsstränge erfahrbar werden. Es ist für den selbstorganisierten Entwicklungsprozess hilfreich, wenn bestehende Bilder eher zerstört als verfestigt werden.

Welcher Anbieter passt zu uns?

Der Betriebsausflug steht an − und jetzt müssen wir schnell noch etwas für die Gemeinschaft tun! Irgendwer schlägt Erlebnispädagogik vor und dann beginnt die Suche im Dschungel der Anbieter*innen. Bunt und schillernd werden da vollmundige Versprechungen gemacht. Die Angebote gehen von gemäßigten Indoor-Seminaren über Outdoor-Team-Trainings bis hin zur rituellen Selbsterfahrung in der Schwitzhütte; vom reinen Naturerleben bis zum lösungsfokussierten Coaching-Setting.
Die eingangs beschriebene Erlebnispädagogik ist stark von einer systemischen Sichtweise geprägt und hat sich für den Kreis von Teilnehmer*innen aus dem pädagogischen Umfeld bewährt. Auf der Suche nach einem geeigneten Unternehmen empfiehlt es sich − mindestens zwei Monate vor der geplanten Aktion −, Zeit für ein Vorgespräch einzuplanen, in dem die Arbeitsweisen des erlebnispädagogischen Unternehmens und die eigenen Erwartungen geklärt werden. Hierbei sind die Leitung und die Personalvertretung der Einrichtung zu beteiligen. Letztlich sollte man sich für eine*n Anbieter*in entscheiden, bei der/dem man ein gutes Wohlgefühl hat und von der/dem man sich gerne ein Stück befremden lassen möchte.

Und unsere Seminargruppe vom Anfang?

17:00 Uhr: Während des Tages wurde viel gelacht, miteinander geredet und diskutiert. Manch eine*r hat ihre/seine rote Linie überschritten und sich etwas Neues getraut. Lösungswege wurden gesucht, benannt und Ziele oftmals auch erreicht. Hindernisse wurden erkannt und benannt, Gemeinschaft wurde erlebt.

Theorie des Wohlbefindens

Martin Seligmann benennt in seiner „Theorie des Wohlbefindens“ fünf Merkmale, die ein gutes Leben ausmachen (PERMA-Modell)1:

  1. positive Emotionen: z. B. Dankbarkeit, Genuss, Zuneigung, Hoffnung, Optimismus
  2. Engagement: eigene Stärken kennen und ausleben; bis zum Flow-Erleben zwischen Unter- und Überforderung
  3. Relationships (positive Beziehungen): Bedürfnis nach Zugehörigkeit
  4. Meaning (Sinn, Sinnhaftigkeit): einem höheren Zweck dienen Achievement/Accomplishment (Leistung, Zielerreichung): etwas schaffen, das Spuren hinterlässt

Nach diesem Modell entwickelte positive Interventionen zeigten Heileffekte, die durch Bildgebungsverfahren neurobiologisch nachgewiesen werden konnten. 

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