Eine Kita mit Forschungs- und LehrprofilEin Interview mit Manuela Leideritz und Beatrice Strübing

Der Betrieb der Kita FRÖBEL-Kindergarten „Am Elsterbecken“ begann 2018. Der Startschuss für Forschungs- und Lehrprojekte fiel im September 2019 mit der Eröffnung der wissenschaftlichen Einrichtung „Forschungs- und Lehrkindertagesstätte“. Warum es eine solche Kita gibt und wie sie „funktioniert“, erklären uns Manuela Leideritz von der Uni Leipzig und Beatrice Strübing von FRÖBEL.

Eine Kita mit Forschungs- und Lehrprofil
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Frau Leideritz, welches Ziel verfolgt die Universität Leipzig/die Erziehungswissenschaftliche Fakultät mit der Gründung einer Kita mit Forschungs- und Lehrprofil?

Wissenschaftler*innen streben in der Feldforschung danach, möglichst nah an das „echte Leben“ heranzukommen, um Erkenntnisse mit möglichst hoher ökologischer Validität zu gewinnen. Dieser Begriff ist in der Feldforschung ein Gütekriterium und bezeichnet die empirische Gültigkeit von Aussagen über das Alltagsgeschehen. Für möglichst hohe ökologische Validität versuchen Forscher*innen mit verschiedenen Mitteln, die Einflüsse zu minimieren bzw. zu kontrollieren, die bei den Beforschten aufgrund der Forschungsaktivitäten zu Änderungen des Erlebens oder Verhaltens führen. Mit der wissenschaftlichen Einrichtung FoLKi und dem FRÖBEL-Kindergarten „Am Elsterbecken“ haben die Forscher*innen der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig neue Möglichkeiten für die Feldforschung im Bereich einer Kindertagesstätte geschaffen, die Erkenntnisse mit einer besonders hohen ökologischen Validität versprechen: Mithilfe innovativer Technik können sie in den Alltag einer Kita „hineinzoomen“, ohne als Personen präsent sein zu müssen. Für die Kinder verändert sich durch diese Forschung nichts. Und für die Familien und Kita-Mitarbeiter*innen ist Forschung in ihrer Kita etwas, mit dem sie sich vor ihrer Entscheidung für die Einrichtung ausgiebig beschäftigen konnten und in die sie informell immer wieder eingebunden werden.
Auch für die Lehre eröffnen sich große Potenziale. Der Schwerpunkt an der Fakultät lag über viele Jahre auf der Lehrer*innenausbildung. Seit einiger Zeit wird aber auch in der Lehre, innerhalb verschiedener Arbeitsbereiche und explizit im Master „Professionalisierung frühkindliche Bildung“, die vorschulische Bildung verstärkt in den Blick genommen. Kindliche Entwicklung wird als kontinuierlicher Prozess verstanden, der durch institutionelle Übergänge möglichst nicht gebrochen werden sollte. Zur Arbeit der Kita ergeben sich thematische Schnittstellen, z. B. Frühförderung oder die Entwicklung von Sprach-, Emotions-, Kognitions- und Selbstkonzepten. Studierende können dazu im Rahmen ihrer Qualifizierungsarbeiten kleinere Forschungsvorhaben umsetzen.
Mit den technischen Möglichkeiten der Video- und Audioaufzeichnungen alltäglicher Interaktionen können Beobachtungssequenzen, die als Lehrmaterial dienen, produziert werden. Andersherum stehen die Lernmöglichkeiten, die mit den Lernwerkstätten für Studierende in den Räumen der Universität1 geschaffen wurden, auch für die Weiterbildung der Kita-Mitarbeiter*innen offen.

Welche Forschungsfragen werden (zu Beginn) gestellt?

Manuela Leideritz: Mit der FoLKi und dem FRÖBEL-Kindergarten „Am Elsterbecken“ haben wir die Chance, Alltagsaktivitäten relativ unbeeinflusst zu erforschen. Wir wollen insbesondere das selbsttätige Gestalten und das selbst gewählte Spiel der Kinder in den Blick nehmen, aber auch Interaktions- und Bildungsprozesse mit Kindern und Pädagoginnen und Pädagogen als Akteurinnen und Akteure, d. h. peer-to-peer- und Fachkraft-Kind-Interaktionen. Ein weiterer Schwerpunkt wird Forschung zu professionellem Handeln sein, mit dem Ziel, forschungsbasierte Beiträge zur weiteren Professionalisierung zu erarbeiten.
Weil die Betreuung und Bildung der Kinder in der Kita kontinuierlich ab ca. einem Jahr bis zum Schuleintritt erfolgt, ergeben sich zudem Möglichkeiten für Längsschnittuntersuchungen zu spezifischen Entwicklungs- und Bildungsprozessen.
Als Grundlage für unterschiedliche Einzelprojekte erarbeiten wir derzeit eine Basisstudie, mit der wir einen Korpus an individuums- und einrichtungsbezogenen Daten aufbauen wollen. Damit sollen einerseits möglichst Dopplungen in der Datenerhebung durch unterschiedliche Forschungsprojekte ausgeschlossen und unnötige Belastungen der Kinder, Familien und Mitarbeitenden vermieden werden. Andererseits können hierdurch Entwicklungen im Zeitverlauf betrachten werden. Die Basisstudie ist kein Einzelprojekt von Dozierenden, sondern wird in der Verantwortung der Fakultät umgesetzt. Es sollen regelhaft bildungsrelevante Entwicklungsdaten der Kinder sowie Kontrollvariablen, die das Aufwachsen in der Familie, aber auch Variablen, die die Bildungsumgebung in der Kita betreffen, erhoben werden. Das ist übrigens unser großes Plus! Damit wird ermöglicht, Einflussfaktoren in den kommenden Einzelstudien zu kontrollieren.

Wie wird untersucht?

Manuela Leideritz: Während der Bauphase wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, Video- und Audioaufnahmen in allen Räumen zu machen, in denen sich Kinder im Alltag aufhalten – mit Ausnahme der Sanitärräume als besonders sensiblen Orten. Dafür wurden jede Menge Kabel verlegt. Die Aufnahmegeräte selbst hängen aber nicht ständig. Sie werden nur in den Zeitfenstern und in den Räumen angesteckt, die entsprechend der Forschungsfrage ausgewählt wurden. Damit kann jede*r mit einem Blick überprüfen, ob Aufnahmen stattfinden bzw. wo. Es gibt keine heimliche Datengenerierung, keine Dauerüberwachung und keine Datenspeicherung auf Vorrat.
Wenn es spezielle Forschungsfragen erfordern, können wir die Video- und Audio-Technik zusätzlich mit anderen Techniken zur Erfassung der Blickrichtung und Aufmerksamkeit der Kinder, zur genaueren Erfassung ihrer Körperhaltung, ihrer Position und Bewegung im Raum oder ihrer Mimik kombinieren.
In einzelnen Forschungsprojekten interessieren uns außerdem die Beobachtungen und Meinungen der Eltern bzw. der pädagogischen Fachkräfte. An diese werden wir uns mit Fragebögen wenden oder sie bitten, uns ein Interview zu geben.
Für unsere Basisstudie werden wir regelmäßig in größeren Abständen verschiedene Entwicklungsbereiche testen. Dafür laden wir die Kinder einzeln oder in kleinen Gruppen bspw. in unser Early Child Development Lab ein, das zur Fakultät gehört und nur durch eine Tür getrennt an die Kita angrenzt.

Was passiert mit den Ergebnissen?

Manuela Leideritz: Damit sich Forschung in der Kita nicht als Einbahnstraße anfühlt, verpflichten wir alle Forscher*innen, möglichst zeitnah, aber ohne Rückschlussmöglichkeiten auf einzelne Personen über Forschungsergebnisse bzw. darüber zu informieren, was diese Ergebnisse aus Sicht der Forscher*innen bedeuten. Nicht nur die Eltern signalisieren, dass sie an diesen regelmäßigen Rückmeldungen Interesse haben. Auch der Träger FRÖBEL erwartet sich davon Impulse für die Weiterentwicklung pädagogischer Qualität.
Die kontinuierliche Rückkopplung der Forschungsergebnisse in die Ausbildung an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät ermöglicht außerdem Ableitungen für die Weiterentwicklung des Curriculums für die Lehre.

Frau Strübing, wie reagieren Eltern, wenn sie erfahren, dass der Kindergarten auch eine wissenschaftliche Einrichtung ist?

Da Eltern sich zumeist umfassend über das Profil einer Einrichtung informieren, bevor sie ihr Kind anmelden bzw. sich um einen Platz bewerben, wissen sie, dass der FRÖBEL Kindergarten „Am Elsterbecken“ eine enge Anbindung an die Erziehungswissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig hat. Sowohl auf der Website als auch im Rahmen einer Informationsbroschüre und in persönlichen Gesprächen erklären wir, was der Schwerpunkt „Forschen“ im Alltag bedeutet. Ein großes Thema bleiben in dem Zusammenhang die Persönlichkeitsrechte der Kinder, wie Datenschutz und Partizipationsrechte des einzelnen Kindes – das sind sie aber in anderen Einrichtungen genauso, dies ist also nicht spezifisch für den Kindergarten „Am Elsterbecken“.
Viele Eltern entscheiden sich auch ganz bewusst und neugierig für unseren Forschungs- und Lehrkindergarten, da sie selbst viele Fragen der kindlichen Entwicklung bewegen und/oder sie selbst im wissenschaftlichen Feld beruflich tätig sind. Sie erwarten dann, wie von Frau Leideritz beschrieben, auch eine Rückmeldung der Ergebnisse.
In Leipzig wurde übrigens seit jeher im Bereich frühkindliche Entwicklung geforscht. Von daher kann es sein, dass die „Leipziger Eltern“ traditionell mit diesem Thema vertraut sind. Wir bekamen deshalb sogar schon vor Eröffnung E-Mails, in denen Eltern das Vorhaben positiv begrüßten.

Inwiefern ist die Forschungsausrichtung ein Thema für sich bewerbende Fachkräfte?

Beatrice Strübing: Personen, die sich auf eine Stelle im Kindergarten „Am Elsterbecken“ bewerben, haben ein Grundinteresse an Forschung und daran, frühkindliche Bildung und Forschung zu verbinden.2 In Vorstellungsgesprächen wollen sie häufig wissen, ob sich Tagesabläufe durch Forschungsprozesse verändern, inwiefern sie selbst Forschung unterstützen können, inwiefern Ergebnisse ins Team zurückgespiegelt werden, denn das verspricht professionelle Reflexionsmöglichkeiten und eine stetige Weiterentwicklung pädagogischen Handelns. Aber auch Fragen darüber, ob sie einmal nicht an Forschungsprojekten teilnehmen können, sind wichtig zu besprechen. Das ist aber lediglich ein Teil der Bewerbungsgespräche.

Wie reagieren die Kinder auf ein Forschungsprojekt?

Beatrice Strübing: Im Kindergarten „Am Elsterbecken“ hat bisher kein Forschungsprojekt stattgefunden. Daher kann ich nur aus der Erfahrung in anderen Einrichtungen berichten: Kinder sind von Natur aus offen und neugierig, sie wollen wissen, was die Personen da machen und wie das funktioniert. Wir bzw. die Professorinnen und Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erklären alles und beantworten ihre Fragen, bevor es losgeht. Für jüngere Kinder bieten wir beispielsweise auch gemeinsame Spielzeiten zur Vorbereitung von Projekten im Kitaalltag an, sodass Forschende und Kinder die Möglichkeit haben, sich im Vorhinein kennenzulernen. Wenn dann z. B. die Kamera angeschaltet wird, beschäftigen sich einige Kinder zuerst weiter damit, andere nehmen es nicht wahr bzw. reagieren nicht darauf und wieder andere verlassen den Raum, weil sie (zu diesem Zeitpunkt) nicht gefilmt werden wollen.

Wo liegt genau der Unterschied zu anderen Einrichtungen, z. B. im Hinblick auf Räumlichkeiten, Personal … ?

Beatrice Strübing: Prinzipiell hat FRÖBEL einen hohen Anspruch an Personal, Architektur und Materialien – den wir in unseren Einrichtungen umsetzen. Vor diesem Hintergrund weist der Kindergarten „Am Elsterbecken“ keine speziellen Besonderheiten auf, auch nicht beim Personalschlüssel. Aber natürlich haben sich die dort arbeitenden Mitarbeiter*innen und auch die Eltern bewusst für den Schwerpunkt „Forschen“ entschieden. Und über die Erfahrung aus dem Forschungsnetzwerk: Besonders zu Forschungszeiten ist der Austausch zwischen Fachkräften und Eltern engmaschig.

Manuela Leideritz: Auffällig ist sicher die große räumliche Nähe zur Universität. Die Kita ist Teil eines Gebäudes, das mit Hörsaal, Seminar- und Büroräumen sowie Bibliothek Teil des ganz normalen Uni-Betriebs ist. Aus der Perspektive der Forscherinnen und Forscher ist die technische Infrastruktur als einzigartig hervorzuheben. Beinahe jeder Raum und auch die Garderoben, Flure und Außenbereiche wurden so erschlossen, dass Video- und Audioaufnahmen möglich sind.
Das ist die technische Seite. Damit Forschung und Lehre in der Kita angelegt auf Jahre quasi zum Dauerzustand werden können, ist die zwischenmenschliche Seite mindestens genauso wichtig. Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner FRÖBEL versuchen wir Familien, aber auch potenzielle pädagogische Mitarbeiter*innen vor dem Abschluss von Verträgen über das spezielle Profil der Kita aufzuklären. Wir sind sehr auf deren Unterstützung angewiesen und bemühen uns deshalb um eine hohe Transparenz bei der Durchführung von Projekten oder in Bezug auf den Datenschutz.
Wenn pädagogische Mitarbeiter*innen im Rahmen von Forschungs- oder Lehrprojekten Arbeitszeit investieren, soll das personell über die Fakultät kompensiert werden. Dafür soll ein Pool an studentischen Hilfskräften aufgebaut werden, die über einen längeren Zeitraum zur Verfügung stehen.

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