Stück für Stück zum BienenglückDas Außengelände einer Kita wird zum Lebensraum für Insekten

Bienen sind bedroht. Das wollen die Kinder der Magdeburger Kita „Frohe Zukunft“ nicht einfach hinnehmen. Sie lassen sich ein Schutzprogramm einfallen, säen mit Eltern eine Bienenweide und stellen unter der Regie eines Imkers einen Bienenstock im Garten auf. Über ein Naturprojekt, das sich ständig weiterentwickelt.

Stück für Stück zum Bienenglück. Das Außengelände einer Kita wird zum Lebensraum für Insekten
© Peter KIrsch, Staufen

Die Kinder sind mit Ferngläsern, Lupen und Netzen im Gepäck im Wald unterwegs. Bei Ausflügen in die Heide erforschen sie neugierig und ausdauernd Farne, Moose und Wildkräuter. Ihr besonderes Interesse gilt den Insekten. Im Laufe ihrer regelmäßigen Besuche haben sie sich ein solides Wissen über die Pflanzen- und Tierwelt ihres heimischen Waldes angeeignet und darüber, welche besonderen Verhaltensregeln dort eingehalten werden müssen. Sie beobachten Ameisenhügel, untersuchen die Baumrinde von abgestorbenen Stämmen nach Fraßspuren, entdecken Raupen und Larven verschiedenster Art, Käfer in schillernden Farben und viele verschiedene Schmetterlinge, Hummeln und Wildbienen. Bepackt mit jeder Menge Naturmaterialien, Fotos und Ideen geht es zurück in die Kita. In den folgenden Tagen sprechen, werken und basteln sie viel. Nur eines macht die Kinder traurig: In der Kita gibt es zwar zunehmend mehr Naturmaterialien zum Spielen, Werken und Gestalten, aber Käfer, Hummeln oder Bienen finden sich so gut wie nie.

Mit Nistkästen das Interesse aufrechterhalten

Beim Betrachten der Waldfotos staunen die Kinder jedes Mal, wie viele verschiedene Insektenarten es gibt. Anfangs mussten wir mit ihnen einige Namen recherchieren. Mittlerweile packen wir verschiedene Bestimmungsbücher und das Smartphone gleich mit in den Rucksack und können dann direkt vor Ort nachschauen, um welches Insekt oder welche Pflanze es sich handelt. „Wieso gibt es bei uns im Garten nicht so viele Insekten?“, wollen die Kinder wissen. Schließlich stehen viele alte Bäume auf dem Gelände und grün ist es auch. Die Fragen der Kinder führen dazu, dass wir uns im Team intensiver mit der Lebenswelt von Insekten auseinandersetzen. Gemeinsam mit der Elternvertretung entsteht die Idee, ein großes Insektenhotel zu bauen. Die Kinder erhalten die Aufgabe, sich auf ihren Spaziergängen, bei Besuchen in Parks oder im Zoo andere Insektenhotels anzuschauen und Fotos mitzubringen.
Das erste große Insektenhotel bauen die Kinder aus einem Holzkasten mit Unterstützung einer Mutter. Für die Befüllung bohren sie Löcher in dicke Äste, rühren Lehm an, sammeln Stroh, Tannenzapfen und einen Ziegelstein. Die Lücken dazwischen füllen sie mit Schilfhalmen. Kurz danach baut ein Vater mit den Kindern drei weitere kleine Insektenhotels, ein viertes bringt einer der Groß väter. Bestens vorbereitet freuen sich die Kinder auf die neuen Untermieter. Es dauert jedoch eine gewisse Zeit, bis wir die ersten Verdeckelungen, von Insekten verschlossene Bruthöhlen, entdecken können. Die Kinder sind fasziniert.

Einen geeigneten Lebensraum schaffen

Wenn sich Kinder für ein Thema wirklich interessieren, dann ergeben sich Bildungsprozesse von selbst. Wir haben uns als Team zurückgenommen, damit die Kinder eigene Erfahrungen machen und Erkenntnisse gewinnen können. Auf die Frage, was die Insekten fressen, wissen sie schon einiges über Bienen und Hummeln zu sagen. Zum Beispiel, dass sie pollenreiche Pflanzen als Nahrung brauchen. Aber haben wir im Garten das richtige Angebot? Leider nein! Der Großteil unserer Bepflanzung sind Sträucher, die nicht unbedingt als Nahrung für Nektar sammelnde Insekten geeignet sind. Das haben die Kinder mithilfe einer Internetrecherche herausgefunden. Wir brauchen mehr bienenfreundliche Pflanzen wie zum Beispiel Obststräucher und artenreiche Wiesen.

Ein Imker kommt zu Besuch

Imker Maik Weinert aus unserem Stadtgebiet ist begeistert vom Interesse der Kinder. Er erklärt sich spontan bereit, in die Kita zu kommen. Von ihm wollen die Kinder wissen, warum die Waben nicht schmelzen, wo es doch im Bienenstock so warm ist, wie die Bienen miteinander sprechen oder ob sie den Honig ausspucken. Für sie ist der mitgebrachte Schaubienenkasten das Größte. Endlich können sie aus nächster Nähe sehen, wie die Waben aufgebaut sind, was sich im Inneren eines Bienenstocks befindet. Die Zeit vergeht wie im Flug. Am Ende gibt es noch eine Honigverkostung. Maik Weinert erklärt den Kindern auch, dass die Lebenswelt der Bienen durch die Menschen stark bedroht wird. Das können die Kinder nicht verstehen, hatten sie doch kurz vorher erst erfahren, dass die Menschen die Bienen brauchen, denn ohne Bestäubung der Blüten durch die Insekten gäbe es auch keine Früchte zu ernten. Sie sind sich einig: Wir wollen etwas für den Schutz der Bienen tun!

Bienen sammeln Pollen, Harze und Nektar

Im Lehr- und Informationsgarten des Verbands der Gartenfreunde Magdeburg e. V. erfahren die Kinder, welche Pflanzen besonders bienenfreundlich sind. Mit Unterstützung aller Familien unserer Kita pflanzen wir im Frühling verschiedene Obststräucher wie Johannisbeeren und legen drei große Bienenweiden im Vorgarten an. Die Kinder säen die Bienenweiden mit den entsprechenden Saatmischungen ein und beobachten die schnell keimenden und wachsenden Pflanzen. Jedes Kind bepflanzt zusätzlich einen eigenen Pflanzstein mit einer pollenreichen Pflanze und übernimmt das Gießen und die Pflege. Auf einer freien Fläche legen sie mit Erziehern und Erzieherinnen einen Naschgarten an, der ebenfalls eine große Vielfalt an Nahrung für die Bienen und andere Insekten bereithält. Die Schulanfänger schenken uns zum Abschied einen Kirschbaum, ein Jahr später kommt ein Apfelbaum dazu.

Summende Untermieter

Als die angelegten Bienenweiden in voller Blüte stehen, kommt Maik Weinert wieder zu Besuch. Im Gespräch entsteht die Idee, zwei seiner Bienenvölker in der Kita aufzustellen. Die Kinder sind begeistert. Sollte sich zeigen, dass die Bienen sich wohlfühlen und genügend Nahrung fin den, haben sich all ihre Mühen gelohnt. Das Kita- Team ist zunächst skeptisch und fürchtet, dass die räumliche Nähe die Bienen stören und aggressiv machen könnte, aber der Imker und die Kinder sind sich einig: Wir probieren es in einer geschützten Ecke im Vorgarten. Dort sind Beobachtungen möglich und der Abstand zu den Bienen ist gegeben. Über die Entscheidung informieren wir die Eltern und rechnen mit Widerstand aus Angst vor Bienenstichen. Wir sind überrascht, dass die Eltern durch ihre Kinder schon sehr gut über das Thema Bescheid wissen und niemand ein Veto einlegt. Mögliche Allergien auf Stiche können wir nach einer Befragung ausschließen. Für den Notfall haben die Eltern von Kindern mit Allergien Medikamente hinterlegt. Die regelmäßigen digitalen Foto-Dokumentationen auf Bildschirmen in den Gruppen, Aushänge mit Infos zu Ausflügen oder Aktionen sowie Elternbriefe unterstützen dabei erheblich. Anhand der Fotos kommen die Kinder mit ihren Eltern über das Gelernte ins Gespräch und pädagogische Fachkräfte können die jeweiligen Bildungsinhalte besser deutlich machen. Maik Weinert informiert das Gesundheitsamt und meldet seine Bienen als unsere „Untermieter“ an. Im Spätsommer 2016 ist es so weit: Zwei Bienenvölker ziehen in die Kita „Frohe Zukunft“ ein.

Haben die Bienen den Winter überlebt?

Den Sommer über haben die Kinder lediglich die Aufgabe, die Bienen mit Wasser in einer flachen Schale zu versorgen. Im Winter sehen sie sie nicht. Ihre bange Frage ist: „Haben unsere Bienen den Winter überlebt?“ Es war ein milder Winter und die Varroamilbe erschwerte den Bienen das Überleben zusätzlich. Als unser Imker kommt, um nach den Bienen zu sehen, macht er uns wenig Hoffnung. Viele seiner Völker haben nicht überlebt. Wir bereiten die Kinder darauf vor, dass es auch bei unseren Bienen so sein könnte. Aber wir haben Glück: Beide Bienenvölker haben überlebt. Als der Frühling kommt, fliegen die „Untermieter“ fleißig ein und aus, sodass die Kinder das emsige Treiben ständig beobachten können. Sie freuen sich schon auf den ersten eigenen Honig. Doch vorerst verzichten sie zugunsten der Gesundheit der Bienen darauf, die den Honig zur Stabilisierung ihrer eigenen Kräfte als Winterfutter brauchen. Ein neues Bienenjahr hat begonnen und die nächste Generation wissbegieriger Kinder wächst heran. Neue Fragen stehen im Raum, zum Beispiel, ob Honig eigentlich mit Bienenspucke gemacht wird. Das Projekt entwickelt sich ständig weiter. Die Kinder haben den Imker schon jetzt für das kommende Jahr eingeladen. Er soll ihnen erklären, wie Bienen Honig machen. Das Kita-Team hat es sich zu einer wichtigen Aufgabe gemacht, bei den Kindern ein sensibles Umweltbewusstsein zu verankern. Durch Projekte wie dieses lernen sie, Menschen, Tiere und Pflanzen wertzuschätzen, respektvoll mit ihnen umzugehen und dabei ihre eigenen Erfahrungen machen zu dürfen. Wenn es dann noch gelingt, anderen Kitas Mut zu machen und neue Wege im Umweltschutz zu gehen, dann haben wir ein Stück zur Nachhaltigkeit unserer Lebenswelt beigetragen. Die Zusammenarbeit mit Eltern, Kooperationspartnern und unterstützenden Institutionen hat dieses Projekt möglich gemacht.

Für Sie in den Bildungs- und Orientierungsplan geschaut

Im Bildungsprogramm für Kindertagesstätten des Landes Sachsen-Anhalt findet sich unter dem Bildungsbereich „Natur, Tiere und Pflanzen“ entdecken, folgender Absatz:

„Kinder machen individuelle Erfahrungen in Beziehungen zu Tieren und verstehen, dass Menschen, Tiere und Pflanzen in einem gemeinsamen Lebensraum voneinander abhängig sind. So werden sie auch empfänglich für die Ideen des Tierschutzes und fragen, was sie dazu beitragen können.“

Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.) (2014): Bildung: elementar – Bildung von Anfang an. Berlin: verlag das netz, S. 143.

Für Ihre Zusammenarbeit mit Eltern

Das können Sie auf Bedenken von Eltern zur Bienenhaltung in der Kita antworten

  • Hinter Bedenken liegt häufig die Angst vor Insektenstichen. Informieren Sie die Eltern über das richtige Verhalten in der Nähe der Bienen. Imker*innen empfehlen zum Beispiel, sich ruhig zu bewegen, keine Duftstoffe an sich zu tragen und einen respektvollen Abstand einzuhalten. Wildbienen haben ebenfalls einen Stachel, die Gefahr eines Stiches ist dennoch praktisch nicht gegeben; nur, wenn die Biene massiv bedrängt wird.
  • Sagen Sie den Eltern, dass die Bienenstöcke nicht frei zugänglich sind, sondern nur aus einer bestimmten Entfernung von den Kindern beobachtet werden. Zutritt haben nur der Imker oder die Imkerin und unter Aufsicht das Kind, welches die Wasserschale in der Nähe aufstellt.
  • Erinnern Sie daran, dass jede Kita auf Insektenstiche vorbereitet ist und Pinzetten zum Entfernen des Stachels sowie Kühlgel und Zwiebeln zur Linderung der Beschwerden bereitliegen. Berichten Sie von Ihren bisherigen Erfahrungen und ggf., dass Sie nichts von dem bisher gebraucht haben.
  • Bei Bedenken, dass ein Bienenstock zeitaufwendig ist, können Sie antworten, dass keinerlei zusätzliche Arbeit anfällt, außer die Tiere im Hochsommer mit Wasser zu versorgen. Die übernimmt der Imker oder die Imkerin.
Anzeige
Anzeige: Von Schuhen, Socken & Füßen. Ein dialogisches Fotobuch

Der Fachmagazin-Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden! Mit dem kostenlosen Newsletter von kindergarten heute.