Helfen ist nicht immer hilfreichErkenntnisse aus einer laufenden Studie zum Thema Teilhabe

Die Autorinnen haben beeindruckende Erkenntnisse zum Zusammenhang von Helfen und Teilhabe in integrativen Kitas gewonnen. Zudem sind Beobachtungsprotokolle entstanden, mit denen Teams vieles über das Thema lernen und ihren pädagogischen Alltag neu unter die Lupe nehmen können.

Helfen ist nicht immer hilfreich
© Harald Neumann, Freiburg

Teilhabe in der Frühpädagogik wird selten genau definiert und oft auf ganz unterschiedliche Situationen bezogen. Auf diese Weise läuft das Konzept Gefahr, als „Containerbegriff“ mit veränderlicher Füllung abgewertet zu werden. Unser Forschungsprojekt (siehe Kasten S. 36) möchte daher klären, wie sich Teilhabe in integrativen Kindertageseinrichtungen aus der Praxis heraus beschreiben lässt. Wir begreifen Teilhabe nicht als etwas, das von den Fachkräften und Kindern bewusst angewendet wird oder angewendet werden kann, sondern beschreiben den Begriff als Bestandteil des Alltags, an dessen Hervorbringung alle beteiligt sind.
Mit diesem Verständnis von Teilhabe vermeiden wir, den Begriff als zu erreichende Norm und Aufgabe für das frühpädagogische Arbeitsfeld vorauszusetzen. Vielmehr geht es uns darum, zu beobachten, wie Teilhabe hervorgebracht wird.

Kinder und Fachkräfte helfen

Als wir die ersten Beobachtungsprotokolle und Videosequenzen (siehe Kasten S. 36) analysierten, ergaben sich neue Themen, die mit Teilhabe verbunden sind. Auf diese Weise hat sich z. B. gezeigt, dass unterschiedliche Arrangements der „Hilfe“ in allen an der Studie teilnehmenden Einrichtungen eine wichtige Rolle spielen.
Grundsätzlich handelt es sich beim Helfen um eine Aktivität, die Kinder und pädagogische Fachkräfte gleichermaßen ausführen. Entweder fordern Fachkräfte Kinder dazu auf, anderen Kindern zu helfen, oder Kinder bieten ihre Hilfe ohne explizite Anweisung an.1 Wie Hilfesituationen im integrativen Kita-Alltag entstehen, welche Bedeutung dem raum-zeitlichen Setting dabei zukommt und welche Funktion helfende Tätigkeiten im integrativen Kita-Alltag haben, zeigen zwei Situationen, die mit der Videokamera aufgezeichnet wurden.

Baumblätter aus Pappe

Die Kinder sitzen gemeinsam mit den pädagogischen Fachkräften im Morgenkreis. Frau Linde (pädagogische Fachkraft) hält einen Stapel Baumblätter aus Pappe in der Hand, auf denen je ein Foto eines Kindes befestigt ist. Elena ist an der Reihe. Frau Linde überreicht ihr ein Blatt, mit dem Bild von Paul. Elena läuft zu Paul und gibt es ihm, dabei sagt sie etwas undeutlich „Guten Morgen“. Paul nimmt es in die Hand und steht langsam aus seiner Sitzposition am Boden auf. Während er aufsteht, ruft Jasmin von gegenüber: „Paul, darf ich dir helfen?“ Auch Emma bietet Paul ihre Hilfe an. Paul zeigt jedoch auf Marvin. „Darf ich dir helfen?“, ruft Jasmin nochmal. Paul reagiert nicht darauf. Marvin steht auf, Paul gibt ihm sein Blatt und die beiden Jungen gehen zu einem Baum aus Pappe, der an einer Wand befestigt ist und die tägliche Anwesenheit der Kinder anzeigt. „Wo magst hin?“, fragt Marvin. Paul zeigt auf das Blatt in Marvins Hand. „Wo magst hin?“, fragt Marvin nochmal. „Vielleicht will er zu dir, oder?“, ruft Frau Linde. Marvin befestigt das Baumblatt für Paul neben seinem eigenen Blatt. Paul steht dabei ein Stück hinter Marvin und schaut ihm zu. „Passt es so, Paul?“, fragt Frau Linde. Paul nickt. „Und, was sagt man dann?“ „Danke“, sagt Paul. Nun bekommt er von Frau Linde ein neues Blatt mit dem Bild eines weiteren Kindes gereicht.

Analyse der Situation

In dieser Szene wird eine Situation beschrieben, die in dieser Form sehr häufig im Kita-Alltag beobachtbar ist. Betrachtet man dieses Treffen und seinen Ablauf mit der speziellen „Brille“ unseres Forschungsprojekts (im Fokus stehen die räumlichen und körperlichen Dimensionen sozialer Interaktion), stellt sich Folgendes dar: Die Kreissituation hat besondere Merkmale. Jeder sieht jeden und viele Blicke können ausgetauscht werden. Für Außenstehende sichtbar entsteht eine soziale Zusammengehörigkeit. Ähnlich wie in anderen sozialen Veranstaltungen werden Regeln wirksam und soziale Rollen verteilt. Im Unterschied zum Freispiel gilt beispielsweise die Regel, nicht einfach herumzulaufen oder eine spontane Idee zu verfolgen, sondern für einen begrenzten Zeitraum ruhig zu sitzen. In so einer Konstellation entsteht eine „Hilfesituation“. Frau Linde verteilt die Blätter und legt so die Reihenfolge der Kinder fest. Als Paul an der Reihe ist, bekommt er von den Kindern mehrere Unterstützungsangebote.

  • Paul hat nicht um Unterstützung gebeten. Die Schnelligkeit und Häufigkeit der Hilfsangebote verweist darauf, dass die Hilfe für ihn schon oft stattgefunden hat und Teil der Routine des Morgenkreises ist. Dass Paul so schnell und so viele Unterstützungsangebote erhält, ist nur deshalb möglich, weil in der Situation „Morgenkreis“ gut bemerkt werden kann, dass Paul an der Reihe ist. Für die unterstützungswilligen Kinder besteht die Anforderung darin, das „Timing“ einzuhalten und im richtigen Moment mit den passenden Mitteln auf sich aufmerksam zu machen.
  • Die Hilfe für Paul hat auch einen hohen Nutzen für die helfenden Kinder. Sie bietet die Möglichkeit, noch ein zweites Mal „dran zu sein“ und sich zu bewegen. Dies scheint attraktiv zu sein in einer Situation, in der Ruhe gefordert ist, körperliche Aktionen eingeschränkt sind und in der mittels Rundblick leicht registriert werden kann, wenn Regeln unterlaufen werden.
  • Der Begriff des „Helfens“ ist positiv besetzt. Es ist auch moralisches Handeln und entspricht dem Ideal eines humanen Umgangs zwischen Menschen.3 Weil das Helfen für ein gutes Zusammenleben steht, färbt auf die hilfsbereiten Kinder ein Stück dieser positiven Bedeutung ab. Das gilt insbesondere in der beschriebenen Kreissituation, in der Kinder und Fachkräfte zuschauen.

Ein Ungleichgewicht entsteht

Helfen ist auch mit einer asymmetrischen Interaktion und einem Machtungleichgewicht verbunden Wie aus der sozialpädagogischen und heilpädagogischen Forschung bekannt ist, wird aus einem Hilfsangebot auch eine Hilfsbedürftigkeit und Hilflosigkeit gefolgert. Indem Paul so offensiv Hilfe vor der „Kulisse“ der zuschauenden Kinder angeboten bekommt, wird für alle Anwesenden deutlich sichtbar: „Paul ist hilfsbedürftig“. So wird eine Unterscheidung eingeführt, die Paul aus der Kindermenge heraushebt. Die konstruierte Hilfsbedürftigkeit ist als ein Effekt der Kreissituation und des morgendlichen Begrüßungsrituals anzusehen.

Das Theaterkostüm

Dass Aktivitäten im Morgenkreis zur Konstruktion einer Hilfesituation beitragen, zeigt auch das folgende Beispiel:
Im Morgenkreis zeigt Daniel sein Kostüm fürs Theaterstück. Gabi (pädagogische Fachkraft) hilft ihm dabei, die Kleidung anzuziehen. Während die anderen Kinder still im Stuhlkreis sitzen und zuschauen, steht Samir nun schon zum dritten Mal auf und läuft zu ihr, um auf ihre Fragen zu antworten. Als Daniel dabei ist, sein Kostüm wieder auszuziehen, kommt Samir nochmals angelaufen: „Schau mal, er zieht sich wieder aus“, erklärt sie Samir und fragt: „Magst du ihm helfen?“ Samir reagiert nicht sofort, da er in eine andere Richtung blickt. „Samir, hilfst du ihm?“, wiederholt Gabi und fasst Samir dabei am Arm. „Nimm mal die Weste“, leitet sie ihn an. Samir zieht Daniel die Weste ab. Regine (pädagogische Fachkraft) bemerkt: „Langsam, Samir! Schau mal, das muss auf den Bügel“, erklärt Gabi und streckt Samir einen Kleiderbügel entgegen. Samir und Gabi hängen die Weste gemeinsam auf den Bügel. „Schau mal und hilf ihm mal beim Hemd“, fordert Gabi auf. Samir beginnt fest am Kragen zu ziehen. „Nein, so nicht, Samir!“ Auch Daniel ruft erschrocken: „Nein!“ „Am Ärmel, guck“, führt Gabi vor. Gabi deutet auf den Ärmel: „Da zieh mal! Langsam aber!“

Analyse der Situation

Im Unterschied zur geltenden Regel, im Morgenkreis sitzen zu bleiben, steht Samir mehrmals von seinem Platz auf und läuft zu Gabi. Dorthin richten sich die Blicke aller Anwesenden. Samir wird zwar immer wieder auf seinen Platz gerufen, wo er auch kurz verweilt, um dann erneut aufzustehen und körperlich aktiv zu werden. Er unterscheidet sich damit von den anderen Beteiligten, die still sitzen bleiben. Wie auch in anderen Videosequenzen beobachtet werden konnte, stehen die Fachkräfte insbesondere in den Sitzkreisen vor der Herausforderung, mit dem manchmal abweichenden, ungezwungenen, eigenwilligen und auch ungewöhnlichen Verhalten von Kindern mit Behinderung umzugehen und zugleich den Verlauf des Morgenkreises aufrechtzuerhalten. Im Beispiel bewältigen die Fachkräfte die Situation durch die Konstruktion von „Hilfe“. Samir bekommt nun – nachdem das Zurückrufen auf seinen Platz kaum mehr wirkt – eine Aufgabe zugeteilt. Gabi sorgt dafür, dass Samir in ihrer Nähe nicht nur schaut und kommentiert, sondern tätig werden kann. Samir erhält jedoch nicht nur eine Aufgabe, sondern soll „helfen“. Ähnlich wie im ersten Beispiel wird durch die Zuordnung des Begriffs „Helfen“ die Situation in eine „Hilfesituation“ überführt. Mit Helfen scheint Samir jedoch nicht allzu viel anfangen zu können, denn Gabi muss immer wieder erläutern, was genau Samir tun soll. Die so entstandene Hilfesituation hat hier die Funktion, Samirs Aufmerksamkeit zu bündeln und die Kostümpräsentation nicht zu gefährden. Und sie löst gleichzeitig die Aufgabe, auf Samirs Verhalten im Morgenkreis zu reagieren.

Feedback an die beteiligten Kitas

Wir melden die Ergebnisse dieser Studie innerhalb von Teambesprechungen oder einrichtungsübergreifenden Treffen an die beteiligten Kindertageseinrichtungen zurück. Das Ziel ist, die Ergebnisse zur Alltags-Praxis „Helfen“ mit den Fachkräften zu diskutieren und zu zeigen, wie sich aus einer analytisch-wissenschaftlichen Perspektive der integrative Alltag in der teilnehmenden Beobachtung darstellt.5
Die Rückmeldungen der Fachkräfte zeigen, dass besonders die verschriftlichten Videosequenzen die Möglichkeit bieten, über das Geschehen in der integrativen Kita ins Gespräch zu kommen. Sie rufen Erinnerungen an ähnliche Situationen auf, über die sich die Fachkräfte austauschen („Aber war das da auch so?“). Damit können die Beispiele als „Fälle“ behandelt werden, das Geschehen rekapituliert und Lösungsmöglichkeiten erwogen werden. Bezogen auf die Forschungsergebnisse zu den Bedingungen des „Helfens“ melden die Fachkräfte zurück, dass sie zwar helfende Aktivitäten unter Kindern und auch zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern vor Augen haben, sie jedoch über die Bedingungen und Effekte des Helfens noch nicht tiefer nachgedacht haben. Zudem berichten sie über eine höhere Aufmerksamkeit für das Helfen in der Kita („Jetzt sehe ich ständig Hilfesituationen im Alltag“).

Fazit

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, mit welchen Konflikten und gar Dilemmata Kinder und pädagogische Fachkräfte im integrativen Kita-Alltag umgehen müssen und wie herausfordernd die Bewältigung dieser sein kann. Dabei interessiert die pädagogischen Fachkräfte besonders, dass viele Schwierigkeiten mit räumlichen und zeitlichen Gegebenheiten (z. B. Morgenkreis) zusammenhängen. Das Handeln von Kindern und pädagogischen Fachkräften muss also auch immer in Zusammenhang mit den Bedingungen gesehen werden, die in pädagogischen Situationen genauso bedeutsam sind wie die Professionalität pädagogischer Fachkräfte. Mit Hilfe der entstandenen Vignetten und Reflexionen im Team können die Herausforderungen auf unterschiedlichen Ebenen erkannt und angegangen werden.

Weiterbildungsinitiative frühpädagogische Fachkräfte (WiFF):

Die WiFF wurde 2009 gegründet und ist ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Robert Bosch Stiftung und des Deutschen Jugendinstituts. Die WiFF wird aus Mitteln des BMBF gefördert und setzt bei der Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte und des Systems Kindertagesbetreuung an. Weitere Informationen: www.weiter bildungsinitiative.de

Über die Studie

Fragestellung: Was bedeutet „Teilhabe“ von Kindern in der institutionalisierten Kindertagesbetreuung?

Ziel: Diese WiFF-Studie beobachtet den pädagogischen Alltag in integrativ4 arbeitenden Kindertageseinrichtungen. Ziel ist es, ein differenziertes Verständnis von Teilhabe zu gewinnen: Teilhabe ist keine Norm, die eingehalten werden muss, sondern vielmehr eine Idee, die im gemeinsamen Handeln immer wieder konkret hergestellt wird. Daher muss Teilhabe für das Feld der integrativen Kindertageseinrichtungen anhand von Beispielen beschrieben werden.

Methodisches Vorgehen: Wir Autorinnen nehmen beobachtend am alltäglichen Geschehen in 17 integrativen Kindertageseinrichtungen in zwei Bundesländern teil. Es werden Beobachtungsprotokolle und Videosequenzen (= Vignetten) angefertigt. Untersucht wird, wie verschiedene Alltagssituationen, z. B. Freispiel, Morgenkreis oder Mittagessen, ablaufen und wie Kinder den Alltag mitgestalten. Dabei werden vor allem die zeitliche Organisation, die räumlichen Gegebenheiten, der Umgang mit Gegenständen sowie die soziale Interaktion beleuchtet. Außerdem begleiten wir einzelne Kinder mit und ohne „Eingliederungshilfe“ (SGB VIII/XII) mit der Handkamera. Hier rücken die Aktivitäten der Kinder und deren Einflussnahme im Kita-Alltag in den Fokus.

Laufzeit: 01/2015 bis 12/2018

Verantwortlich: Anna Beutin, Dr. Katja Flämig; Leitung: Professorin Dr. Anke König

Für die Teamsitzung

Die in dem Projekt entstandenen Vignetten können alle Teams für ihre Weiterentwicklung (gemeinsame Rekonstruktion und Diskussion in Teamsitzungen) nutzen. Einige Fallstudien sind zu finden im WiFF Wegweiser Weiterbildung Nr. 12: Deutsches Jugendinstitut/ Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (Hrsg.) (2017): Bildungsteilhabe und Partizipation. Grundlagen für die kompetenzorientierte Weiterbildung. WiFF Wegweiser Weiterbildung, Band 12. München. Kostenlos beziehbar über: www. weiterbildungsinitiative. de/publikationen/details/ data/bildungsteilhabe-undpartizipation  

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