Das Comeback des PrickelnsEin künstlerisches Projekt

Prickeltechnik, ist die nicht längst überholt? Ganz und gar nicht und im Gegenteil, wie dieser Projektbericht zeigt.

Das Comeback des Prickelns
© Renate Willmes, Köln

In meiner Kindergartenmappe aus den 60er- Jahren finde ich einen geprickelten Weihnachtsstern. Ich erinnere mich, dass man die Löcher gleichmäßig dicht an dicht stechen musste, um eine gut funktionierende Perforation zu erhalten, anhand derer die vorgegebene Form aus dem Papier getrennt wurde. Zu meiner Kindergartenzeit galt das Prickeln als Vorstufe des Schneidens oder als Alternative dazu. Ursprünglich geht die Prickeltechnik auf Friedrich Fröbel (1782–1852) zurück. Seine elfte Spielgabe besteht aus Papier, einer Prickelnadel und einer Filzunterlage. Das Kind sticht Muster in ein Papier, indem es Löcher aneinanderreiht, oder es perforiert die Umrisse einer vorgezeichneten Figur. Dabei gewinnt es ein Verständnis der Begriffe Punkt, Linie und Fläche.

Ausgelöst durch „Nummer 5“

Im Frühjahr 2016 entdecken die Kinder des Kinderladens Papperlapapp e. V. in Köln die Prickeltechnik neu und entwickeln überraschende Ideen dazu. Ausgelöst wird das Projekt durch das Kunstwerk „Nummer 5“ (Hommage an Hans Witzig), 1997, von Bernd Ackfeld.

Bernd Ackfeld

1950 in Köln geboren, studierte an der Kölner Werkkunstschule. Sein Markenzeichen: Bohrungen in Oberflächen und Objekte. Dabei benutzt er verschiedenste Materialien wie Spanplatten, Plastik- und Spielzeugfiguren, Möbel, Dosen und auf Sperrholz aufgezogene Stoffe. Zeichnungen und Bilder werden dadurch zu Reliefs und erhalten skulpturalen Charakter.

Seit fast vier Jahren leihen die drei- bis sechsjährigen Kinder der Großen Gruppe regelmäßig ein Bild in der „artothek Köln – Raum für junge Kunst“1 aus. Im Frühjahr 2015 beschäftigen sie sich mit der Arbeit „Zwei Katzen“ (1978) von Bernd Ackfeld. Sie wollen wissen, wie der Künstler aussieht, und da im Internet keine Abbildung zu finden ist, nehmen wir Kontakt auf. Der Kölner Künstler Ackfeld schickt nicht nur ein Foto, sondern interessiert sich für das Projekt und bietet an, uns zu besuchen und privat ein Kunstwerk freizugeben.

Im Dezember 2015 lernen die Kinder also Bernd Ackfeld, „einen echten Künstler“, kennen. Er bringt seine Arbeit „Nummer 5“ mit. Dabei handelt es sich um eine Fotokopie auf beschichteter Spanplatte (30cm x 42,5cm), bei der die Zeichnung als Vorlage für die Bohrungen diente. Zu sehen sind zwei Strichmännchen – das eine gezeichnet, das andere gebohrt – der Prickeltechnik ähnlich. Spontan nennen die Kinder das Werk „Prickelmännchenbild“. Diese Arbeit löst in unserer Einrichtung in den kommenden Monaten ein Comeback des Prickelns aus. Die Kinder setzen mit ihrem Interesse bei dem an, was sie bereits kennen. Sie durchdringen verschiedene Papiere mit herkömmlichen Prickelnadeln. Schon bald wollen sie andere Untergründe ausprobieren und durchlöchern sie mit Nägeln und Handbohrern.

Von der Technik des Künstlers inspiriert

Für die alljährliche Karnevalssitzung, bei der Tänze, Lieder und gespielte Witze aufgeführt werden, sammelt die Gruppe Ideen. Die Kinder möchten etwas mit dem „Prickelmännchen“ machen, „etwas mit einer Tröte“. So suchen wir eine Musik des Blechbläserensembles Mnozil Brass aus. Für die Kostüme sägen die Kinder Isolationsrohre in Scheiben, mit denen T-Shirts und Hosen beklebt werden. Zusätzlich mit einer Papptröte ausgestattet, sehen sie aus wie lebendige „Tröten-Prickelmännchen“. Den Tanz präsentieren sie Bernd Ackfeld bei einem weiteren Besuch. „Das ist Dada!2“, stellt er fest. Er ist begeistert von der Freiheit, mit der sich die Kinder der Kunst nähern, und von ihrem spielerischen Umgang mit ihr.

Die Kostüme werden noch lange zum Rollenspiel genutzt. Mit der Zeit lösen sich einzelne Scheiben ab. Zunächst suchen die Kinder in der Bauecke Verwendung dafür. Dann entsteht eine neue Idee: Sie legen mit den Lochscheiben ihre Körperumrisse nach. Ein Kind liegt still und vertraut sich den anderen an. Es dauert, bis alle Scheiben ausgelegt sind, doch wenn das Kind aufstehen und seinen Körperumriss betrachten kann, freuen sich alle an der entstandenen Figur. Unser Praktikant Jiro verlässt uns nach einigen Monaten und den Kindern fällt der Abschied schwer. Sie verewigen Jiro in Originalgröße als „Prickel-Tröten-Mann“ am Fenster. Dafür müssen weitere Rohre beschafft und zersägt werden und die Scheiben finden ihre letzte Verwendung.

Eier-Suche

Zur Osterzeit sehen sich die Kinder im Internet einen Film mit Kunstwerken von Lucio Fontana an, einem italienischen Künstler, der in den 60er- Jahren unter anderem Leinwände durchbohrte und damit eine räumliche Wirkung erzeugte. Es sind auch Eiformen zu entdecken, die der Künstler gestaltet hatte, und schnell entwickeln die Kinder ein Eier-Such-Spiel: Bei jedem entdeckten Ei halten wir den Film an. Die Kinder bestaunen die Vielfalt der Werke und machen sich dann angeregt selbst an die Arbeit. Eiformen werden in Bastelplatten gestochen, mit Lochmustern verziert und koloriert. Im Keller finden die Kinder eine Leinwand, die sie in gemeinschaftlicher Arbeit durchlöchern. Auf ihrem „Osterbild“ entstehen einige Hohlräume: „Da sind schon Eier weg!“

„Gelochte Porträts“

Auch nachdem wir das Projekt zum „Prickelmännchenbild“ beendet haben, bleibt das Prickeln. Meine Kollegin Tanja Nescholta setzt Wochen später eine Idee mit den U3-Kindern um. Vor den Sommerferien besuchen die neuen Dreijährigen regelmäßig die Große Gruppe. Im Malraum beschäftigen sie sich mit ihrem Porträt und erarbeiten „‚Einzugsbilder“. Als erste Annäherung bemalen die Kinder die Schwarzweißkopie eines Porträtfotos, „machen es wieder bunt“. Dann heftet Tanja ein weißes Blatt hinter eine weitere Kopie. Die Kinder finden darauf die Umrisse ihres Gesichts, die Tanja nachzeichnet. Sie prickeln diese Linien und auf dem zweiten Papier entsteht eine gelochte Linie, in der sich das Kind wiederentdeckt. Es ist faszinierend, wie gut das funktioniert, und dass diese Technik noch immer Klein und Groß anregt.

Fazit

Ich erinnere mich, dass die Prickeltechnik in meinen ersten Berufsjahren in den 80ern als reine „Fleißarbeit“ beinahe verpönt war. Zu der Zeit ließ man die Kinder frei arbeiten und mit wenigen Vorgaben Material erkunden. Schablonen waren out und damit geriet auch das Prickeln in Verruf. Das Durchdringen verschiedener Materialien beinhaltet aber interessante Komponenten. Es erfordert gezielt eingesetzte Kraft. Das Nachgeben des Materials ist ebenso spannend wie das Geräusch, das dabei entsteht. Kombiniert man diese durchaus destruktive Tätigkeit mit Fröbels Idee, Punkte gezielt aneinanderzureihen und damit Muster oder Umrisse zu gestalten – dann entsteht etwas Neues, Konstruktives. Das ordnende und strukturierte Lochen folgt zunehmend einer gestalterischen Absicht und steht einer zerstörerischen Willkür ebenso entgegen wie dem eintönigen Perforieren. Bei dem Prickelprojekt haben mich die vielfältigen Möglichkeiten, die die Kinder entdeckten, begeistert. Fasziniert bin ich aber einmal mehr davon, wie die Kunst Impulse zu geben vermag und wie gut wir das im Kindergarten nutzen können.

Für Sie in den Bildungs-und Orientierungsplan geschaut

Zum Bildungsbereich musisch- ästhetische Bildung: „Die Vielfältigkeit der Materialien und das Kennenlernen verschiedener Techniken ermöglichen dem Kind, unterschiedliche Gestaltungsweisen auszuprobieren und damit immer wieder neu eigene Wirklichkeit abzubilden, umzuformen und zu verfeinern. Gleichzeitig bietet das kreative Gestalten mit verschiedenen Materialien vielfältige Wege, Wissen über die Welt zu erfahren und zu erweitern. Durch Anschauen, Anfassen, Bearbeiten wird die Beschaffenheit des jeweiligen Materials erfasst, verglichen, sortiert, auf die Probe gestellt und in (neue) Zusammenhänge gesetzt. Darüber hinaus fördern Gestaltungsprozesse die Feinmotorik und Körperkoordination, die Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer sowie die Fern- und Nahsinne. (…) Materialien/Settings als Denkanstöße: sinnesanregende Raumgestaltung und Materialien, Herstellung von Kontakten zu professionellen Künstlerinnen und Künstlern, um durch Einbringen einer externen Perspektive den Erfahrungsraum der Kinder zu bereichern, reichhaltige jederzeit zugängliche Ausstattung an Materialien (…), ausreichend Licht und Platz zum freien Arbeiten, sichtbare Materialien in offenen Regalen, Anregung durch ausgestellte Werkstücke, Kunstdrucke.“3

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