Unterm BlätterdachWaldtage in einer Inklusionskita

Barfuß im Schlamm waten, auf Wurzeln klettern, hinter Bäumen verstecken: Das gemeinsame Miteinander von Kindern mit und ohne besonderen Förderbedarf zeichnet den Alltag in der KiTa Spatzennest aus – auch im Wald. Wie es gelingt, dass alle Kinder von den Waldtagen profitieren, zeigt dieser Erfahrungsbericht.

Unterm Blätterdach
© Redaktion

Aufgeregte und ausgelassene Kinderstimmen sind auf dem Außengelände der Elterninitiative KiTa Spatzennest Bonn e. V. zu hören. Es ist der zweite Tag unserer Waldwoche. Insgesamt 30 Kinder versammeln sich kurz vor 9 Uhr, bepackt mit Rucksäcken, am Tor der KiTa. In einem Vierer- und einem Zweierkinderwagen sitzen die Jüngsten der beiden Gruppen. Dort verstaut sind auch Wasserkanister, belegte Brote sowie klein geschnittenes Obst und Gemüse für das Waldfrühstück, unser Mittagessen (kalt), Wickelsachen, Wechselkleidung, große Isomatten und das Erste-Hilfe-Set. Noch einmal wird abgezählt, ob alle da sind, und schon geht es los auf unseren 20-minütigen Fußweg in den Wald.

Im Vorfeld den geeigneten Platz finden

Die Waldwochen und Waldtage sind seit 13 Jahren fester Bestandteil des Kindergartenjahres im Spatzennest. Als Institution, die den inklusiven Gedanken seit 2002 täglich lebt, kommen alle Kinder selbstverständlich mit in den Wald. Inklusion bedeutet für uns Teilhabe und Miteinander aller Kinder, Mitarbeiter/-innen und Eltern der Kita. Es ist uns ein Anliegen, dass sich alle unabhängig von Herkunft, Religion, Alter, Förderbedarf, sexueller Orientierung, Erstsprache und Entwicklungsstand angenommen, dazugehörig und herzlich willkommen fühlen.
Das gemeinsame Miteinander in unserem KiTa- Alltag bedeutet, aufeinander Rücksicht zu nehmen, den anderen mit seinen Stärken und Schwächen anzunehmen und sich gegenseitig zu unterstützen. Gleiches gilt für die pädagogischen Fachkräfte und die Zusammenarbeit mit Eltern.
In der KiTa Spatzennest werden 45 Kinder, davon neun mit besonderem Förderbedarf, im Alter von 4 Monaten bis zum Schuleintritt in drei altersgemischten Gruppen (jeweils 15 Kinder und drei Vollzeitfachkräfte pro Gruppe) betreut. Der familienähnliche Charakter der Gruppen mit überschaubaren Strukturen kommt insbesondere jüngeren Kindern sowie Kindern mit besonderem Förderbedarf zugute.

Zu Fuß in den Wald

Unsere Waldtage beginnen in der Regel um 9 Uhr. Gegen 15 Uhr kommen wir zurück in die KiTa. Natürlich ist uns bewusst, dass für eine gelebte Inklusion im Wald gewisse Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen. So sollte die Distanz zum Waldplatz nicht zu groß sein, damit die meisten Kinder die Strecke zu Fuß zurücklegen können. Ebenso sollte die KiTa bei schlechten Witterungsverhältnissen oder in Notfällen schnell zu erreichen sein. Letzteres ist besonders wichtig, wenn Kinder im Wald dabei sind, die beispielsweise zu Krampfanfällen neigen und bei einem Anfall eventuell notärztlich versorgt werden müssen.
Das Mitnehmen von Zweier- und Viererkinderwagen ermöglicht es uns – neben dem Transport der Waldmaterialien –, ausreichend Sitz- und Fahrmöglichkeiten, insbesondere für den Rückweg, bereitzuhalten. Diese freien Plätze dienen vor allem den jüngsten Kindern. Aber auch ältere Kinder mit und ohne besonderen Förderbedarf sind nach einem erlebnisreichen Tag im Wald teilweise zu erschöpft, um den Rückweg zu Fuß zurückzulegen. Der Waldplatz sollte ebenso gewisse Rahmenbedingungen erfüllen, um für alle Kinder ein geeigneter Bildungs- und Erfahrungsraum zu sein. In Bezug auf krabbelnde und Laufen lernende Kleinkinder sowie im Rollstuhl sitzende Kinder ist eine freie, ebene Fläche von Vorteil. Generell sollte der Platz möglichst genauso vielfältig sein wie die Interessen und Bedürfnisse der Kinder. Unsere Waldwochen liegen meistens in der Frühjahrs- und Sommerzeit, was uns wettertechnisch zwar häufig zugutekommt, im Laufe der Jahre jedoch nicht vor Regen, Kälte, Gewittern oder Stechmückenschwärmen bewahrt hat. Mit am wichtigsten ist ein hoher Personalschlüssel, um auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können. So erfordert beispielsweise ein Toilettengang im Wald für ungeübte Kinder weitaus mehr Unterstützung durch eine Fachkraft als in der Einrichtung.

Beständigkeit und Abenteuer

Nach einem Frühstück am Waldrand ziehen wir weiter zu unserem Waldplatz. Bei dem Platz handelt es sich um eine freie Waldbodenfläche mit steilem Erdhügel. Ein schmales, flaches Bächlein erweitert sich in einer Senke am Fuß des Hügels zu einer großen Matschkuhle. Am Rande des Hügels stehen zwei Bäume mit offenliegendem Wurzelgeflecht: ein Kletterparadies für Kinder.

An der Matschkuhle steht ein fast 2-jähriges Mädchen. Sie hat mithilfe einer pädagogischen Fachkraft ihre Schuhe ausgezogen. Langsam tastet sie sich mit den Füßen in den feuchten Matsch vor. Ihre Füße versinken im Schlamm. Allmählich schwappt das Wasser über die Zehen. An der tiefsten Stelle reicht ihr das Wasser knapp bis über die Knöchel. Sie beugt sich mit einer Hand zum Wasser herunter und lässt es zwischen ihren Fingern hindurchrinnen. Langsam taucht sie ihre linke Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger ins Wasser. Als sie ihn wieder zurückzieht, ist er voller Schlamm. Mit dem Zeigefinger ihrer anderen Hand versucht sie den Schlamm abzustreifen – das funktioniert nicht so gut. Sie taucht ihre Hände erneut ins Wasser und schüttelt sie hin und her. Jetzt ist der Finger fast wieder sauber. Sie untersucht noch eine Weile den Matsch mit ihren Händen.

Die Beobachtung eines in Naturerlebnisse versunkenen Kleinkindes deckt sich mit den Praxiserkenntnissen von Waldkindergärten. Diese berichten von sehr positiven Erfahrungen mit der Aufnahme von Kindern bis 3 Jahren.1 Zahlreiche Studien zur Kleinkindentwicklung belegen, dass sich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen vertrauten, immer gleichen und neuen, fremdartigen Reizen anregend auf die kognitive und psychische Entwicklung von Kindern auswirkt.2 Dies bietet der Bildungsort Wald, der einerseits durch seine Beständigkeit Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, andererseits durch seinen ständigen Wandel für Wildnis und Abenteuer steht.3,4
Besonders bei den jüngeren Kindern ist im Wald auf witterungsangepasste Kleidung zu achten, da sie leichter auskühlen als ältere.5 Einige unserer jüngeren Kinder haben teilweise einen anderen Tagesrhythmus und schlafen auch vormittags. Dafür richten wir gleich zu Beginn, etwas abseits vom Hauptgeschehen, einen Ruhebereich mit Isomatten und Decken ein. Dieser bietet ebenso eine Wickelmöglichkeit im geschützten Rahmen.
Gemeinsam begeben wir uns auf einen kleinen Rundgang durch den Wald. Dazu müssen wir einen steilen Erdhügel erklimmen. Die 1- bis 2-Jährigen werden dabei tatkräftig von den älteren Kindern unterstützt – ein deutlicher Zugewinn unserer altersgemischten Strukturen. Viele der Jüngeren schaffen es nach den ersten ein bis zwei Tagen aber auch allein, zum Beispiel krabbelnd, den Steilhang zu bewältigen. Weiter geht es durch unwegsames Gelände. Das Laub vom letzten Herbst raschelt unter unseren Füßen. Wir klettern über umgefallene Baumstämme, umrunden stachelige Brombeerranken, springen über Mulden – die kleinen Kinder werden darübergehoben – und entdecken eine Erdrutsche. Während einige rutschen, untersuchen andere Kinder morsche Baumstämme oder spielen mit dem herabgefallenen Laub.

Eines der 4-jährigen Mädchen sitzt auf dem Boden. Sie schiebt das Laub um sich herum zu einem Haufen zusammen, wirft ihn hoch in die Luft und freut sich über den Blätterregen. Sorgsam sammelt sie alle herabgefallenen Blätter von ihrer Kleidung, um kurz darauf einen neuen Blätterhaufen lachend in die Luft zu werfen. Das Mädchen hat das Down-Syndrom. Sie ist Teil der Spatzennestgruppe, tobt mit den anderen Kindern durch den Wald, versteckt sich hinter Bäumen und klettert über Hindernisse, wie umgestürzte Bäume.

Bedingungen im Wald individuell anpassen

Kinder mit besonderem Förderbedarf, wie beispielsweise Rollstuhlfahrer/-innen oder Kinder mit Seheinschränkung, sind bei uns selbstver ständlich im Wald mit dabei. In 13 Jahren gab es keinen Anlass, Kinder mit besonderem Förderbedarf nicht mit in den Wald im Sinne der Inklusion zu nehmen. Wie in der KiTa gilt es, die Rahmenbedingungen im Wald so individuell anzupassen, dass es allen Kindern möglich ist, an den Waldtagen teilzunehmen. So bieten sich Isomatten auch als Sitz- und Liegemöglichkeiten für gehbehinderte Kinder an. Kindern mit Seheinschränkung markieren wir den Waldplatz mit bunten Chiffontüchern, um ihnen Orientierungsmöglichkeiten zu geben. Diese bieten ihnen zusätzliche Sicherheit beim selbstständigen Erkunden der Umgebung. Generell wirken sich Aufenthalte in der Natur positiv auf die Gesundheit aus. So fördert Spielen in der Natur die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmungsfähigkeit von Kindern.6 Zudem sind stressmildernde Effekte sowie die Stärkung des Selbstwertgefühls und die Verbesserung von chronischen Aufmerksamkeitsstörungen durch vegetationsreiche Umgebungen nachgewiesen.7 Als entschleunigter Naturraum ist der Wald besonders geeignet, Kindern vielfältige (Sinnes-)Erfahrungen aus erster Hand zu ermöglichen.

Aktiv, satt und in Vorfreude auf den nächsten Tag

Während unserer Zeit im Wald steht das Freispiel im Vordergrund. Je nach Interessen, Bedürfnissen und Entwicklungsstand der Kinder ergeben sich wechselnde Aktivitäten, Gruppenzusammensetzungen und Spielsituationen. Es wird getobt, gerannt, geklettert, experimentiert und erforscht. Höhlen und Dämme werden gebaut. Die Kinder verwandeln sich im Rollenspiel in feuerspeiende Drachen, unterschiedliche Tiere, mutige Ritter, Feen, Hexen und vieles mehr. Vor dem Mittagessen werden alle Windelkinder im Ruhebereich gewickelt. Im Sinne der Inklusion achten wir beim gemeinsamen Mittagessen im Wald auf Lebensmittelunverträglichkeiten, religiöse Besonderheiten wie zum Beispiel Rindfleisch oder Geflügel anstatt Schweinefleisch, vegetarische Alternativen sowie gegebenenfalls auf pürierte Nahrung für Säuglinge. Nach dem Essen machen die Kleinsten ihren Mittagsschlaf im Ruhebereich unterm Blätterdach im Wald. Auch ältere Kinder erhalten die Möglichkeit, sich auszuruhen, wenn sie dies möchten. Alle anderen Kinder brechen zu etwas entfernteren Plätzen oder zu einem Spaziergang auf, um die Schlafenden nicht zu stören und ihnen genügend Ruhe zu geben. Gegen 14 Uhr verlassen wir unseren Waldplatz und kehren müde, aber mit vielen neuen Erfahrungen, Eindrücken und Impulsen in unser Spatzennest zurück. Dort heißt es nicht selten: „Wann gehen wir wieder in den Wald?“ 

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