Eine Kita setzt Zeichen gegen AusgrenzungVorurteilsbewusste Pädagogik mit geflüchteten Familien und ihren Kindern

An den Grenzen Europas und in Deutschland haben sich vergangenes Jahr Szenen abgespielt, die die Mitarbeiter/-innen einer Berliner Kita nachdenklich und ratlos gemacht haben. Sie beschlossen, sich aktiv in ein brisantes gesellschaftliches Thema einzumischen und starteten ein ungewöhnliches Projekt.

Nach drei Wochen Schließzeit in den Sommerferien kommen wir Pädagog(inn)en wieder in die Kita, erholt und mit neuer Energie. Doch viele von uns sind in diesem Jahr auch nachdenklich und bestürzt; wir fühlen uns hilflos angesichts der Szenen, die sich an Europas Grenzen und in Deutschland abspielen: Weinende Kinder, erschöpfte Mutter und Vater – aber auch Menschen, die erleichtert sind, Krieg und Not entkommen zu sein. Gleichzeitig sind wir entsetzt darüber, wie über die geflüchteten Menschen gesprochen wird: Sie werden nicht als Individuen gesehen, die in Not sind, sondern in den Medien häufig als „Flüchtlingsstrome“ bezeichnet, die Deutschland „überrollen“.

Angespannte Stimmung gegenüber geflüchteten Menschen

Diese Art der Berichterstattung schürt den Hass auf Menschen, die ihr Leben und das ihrer Kinder retten wollen, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft mehr haben. Die Organisation Pegida bekommt immer mehr Zulauf, auch aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft, und heizt Ängste, Vorbehalte und Aggressionen gegen Geflüchtete an. Die Gewalt eskaliert, es werden erste Anschlage auf Menschen und Unterkünfte verübt. Bis heute steigt die Zahl der gewalttätigen Übergriffe stetig an. Auch Menschen, die Geflüchtete unterstutzen, werden bedroht und angegriffen. Auf einer Mitarbeiter/-innenbesprechung äußert sich die Erzieherin Beyhan Akpınar: „Diese Nachrichten mit den Bildern der erschöpften und verzweifelten Menschen auf der Autobahn mit Kindern auf dem Arm oder an der Hand, dass Grenzen geschlossen werden sollten, diese Reporterin, die den Vater geschubst hat, wie mit den Menschen umgegangen wurde, der Rassismus. Das hat mich sehr mitgenommen.“

In der Folge finden zu diesem Thema in unseren beiden Kitas viele intensive Gespräche unter allen Mitarbeiter/-innen statt. Bald sind wir uns alle einig, dass wir dem Hass etwas entgegensetzen, dass wir uns positionieren wollen. Manuela Boughanmi meint: „Wenn nicht wir Erzieher/-innen aus unseren Kitas, die nach dem Prinzip der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung arbeiten, uns gemeinsam mit unseren Kindern und Eltern mit dem Thema beschäftigen und uns für einen menschlichen Umgang mit Geflüchteten einsetzen, wer soll es dann machen? Wir wollen die andere Stimme sein, die man manchmal gar nicht mehr hört.“ Die Erzieherin Katayoun Moghaddam erklärt ihre Motivation so: „Ich bin ja selber mit meiner Familie aus dem Iran geflohen. Heute gehen die Menschen fast den gleichen Weg wie ich damals.“

Wir wollen etwas tun

Der erste Gedanke ist, für die Kinder, die in den Erstunterkünften leben, Spielsachen zu sammeln. Sie haben so viel mitgemacht! Es trifft sich gut, dass eine Kollegin Kontakt zu einer Frau hat, die in einer Erstaufnahmeeinrichtung arbeitet. Sie bittet uns darum, lieber Hygiene- und Pflegeartikel und neue Unterwasche und Socken für die Kinder zu spenden, das wurde dringender gebraucht. Die ganze Kita brodelt vor Energie, es gibt viele verschiedene Ideen. Die Kolleg(inn)en gestalten ein Plakat für die Eltern, auf dem sie die Position des gesamten Kita-Teams in Bezug auf geflüchtete Menschen deutlich machen. Die Eltern reagieren zustimmend und wollen uns unterstutzen. Wir überlegen, Sachspenden zu sammeln und planen einen Kuchenverkauf. Von dem Geld wollen wir mit den Kindern Hygieneartikel und Unterwasche kaufen. Beyhan Akpınar äußert sich so: „Ich finde es menschlich, anderen, die in Not sind, zu helfen.“ Viele Eltern wollen ebenfalls helfen und finden gut, dass wir gemeinsam etwas tun können und auch, dass wir dieses Thema in der Kita aufgreifen. In den nächsten Wochen bringen einige Mutter tütenweise Windeln und Hygieneartikel für die Kinder mit, aber auch neue Kleidungsstücke. Franz, 3 Jahre alt, wurde von seiner Mutter gut einbezogen. Sie kaufen zusammen ein und bringen die Sachen in die Kita.

Das Thema beschäftigt auch die Kinder

Wichtig ist uns, auch mit den Kindern zum Thema zu arbeiten, denn „es ist zwar kein typisches Kitaprojekt, aber es ist ein Thema, das die Kinder jetzt und auch in der Zukunft beschäftigen wird“, sagt Katayoun Moghaddam. Und Beyhan Akpınar ergänzt: „Auch wenn es wenig ist, was wir tun können, mochte ich doch, dass die Kinder mitbekommen, was da los ist. Ich mochte den offiziellen Berichten etwas entgegensetzen.“ Auf Elternabenden und in Einzelgesprächen haben wir die Eltern über unser Vorhaben informiert und ausschließlich positive Reaktionen erhalten. Bedenken oder Befürchtungen seitens der Eltern gab es nicht. Sowohl der Aspekt, Menschen in Not zu helfen, als auch die Beschäftigung mit einem gesellschaftlich relevanten Thema fanden ihre Zustimmung.

Pädagogische Vorüberlegungen und Ziele

In Teamsitzungen nähern wir uns dem Thema durch Fragen an: Wie kann es uns gelingen, an die Erfahrungen der Kinder anzuknüpfen? Wie sollen wir mit den Kindern über Flucht sprechen, ohne ihnen Angst vor Krieg zu machen? Welche Materialien können wir dafür einsetzen? Bei der Durchführung des Projekts orientieren wir uns an den Zielen der Fachstelle Kinderwelten zur vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung:

  1. Wir wollen die Kinder ernstnehmen und in ihrer Identität starken und
  2. sie darin unterstutzen, Empathie für andere Lebensweisen und Familienkulturen zu entwickeln, indem wir ihnen die Möglichkeit geben, mit Vielfalt in Berührung zu kommen,
  3. kritisch werden gegenüber Ausgrenzung und Herabwürdigung und
  4. aktiv werden gegen Ausgrenzung und Diskriminierung.

Durch die Bücherlisten der Fachstelle Kinderwelten stoßen wir auf das Buch „Alle da!“ von Anja Tuckermann. Die Kitaleiter/-innen kauften für die Gruppen einige Exemplare des Buches. In Anlehnung an ein Kapitel in diesem Buch nennen wir das Kitaprojekt „Immer wieder gehen Menschen woanders hin“. Im Buch sind viele Grunde dargestellt, warum Menschen von ihrem Zuhause weggehen: verreisen, eine Arbeit finden, sich verlieben. An dieser gemeinsamen Erfahrung knüpfen wir an und befragen die Kinder nach ihren Erfahrungen mit Ortswechseln. Ulla, 5 Jahre alt: „Meine Mama hat sich auch in meinen Papa verliebt und ist dann nach Deutschland gegangen.“

Jan, 4 Jahre alt: „Meine Mama auch, die hat vorher in einem anderen Haus gewohnt.“ Mehrere Kolleg(inn)en entwickeln Interviewfragen, die sie den Kindern stellen. Sie wollen mit den Kindern über das Verreisen sprechen, denn die meisten Kinder können darüber berichten, dass sie ihr Zuhause für eine Reise verlassen haben. Wir machen den Unterschied zwischen Fliehen-müssen und Verreisen-dürfen deutlich. Die Familien im Kindergarten unternehmen diese Reisen freiwillig und kehren zurück – im Gegensatz zu den Menschen, die vor Krieg und Not fliehen, Verwandte, Freunde und Freundinnen, Hab und Gut zurücklassen und nicht mehr zurückkehren können.

Zur Methode Persona Doll

Persona Dolls© sind ganz besondere Puppen. Sie stehen für Kinder unterschiedlichster Herkunft und Familienkultur und repräsentieren die Vielfalt in unserer Welt. Sie bekommen ein Geschlecht, eine Hautfarbe, einen Namen, Eltern und vielleicht Geschwister, Freunde, eine Lebens- und Familiengeschichte und individuelle Besonderheiten zugesprochen. Die Kinder kommen an ihrem Beispiel über das eigene Erleben ins Gespräch, sie lernen sich einzufühlen und sich auszudrücken. Mit Persona Dolls© lassen sich auch schwierige Themen ansprechen: Ärger, Konflikte, Trauer sowie Erlebnisse mit Ausgrenzung, Hänseleien und Ungerechtigkeit. Die Methode unterstützt die Arbeit im Ansatz der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung.

Quelle: Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung.

Das Projekt „Immer wieder gehen Menschen woanders hin“

Die Erzieherinnen Kadriye Gobut und Manuela Boughanmi wollen anhand von Zeitungsausschnitten mit den Kindern über die Fluchtgründe ins Gespräch kommen. Cem, 4 Jahre, sagt: „Die Hauser sind abgebrannt. Die Mädchen weinen, sie fliehen vor dem Krieg. Autos brennen. Die Menschen finden nichts zu essen. Dann gehen die Hauser kaputt, die Menschen fliehen.“ Seine Mutter erzählt den Erzieherinnen, dass Cem genau mitbekommen hat, um was es geht. Auch zu Hause erzählt er vom Krieg, dass die Menschen fliehen und wir helfen müssen. Leyla, 5 Jahre alt, beschreibt genau, wie die Menschen geflohen sind: „Die Menschen kommen aus Syrien. Sie sind erst in die Türkei geflohen, dann mit dem Boot nach Griechenland gefahren. Danach sind sie nach Deutschland gekommen.“ Ulla, 5 Jahre alt, zeigt viel Mitgefühl: „Die fluchten, weil Krieg ist und sie nichts zu essen haben und nichts zu trinken. Wir haben viel zu essen und viel zu trinken, wir können was abgeben. Ich kann doch ein bisschen von meinem Spielzeug abgeben.“

Sich in ein Kind auf der Flucht einfühlen

Die Erzieherinnen nutzen die Geschichte von Samiras Flucht aus dem Buch „Alle da!“, um mit den Kindern den Unterschied zwischen Flucht und Verreisen zu verdeutlichen und sie darin zu unterstutzen, sich in ein Kind auf der Flucht einzufühlen. Die Erzieherinnen mochten den weiten Weg deutlich machen, den die Menschen zurücklegen müssen. Sie malen mit den Kindern die Weltkarte ab und basteln kleine Papierboote, die sie auf die Karte kleben. Sie spielen die Flucht nach, den beschwerlichen Weg. Manche Kinder sind schockiert darüber, dass die Menschen in Boote steigen, wenn sie nicht schwimmen können. „So ein kleines Boot kann doch kippen!“ Da die Kinder selbst nicht schwimmen können, ist das für sie besonders schlimm. Als wir mit ihnen darüber sprechen, dass in Syrien Krieg ist und Bomben fallen, können die Kinder zunächst nichts damit anfangen, denn im Türkischen wird das Wort „bomba“ umgangssprachlich für Silvesterknaller benutzt. Die Kinder finden deswegen die Bomben lustig und können unsere ernsten Gesichter nicht verstehen.

Die Kollegin Beyhan Akpınar setzt die Persona Doll Illayda ein, um mit den Kindern ihrer Gruppe ins Gespräch zu kommen. Um am Erleben der Kinder anzusetzen, erzählt Illayda von ihrem Urlaub und fragt dann die Kinder, ob sie auch schon mal verreist sind, und wenn ja, wie und wohin. Die Kinder erzählen von ihren Reisen in die Türkei oder nach Schweden und können von ihren eigenen Erlebnisse berichten. Auf die Frage, ob sie schon mal gehört hatten, dass Menschen aus anderen Gründen von Zuhause weggehen, wissen sie keine Antwort. Illayda erzählt dann von ihrer Freundin Samira, die genau dieselbe Fluchtgeschichte erlebt hat wie im Buch beschrieben. Die Kinder hören betroffen und irritiert zu, können sich aber gut in Samira hineinversetzen. Akasya antwortet auf die Frage, warum Samira ihr Zuhause verlassen musste: „Weil da Feuer ist. Das Flugzeug hat Feuer gemacht. Alle Sachen brennen. Samira ist weggegangen.“ Dazu malt sie ein Bild, auf dem Samira ganz klein vor ihrem Haus steht, das lichterloh brennt. Die Kinder wollen für Samira Spielzeug von Zuhause mitbringen. Beyhan: „Ich finde gut, dass die Kinder von sich was abgeben wollten. Jemand hat viel und gibt was ab.“ Die Kolleginnen thematisieren eher die Flucht und das Ankommen als den Krieg, denn das finden die Kinder sehr beängstigend. Einige Kinder spielen Krieg mit selbst gebauten Waffen nach: „Wir wollen einfach Krieg spielen“, sagt Emir. Die Kolleginnen erlauben das, denn sie haben das Gefühl, dass einige Kinder das Gehörte nachspielend verarbeiten. Immer wieder betrachten die Kinder das Buch „Alle da!“. Sie sprechen viel über Samira und betrachten die Bilder ihrer Flucht. Die Zeichnungen sind eindringlich und gut nachvollziehbar gestaltet, ohne zu viel Angst zu machen. Die Kinder können sich mit Samira identifizieren, sie ist ein Kind wie sie selbst.

Kuchen backen und Kleidung kaufen

Den Kuchenbasar planen wir gemeinsam mit den Kindern und den Eltern: Die Erzieher/-innen und Kinder kaufen die Zutaten ein und backen zusammen Apfel- und Schokoladenkuchen und Muffins. Die Kinder sind konzentriert und begeistert bei der Sache, sie merken, dass es um etwas geht, dass ihre Arbeit wichtig ist. Sie wissen, dass wir mit dem Geld einkaufen gehen wollen, um Unterwasche, Socken und Windeln für geflüchtete Kinder wie Samira zu besorgen. Sie bringen das Kuchenbacken und das Windelnspenden mit Samira in Zusammenhang. Am Tag des Kuchenverkaufs ist eine schone Stimmung im Haus. Alle sind vereint in dem Gefühl, etwas Gutes zu tun. Melek sagt zu ihrem Papa: „Bring ganz viel Geld mit, damit wir viel Windeln und Socken kaufen können.“ Es kommen viele Eltern und Verwandte. Um es allen zu ermöglichen, sich entsprechend ihrer finanziellen Möglichkeiten einzubringen, legen wir für den Kuchen keine Preise fest. Alle bezahlen das, was sie geben wollen. Am Ende des Tages zahlen wir in der einen Kita € 800,- , in der anderen € 1000,- Spenden.

Am nächsten Tag gehen einige Erzieher/-innen mit den Kindern einkaufen. „Das Einkaufen war toll!“, berichtet Kati. „Die Kinder waren so ernsthaft bei der Sache. Sie suchten in den Geschäften die Socken und Unterhemden in verschiedenen Großen aus.“ Beim Bezahlen an der Kasse sagt Max: „Ist für die Flüchtlinge.“ Stolz tragen die Kinder die Taschen in die Kita und bringen sie in den Keller, wo wir später alles sortieren und in Kisten packen. Es war eine irritierende Erfahrung für die Kinder: Für € 100,- gibt es nicht mal zwei Tuten voll Kleidung. In beiden Kitas bieten Mutter ganz selbstverständlich und von sich aus an, die Spenden mit ihrem Auto in die Unterkünfte zu fahren. Erst hatten wir die Idee, mit einigen Kindern zusammen die Spenden abzugeben, aber die Situation in den Unterkünften war damals so unübersichtlich, dass wir uns dagegen entschieden haben.

Während des Projektes wird deutlich, dass Eltern unterschiedlich mit dem Thema umgehen. Einige hatten schon mit ihren Kindern darüber gesprochen. Diese Kinder waren ziemlich gut informiert. Für andere war das Thema neu und sie waren anfangs irritiert. Für beide Kitas erstellen wir Dokumentationsbücher, die wir auslegen, damit Eltern, Kinder und Besucher/-innen sich anschauen können, was in den verschiedenen Gruppen zum Thema Flucht gemacht wurde. Um auch Eltern die Möglichkeit zu geben, an eigenen Erfahrungen anzuknüpfen, bitten wir sie, ihre eigene Migrationsgeschichte ins Buch zu schreiben. Einige Eltern und Erzieher/-innen kommen dem nach. Es wird deutlich, für wie viele Migration und Flucht Teil ihrer Biografie ist. Das hat eine neue Verbundenheit unter uns geschaffen und uns auch den Geflüchteten naher gebracht. Wir haben einiges erfahren, was wir vorher nicht voneinander wussten.

Resümee

Die Arbeit an dem Thema war eine wichtige Erfahrung. Wir sind stolz, zusammen etwas geschafft und vor allem der Not der Geflüchteten und dem Hass einiger lautstarker Gruppen etwas entgegengesetzt zu haben. Wir waren als Einrichtung stark und gemeinschaftlich und haben über den Tellerrand geschaut. Uns wurde deutlich, dass man auch mit 4- bis 6-jährigen Kindern über ein brisantes und komplexes Thema sprechen kann, weil wir mit dem Ansatz der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung und den vier Zielen einerseits nah an den Kindern der Kita bleiben und andererseits Neues einbringen. Außerdem positionierten wir uns klar gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Die Kinder haben verstanden, dass Menschen, die fliehen, nicht mehr in ihre Hauser zurückkönnen und sie deshalb unsere Hilfe brauchen. Das hat sie sehr beschäftigt und sie haben immer wieder mit den Erzieher/-innen darüber gesprochen. Unsere Botschaft, dass die Menschen ein Recht darauf haben, hier zu sein, weil sie in Not und erst mal auf unsere Hilfe angewiesen sind, ist bei den Kindern angekommen. Das macht uns sehr froh.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht hat uns auch Zuhause mit unseren eigenen Familien beschäftigt. Eine Kollegin besorgte das Buch für ihre 7-jährige Tochter und führte intensive Gespräche mit ihr. Eine andere Kollegin merkte an, dass der Begriff „Flüchtlinge“ mittlerweile negativ besetzt sei. Wir suchten nach besseren Worten, die nicht ausgrenzen, und sagen stattdessen „geflüchtete Menschen“ und „Kinder von geflüchteten Eltern“. Dieser Prozess dauert noch an.

Kritische Anmerkung

Wir hatten noch deutlicher machen können, dass die Kinder geflüchteter Familien zwar etwas Besonderes erlebt haben und wir deshalb genau schauen müssen, was sie brauchen, dass sie aber andererseits spielen, lernen und Freunde und Freundinnen haben wollen wie alle Kinder. Die Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung macht genau das. Nämlich auf jedes einzelne Kind schauen und dessen Bedürfnisse und Fähigkeiten in den Blick nehmen. Indem wir an die gemeinsame Erfahrung anknüpfen, dass alle Menschen irgendwann mal von Zuhause weggehen müssen, bedenken wir, dass manche Kinder nicht verreisen können, weil in ihrer Familie die finanziellen Mittel dafür nicht zur Verfügung stehen. Woanders hingehen konnte dann auch heißen, bei der Tante zu übernachten oder in der Kita. Es geht um das Gefühl, seine vertraute Umgebung zu verlassen. Wir müssen außerdem darauf achten, dass wir die Beziehung zu geflüchteten Familien und ihren Kindern nicht mehr derart darstellen, dass wir die „Helfenden“ sind und sie die „Hilfsbedürftigen“. Das verkennt, dass geflüchtete Menschen Kompetenzen mitbringen, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten und sich in die Gesellschaft einzubringen. Die Erfahrungen, die sie bisher gemacht haben, sind Teil ihrer Biografie und zahlen auch in der neuen Gesellschaft.

Stimmen von Erzieherinnen zum Projekt

„Wenn nicht wir, eine Kita, die nach dem Prinzip der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung arbeitet, Kinder von Geflüchteten aufnehmen, wer dann? Wenn ein Kind angemeldet wird, wurden wir es nehmen. Ich bin ja damals auch sofort in die Kita gekommen und das war gut für mich.“ Katayoun Moghaddam

„Diese Spendenaktion war für mich eine Erleichterung, denn ich wollte etwas tun, wusste aber nicht, was ich alleine machen soll. Dass wir als Kita ein Zeichen gesetzt haben und aktiv wurden, auch mit den Eltern zusammen, macht mich froh. Auch dass wir das Thema mit den Kindern besprochen haben, fand ich gut. Ich hatte mir allerdings intensiveren Kontakt mit einer Einrichtung gewünscht, in der geflüchtete Menschen leben.“ Manuela Boughanmi

„Ich fand‘s gut, dass wir die Eltern gleich miteinbezogen haben. Die haben auch sofort mitgemacht.“ Silke Gerasch

Hinweis:

Die Fachstelle Kinderwelten bietet auf der Basis der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung© Fortbildungen mit dem Themenschwerpunkt „Kinder und Familien mit Fluchterfahrung in der Kita“ für pädagogische Fachkräfte an. Die Bausteine sind so konzipiert, dass sie je nach Bedarf unterschiedlich miteinander kombiniert werden können, zum Beispiel nach Themenschwerpunkt, Fortbildungsformat, Zielgruppe und zur Verfügung stehender Zeit. Kontakt: Koordination Fortbildungsbereich, Arun Singal, E-Mail: singal@ina-fu.org, Telefon: 030 - 6953 999 06.

Praxismaterialien

Wie können Kinder mit Fluchterfahrung gut in der Kita aufgenommen werden? Wie kann die Kita ein guter Lernort für jedes Kind sein? Wie kann die Zusammenarbeit mit Eltern konstruktiv gestaltet werden, wenn die sprachliche Verständigung schwierig ist oder wenn es „interkulturelle Irritationen“ gibt? Wie kann der Austausch zwischen Eltern mit und ohne (aktuelle) Fluchterfahrungen unterstützt werden? Was kann getan werden, wenn es Konflikte um die Aufnahme von geflüchteten Kindern gibt?

Diese und ähnliche Fragen beschäftigen Pädagog- (inn)en, wenn sie Kinder mit Fluchterfahrungen in die Kita aufnehmen. Das Projekt „Das Thema Flucht in Kitas“ vom Institut für den Situationsansatz in Kooperation mit der Bertelsmann-Stiftung geht diesen und weiteren Fragen nach. Gemeinsam mit Praxiseinrichtungen sammeln wir Wissen und erproben Handwerkszeug. Ziel ist es, Lern- und Handlungsprozesse von Kindern, Eltern und Pädagog(inn)en in den Kitas sichtbar zu machen und damit aufzuzeigen, welche Zugänge und Methoden für die Arbeit mit geflüchteten Familien hilfreich und notwendig sind.

Die bisher gesammelten Materialien werden Fachkräften über verschiedene Publikationen zur Verfügung gestellt.

Weitere Informationen: Gabriele Koné, Projektkoordinatorin, kone@kinderwelten.net kone@ina-fu.org

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