Pränatale Diagnostik und Spätabtreibung im FilmEntscheidungskrisen

Christliche Überzeugungen haben nach wie vor gute Chancen auf Anerkennung, wenn sie mit Empathie und auf Augenhöhe mit dem Fühlen und Denken der Menschen artikuliert werden. Dafür könnten nicht zuletzt auch narrativ gefasste ethische Diskurse in Spielfilmen ein Vademecum sein.

Film
© Friede Clausz / Neue Visionen Filmverleih

Im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Berlin trat im Jahre 2016 nur ein einziger deutscher Beitrag an. Eine junge, bis dahin kaum bekannte Regisseurin hatte es mit ihrem erst zweiten langen Spielfilm gleich auf die große Leinwand eines der weltweit bedeutendsten Filmfestivals geschafft. Am ungewöhnlichsten aber, weil in dieser Form zuvor noch niemals im Spielfilm behandelt, war das Thema des Films: der Problemzusammenhang von Pränataler Diagnostik (PND) und Spätabtreibung. Die Rede ist von Anna Zohra Berracheds Film „24 Wochen“, einem zwar fiktiven, aber außergewöhnlich realitätsnah gestalteten Drama, das exemplarisch ausleuchtet, welche menschlichen Dramen und Entscheidungskrisen sich hinter den dürren Zahlen der Statistiken verbergen (vgl. HK, November 2016, 51).

„24 Wochen“

War „24 Wochen“ auch der erste Kino-Spielfilm über diese maximale Entscheidungskrise, so folgte ihm doch nur einen Monat nach seiner Festivalpremiere (und ein halbes Jahr vor seiner Kinoauswertung) im Hauptprogramm der ARD (Reihe „Film-Mittwoch im Ersten“) gleich eine weitere Filmerzählung zum selben Thema: „Nur eine Handvoll Leben“ von Franziska Meletzky. Diese beiden Spielfilme von Frauen hoben das stark tabuisierte Thema der Spätabtreibung nach einer PND vielleicht erstmals wirklich aus den Arbeitszusammenhängen von Ethikkommissionen auf die Bühne des öffentlichen Diskurses.

Bereits in ihrem ersten, semi-dokumentarischen Langfilm „Zwei Mütter“, der 2013 auf der Berlinale mit einem Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde, hatte sich Berrached mit dem Themenkreis „Schwangerschaft“ beschäftigt: mit dem ebenso hartnäckig verfolgten wie zunehmend an der Bürokratie und medizinischen wie finanziellen Hürden verzweifelnden Wunsch eines lesbischen Paares, durch künstliche Befruchtung zu einem leiblichen Kind zu kommen. Getreu ihrem stets verfolgten Leitspruch „Die Realität in die Fiktion holen“ bereitete Berrached auch „24 Wochen“ durch intensive Recherchen vor.

In verschiedenen Interviews berichtete sie von ihrer Suche nach Menschen, die in Spätabtreibungen involviert waren. Gesprächspartner zu finden sei einfach gewesen, „wenn es um Fachleute ging, also Ärzte und Ärztinnen, Hebammen, Pfleger: Die wollten mit mir reden! Es war auch einfach, mit Eltern zu reden, die ihr behindertes Kind bekommen haben.“ (www.wienerin.at). Dagegen schien es lange Zeit fast aussichtslos, Frauen oder Paare zu finden, die sich aufgrund einer diagnostizierten Behinderung für einen späten Schwangerschaftsabbruch entschieden hatten, obgleich diese mit (laut Berrached) etwa 90 Prozent eine erdrückende Mehrheit bilden.

Dieses Missverhältnis, diese Tabuisierung und die weithin übliche Kaschierung des Abbruchs als „Fehlgeburt“ habe sie aber nur darin bestärkt, wie wichtig es sei, an dem Thema dranzubleiben und es aus der Verborgenheit zu holen. Schließlich habe sie doch ein Paar gefunden, das bereit war, anonym über die schwere Krisis, die mit diesem Schritt verbunden war, zu erzählen. Verdankt der Film dieser Recherchearbeit seine Authentizität, so seine Intensität der herausragenden Leistung der beiden Hauptdarsteller Julia Jentsch und Bjarne Mädel.

Sie sind in „24 Wochen“ Astrid und Markus, ein glückliches Paar. Astrid arbeitet als erfolgreiche Kabarettistin mit beachtlicher Medienpräsenz in Fernsehen und Rundfunk, und ihr Mann managt sie. Etwa vier Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Nele erwarten sie ihr zweites Kind, einen Jungen. Alles scheint problemlos, bis zur jähen Wende, die das Paar völlig unvorbereitet trifft: Bei einer Vorsorgeuntersuchung gegen Mitte der Schwangerschaft diagnostiziert die Ärztin beim Ungeborenen das „Down-Syndrom“ und bringt auch gleich einen Spätabbruch ins Gespräch. Für diesen würden sich in einer solchen Situation neun von zehn Paaren entscheiden. Doch nachdem sie den ersten Schock überwunden haben, besorgen sich Astrid und Markus Informationen zu Trisomie 21, besuchen Selbsthilfegruppen und beschließen recht bald einmütig, das Kind trotz seiner erwartbaren Behinderung zu bekommen.

Das Ja zum Kind wird jedoch alsbald durch einen neuen Schicksalsschlag erschüttert: Bei einer weiteren Ultraschalluntersuchung wird auch noch eine multiple Fehlbildung des Herzens diagnostiziert. Diese mache, wenn das Kind überhaupt eine gewisse Lebenschance haben soll, unmittelbar nach der Geburt eine ebenso komplexe wie riskante Operation notwendig. Selbst wenn diese gelinge, werde das Kind immer herzkrank und, so einer der behandelnden Professoren, für die Eltern eine „lebenslange Belastung“ bleiben. Während sie unsicherer wird und bei einer Beratungsstelle bereits Informationen über das Procedere bei einer Spätabtreibung einholt, bleibt Markus unbeirrt.

Erst nachdem Astrid aufgrund ihres ungeheueren inneren Drucks einen Auftritt in der Sendung von Dieter Nuhr hat platzen lassen, spricht das Paar erstmals offen über die Möglichkeit einer Spätabtreibung. Markus stemmt sich unverändert dagegen, dass sie zu „Entscheidern über das Leben eines anderen Menschen werden.“ Astrids Replik, dass sie als Eltern das entscheiden müssten, offenbart ihre inzwischen eingetretene innere Distanzierung: Hatte Markus vom „anderen Menschen“ gesprochen, so erwidert sie – ohne für das Neutrum ein Bezugswort zu haben: „Das kann ja nicht für sich entscheiden.“

Der Dissens der werdenden Eltern eskaliert bei einer Beratungsstelle: Während Markus seiner Frau vorwirft, sie habe letztlich nur Angst um ihre Karriere, beharrt Astrid auf ihrem Entscheidungsrecht. Wenig später geht sie alleine in die Klinik. Noch im Gespräch mit der einfühlsamen Hebamme, die ihr, selbst sichtlich gerührt, verschiedene Möglichkeiten des Abschieds vom totgeborenen Kind vorstellt, sucht Astrid vergeblich Entscheidungshilfe und meint am Ende resigniert: „Ich hätte gerne anders entschieden, aber es geht einfach nicht. (…) Ich hoffe einfach, dass es das Richtige ist für das Kind, für uns alle.“ Markus gegenüber, der schließlich doch noch kommt und bis zum Schluss bleiben will, erweitert Astrid ihre zuvor kindzentrierte Rechtfertigung: „Es ist auch meinetwegen. Ich mach das nicht nur wegen dem Kind. Auch wegen mir selbst. Weil ich so ein Leben nicht leben will.“ Kurz darauf wird der Fetozid durchgeführt und die Geburt des toten Kindes eingeleitet, was der Zuschauer in erschütternder Direktheit miterlebt. Schließlich hält Astrid ihr totes Kind doch im Arm, obwohl sie dies zuvor heftig abgelehnt hatte.

Nach der Unterbrechung durch eine lange Schwarzblende sehen wir die Familie zurück in ihrem Haus. Verbunden mit dem Hinweis auf die weit überwiegende Praxis, den Verlust des Kindes nach außen hin als Fehlgeburt darzustellen, empfiehlt eine Beraterin Astrid,

besser, wenn überhaupt, nur dem engsten Kreis vertrauter Menschen die Wahrheit zu eröffnen. Doch Astrid, die sich als Künstlerin als eine Person des öffentlichen Lebens weiß, will für ihre Entscheidung einstehen und macht diese publik. In einem Radiointerview sagt sie: „Ich habe diese Entscheidung getroffen, ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch war. Wahrscheinlich ein bisschen beides. Ich habe im siebten Monat mein Kind abgetrieben...“, dann verstummt sie, und mit einer langen Weißblende endet der Film.

Obwohl sich die Protagonistin des Films am Ende gegen das mehrfach behinderte Kind entschieden haben, ist „24 Wochen“ kein Film, der klar Position zu Spätabtreibungen beziehen will. Berrached ging es vielmehr darum, die Zuschauer ganz dicht in die elementare Krise des Paares hineinzuziehen und die Entscheidung der Frau plausibel zu machen, ohne sie deshalb zu verharmlosen. Gerade die letzten Worte im Radiointerview bündeln nochmals die durchgehend präsente innere Zerrissenheit Astrids: Über die Richtigkeit ihrer Entscheidung ist sie sich trotz aller Argumente, die sie für diese vorbringt, bis zuletzt unsicher und wird es wohl immer bleiben. Dass eine Frau hier eine Entscheidung über Leben und Tod treffen muss, ist, wie Berrached in einem Interview sagte und wie ihr Film eindrucksvoll vor Augen stellt, „ein heftiger moralischer Konflikt“, ja einer der denkbar „größten Konflikte“ überhaupt.

Bereits bei ihren Recherchen hatte Berrached den Eindruck gewonnen, dass Frauen mit einer solchen Entscheidung überfordert sind. Und diese Krise habe sie erlebbar machen und die Dringlichkeit einer intensiveren öffentlichen Auseinandersetzung unterstreichen wollen. In ihrer Inszenierung versuchte die Regisseurin so weit als möglich, sich eindeutiger Bewertungen zu enthalten, um die Zuschauer nicht zu bevormunden, sondern deren eigene Urteilsbildung zu aktivieren. Gleichwohl räumt sie ein, dass ihr durch die Arbeit an „24 Wochen“ das ganze System der Pränataldiagnostik, das trotz seines vergleichsweise jungen Alters heute weithin schon wie eine Routineübung gehandhabt wird, sehr suspekt geworden ist: „Die Pränataldiagnostik suggeriert uns eine Sicherheit, die aber nur solange existiert, wie das Ungeborene gesund ist.“

Ginge es allein nach dem großen Presseecho, ist Berrached die erhoffte öffentliche Aufmerksamkeit für ihr Thema zweifelsohne gelungen. Nach Auskunft seines Verleihs sahen den Film im Kino allerdings bislang nur etwa 70 000 Zuschauer. Das ist zweifelsohne für einen Film mit einem solchen Potenzial ein etwas enttäuschendes Ergebnis.

„Nur eine Handvoll Leben“

Der bislang leider nicht auf DVD verfügbare Fernsehfilm „Nur eine Handvoll Leben“ brachte es hingegen nach Auskunft der Produktionsfirma „Zeitsprung Pict“ bei seiner Erstsendung am 23. März 2016 im Programm „Das Erste“ auf knapp 4 Millionen Zuschauer, was angesichts der starken Konkurrenz zu seiner Sendezeit als gutes Ergebnis bewertet wird. Franziska Meletzky (Regie) und Henriette Piper (Drehbuch) bearbeiten in ihrem Fernsehfilm ebenfalls den Problemkreis von PND und Spätabtreibung, führen ihre Erzählung aber zu einem anders gelagerten Ende.

Die geschiedene Biologin und Pädagogin Annette (gespielt von Annette Frier) und der verwitwete Arzt Thomas (Christian Erdmann) sind glücklich wiederverheiratet. Mit den beiden Töchtern aus ihren früheren Beziehungen leben sie in einem schönen Eigenheim im Grünen und erwarten ihr erstes gemeinsames Kind, eine Tochter, der sie bereits den Namen Lisa gegeben haben. Die Schwangerschaft ist fortgeschritten, das Kind „tanzt“ bereits, wie Annette sagt, in ihrem Bauch, da zeigt eine Ultraschall-Untersuchung plötzlich ein auffallendes Bild. Das Größenverhältnis von Kopf und Rumpf des Ungeborenen stimme nicht, und auch die Blutwerte seien nicht in Ordnung.

Die Ärztin empfiehlt eine baldmöglichste Feinultraschall-Untersuchung, „nur zur Sicherheit“ wie sie sagt – auch „zu ihrer eigenen Sicherheit“, wie Thomas später anmerkt, um sich vor möglichen Elternklagen zu schützen. Wie bereits in „24 Wochen“ eindringlich geschildert, ist es freilich mit der „Sicherheit“ vorbei, sobald das Kind nicht gesund ist. Im Feinultraschall werden verschiedene Fehlbildungen und ein Loch im Herzen erkennbar, was auf einen „Chromosomendefekt, eine sogenannte Trisomie“ hindeute. Der behandelnde Arzt drängt auf eine umgehende Fruchtwasseruntersuchung und merkt mit vorwurfsvollem Unterton an, dass diese ja „bisher ausgeblieben“ sei – als gehöre diese bereits zur vorgeburtlichen Routine.

Auf Annettes Rechtfertigung, bisher sei „alles in Ordnung (gewesen). Wir wollten nehmen, was kommt“, geht der Arzt nicht ein. Während Thomas die nahegelegte Untersuchung als das „geringere Risiko“ – wohl im Sinne von: geringer als das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen – befürwortet, sträubt sich Annette dagegen, auch weil sie um die durchaus signifikante Rate von Fehldiagnosen weiß.

Als sich ihr Mann wegen dieses Dissenses von ihr zurückzieht, lässt sich Annette, die inzwischen schon in der 22. Schwangerschaftswoche ist, schließlich doch auf die Untersuchung ein, aber ohne eingehende Beratung und ohne innere Vorbereitung darauf, wenn sich der Verdacht bestätigen sollte. Der Arzt klärt ebenfalls nur über das lediglich einprozentige Infektionsrisiko auf, nicht aber über die möglichen Konsequenzen eines positiven Befunds.

Bereits der „Schnelltest“ fällt niederschmetternd aus: „Trisomie 18“, also das durch multiple Fehlbildungen charakterisierte Edwards-Syndrom. Das Kind, so der Arzt, werde „höchstwahrscheinlich nicht überlebensfähig“ sein, mehr noch: „Nur 5 Prozent dieser Kinder erleben die Geburt. Die lebendgeborenen Kinder haben eine Lebensdauer von im Durchschnitt 15 Tagen.“ Nach der Feinuntersuchung wird diese Prognose dann sogar auf „Stunden, maximal Tage“ herabgesetzt. Bereits nach dem Schnelltest drängt der Arzt auf einen Termin bei der psychosozialen Beratung und versteckt seine Handlungsempfehlung hinter dem Hinweis auf die Statistik: „95 Prozent der Paare in ihrer Situation entscheiden sich für einen Abbruch.“ Der Befund verschärft die Entscheidungskrise des Paares. Annette will ihre ungeborene Tochter nicht abtreiben, weil sie doch „sowieso sterben müsse“ und das „Recht hat, selber zu entscheiden, ob sie leben will“, wogegen Tomas einen Abbruch will, da das Kind nicht mehr erwarten könne als „ein kurzes, schmerzvolles, erbärmliches Leben.“ Das Ungeborene könne auch nicht entscheiden, da seien sie als Eltern gefordert.

Annette findet eine Selbsthilfegruppe von Eltern mit Kindern, die mit Trisomie 18 geboren wurden, doch Thomas ist daran desinteressiert. So stark ist offensichtlich der Druck der Statistiken, dass Annette inzwischen meint, sich dafür „schämen“ zu müssen, dass sie der Gedanke an ein kurzes Leben des Neugeborenen „weniger erschreckt“ als eine Abtreibung. Für Thomas aber bleibt es einfach „Fakt“: Die ungeborene Tochter „ist sterbenskrank und sie wird leiden“. Allerdings kommt auch für ihn ein Fetozid im Rahmen einer Spätabtreibung nicht in Frage. Doch die 24. Woche naht, und ausgerechnet in der Krise reist Thomas, verärgert über die Hartnäckigkeit seiner Frau, für unbestimmte Zeit zu seiner Mutter.

In dieser extrem angespannten Situation ganz auf sich allein gestellt, ist Annette drauf und dran, doch eine Abtreibung durchführen zu lassen, bricht dieses Vorhaben allerdings im letzten Moment ab, nachdem sie in der Praxis in einem unbeobachteten Moment via Stethoskop den Herzschlag ihres Kindes hört. Statt dessen besucht sie eine in der Selbsthilfegruppe engagierte junge Mutter mit einem Trisomie-18-Kind, die offensichtlich recht gut mit dem Baby zurechtkommt. Annette gelingt es, ihren Mann dazu zu bewegen, dass sie zusammen mit den ebenfalls in die Entwicklung eingeweihten Töchtern die Einladung der Familie mit dem behinderten Kind, sie zu besuchen, annehmen.

Thomas will nun doch Annettes Entscheidung mittragen: Ihre Tochter soll geboren werden, auch wenn ihr Leben nur von kurzer Dauer sein wird. Auf Wunsch Evas, die von ihrer verstorbenen Mutter sehr religiös erzogen worden war, wird das Neugeborene getauft. Bald darauf stirbt Lisa, geborgen im Kreis der Familie. Der schwere Weg bis dahin, dass sie ihr kurzes, ihr „handvoll“ Leben leben durfte, hatte nicht nur die zuvor einander recht fremden Töchter zusammengeführt, sondern im Durchstehen der Krise und der Entscheidungsfindung auch die Beziehung der Eltern nochmals vertieft.

„Mein kleines Kind“

Die werdenden Eltern in „Nur eine Handvoll Leben“ hatten sich am Ende für den „dritten Weg“ beim Umgang mit einer späten pränatalen Diagnose von multiplen Fehlbildungen entschieden, einen Weg, dessen Thematisierung als zumindest mögliche Option die Hebamme und Filmemacherin Katja Baumgarten in „24 Wochen“ vermisst hatte. Bei allem Lob für die eindringliche Darstellung der Entscheidungsnot der Eltern und bei aller Dankbarkeit, dass „24 Wochen“ das tabuisierte Thema „in die breitere Öffentlichkeit trägt“, kritisierte Baumgarten in ihrer Filmbesprechung für die „Deutsche Hebammen Zeitschrift“ (Nr. 12/2016), dass Berracheds Filmeltern „nicht einmal ansatzweise auch über einen dritten Weg nachgedacht hätten: Seine (des Kindes) begrenzte Lebenszeit zu respektieren und es weder aktiv töten zu lassen, noch es auf einen aus Sicht der Mutter zutiefst leidvollen Weg zum Leben zu ‚zwingen’.“ Es bleibe nur zu hoffen, so Baumgarten weiter, „dass die Nachdenklichkeit über den Film nicht bei der Polarisierung der beiden vorgegebenen Wahlmöglichkeiten steckenbleibt. Als müsse die Medizin notwendigerweise mit massiven, eigentlich übermenschlichen Eingriffen in der einen oder anderen Weise der Fügung des Schicksals ihre Macht entgegensetzen.“

Zu eben diesem „dritten Weg“, das Kind geboren werden zu lassen, danach aber seinen Tod nicht durch hohen medizinischen Aufwand hinauszuzögern, kämpften sich die Eltern in „Nur eine Handvoll Leben“ durch. Wie dabei Meletzky das gemeinsame Abschiednehmen vom gerade erst geborenen Kind inszeniert, lässt keinen Zweifel daran, dass sie für diesen dritten Weg eintritt. Baumgarten wiederum weiß aus eigener Erfahrung wovon sie spricht und wofür sie plädiert: Bei ihrer vierten Schwangerschaft, nach drei gesunden Kindern, sah sie sich selbst mit der Diagnose „Trisomie 18“ konfrontiert. Von ihrem Mann verlassen, weil er kein weiteres Kind mehr wollte, hatte sie sich als alleinerziehende Mutter nach langem, schwerem inneren Ringen dazu entschieden, ihren Sohn Martin zu gebären und ihm, wenn auch nur für erwartbar wenige Stunden, das Leben außerhalb ihres Leibes zu schenken.

Assistiert von befreundeten Ärzten und Hebammen brachte sie ihr Kind sogar in einer Hausgeburt zur Welt, feierte die Geburt mit ihren Kindern und Freunden und nahm im Kreis ihrer Familie von dem Neugeborenen Abschied, als es nur drei Stunden nach seiner Geburt verstarb. Bis auf einen an die Nase gehaltenen Sauerstoffschlauch wurde auf alle anderen Maßnahmen, die den Tod des Kindes nur etwas hinausgezögert hätten, verzichtet. Wie in „Eine Handvoll Leben“ war es die Entscheidung für die Geburt, für eine noch so kurze gemeinsame Zeit und für ein bewusst als Abschiednehmen erfahrenes Sterben-Lassen, die die Mutter und die Angehörigen offensichtlich weniger belasteten als ein Abbruch.

Was man bei Meletzkys Fernsehfilm als romantisierende Fiktion abtun könnte, das verbürgt Baumgarten authentisch. Denn bald nach der PND-Diagnose entschied sie sich, ihr Ringen um die richtige Entscheidung, ihren Schmerz, ihre Trauer und ihre Ängste mit einer Art filmischen Tagebuch zu begleiten. Der später aus den sehr persönlichen Bildern montierte Dokumentarfilm „Mein kleines Kind“ (2002) schildert auf eine sehr intime und bewegende Weise den eben skizzierten Prozess und ist nicht allein ein autobiografisch autorisiertes Plädoyer für den „dritten Weg“, sondern noch darüber hinaus überhaupt ein „nachdrücklicher Beitrag zum Diskurs über humanes Leben und Sterben“ (Filmdienst Nr. 8/2003).

Alle Filme überzeugen durch ihre ebenso eindringliche wie unideologische Auseinandersetzung mit den tiefen Entscheidungskrisen, die aus der pränatalen Diagnostik erwachsen können. Damit gelingt es ihnen nicht nur, die öffentliche Wahrnehmung der maximal herausfordernden moralischen Dilemmasituation zu befördern, in die das Ringen um das Für und Wider einer Spätabtreibung Paare und zumal Frauen stürzt. Mit ihren differenzierten, lebensnahen Darstellungen sind sie auch für die ethische Fachdiskussion ein lohnender Gegenstand und eine wertvolle „Wirklichkeitszufuhr“ (Leo Karrer). Indem die beiden Spielfilme weit eher in die multiplen Problemlagen verstricken, statt klar umrissene Positionen zu propagieren, regen sie intensive Reflexionsprozesse auf Seiten der Zuschauer an. Das gilt insbesondere für „24 Wochen“, aber etwas eingeschränkter auch für „Nur eine Handvoll Leben“, der entschiedener für das Lebens- und Sterberecht des Kindes votiert.

Mannigfaltige Problemanzeigen

Vielleicht liegt es auch mit daran, dass alle Filme von Regisseurinnen gestaltet wurden: jedenfalls sind es immer die weiblichen Protagonistinnen, die sich das ihnen gesetzlich zugesprochene letzte Entscheidungsrecht erkämpfen und auch gegen ihre Männer umsetzen. Nicht nur in der Kommunikation der Paare wird dabei immer wieder die Sprachnot beim Umgang mit solchen Konfliktsituationen plastisch erlebbar, etwa allein, wenn es darum geht, wie man vom Ungeborenen sprechen soll, ob es ein „Es“ oder „Das“, oder ein „Er“ und eine „Sie“ ist. Noch stärker wird die Sprachnot bei den Ärzten und dem medizinischen Personal sichtbar, wenn sie sich hinter Statistiken und Fachbegriffen verschanzen, und weithin unfähig für ein Gespräch auf existenzieller Ebene sind, ja diese Ebene oft geradezu ausweichen wollen (oder auch aus Überlastung müssen). Der wiederkehrende Hinweis seitens der Ärzte, dass sich 90 bis 95 Prozent der Eltern, denen ein behindertes Kind prognostiziert wird, zu einer (Spät-)Abtreibung entschließen, wirkt wie ein Musterfall der klassischen „normativen Kraft des Faktischen“. Ein Kulminationspunkt der ärztlichen Sprachnot und zugleich ein eindringlicher Hinweis auf eklatante Defizite hinsichtlich Kommunikationsführung und Psychologie in der Medizinerausbildung ist in „24 Wochen“ jener Moment als der Arzt vor der letalen Injektion zum Fetozid diese mit den Worten ankündigt: „Und jetzt kommt der eigentliche Piekser“.

Eine andere Frage, die in den Filmen (wie im Leben) immer wieder besonders die Frauen umtreibt, ist die des Umgangs mit dem toten Kind. Während bei den lebend geborenen Kindern in „Nur eine Handvoll Leben“ und „Mein kleines Kind“ von einer „ordentlichen“ Bestattung auszugehen ist, auch wenn diese nicht mehr gezeigt wird, bleibt dies beim Fetozid in „24 Wochen“ offen. Man kann nur hoffen, dass es dort den Eltern nicht so ergeht, wie der Mutter von Katja Baumgarten. In „Mein kleines Kind“ erzählt sie einmal, dass ihre Mutter vierzig Jahre über das traumatisierende Erlebnis geschwiegen hat, als sie direkt nach der Geburt ihres ersten Kindes, das tot auf die Welt kam, mit ansehen musste, wie es in einem blauen Plastikeimer aus dem Kreißsaal getragen wurde. Vielleicht war Baumgartens Entscheidung, ihr Kind auszutragen, auch Ausdruck einer nicht nur ihrem Berufsethos als Hebamme, sondern auch der Erfahrung ihrer Mutter geschuldeten tiefen Ehrfurcht vor dem Leben, die das Sterben und den Tod mit einschließt.

Hinter Katja Baumgartens Entscheidung kann man womöglich eine religiöse Grundeinstellung vermuten, aber diese wird nicht explizit gemacht. Ebenso unbestimmt bleibt es, wenn die Ärzte in den beiden anderen Filmen in ihrer Ratlosigkeit wiederholt von „Schicksal“ reden. Gleichwohl spielen in den Filmen von Anna Zohra Berrached und Franziska Meletzky der Glaube und das christliche Ethos eine Rolle. In „Nur eine Handvoll Leben“ vertreten besonders die beiden Töchter transzendenzoffene Haltungen: Die fünfzehnjährige Tochter ist in magisch-okkulten Vorstellungen befangen und fühlt sich lange Zeit für die Behinderung ihrer ungeborenen Schwester verantwortlich, weil sie aus Eifersucht ein Ultraschallbild verbrannt hatte. Die christlich erzogene Tochter ihres Stiefvaters hingegen betet für das Kind und setzt am Ende auch durch, dass das Neugeborene getauft wird.

Deutlich intensiver gestaltet sich die Auseinandersetzung mit Glaubensfragen in „24 Wochen“: Die materialistische Grundeinstellung der werdenden Mutter Astrid zeigt sich emblematisch gleich im ersten Dialog des Films, als sie auf einer Waldexkursion ihren Studenten die Frage stellt „Was ist Stauerstoff“. Die lakonische Antwort eines Kommilitonen: „ein Abfallprodukt der Photosynthese“ quittiert sie mit einem „genau richtig“, und das in einem Bildkontext der von Licht, Wasser und Schönheit förmlich überfließt.

Bei Astrids Mann Markus kommt hingegen in der sich zuspitzenden Entscheidungskrise der verschüttete christliche Glaube seiner Eltern, in dem er aufgewachsen ist, wieder nach oben. Als bereits die Möglichkeit der Spätabtreibung drängend im Raum steht, bekennt sich Markus zu seiner Angst, dass sie bei einer Entscheidung für diese später „immer daran denken müssen, dass uns das gar nicht mehr losläßt. Ich habe das Gefühl, wir würden uns schuldig machen.“ Gereizt erwidert Astrid: „Wie kommst Du jetzt auf dieses christliche Schuldding? So redest Du doch sonst nicht!“ Markus weicht erst aus, bestätigt den christlichen Horizont dann aber zögerlich: „Ne, ich mein das ja jetzt nicht wie mein Vater, im christlichen Sinn. – Doch, ja vielleicht ist das doch christlich, weiß ich nicht.“

Vielleicht hat diese Offenheit bei Astrid doch etwas ausgelöst. Jedenfalls geht sie einmal tagsüber allein in eine Kirche, aber es bleibt offen, ob zum Gebet oder nur, um in einem Raum der Stille Einkehr zu halten. Auch wenn die explizite Thematisierung von Glaubensfragen nicht viel Erzählzeit erhält, so waren diese Fragen der Regisseurin doch sehr wichtig. Was Berrached dazu im Interview mit der Zeitschrift „Die Wienerin“ sagte, steht wohl stellvertretend für die Auffassung oder auch Hoffnung vieler Menschen: „Wenn man einer Religion angehört, ist die Entscheidung wesentlich einfacher. Da gibt es eine moralische Instanz, die sagt: Nimm dein Schicksal an. Ich habe das Gefühl, dass Menschen, die einer Religion angehören, dieses Schicksal viel mehr annehmen. Man hat fast wieder eine Sehnsucht nach solchen Strukturen.“

Sehnsüchte verleiten immer zu Idealisierungen, aber sie sind hier doch ein Zeichen dafür, dass die christlichen Überzeugungen nach wie vor gute Chancen auf Anerkennung haben, sofern sie nicht allein überzeugend und auch mit Empathie für Menschen, die sich anders entscheiden vorgetragen werden, sondern auch auf Augenhöhe mit dem Fühlen und Denken der Menschen im Hier und Heute artikuliert werden. Dafür könnten nicht zuletzt auch narrativ gefasste ethischenDiskurse in Spielfilmen ein Vademecum sein.

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