Osterglaube als Teilhabe an der Gottesferne„Er ist nicht hier“

Wir leben in einer Zeit, in der viele nicht an Gott glauben können und schon gar nicht an den auferstandenen Herrn Jesus Christus, unter ihnen selbst viele Christen, die auf Christi Tod und Auferstehung getauft sind. Um so mehr gilt es, die ursprüngliche und genuine Auferstehungserfahrung in ihrer ganzen Fülle ernst zu nehmen und zu verkünden: Wir glauben an den Auferstandenen, sind aber selbst oft Ta­stende, Irrende und Zweifelnde.

Vor dem leeren Grab Jesu
Maria und Maria Magdalena kommen zum leeren Grab Jesu. Ikonostase in der Kirche Sveti Kliment, Mazedonien.

Der Osterjubel, die Halleluja-Gesänge, welche in den fünfzig österlichen Tagen gar nicht enden wollen, und vielleicht auch das Osterlachen überlagern eine wichtige Erfahrung der Frauen am Grabe Jesu. Die Synoptiker sprechen eine klare Sprache: „Er ist nicht hier.“ Die Frauen finden das leere Grab, und ein Engel fasst die Situation in die Worte: „Ihr sucht Jesus den Gekreuzigten. Er ist nicht hier“ (Mt 28,6).

Das ist die erste Osterbotschaft. Erst dann folgt die zweite: „Er ist auferstanden.“ Matthäus und Lukas berichten in dieser Reihenfolge, bei Markus spricht der Engel als erstes die Botschaft von der Auferstehung und erst dann folgt der Satz: „Er ist nicht hier.“ Bei Johannes ist es nicht Aufgabe der Engel, die Botschaft von der Auferstehung zu verkünden, sondern Maria von Magdala zu fragen, warum sie weint. Ihre erste Äußerung nach der Auferstehung lautet: „Man hat meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat“ (Joh 20,13). Mit ähnlichen Worten hatte sie gleich nach ihrem ersten Besuch am Grab die Apostel informiert (Joh 20,2).

Es lohnt sich, solchen Worten das ihnen gebührende Gewicht zu geben, ohne in irgendeiner Weise die nachfolgende Botschaft zu schmälern, dass er auferstanden ist, dass sie ihn sehen werden, dass er den Geist senden wird und dass er einst wiederkommen wird. Denn wir leben in einer Zeit, in der viele nicht an einen Gott glauben können und schon gar nicht an den auferstandenen Herrn Jesus Christus. Selbst viele Christen, die auf Christi Tod und Auferstehung getauft sind, sind faktisch vor den Toren dieser Heilsbotschaft stehen geblieben und vermögen nicht einzutreten. Es ist, als lebten sie unter dem Engelswort: „Er ist nicht hier.“

Weihnachten vermögen sie vielleicht noch zu feiern, weil Gott Mensch wird, um sich der Not der Menschen anzunehmen. Es mag ihnen Trost schenken, dass Gott uns Menschen ganz nahe gekommen ist. Doch an den drei österlichen Tagen stockt ihr Glaubensbekenntnis. Der Tod Jesu am Kreuz scheint die letzte Gewissheit zu sein, die wir haben. Doch – wie Paulus betont – ohne den Glauben an die Auferstehung, „ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“ (1 Kor 15,14).

Das Engelswort „Er ist nicht hier“ gibt in jedem Fall Anlass, auf das Leben und die Erfahrungen von Glaubenden und Nichtglaubenden zu schauen. Das könnte manches zurechtrücken bei jenen, die das Pauluswort ernst nehmen „Steht fest im Glauben!“ (1 Kor 16,13). Und es könnte Türen öffnen gegenüber solchen, die ohne Glauben ihren Weg gehen.

Drei Erfahrungen dazu: Am Karfreitag 1988 gestaltete eine Jugendgruppe einen Kreuzweg auf den Straßen von Westberlin. Die jungen Leute trugen ein aus Müllteilen zusammengefügtes Kreuz, an dem eine rote Rose steckte. Die „Kreuzwegstationen“ waren Orte in der Stadt, wo nach Meinung der Jugendlichen heute Menschen das Todesleiden Jesu an ihrem Leibe tragen (vgl. 2 Kor 4,10). So hielten sie eine Gebetswache an einem Ort, wo schon viele in den Tod gesprungen waren, standen vor einem Haus, wo misshandelte Frauen Zuflucht finden, und stellten sich mitten in einen Verkehrsknotenpunkt, wo Lärm und Abgase jede Lebensqualität zerstören.

Die letzte Station war die Rückseite des Bahnhofs Zoo, einem bekannten Umschlagplatz für Drogen. Den Dealern und Junkies gefiel dieser Auftritt überhaupt nicht und sie näherten sich in bedrohlicher Weise. Die Gruppe floh in die Bahnhofshalle, ein Junkie rannte hinterher, riss die Rose vom Kreuz und schrie laut durch die Halle: „Verschwindet, ihr Idioten! Was wollt ihr hier? Jesus ist tot!“

Zurück im Jugendheim reflektierten die jungen Leute ihre Erfahrungen auf dem Kreuzweg. Und einer bemerkte: „Der Junkie im Bahnhof Zoo hat als einziger ganz laut ausgerufen, weswegen wir den Karfreitag begehen – Jesus ist tot.“ Da fanden sich also christliche Jugendliche, die miteinander die österlichen Tage feiern wollten, und ein junger Mann aus der „Szene“ vor derselben Wahrheit: Jesus ist tot. Diese Wahrheit markiert die Grenze. Jenseits der Grenze könnte für beide Seiten auch der Satz stehen: „Er ist nicht hier.“

Gottesferne scheint nicht in das Konzept eines geistlichen Lebens zu passen

Eine zweite Erfahrung war im Jahr 2007 Gegenstand der Medien. Ein geistlicher Begleiter von Mutter Teresa aus Kalkutta veröffentlichte aus ihren Aufzeichnungen und Briefen das Buch „Mother Teresa: Come Be My Light“ (dt. Ausgabe: Brian Kolodiejchuk, Mutter Teresa. Komm, sei mein Licht, München 2010). In diesem Aufriss autobiographischer Texte erfahren wir, dass Mutter Teresa seit Jahrzehnten in großer innerer Not gelebt hat, in Dunkelheit, Kälte und Gottesferne. Ein Aufschrei ging durch die Medien, auch durch die katholische Presse (vgl. HK, Oktober 2007, 487 ff.).

Das Bild von der strahlenden wohltätigen Mutter Teresa schien zu zerbrechen. Hatte sie der Welt etwas vorgespielt? War sie gar nicht so heilig, wie es nach außen aussah? Dieser spektakuläre mediale Vorgang offenbarte vor allem, dass für die meisten Menschen die Erfahrung „Er ist nicht hier“ nicht zu einem tief im Glauben verwurzelten Menschen gehört. Eine Heilige muss wohl immer ganz fest im Glauben stehen. Gottesferne scheint nicht in das Konzept eines geistlichen Lebens zu passen.

Und eine dritte Erfahrung: Ein Priester predigte vor Jahren am Ostermorgen über den Satz „Er ist nicht hier“ und machte deutlich, dass auch dieser Satz Teil der Ostererfahrung und Osterbotschaft sei. Nach dem Gottesdienst kam eine Ordensschwester zu ihm, sichtlich betroffen, und erzählte, dass sie seit vielen Jahren diese Erfahrung mache: „Er ist nicht hier“. Immer wieder sei sie aus Gesprächen mit Seelsorgern, denen sie davon berichtet hatte, mit dem Gefühl herausgekommen, dass sie wohl etwas falsch mache. Und dann sagte sie voller Verwunderung: „Heute höre ich zum ersten Mal, dass dies Teil der Ostererfahrung sein kann.“

Die Auferstehungsberichte bleiben nicht bei dem Satz stehen „Er ist nicht hier“, sondern es folgt die Botschaft, dass er erstanden sei. Doch im knappen Bericht bei Markus löst die Botschaft des Engels von der Auferstehung keineswegs Freude und Trost aus, sondern: „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich“ (Mk 16,8). So endet die Urfassung des Markusevangeliums.

Hildegund Keul sieht diesen Abschluss des Evangeliums als Höhepunkt des markinischen Grundmotives vom „Messiasgeheimnis“ (Gravuren der Mystik in christlicher Gottesrede, in: Alois Halbmayr und Gregor Maria Hoff [Hg.], Negative Theologie heute? Zum aktuellen Stellenwert einer umstrittenen Tradition, Freiburg 2008, 232 ff.). Die Auferstehungsbotschaft und ein Sendungsauftrag sind gesprochen, doch Schrecken, Entsetzen und Furcht lässt die Frauen im Schweigen verharren.

Ja sogar als der Auferstandene selbst seinen Jüngern erscheint, bleibt diese Fremdheit und Ferne gegenüber dem Herrn: „Sie waren mit Blindheit geschlagen, so dass sie ihn nicht erkannten“ (Lk 26,14). Bald darauf erscheint Jesus allen Jüngern gemeinsam, doch „sie erschraken und meinten, einen Geist zu sehen“ (Lk 26,37). Und obwohl er alles tut, damit sie ihn erkennen können, bleibt das Unvermögen zu glauben: „Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben.“

Bei allem geisterfüllten Glauben bleiben zugleich Zweifel, Versuchungen und Unglaube

Auch der Apostel Thomas bleibt nach der ersten Erscheinung Jesu vor den Jüngern skeptisch: „Wenn ich nicht (…), glaube ich nicht“ (Joh 20,25). Mit der Auferstehung hat die Zeit der Kirche begonnen, für die das Johannesevangelium am Ende der Thomasperikope, dem ersten Abschluss des Evangeliums, die Seligpreisung bereitstellt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29). Es scheint – jedoch – in dieser Zeit der Kirche jenes österliche Zwielicht zu bleiben: sehen und doch nicht erkennen. Der reiche Fischfang von Tiberias (Joh 21) zeigt die Missionstätigkeit der jungen Kirche. Jesus steht am Ufer, „doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war“ (V. 4). Er verschafft ihnen ein Netz voller Fische, und der Jünger, den Jesus liebte, konnte bekennen: „Es ist der Herr!“ (V 7). Das klare Bekenntnis ist da, und doch „wagte keiner von den Jüngern ihn zu fragen: Wer bist du?“ (V 12).

Im Auferstehungsglauben, im eifrigen Apostolat der jungen Kirche ist die Kraft des Auferstandenen gegenwärtig, die Zahl der Gläubigen nimmt zu, die Kirche wächst, doch bei aller Nähe zum Herrn bleibt nur eine Ahnung von ihm. Bei allem geisterfüllten Glauben bleiben zugleich Zweifel, Versuchungen und Unglaube.

Selbst Paulus, der nicht müde wird, die nachösterlichen Gnadenerfahrungen zu feiern und die Gaben des Heiligen Geistes zu rühmen, endet seinen Hymnus auf das höchste Charisma mit den Sätzen: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin“ (1 Kor 13,12). Dieses „jetzt“ des unvollkommenen Schauens und Erkennens markiert die Zeit der Kirche – zwischen Auferstehung und Wiederkunft Christi.

Durch seinen Tod ist Jesus denen genommen, die ihn kannten. Durch seine Auferstehung wird er nicht einfachhin wieder der Gegenwärtige. In seiner Auferstehung ist er entrückt, ist er fremd, anders, nicht zu fassen, nicht zu halten. Er erscheint und entschwindet. Die Verkündigung spricht vom „verklärten Leib“, in dem er zu einer anderen Welt gehört. In seiner Kirche bleibt Jesus gegenwärtig und ist zugleich abwesend. Wer ihn sucht und wer ihn nicht sucht, ist mit dieser Wirklichkeit konfrontiert. Die provokante Frage Jesu nach den zwei Brotvermehrungen „Begreift und versteht ihr immer noch nicht?“ (Mk 8,17) ist nicht nur an die Jünger am See Genezareth gerichtet, sondern hat ihren Sitz im Leben auch mitten in der christlichen Gemeinde des ersten Jahrhunderts.

Der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar (1905–1988) verdichtet diese Dynamik in seiner kleinen Studie „Die Abwesenheiten Jesu“ (Geist und Leben, 44 [1971], 329–335). Gottes „totale Immanenz kündet uns seine je größere Transzendenz (…). Das versichtbart sich in der Weise, wie das bleibende Bei-uns-Sein Jesu sich durch immer betontere Entzüge und Abwesenheiten hindurch verwirklicht“ (329).

Das irdische Leben Jesu ist voll von unmittelbarer, handgreiflicher Nähe, zugleich ist dieses irdische Leben bereits „voll von Abschieden, Abscheidungen, Entziehungen, äußeren wie inneren“ (331). Während der Passion Jesu realisiert sich eine Art „Hierarchie der Abwesenheiten. Es gibt in der Kirche bleibend diesen Aspekt: dass niemand von sich her Anspruch hat auf eine bestimmte erfahrbare Nähe des Herrn, dass es aber schon viel ist, wenn einer in der vom Herrn angebotenen Nähe verharrt, wacht und betet, statt zu schlafen und schuldhaft in die Abwesenheit zu versinken“ (333). In den österlichen Selbstoffenbarungen hat Jesus „die Existenzform des Erscheinens im Verschwinden, des Sich-Schenkens in der Ungreifbarkeit (…). Deshalb entzieht sich der Herr einem, der ihn sucht und zu ihm zurückkehrt, nie ohne ihm den Segen und die Gnade seiner Gegenwart vermittelt zu haben“ (335).

Liebe, Hoffnung und Glaube steigen aus

In Blütezeiten der großen Volkskirchen kam es vor, dass einzelne Menschen in Glaubenszweifeln gefangen waren oder sich ganz von Glauben und Kirche abwendeten. Doch insgesamt hatte das Christsein eine so hohe gesellschaftliche Plausibilität, dass auch schon ein kleiner Glaubenszweifel, dem jemand nicht sogleich widerstanden hatte, Grund genug war, zur Beichte zu gehen. Das „supplet ecclesia“ war eine soziokulturelle Realität. Was dem Einzelnen an Glauben mangelte, wurde vom vollen Orgelklang der Volkskirche aufgefangen und ausgeglichen.

Heute stehen viele, die an Christus glauben und ihm nachfolgen wollen, allein und ungeschützt vor dem, dessen Auferstehung sie im Credo bekennen. Sie leben Christus gegenüber im schweren Wellengang von Nähe und Fremdheit, von Trost und Verzweiflung, von Glaube und Unglaube.

Die Theologin und Schriftstellerin Christina Brudereck (geb. 1969) veröffentlichte in ihrem Gedichtband „Zwischenzeilen“ den Text „Glaube, Liebe, Hoffnung – unterwegs mit mir“. Eine Reisende im Zug erlebt, wie ihre Liebe, ihre Hoffnung und ihr Glaube allmählich abhanden kommen und schließlich ganz aussteigen. „Neben mir saß meine Liebe – sie war mit mir (…) als ich nach links schaute, war sie plötzlich weg“ (in: Zwischenzeilen. Gesammelte Gedichte, Witten 2012, 48 f.).

Wer in der Seelsorge das Vertrauen der Menschen gewinnt und ihren Erfahrungen und Bekenntnissen offen zuhören kann, trifft viele solcher Zugreisenden. Das sind „praktizierende“ Katholiken, es sind Hauptamtliche in der Kirche, auch in pastoralen Diensten, das sind Priester und Ordensleute, aber auch gewöhnliche Gemeindemitglieder. Viele ältere Menschen, die über Jahrzehnte ganz selbstverständlich den christlichen Glauben lebten, gestehen ratlos, dass sie gar nicht mehr beten können und dass ihnen innerlich jede Empfindung für Gott abhanden gekommen ist. Unter den Zugreisenden sind aber auch solche am Rande der Kirche, Pilger und ernsthafte Sucher nach einer spirituellen Heimat. Und da sind auch Menschen, die sich offiziell von der Kirche getrennt haben, aus Enttäuschung, Verletzung oder wegen einer allmählichen Erosion, die in völliger Entfremdung endete.

Im Schlagschatten des Glaubenslichtes

Es gibt Priester und Ordensleute, denen im Vollzug ihrer geistlichen Lebensform und ihrer Dienste der Glaube allmählich abhandengekommen ist. Manchmal waren es Krisen, durch die Neues aufbrach. Manchmal war jedoch nach jahrelangem Prüfen und Aushalten kein Halt zu finden, so dass sie ihren Beruf aufgaben – weil der Glaube abhanden gekommen war. Ein junger Priester sagte vor dem Abschied aus seinem Amt: „Ich stehe da hinter dem Altar, blicke in die Gemeinde und frage mich: Warum stehe ich hier? Was will ich hier? Ich habe denen doch schon lange gar nichts mehr zu sagen.“

Manche Hauptamtliche quälen sich mit der Frage: „Kann ich angesichts meiner inneren Leere und Dunkelheit meinen Beruf eigentlich noch weiter ausüben? Müsste ich nicht ehrlicherweise meine Stelle kündigen?“ Die innere Glaubensnot treibt manche in große Loyalitätskonflikte gegenüber dem kirchlichen Arbeitgeber. „Ich muss meinen Glauben vor meinem Arbeitgeber schützen“ – sagte eine Mitarbeiterin im pastoralen Dienst.

Der Satz „Er ist nicht hier“ ist kein kirchliches Randphänomen, sondern findet sich in der Mitte geistlichen und kirchlichen Lebens. Seit langem ist bekannt und philosophisch und theologisch viel diskutiert, dass Mystiker auf ihrem Weg in den Schlagschatten des Glaubenslichtes geraten. Für gewöhnliche Christen mag dies so klingen, als sei dies eine Entwicklung, die bei geistlichen Hochseilakrobaten schon mal vorkommen kann. So könnte man auch die oben zitierte Entwicklung im Leben von Mutter Teresa einordnen. Doch die Erfahrung der Gottesferne scheint ein Phänomen normalen christlichen Lebens zu sein. Wenn jemand diese Dimension des nachösterlichen Glaubens offen anspricht, erntet er oft großes Erstaunen und – wie bei der oben erwähnten Ordensschwester – Erleichterung und Dankbarkeit.

Welche Botschaft verkünden wir?

In der geistlichen Tradition der „Unterscheidung der Geister“ ist diese Erfahrung bestens bekannt. Dennoch reagieren fast alle Menschen, die bislang ihren Glauben engagiert lebten, mit großer Angst und Unsicherheit, wenn sie zum ersten Mal in den Schlagschatten des Glaubenslichtes geraten. In seiner Definition vom geistlichen Trost definiert Ignatius von Loyola: Ich nenne „Tröstung alle Zunahme an Hoffnung, Glaube und Liebe und alle innere Freudigkeit, die zu den himmlischen Dinge ruft und hinzieht und zum eigenen Heil der Seele, indem sie ihr Ruhe und Frieden in ihrem Schöpfer und Herrn gibt“ (Geistliche Übungen Nr. 316).

Geistliche Trostlosigkeit ist „das ganze Gegenteil (…). Unruhe von verschiedenen Bewegungen und Versuchungen, die zu Unglauben bewegen, ohne Hoffnung, ohne Liebe, wobei sich die Seele ganz träge, lau, traurig und wie von ihrem Schöpfer und Herrn getrennt findet“ (Nr. 317). Ignatius weiß aus Erfahrung und rechnet damit, dass Menschen, die intensiv ihrem Weg vor Gott suchen, sich dabei manchmal „wie von ihren Schöpfer und Herrn getrennt“ finden. Und aus der geistlichen Tradition ist bekannt, dass solche geistlichen Hochs und Tiefs zu einer Läuterung und Vertiefung der Gottesbeziehung führen können.

In Absetzung zur so genannten „Drohbotschaft“, die in den Kirchen zu viel gepredigt wurde, ist in den letzten Jahrzehnten in den Kirchen vor allem eine Botschaft verkündet worden, in der fast ausschließlich die Liebe, Güte, Nähe Gottes zur Sprache kam. Einige Zitate: „Sich von Gott ganz getragen wissen“, „Jesus ist dein Freund und ist dir immer ganz nahe“, „wirklicher Glaube weckt Freude und Begeisterung“ et cetera. In extremen Fällen kann man zu Recht von einer „Wellness-Spiritualität“ sprechen (vgl. ds. Heft, 53 ff.). Damit ist gemeint, dass von den oben zitierten Wechselbädern von geistlichem Trost und geistlicher Trostlosigkeit nur die wohltuenden Erfahrungen als christliche Botschaft verkündet werden.

Gewiss, für Anfänger im Glaubensleben oder für Konvertiten ist dies sehr ermutigend, benennt aber schon bald nicht mehr die Erfahrungen, die diese Menschen wirklich machen. Es tritt ein gegenteiliger Effekt ein: Die fast ausschließliche Verkündigung des nahen, tröstenden und liebenden Gottes, wirkt wie eine Ausgrenzung auf jene, die in tiefem Zweifel stecken oder lange Zeiten der Gottesferne durchleben. „Ich habe mich in der Kirche hinter einer Säule versteckt, weil alles, was da vorne gesagt wurde, auf mich gar nicht mehr zutraf“ – sagte jemand, der in einer solchen Zeit der Gottesferne lebte.

Das „Steht fest im Glauben!“ (1 Kor 16,13) könnte so verstanden werden, als sei der nachösterliche Mensch, der getaufte Christ, im Idealfall jemand, dessen Glauben – ohne Zweifel, Unsicherheiten oder Schatten – fest und unerschütterlich in Gott verankert ist. So könnte man sich auch den inneren Kern von Gemeinde oder Kirche vorstellen: jene heroisch-heiligen Menschen, die die Fackel des Glaubens durch die Jahrhunderte tragen.

Doch die Erfahrung zeigt, dass es gerade so nicht ist. Wer Gott sucht „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen seinen Kräften“, wird umso schmerzhafter seine Abwesenheit und Ungreifbarkeit erleben.

In einer Zeit, wo es keine Selbstverständlichkeit mehr ist, sich zum Glauben an Jesus Christus zu bekennen, wo die Leitworte „Neuevangelisierung“ und „missionarisch Kirche sein“ Hochkonjunktur haben, kann nur zu viel größerer Nüchternheit und demütiger Ehrlichkeit geraten werden. Es gilt, die ursprüngliche und genuine Auferstehungserfahrung in ihrer ganzen Fülle ernst zu nehmen und zu verkünden. „Ja, wir glauben an den Auferstandenen, sind aber selbst oft Tastende, Irrende und Zweifelnde.“ Das entspricht überhaupt nicht den heutigen Werbestrategien, ist aber Markenzeichen der österlichen Glaubenserfahrung.

Dies würde denen sehr helfen, die treu und doch oft in großer innerer Not und Dunkelheit den Weg mit der Kirche gehen. Und es wäre eine sanfte und ehrliche Öffnung gegenüber denen, die ihn nicht gehen.

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