John von Düffels Stundenbuch „Das Wenige und das Wesentliche“Die Suche nach dem Genug

Das Wenige / Ist die Methode / Um das Wesentliche zu erkennen / Wenn das Wenige dem Wesentlichen entspricht / Ist das Glück.“ Keine Gebete, auch keine poetischen Texte, vielmehr dem Vers angenäherte Gedankengänge, die zum Aphoristischen tendieren, legt John von Düffel, Jahrgang 1966, in seinem modernen „Stundenbuch“ vor. Bewusst wählte der Romancier und Theaterautor dieses literarische Genre, 14 Kapitel führen in Anlehnung an die Tradition des Tagzeitengebets von der Morgenhore vor Sonnenaufgang um fünf Uhr bis zur 18. Stunde am Abend.

Von Religion distanziert sich der atheistisch geprägte Autor unüberhörbar, das biblisch-christliche Gottesdenken und die Hoffnung auf Unsterblichkeit haben für ihn wie die großen Utopien ihre Glaubwürdigkeit verloren: „Wo Sinn war, ist Suche“, lautet der Ansatz von Düffels Buch. Es ist kein Lebensratgeber, vielmehr ein wegbegleitendes Brevier mit Gedankenanstößen, oft in Frageform, die eine aufschlussreiche Spielart zeitgenössischer Spiritualität im Zeichen der Säkularisierung darstellen.

Das größte Missverständnis der Askese sei der Verzicht, macht Düffel Front gegen genussfeindliche Entsagung und Verachtung alles Irdischen. Anders als den „Asketen der Vergangenheit“ gehe es ihm nicht um Entbehrungen, sondern um das Entbehrliche! Das Mehr und Immer-Weiter werde angetrieben von der Schere zwischen Wollen und Brauchen, der Endlosspirale von Konsum, Unerfülltheit und noch mehr Konsum: „Weil ich nie bekomme, was ich wirklich brauche / Bekomme ich nie genug“.

Dem „Sisyphos des Konsums“ stellt Düffel den modernen „Asketen der Zukunft“ gegenüber: Was brauche ich, was nicht, ist seine Leitfrage, die angesichts der Klima- und Ressourcenkrise überlebensnotwendige „Zurücknahme“ eine Befreiung. Schon Diogenes zeige: Nicht zu konsumieren, kann ein Hochgenuss sein!

„Zur Übung des Unterscheidens / Von Wichtigem und Unwichtigem / Kommt die Übung des Erzählens / Das Verbinden einzelner Momente / Des Richtigen zu einer Richtung“. Im Geschichtenerzählen versuche der moderne Asket, sich über die Richtung seines Lebens klar zu werden, dem Sinn näher zu kommen, sich an die drei großen Fragen herantastend sein Leben zu lesen: Wo komme ich her, wo stehe ich, wo gehe ich hin?

Wie schwer das ist, zeigt der promovierte Philosoph eindringlich an Ödipus. Entscheidend für eine zeitgemäße Lebenskunst ist für Düffel „die Kunst des Weglassens“: Wie viel, wie wenig ist genug? Darin treffen sich die beiden Imperative des Orakels von Delphi: „Erkenne dich selbst! Und: Nichts im Übermaß!“ Sie sind von aktueller Brisanz: „In dem, was mir genügt / Erkenne ich das rechte Maß / Und mich.“ Das Maß der Übereinstimmung meiner Lebensweise mit mir erhöhen, darin liege das Glück der Askese: „Wenn es wesentlich ist / Ist wenig genug“.

Dem trotz aller Negativität unbeirrbar glaubenden Hiob habe Albert Camus mit Sisyphos „die Haltung des Trotzdem und Dennoch“ in einer sinnentleerten Welt gegenübergestellt, diese sei gerade heute nötig, wo das größtmögliche Glück darin bestehe, auf dem richtigen Weg zu sein, denkt Düffel Adorno weiter: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen / Aber es gibt im Falschen eine richtige Richtung“.

Inhaltlich weit entfernt von kirchlicher Dogmatik dokumentiert bereits Rainer Maria Rilkes „Stunden-Buch“ (1905) die sprachschöpferische Kraft der Säkularisierung von Religion. Unterdessen ist Spiritualität zu einem religionskulturellen Leitbegriff geworden, der dafür steht, dass die Wirklichkeit im Vorhandenen nicht aufgeht – ein religiöser Deutungsrahmen spielt dabei oft keine entscheidende Rolle, auch Atheisten oder Agnostiker können sich als spirituell bezeichnen. Bei Düffel sind es die stillen, aus der Zeit fallenden Momente im Wasser, die eine spirituelle Erfahrungsspur des Verbundenseins, der Übereinstimmung und Suffizienz vermitteln, die gnadenhaft alles Leistungsstreben transzendiert.

Kritisch gegenüber spiritualistischer Verklärung ebenso wie der virtuellen Unendlichkeit des Digitalen, die alles zu jeder Zeit und überall verspreche und bis zur Transhumanity der Künstlichen Intelligenz kein Genug kenne, bejaht Düffels „Asket der Zukunft“ „Das Sowohl-als-auch von Körper und Geist / Seine Leibhaftigkeit und Transzendenz“. So lasse sich selbst der Endlichkeit und dem Tod, schon für Rilke Schluss- und Kulminationspunkt alles Nachdenkens über das richtige Leben, wie Düffels „18. Stunde“ verdichtet, ein „Moment des Genügens“ abgewinnen. Christoph Gellner

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