Alena Buyx: In die Öffentlichkeit

In der Corona-Krise ist die Medizinethikerin Alena Buyx eine gefragte Gesprächspartnerin. Seit Mai ist sie Vorsitzende des Deutschen Ethikrats.

Alena Buyx
© Andreas Heddergott/TUM

Das war definitiv kein Masterplan“, sagt Alena Buyx über ihre Karriere, die jüngst mit der Wahl zur Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Ihre Laufbahn sei von lauter Zufällen geprägt. „Deswegen freue ich mich und bin natürlich dankbar, dass es so gekommen ist, aber das kann man überhaupt nicht planen“, resümiert sie.

Die Weichen gestellt hat die 1977 in Osnabrück geborene Wissenschaftlerin jedoch früh. Neben Medizin studierte sie Philosophie und Soziologie in München, York und London. Ihr Doppelstudium ließ sich in Zeiten vor der Bologna-Reform noch gut organisieren. Schon im Philosophiestudium suchte sie sich die Seminare heraus, die sich mit Medizinethik oder Medizinphilosophie beschäftigten.

Nach ihrer medizinischen Promotion führte sie ihr Weg nach Münster und Harvard. Darauf folgte eine erste Tätigkeit im Ethikrat, aber nicht in Deutschland: Vier Jahre lang war sie stellvertretende Direktorin des „Nuffield Council on Bioethics“ in London. Nach ihrer Habilitation im Fach Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität Münster wurde sie 2014 Professorin für Medizinethik in Kiel. Seit zwei Jahren ist sie Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München.

Im Deutschen Ethikrat war Alena Buyx schon Mitglied, bevor sie den evangelischen Theologen Peter Dabrock als Vorsitzende ablöste. Ihre Wahl fiel in die Corona-Krise, die sie in doppelter Weise traf: als Medizinethikerin, aber auch als Mutter von zwei Söhnen. „Die Gleichzeitigkeit von Homeschooling meiner Kinder und Homeoffice war kaum zu leisten“, sagt sie.

Als Medizinethikerin beschäftigte sie zuletzt vor allem die Problematik der Triage. Darunter fällt etwa die Frage, wer ein Beatmungsgerät bekommt, wenn es nicht mehr für alle Erkrankten reicht. „Da habe ich wirklich nachts wach gelegen und darüber nachgedacht, wie man in solchen Szenarien vorgehen darf. Darauf ist man, auch wenn ich das studiert habe, nicht vorbereitet“, erzählt Buyx. Sie hat sogar ihre philosophische Abschlussarbeit über Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen geschrieben. Damals hielt sie die extremen Beispiele der Philosophen aber noch für Glasperlenspiele. Das hat sich seit der Corona-Krise geändert.

Die zurückliegenden Monate nutzte sie aber auch für öffentliche Äußerungen, die ihr ohnehin wichtig sind. Wenn sich Wissenschaftler mit gesellschaftsrelevanten Themen beschäftigen, sollen sie sich auch mit der Gesellschaft auseinandersetzen, findet sie. In der Krisenzeit hob sie das enorme soziale Potenzial in der Gesellschaft hervor. Diese Sicht auf den Menschen speise sich nicht aus einem naiven Optimismus: „Wir wissen aus viel empirischer Forschung, dass es ein solidarisches Potenzial gibt. Auch, weil anderen zu helfen uns selbst guttut“. Gleichzeitig warnt sie: „Man darf den Menschen diese Solidarität nicht zu lange und nicht zu intensiv abfordern.“ Damit liegt sie auf der Linie des Ethikrats, der schon im März Perspektiven zur Lockerung der Maßnahmen einforderte, um Entsolidarisierung und Demotivation entgegenzuwirken.

Alena Buyx äußert sich zwar gern in der Öffentlichkeit, aber nicht über ihre persönlichen Überzeugungen. Vielmehr versteht sie sich dort als Wissenschaftlerin und fordert auch von ihren Studierenden, dass sie ihre persönlichen Überzeugungen durch wissenschaftliche Filter laufen lassen und deren Rationalität überprüfen. Dass auch Religionsvertreter ihre Stimme in den Deutschen Ethikrat einbringen, ist ihr dennoch wichtig. Gleichzeitig unterstreicht sie: „Eine Konfession, egal welche, kann keinen Alleindeutungsanspruch erheben, sondern das sind wichtige, aber partikulare Stimmen, die eine bestimmte weltanschauliche Genese haben.“

Von den häufig auch religiös relevanten heißen Eisen wie Sterbehilfe oder Abtreibung hält sich Alena Buyx abseits der universitären Lehre fern. Sie begründet das mit der Wahl ihrer Forschungsschwerpunkte, die sich Fragen von Gerechtigkeit und Solidarität widmen. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich diese Einstellung in ihrem neuen Amt aufrechterhalten lässt.

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