Afrika und die Folgen des KolonialismusDer Rassismus in uns

Der Mord an George Floyd hat weltweit Debatten über die Folgen von Sklaverei und Kolonialismus sowie den aktuellen Rassismus ausgelöst. Es braucht ein neues Geschichtsbewusstsein auch in der Kirche. Dabei geht es nicht nur um Schuldzuweisungen, sondern auch um eine Selbstbefragung der Christen in Afrika.

Am 25. Mai verbreitete sich weltweit die Nachricht von dem brutalen und abscheulichen Mord an George Floyd, einem schwarzen amerikanischen Staatsbürger, dem ein weißer Polizeibeamter das Leben aus dem Leib geprügelt hatte. Die „Black Lives Matter“-Proteste zwangen nun Regierungen und andere Institutionen weltweit, sich mit den Geschichten von Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus zu beschäftigen. Sie ermutigten Aktivisten in der ganzen Welt und stärkten ein neues Gefühl der Menschlichkeit, Solidarität und Empathie.

Gerade wegen der zentrifugalen rassischen, sektiererischen, ethnischen und religiösen Auseinandersetzungen, die unsere Welt plagen, müssen wir die dunklen Seiten der Geschichte aufdecken, analysieren und moralisch bewerten. Papst Franziskus schrieb kürzlich in seinem Vorwort zu einem Buch von Kardinal Walter Kasper: „Wir müssen von der globalen Ungerechtigkeit erschüttert werden, um aufzuwachen und den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten zu hören.“

Christentum: Die Religion der Weißen?

Leider lässt sich die verheerende Vorstellung einer rassischen Überlegenheit eines Teils der Menscheit nicht dadurch erledigen, das man die Namen von Kolonialherren und Profiteuren des Sklavenhandels ausradiert. Es ist ein Irrtum, zu glauben, man könne rassistische Strukturen durch die Umbenennung von Straßen bekämpfen. Man kann Statuen niederreißen und Straßen und Stadtviertel umbenennen, aber die Welt, die durch Kolonialismus entstanden ist, ist immer noch intakt.

Der Blick auf christliche Missionsaktivitäten während der Ära der Kolonialherrschaft über Afrika im 19. und 20. Jahrhundert zwingt uns als Christen, uns unserer eigenen Geschichte zu stellen. Er gibt uns auch die Gelegenheit, „etwas zu sagen“ und „etwas zu tun“, damit Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden zu authentischer Versöhnung führen können. Drei Fragen müssen wir uns zuwenden: Wie muss Mission heute aussehen angesichts der Kolonialismus-Geschichte der Kirche? Wie muss mit dem Vorwurf umgegangen werden, das Christentum in Afrika sei die Religion der Weißen? Wie müssen wir mit der Geschichte des Kolonialismus umgehen – Stichwort cancel cultures?

Die Geschichte des Christentums in Afrika reicht bis in die Antike zurück und ist vielfältig. Dabei haben Ägypten und Äthiopien eine ganz andere Entwicklung aufzuweisen als andere Länder und Regionen des Kontinents. Dort kam es zu einer echten Einwurzelung des Christentums, während andernorts die Verkündigung des Glaubens an mangelnder Inkulturation und kirchlicher Arroganz scheiterte.

Die Sicht auf die Kirche als Institution der Weißen ist in Afrika bis heute präsent. Ihren Höhepunkt hatte sie in den Sechzigerjahren – einer Zeit antikolonialer Kämpfe um die Befreiung und Unabhängigkeit der Kolonien.

Die afrikanischen Völker wollten die politische, wirtschaftliche, soziale und sogar religiöse Kontrolle und Macht von den Weißen übernehmen, die die Geschicke der Menschen in ihrem eigenen Raum und Territorium bestimmt und beherrscht hatten. Die Einheimischen konnten nicht ohne weiteres zwischen der Krone, dem Kreuz und der Flagge unterscheiden. Sie warfen den Händler, den Kolonialisten und den Missionar in der Propaganda zur Erlangung der Unabhängigkeit in einen Topf.

Aber seit den Achtzigerjahren Jahren haben sich die Dinge tatsächlich geändert, und die Einheimischen in den meisten afrikanischen Ländern haben bis zu einem gewissen Grad, zumindest äußerlich, die Kontrolle über ihre Länder und Schicksale erlangt. Seitdem sind afrikanische Missionare auch zu Missionaren für ihr eigenes Volk geworden. Die Ortskirchen waren endlich erwachsen geworden und nahmen mit vielen guten Berufungen ihre kirchlichen Angelegenheiten selbst in die Hand.

Doch oftmals waren zwar die Gesichter schwarz geworden, aber der Geist, das Denken, die Mentalität und die Praktiken europäisch geblieben. Dies erklärt übrigens den Erfolg und das Wachstum der unabhängigen christlichen Kirchen und der Pfingstbewegungen in Afrika. Ihr Aufstieg hat den traditionell europäisch dominierenden Missionskirchen neue Konkurrenz und eine ungeahnte Herausforderung beschert.

Wenn sich in Afrika wirklich etwas ändern soll, müssen wir uns mit einer Art „verinnerlichtem“ Rassismus beschäftigen, der auch uns Afrikaner betrifft. So wird in Afrika noch immer eine Maschinerie der rassischen Vorherrschaft am Laufen gehalten, gerade auch durch die Handlungen und moralischen Versäumnisse vieler politischer Führer.

Die modernen Afrikaner und selbst diejenigen in Machtpositionen unterschätzen die enormen Implikationen des Komplexes „Rassismus, Sklavenhandel und Kolonialismus“ und dessen Folgen, wenn sie sich mit Fragen auseinandersetzen, die den Aufschwung und die Wiedergeburt ihrer Länder betreffen. Der Historiker Moses Ochonu hat zuletzt aufgezeigt, wie weit die Spuren von Rassismus und Kolonialismus in unserer sozio-politischen Kultur reichen und wie sie sich gegenwärtig in den Tropen der Klasse, der sozialen Differenzierung und der täglichen kulturellen Begegnung manifestieren (Looking for Race. Pigmented Pasts and Colonial Mentality in „Non Racial“ Africa, in: Philomena Essed u.a., Relating Worlds of Racism. Dehumanisation, Belonging, and the Normativity of European Whiteness, Basingstoke 2018, 3–37).

Die Afrikaner müssen auch ihre eigene Schuld eingestehen, schon seit den Tagen der Sklaverei und auch in der Zeit des anhaltenden Neokolonialismus. Afrikanische Völker sind mit schlechten Führern verflucht worden, die im Laufe der Geschichte ihre eigenen Völker entmenschlicht haben. Sie müssen die historische Lektion über die lang anhaltenden Auswirkungen des Rassismus lernen. Sie müssen auch verstehen, wie sie Ressourcen zu den heimtückischen Auswirkungen des Rassismus beigetragen haben. Solange sie nicht lernen, dass sie sich als Mitglieder der politischen Elite und der Führungsklasse immer noch nicht von dem unterscheiden, was sie in den Tagen der Sklaverei waren, haben wir kein neues Kapitel in der Geschichte aufgeschlagen. Sie müssen anerkennen, dass sie immer noch so gierig, brutal, gewalttätig und egoistisch sind wie eh und je. Solange wir nicht verstehen, wie unsere Vorväter von den glänzenden Objekten des Kapitalismus verführt wurden, haben wir Schuld in dem moralischen Vakuum, das wir anderen vorwerfen, und müssen uns erneut mit Entschlossenheit entscheiden, gegen Rassismus Stellung zu beziehen.

Zu sagen, wir sollten unseren Kindern Sprachen und Ideologien einer black supremacy beibringen, zeigt nur, dass wir in unserem schlechten Verhalten gefangen sind. Sind wir noch bereit, uns die Fragen zu stellen, die uns befreien werden?

Die afrikanischen Volkswirtschaften sind hauptsächlich von der durch koloniale Überreste verursachten Ausbeutung von Bodenschätzen abhängig, da sie nicht produzieren. Die führenden Politiker wissen das. Was tun sie, um das zu verhindern? Der Kontinent exportiert Rohöl und natürliche Ressourcen, um dann die verarbeiteten Endprodukte wieder aus dem Ausland zu importieren. Der Kolonialismus hat diese Struktur geschaffen, und die Politiker tun nichts, um das zu ändern.

Die Führungselite verhält sich weiter „kolonial“

In Nigeria organisisiert sich die Führungselite teure „Bildungsreisen“ nach Dubei, während im eigenen Land Geld für die Renovierung von Schulen und die Ausstattung von Bibliotheken fehlt. Ihre Priorität liegt in der Umbenennung von Straßen, die an die rassistische und koloniale Vergangenheit erinnern, aber ihr Verhalten ist weiterhin „kolonial“. Ist es diesen Menschen jemals in den Sinn gekommen, dass sie durch ihr Handeln und ihre Kultur des mutwilligen Konsums zum Mythos der schwarzen Minderwertigkeit beitragen?

Die Menschen müssen ihre Gewohnheiten völlig ändern. Das ist die ethische Herausforderung, das Richtige zu tun. Sie entspricht der christlichen Lehre über Würde und Gemeinwohl. Es ist zwar beeindruckend, dass die Debatten über „Black Lives Matter“ weitergehen. Aber die transnationale Solidarität der Schwarzen würde ein weitaus komplexeres Denken erfordern. Solange die Menschen nicht verstehen, wie sich unsere gegenwärtigen und vergangenen schlechten Gewohnheiten der unhinterfragten Toleranz gegenüber allem, einschließlich der Konsum- und Tauschmuster von Waren, etabliert haben, kennt man die rassische Vorherrschaft nicht vollständig genug, um sie in Frage zu stellen. Was nützt es, die visuellen Spuren von Kolonialismus und Sklavenhandel niederzureißen, während seine psychologische Struktur weiter in unseren Köpfen steckt?

Es ist Zeit für Selbstbetrachtung und Erneuerung. „Black Lives Matters“ ist ein Moment, in dem sich der dafür dringend benötigte Schwung sammeln kann.

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