PorträtMichel Aupetit: Ein Arzt wird neuer Erzbischof von Paris

Er stammt aus Versailles und hat nach seinem Medizinstudium Kranke in der Pariser Banlieue versorgt. Erst mit 44 empfing er die Priesterweihe.

Kardinäle bleiben in der Regel auch über die im Kirchenrecht vorgesehene Altersschwelle für Bischöfe von 75 Jahren hinaus im Amt. Doch der Pariser Erzbischof André Vingt-Trois reichte aus Krankheitsgründen sein Rücktrittsgesuch mit 75 ein und wurde erhört. Papst Franziskus ernannte den bisherigen Bischof von Nanterre, Michel Aupetit, zu seinem Nachfolger. Am Fest der Erscheinung des Herrn trat er sein Amt an.

Vor seinem Amtsantritt hatte man von Aupetit wenig gehört. Das war kein Zufall. Aupetit weiß, dass gerade medial auf den künftigen Erzbischof von Paris einige Erwartungen zukommen. Unabhängig davon, ob er Vorsitzender der Französischen Bischofskonferenz werden wird oder nicht – der Erzbischof von Paris steht schon allein wegen der Bedeutung der Stadt in der ersten Reihe der kirchlichen Sprecher. Da macht es durchaus Sinn, vom ersten Tag an klar zu machen, dass man sich von den Medien nicht benutzen lässt, sondern selbst entscheidet, wann und mit wem man spricht. So haben es auch seine beiden Vorgänger im Amt gehalten.

Seit der Bekanntgabe der Ernennung von Aupetit hört und liest man als Deutung das Wort von der „Kontinuität“, aber dies klingt nicht für alle Katholiken westlich des Rheins nur positiv. Vingt-Trois war ein enger Mitarbeiter von Kardinal Jean-Marie Lustiger, so wie Aupetit ein enger Mitarbeiter von Vingt-Trois war. Manche im französischen Katholizismus bedauern, dass die Chance vergeben wurde, jemanden mit dem Amt zu betrauen, der nicht aus dem Kreis derjenigen stammt, die seit 1981 mit der Versetzung von Lustiger von Orléans in die Hauptstadt den Ton angeben.

Der neue Pariser Erzbischof empfing die Priesterweihe erst im Alter von 44 Jahren. Zuvor war er jahrelang als praktischer Arzt tätig gewesen. Er verkörpert somit eine neue Priestergeneration, in der Biografien dieser Art nicht so selten sind. Zehn Jahre nach seiner Priesterweihe stieg Aupetit in schnellen Schritten innerkirchlich auf. Er wurde zunächst Generalvikar, dann Weihbischof, schließlich Bischof von Nanterre in der Pariser Banlieue, und nun kehrt er in das Bistum zurück, in dem er die Priesterweihe empfangen hatte.

Noch in den Anfangsjahren als Priester hat Aupetit das Studium der Bioethik wieder aufgenommen. Zwei Doktorate (Medizin und Theologie) bildeten die Basis dafür, dass er das Fach einige Jahre an der Universität von Créteil unterrichtete. Er publizierte zu dem Thema und leitete eine Arbeitsgruppe über diese Fragen im Erzbistum Paris. Aupetit gehörte zu den Gegnern der „Loi Taubira“, der Zulassung von gleichgeschlechtlichen Paaren zur gesetzlichen Ehe, und nahm auch an der umstrittenen Großdemonstration am 26. Mai 2013 in Paris teil.

Im Frühjahr 2017 übernahm Aupetit die Leitung der Kommission „Familie und Gesellschaft“ der Französischen Bischofskonferenz. Ob er diese Position nun in seiner neuen Rolle als Erzbischof von Paris beibehält oder nicht – dass er gerade in diesen Fragen künftig ein wichtiger Sprecher sein wird, ist absehbar. Die Art der Argumentation, mit der er gegen die mariage pour tous auftrat, zeigt, dass er entschlossen ist, sich nicht nur als Vermittler im moderaten Ton einzubringen: „Warum nicht auch die Polygamie? Den Inzest? Die Adoption eines Kindes durch einen Bruder und eine Schwester? Warum nicht, weil ‚sie sich doch lieben‘, wie die Anhänger der ‚gleichgeschlechtlichen Ehe‘ argumentieren?“

Aber vielleicht tritt er in seiner neuen Rolle ja vermittelnder auf, als man es von ihm kennt. Michel Aupetit hat auch noch andere Seiten jenseits seiner beruflichen Biografie. Er arbeitet gerne an Holzskulpturen und spielt Gitarre – sein großes Vorbild ist ausgerechnet Georges Brassens, dessen religionskritische Texte ihn in eine bis heute lebendige laizistische Tradition Frankreichs stellen.

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