BuchbesprechungPetra Bahr: Mein Abendland

Petra Bahr war die erste Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und hat diesem neuen Amt Profil gegeben. Nach einem Zwischenspiel im Dienst der Konrad-Adenauer-Stiftung ist sie seit Kurzem Regionalbischöfin in der hannoverschen Landeskirche. Ihr kleines Buch über ein großes Thema ist in gutem Sinn journalistisch, gelegentlich auch recht predigthaft geschrieben, ohne dabei den Problemen durch fromme oder flotte Sprüche auszuweichen. Der einleitende Beitrag versucht so etwas wie eine „Rettung“ der Rede vom Abendland angesichts einer derzeit grassierenden problematischen Abendland-Rhetorik. Es werde Zeit, sich an jenes Abendland zu erinnern, „das sich nicht über seine Feinde definiert, sondern über das, was an Orientierung, Haltung und Grundeinsichten für eine ungewisse Zukunft trägt“. Ein anderer Text versucht sich an der Verhältnisbestimmung von Religion und Aufklärung. Im polemischen Gerangel um Religion, so die Schlussfolgerung von Petra Bahr, seien wir mitSchleiermacher gut beraten, der die religiösen Verächter der Aufklärung wie die aufgeklärten Verächter der Religion daran erinnere, dass beide sich um der Freiheit des Menschen willen gegenseitig auf die Sprünge helfen sollten. In die gleiche Richtung zielen ihre knappen Überlegungen zu Religion und Säkularität in Europa, die etliche Fragen formulieren, etwa: „Wie kann das kulturelle Erbe, auch das Erbe des religionskulturell so fruchtbaren Austausches, im künftigen Europa als echtes Vermächtnis und nicht als musealisierte Erinnerung an die nächste Generation weitergegeben werden?“, oder: „Wie können religiöse Identitäten geschaffen und geschützt werden, ohne dass Abgrenzungskämpfe die Folge sind?“Manche Beiträge stehen in einer eher lockeren Verbindung zum Hauptthema, so etwa diejenigen über „Heimatlosigkeit bei Hannah Arendt“ und über die „Stunde null“, andere sind vor allem auf aktuelle Ereignisse wie die verstörenden Vorgänge der Kölner Silvesternacht 2015 bezogen. Petra Bahr bezeichnet ihre Texte im Nachwort als „persönliche Positionsbestimmungen, besser noch: Suchbewegungen“. Als solche sind sie durchweg respektabel und steuern interessante Einsichten zu Problemen bei, die uns mit Sicherheit noch geraume Zeit beschäftigen werden.

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