Der Film Spotlight über die Aufklärung des MissbrauchsAuch ein medienethisches Drama

Spotlight Film
Ein Investigativteam in Boston enthüllt Missbrauchsfälle in der Kirche: Filmszene aus "Spotlight" mit Rachael McAdams, Mark Ruffalo und Brian D'Arcy James (v. l.)© Paramount

Kann eine ganze Stadt Missbrauchsvorfälle an Kindern über Jahre vertuschen? In Boston scheint das lange der Fall gewesen zu sein. Faktisch nahm 2001 der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten dort seinen Anfang. In Boston leben mehr als 50 Prozent Katholiken, Kirche und Gesellschaft sind in der Stadt eng miteinander verwoben. Anzeichen und Missbrauchsvorwürfe gegen Priester hat es über Jahre hinweg immer wieder gegeben. Nur wurden sie nicht öffentlich benannt, maximal in einer Randspalte der Zeitungen erwähnt. Dies ändert sich, als der „Boston Globe“ 2001 einen neuen Chefredakteur bekommt: Marty Baron.

Damit nimmt der Film „Spotlight“, der in diesem Jahr den Oscar für den „besten Film“ erhalten hat, seinen Lauf. Die Enthüllung des Systems Missbrauch in der katholischen Kirche Bostons behandelt der Film dabei sehr emotional. Baron (Liev Schreiber), selbst Jude, hat als Außenstehender keine Bedenken, sich mit den Schattenseiten der katholischen Kirche auseinanderzusetzen; keine Zugehörigkeit verpflichtet ihn zu Loyalität. Auch der katholische Katechismus, den er von Kardinal Bernhard Law persönlich geschenkt bekommt, vermag ihn nicht „in die Spur zu holen“. Marty beauftragt das Spotlight-Team der Redaktion mit der intensiven Recherche und Aufklärung eines erneuten Missbrauchsfalls des Priester John Geoghan.

Das Investigativteam widmet sich mit vollem Einsatz dieser Aufgabe und erkennt bald, dass hinter einer Einzelfallgeschichte ein systematischer Skandal mit hunderten Opfern, fast 90 Tätern und etlichen Beteiligten steckt. Über einzelne Gespräche mit den Opfern kristallisiert sich heraus, dass die Missbrauchsfälle durchaus sichtbar waren und die Kirche große Anstrengungen unternahm, diese zu vertuschen. Deutlich wird: Kardinal Law wusste von den Vorfällen und hat diese bewusst verschwiegen, die Priester sogar gedeckt. Dies gilt es in der Folge, journalistisch zu beweisen. Das Spotlight-Team stößt jedoch an Grenzen: Opfer wollen nicht mehr reden, Verantwortliche schweigen, Dokumente verschwinden. Die Kirche selbst setzt alles daran, dass bestimmte Unterlagen und Informationen nicht in fremde Hände gelangen. Dabei setzt der Film nicht auf dramatische Verschwörungsszenen oder Verfolgungsjagden, sondern lässt das System Missbrauch für sich selbst sprechen: Journalisten stoßen in Personalakten der Priester auf etliche angeordnete Versetzungen aufgrund von „Krankheit“. Ein Opfer berichtet, dass es dem Priester sexuell nur gefällig war, weil es sich endlich in seiner Homosexualität angenommen wähnte. Der Skandal betrifft auch die Journalisten: Mike (Mark Ruffalo) verzweifelt daran, dass er immer noch auf die Kirche gehofft hatte, Sacha (Rachel McAdams) sieht sich nicht mehr in der Lage, eine Kirche zu betreten. An ihrem Schicksal zeigt sich, wie eine religiöse Zugehörigkeit auch zu einer Blindheit gegenüber den Autoritäten führen kann – was diese Blindheit aber auch für Opfer für Folgen hat. So decken die Journalisten nicht nur einen Missbrauchsskandal auf, sondern ein System der Hörigkeit in Boston, aus dem Schweigen, Wegschauen und Vertuschen resultierten.

Im Filmverlauf wird deutlich, dass neben der Kirche selbst auch viele weitere Akteure an der Geheimhaltung der Missbräuche beteiligt waren. Neben den verantwortlichen Anwälten waren es letztlich Journalisten selbst, die über Jahre hinweg Hinweise für den Skandal erhalten hatten und untätig blieben. Der Kopf des Spotlight-Teams Robby (Michael Keaton) muss sich zum Ende der Recherchen eingestehen, dass er selbst beim „Globe“ entscheidende Dokumente erhalten hatte, diese aber ignoriert und unbeachtet blieben. Warum, bleibt offen.

Damit ist „Spotlight“ nicht allein ein Thriller über den Missbrauchsskandal in Boston und seine Aufklärung, sondern ebenso ein medienethisches Drama, das die Unabhängigkeit von Journalisten thematisiert. Einerseits kann erst durch den jüdischen Chefredakteur eine kritische Auseinandersetzung mit den Vorwürfen gegen die Kirche veranlasst werden. Andererseits ist es der detaillierten, beharrlichen und furchtlosen Arbeit der Journalisten zu verdanken, dass der Missbrauchsskandal aufgedeckt wurde und Konsequenzen nach sich zog. Dass der Film fast ausschließlich einen bestimmten Typus des Missbrauchsopfers – den der gescheiterten (drogensüchtigen, alkoholkranken) Existenz – wählt, mag zwar die Langzeitfolgen eines Missbrauchs deutlich machen. Gleichzeitig zeigt sich hier freilich auch eine Neigung zum Klischee.

Wie groß die Verantwortung ist, zeigt sich zum Ende des Filmes: Nachdem die Story gedruckt ist, rufen etliche weitere Opfer in der Redaktion an, weil sie endlich eine Stimme haben. Kardinal Seán Patrick O’Malley, inzwischen Erzbischof von Boston, der sich viele Verdienste um die Aufarbeitung des Missbrauchs erworben hat, hat den Film für seine Aufklärungsarbeit gelobt.

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