Die Rezeption der Bibel in der Gegenwartsliteratur„Das schöne Skandalon einer heiligen Polyphonie“

Schriftsteller setzen sich mit der Bibel auseinander, sie sind nicht nur Bibelleser, sondern lassen sich von der Bibel in ihrem Schreiben inspirieren. Dies lässt sich unter vielen anderen etwa an Bert Brecht, Wolfdietrich Schnurre, Friedrich Christian Delius zeigen. Und überraschenderweise auch an Reiner Kunze.

Noch wirken die Ereignisse um die Fußballweltmeisterschaft nach: Sie haben eine ganze Nation in Aufregung versetzt. Eine Fußballweltmeisterschaft kann auch ganz persönliche Konsequenzen haben. So hat der Pfarrerssohn Friedrich Christian Delius in seiner autobiographischen Novelle „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ eine sehr einschneidende autobiografische Erfahrung versprachlicht: Die Wortgewalt seines Vaters, eines protestantischen Pfarrers, hat ihn selber zum Stotterer werden lassen.

Die Predigtsprache wird für ihn kein bergendes Sprachhaus, eher eine unbewohnbare Ruine. Erst die Übertragung des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft Deutschland gegen Ungarn im Jahre 1954, die der Junge im Arbeitszimmer des Vaters anhören darf, wirkt auf seine Zunge lösend: theologisch besetzte Wörter werden durch den Reporter einfach „depotenziert“. Toni Turek wird zum „Fußballgott“ und Teufelskerl“ zugleich: „Ich hatte noch nie eine Fußballreportage gehört, immer öfter fielen Wörter, die nichts mit Fußball zu tun hatten (…) Wunder! (…) Gott sei Dank! (…) So haben wir alle gehofft, gebetet! (…) und ich staunte, dass der Reporter das Wort glauben mit mehr Inbrunst als ein Pfarrer oder Religionslehrer aussprechen konnte. Beinah wieder ein Tor für Ungarn, beinah ein Tor für Deutschland, und wieder hielt Toni Turek einen unmöglichen Ball, wieder Gefahr, der Ball im Tor, nein, (…) Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott!“ (Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, Reinbek bei Hamburg 1994, 93).

Die Bibel als Normenbuch einer missglückten Sozialisation

Zum ersten Mal in seinem Leben hört der Junge religiös besetzte Wörter in einem ganz neuen Kontext: „Eine neue Form der Anbetung, ein lästerlicher, unerhörter Gottesdienst, eine heidnische Messe, in der einer gleichzeitig als Teufel und Gott angerufen wurde.“ Auf die Frage des ins Zimmer tretenden Vaters, wie denn das Spiel stehe, antwortet der Sohn: „Unentschieden, zwei zu zwei.“ Erst später merkt er, dass er schwerste Wörter ohne Stottern aussprechen kann. Der Bann ist gebrochen. Die Fußballsprache löst den Knoten in der Zunge, während die Kirchensprache eher lähmend gewirkt hat.

Diese Zungenlähmung wird mit biblischen Bildern wiedergegeben, wie sie allerdings in der Bibel gerade nicht gemeint sind. Aber sie sind ein Assoziationsraum für den Jungen: „Ich war ein Fisch und schon gefangen, als ich merkte, dass ich ein Fisch war: der Angelhaken im Mund zwischen Zunge und Gaumen, der Widerhaken im Fleisch nahe der Luftröhre, solange ich denken konnte (…) Ich wusste nicht, wer mich an der Angel hatte, ich hatte keinen bestimmten Verdacht (…) Ich hörte von den Eltern aber das Gleichnis oder den Satz von Jesus dem Menschenfischer, der wollte Menschen fischen, Menschen ins Netz holen für seine Gemeinde, für den Glauben an ihn, für die Erlösung, und ich war schon so gefangen, dass ich nicht schrie über das Bild: Jesus wollte auch mich fischen, mich angeln oder im Netz aus meinem Element holen und ersticken lassen in der Luft (…) er wollte mich in seinen Netzen fangen oder hatte mich schon gefangen, ich sollte mich fangen lassen, war nicht im Netz, hing an der Angel, diesen Unterschied spürte ich genau, der Widerhaken riss in der Zunge, riss den Leib auseinander, trennte den Kopf vom Körper.“

Die Bibelstelle vom Menschenfischen wird für den Pfarrerssohn beklemmend erfahren, sie wird für ihn zum Hintergrund seines Stotterns. Ebenso wird die alttestamentliche Erzählung von der Opferung Isaaks erinnert: „Ich war Isaak, der Sohn, der Vater griff seinen Sohn und fasste das Messer, weil sein Gott ihm befohlen hatte, dass er seinen Sohn schlachtete, ich sah Isaak mit erschrocken ergebenen Augen auf dem Holzschnitt der Bilderbibel von Schnorr von Carolsfeld, ich war Isaak, gefesselt, ängstlich gebeugt, gedrückt an den Vater Abraham, vom Vater mit der linken Hand festgehalten, während die rechte mit dem am Schaft sehr breiten, dann spitz zulaufenden Messer schon ausholte“ (74 f.).

Der Schriftsteller F.C. Delius deutet sein kindliches Stottern als Konsequenz des Aufwachsens in einem Pfarrhaus: Die Bibel hat in diesem Horizont keine befreiende Dimension, sondern ist eher Legitimation dieser engen Welt. Die Novelle handelt von den „Martyrien der Religion in einem Kinderleben.“ Die Bibel wird als Normenbuch einer missglückten Sozialisation erlebt, die Fußballsprache dagegen als Erlösung von diesem Kerker: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde. Die Wirkung der Bibel wird als ambivalent erfahren.

Kaltes Buch oder subversiver Wärmestrom

Im Jahre 1928 veranstaltete die Berliner Frauenzeitschrift „Die Dame“, die auch eine Beilage mit dem doppeldeutigen Titel „Die losen Blätter“ druckte, eine Umfrage. „Der stärkste Eindruck“, so lautete lapidar der Inhalt dieser Umfrage. Bert Brecht steuerte auf diese Umfrage einen einzigen Satz bei: „Sie werden lachen: die Bibel.“ Dieser häufig zitierte Satz von Brecht ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: zum einen nimmt er den damals gängigen Tonfall des literarischen Kabaretts auf. Zahlreiche Witze schlossen mit dieser Pointe. Mit dem Teilsatz „Sie werden lachen“ greift Brecht auf eine Sprachform und einen Witzgenus zurück, die den Leserinnen der genannten Zeitschrift mehr als vertraut waren.

Zum anderen aber bereitet Brecht gerade diesen Leserklientel eine kräftige Irritation, er mutet ihr eine „böse“ Überraschung zu: was immer die Leser der „Dame“ von Religion gehalten haben mögen, religiöse Fragen waren auf alle Fälle kein Thema in dieser Zeitschrift; die Bibel war kein Gesprächsstoff in diesem Kontext, eher schon die Diskussion um Brechts großen Erfolg der „Dreigroschenoper“. Genau diesem Publikum mutet Brecht seinen stärksten Eindruck zu: „Sie werden lachen – die Bibel“. Diese Notiz war wohldurchdacht und sorgfältig redigiert, um ihre Wirkung tun zu können. Die Äußerung Brechts war dabei keineswegs übertrieben, er hatte in der Tat ein ganz besonderes Verhältnis zur Bibel.

Dass die Bibel ihm nicht fremd war, bewies Brecht bereits mit seinem ersten Theaterstück „Die Bibel.“ Geschrieben war es von einem gewissen Bertold Eugen im Jahr 1913 und abgedruckt in einer Augsburger Schülerzeitschrift mit Namen „Die Ernte.“ (Gesammelte Werke 7, 329–338) Hinter dem Pseudonym verbirgt sich niemand anderer als Brecht. Mag man dieses Drama zunächst als Primanererguss abtun, so ist es für Brechts Umgang mit der Bibel höchst aufschlussreich.

Das Drama lebt von der Auseinandersetzung um den Stellenwert der Bibel. „Wir können Gott nur um Hilfe bitten. Lasst uns beten! Wir wollen Trost suchen in der Bibel“, spricht der Großvater, dessen Enkelin geopfert werden soll. Das Mädchen wehrt ab: „Erzähle mir anderes Großvater! Deine Bibel ist kalt.“ Der Großvater bemüht erneut die Bibel, darauf das Mädchen: „Erzähle etwas anderes. Deine Bibel ist kalt. Erzähle etwas von Not und Tod, aber von der Hilfe Gottes. Erzähle etwas von dem guten, rettenden Gott. Deine Bibel kennt nur den Strafenden!“

Ein 16-jähriger Primaner beginnt die Laufbahn des Dramatikers damit, dass er ein Mädchen Zweifel bekommen lässt am Umgang der Christen mit der Bibel. „Deine Bibel ist kalt“, so lautet der Vorwurf des Mädchens an den Großvater. „Eure Bibel ist kalt“, diesen Vorwurf an die Christen wiederholt Brecht in all seinen späteren Stücken. Bloßes Bibelzitieren oder handlungsflüchtiges Beten hilft nicht, es hilft nur ein beherztes Handeln: Handeln wie die stumme Katrin in „Mutter Courage“, die durch den Einsatz der Trommeln eine Stadt rettet, aber ihr eigenes Leben opfert. „Sie hat’s geschafft“, so kommentiert ein Soldat ihren Tod in unüberhörbarer Anspielung auf die letzten Worte des Gekreuzigten im Johannesevangelium: „Es ist vollbracht.“

Brecht versteht die Bibel als Beispielbuch für konkrete Solidarität: sie hat gesellschaftskritische Funktion, soll zur Aktion auffordern und als Anleitungsmodell für eine bessere Welt dienen. Sie wird aber häufig missbraucht als stabilisierendes Trostbuch: dann ist sie das „kalte Buch.“ Die Bibel ist für ihn ein subversiver Wärmestrom.

Menschen von heute werden mit Gestalten der Bibel gleichzeitig

1951 wurde Horst Bienek vom russischen Geheimdienst verhaftet und zu 25 Jahren Zwangsarbeit im Lager Workuta, also im „Archipel Gulag“, verurteilt. Im Schacht 29 in Workuta gab es keine Bücher, aber es gab den Pfarrer Mikas: „Die Schergen hatten ihm alles abgenommen, auch die Heilige Schrift. Pfarrer Mikas hatte aber eine Reihe von Bibeltexten auswendig gelernt, und wir waren überrascht, wie viele er im Kopf hatte, und das im reinsten Lutherdeutsch. Denn er war Pfarrer in einem Gebiet gewesen, das von Deutschen bewohnt war. Ich erinnere mich noch, wie er uns aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther vorgetragen hatte, in dem den Unterdrückten Trost verheißen wird, den Leidenden Sieg, den Gefangenen Freiheit, den Sterbenden Triumph. Ich hörte dem Pfarrer zu, ich lag an seinen Lippen, ich verzehrte wie Manna jedes Wort, jeden Satz (…) Ich lauschte verzückt, ja, so war es, den klaren sprachmächtigen Sätzen in aller Bildhaftigkeit: ‚Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.‘ Das war meine Hoffnung, die Hoffnung von Tausenden“ (Jahrbuch der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heidelberg 1983, 111).

Bienek entfernt sich in diesem Text, den er 1983 vor der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vorgetragen hat, von einem bildungsbürgerlichen Gebrauch der Bibel. Er erkennt der Bibel ein „Plus“ gegenüber aller anderen Literatur zu, macht sie neu zum heiligen Text. Bieneks Absage an eine nur literarische, gar parodistische oder blasphemische Rezeption der Bibel ist überdeutlich. Dies kann als eine unmissverständliche Distanzierung von Bert Brecht gelesen werden. Brecht war bis 1951 Bieneks Lehrer: als dieser verhaftet wurde und das Berliner Ensemble Stellung beziehen wollte, hat sich Brecht in seinem Zimmer eingesperrt. Die von ihm über das Sprachmaterial der Bibel immer geforderte Solidarität hat er selber nicht geleistet.

Gegen diese folgenlose Lektüre der Bibel setzte Bienek in seinem Bekenntnistext den lapidaren, aber vielsagenden Satz: „Ich sage es gleich: ich bin kein Bibelleser.“ Die Bibel bestand für ihn nicht aus sprachlichen Sätzen, sondern enthielt das Manna, das ihm das Überleben ermöglichte. So entdeckte Bienek die „lazarenischen Existenzen“ in der Literaturgeschichte: Fjodor Dostojewski, den Klassiker der Gefängnisliteratur, Else Lasker–Schüler, deren ganzes Erdendasein ein einziges Exil war, Nelly Sachs, der er das Gedicht „Das Alphabet“ widmete, und den Apostel Paulus, dessen Gefängnisbriefe er später in seinem Roman „Die Zelle“ verarbeitet hat. Der Begriff „Lazarenische Literatur“ hat sich bei uns nicht durchgesetzt, eher in den USA und Frankreich, wo er eine bestimmte Tradition umschließt, von Dostojewski bis Franz Kafka und Alexander Solschenizyn.

Lazarenische Literatur ist für Bienek eine Literatur, in der Menschen von heute mit Gestalten der Bibel gleichzeitig werden, vor allem mit der Lazarus–Gestalt. Für Horst Bienek sind dies Schriftsteller, die mit ihrer Existenz schreiben. „Vielleicht ist jeder Schriftsteller, der mit seiner Existenz schreibt, im Exil.“

Die Bibel als Schicksalsbuch

Viermal sei er zur Welt gekommen, so schreibt Wolfdietrich Schnurre von sich selber: einmal als Kind seiner Eltern, in einem areligiösen Milieu. Nach deren Scheidung kam er in ein Kinderheim. Dort gab er als kleines Kind die Meinung seines Vaters, eines Ornithologen, wieder, der mit der Jesusgestalt Schwierigkeiten hatte. „Für Vater war er eine Märchenfigur. Gleich im nächsten Kinderheim brachte ich das an den Mann. Ins Mittagsgebet hinein sagte ich, diesen Herrn Jesus gäbe es nicht. Drei Tage Wasser und Brot, und ich war bereit, über seine Existenz mit mir reden zu lassen.“

Die zweite Geburt war seine Bekanntschaft mit Zigeunerkindern und ihre jähe Beendigung: Die Kinder wurden von den Nazis einfach verschleppt und umgebracht. Als dritte Geburt bezeichnete er das Kriegserlebnis. Es war eine „Zangengeburt“. Schnurre lebte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für kurze Zeit in der Nähe von Paderborn. Er datiert den Beginn seiner literarischen Tätigkeit auf diesen Zeitpunkt zurück: „Hinter Paderborn blieb ich hängen. In einem verboten idyllischen Dorf. Ich war eine Rarität: Der erste Heimkehrer. Ein Bauer spannte mich dem anderen aus. Ich durfte Forderungen stellen: Wo es das beste Essen gab, ging ich hin. Ich arbeitete gern in der Landwirtschaft. Denn es hatte Sinn, was man tat. Nachts allerdings, auf umgekippten Krippen, die nach Mist und Pferdeschweiß rochen, begann ich zu schreiben.“

Als vierte Geburt beschrieb Schnurre seine Krankheit: “In den anderthalb Jahren, die ich im Krankenhaus lag, kam ich zum vierten Mal auf die Welt. Es war meine nachhaltigste Geburt. Keiner verdankte ich mehr. Denn ihr Ausgangspunkt war der Tod. Der persönliche diesmal. Nicht der ungenaue und zufallsgelenkte des Krieges. Ich lernte alles noch einmal von vorn: Atmen, trinken, essen; sehen, empfinden, verstehen (…) Meine ärgste Feindin, die ich je hatte, ist eine Stubenfliege gewesen. Stundenlang kroch sie mir auf dem Gesicht herum, und ich konnte nichts gegen sie tun.“

Schnurre litt an einer Muskelatrophie: Er war völlig gelähmt und konnte selbst seinen Schriftstellerberuf nicht mehr ausüben. Nach der Genesung musste er mühsam das Schreiben wieder lernen. Seine Sprache denunziert allerdings die Krankheitserfahrung nicht, sie verrät einen zärtlichen Umgang mit der Krankheit: „Alle meine Krankheiten haben zu mir gepasst; was sich von vielen meiner Gesundheiten nicht sagen lässt. Je unerwarteter eine Krankheit kommt, desto bereiter sollte man sein, sie zu empfangen. Akzeptieren hat ja nichts mit Dulden zu tun. Und Annahme kann Hinnahme ausschließen (…) Mit ihr leben, ohne in ihr wohnen zu wollen; sie ist der Gast. Nicht Ergebung, sondern Partnerschaft also. Schließlich: Es ist meine Krankheit. Ihre Wahl ist auf mich gefallen; hier ist kein Zufall im Spiel“ (Der Schattenfotograf, Frankfurt a. M. 1992, 188).

Schnurre setzte sich im Buch „Der Schattenfotograf“ mit seiner eigenen Krankheit und der Krebserkrankung seiner Frau auseinander. Besonders die jüdisch–chassidische Tradition der Leidbewältigung arbeitet er in sein Buch ein. Fast hat man den Eindruck, dass er seine Krankheit als eine Exilserfahrung deutet, eine Erfahrung des Leidens, das wie eine Lupe den sensiblen Blick auf das Leben schärft. Kannte Schnurre überhaupt die Bibel? Er rechnet sie zu seinen Schicksalsbüchern.

Lange Zeit war er der Bibel allerdings aus benennbaren Gründen aus dem Weg gegangen. In einem Kinderheim hatte eine Nonne eine „gänsehautfördernde“ Gruselgeschichte im Zusammenhang mit der Bibel erzählt. Diese Geschichte handelte von dem „Redlichkeitsrappel“ eines kleinen Mädchens, das unter Lebensgefahr die Familienbibel aus einem brennenden Haus rettete. „Ich war empört. Ein Buch, das beanspruchte, von einem Kind aus den Flammen gerettet zu werden! Bedrucktes Papier, das sich über ein Menschenleben erhob! Ich war acht damals, aber wo immer ich jetzt eine Bibel herumliegen sah, ging ich ihr aus dem Weg. Das steigerte sich so, dass sich meine spätere Bibellektüre um reichlich dreißig Jahre verschob. Heute weiß ich, warum. Ich sollte erst das Leben, die Geschichte und die Literatur kennenlernen, um diesen dreien dann im aufregendsten aller Bücher, nämlich der Bibel, aufs Wesentliche reduziert, so zu begegnen, wie sich’s gehörte: gebrannt und erfahren.“

Schnurre bezeichnet die Bibel als aufregendstes aller Bücher, lehnt es allerdings als Kinderbuch ab. Er fordert einen Bibelleser, der durch Krisen hindurchgegangen und von ihnen gezeichnet ist: gebrannt und erfahren. Er begreift die Bibel nicht als ein harmloses Erzähl-, Beispiel- oder Schulbuch, sondern als Quelle tiefster Deutungen für die Krisen des Lebens. Aus diesen Zeilen spricht nicht nur der Kriegsteilnehmer Schnurre, sondern auch der von Krankheiten Gezeichnete: „Krankheiten haben das Recht, mich zu zeichnen.“ Nur solche gezeichneten Leser verstehen die Bibel in ihrer ganzen Tiefe.

Die „versteckte Bibel“

Biblisches und Religiöses spielten in der Kindheit Reiner Kunzes kaum eine Rolle. „Wir wohnten ganz oben, unterm Dach. Es gab nur einen kleinen Raum in der Mitte, der eine gerade Decke hatte. In diesem Raum wurde gekocht und die Zinkbadewanne aufgestellt. Die holten wir vom Boden. In dem Zimmer stand auch das Sofa. Nebenan unter der Dachschräge war noch eine Kammer. Dort standen die Betten zur niedrigen Seite hin. An der hohen Wandseite befand sich der große Schrank, der alles enthielt, was man an Kleidung brauchte, auch Betttücher und Wäsche. Über der Tür hing das einzige Bild, das wir besaßen. Es war ein Hochzeitsgeschenk. Darauf war Jesus als Hirte mit einer Herde Schafe zu sehen. Und auf den Wolken lagerten sich kleine pausbäckige rosige Engelein. Das war meine künstlerische Vorbildung, die ich in der frühen Kindheit genoss.“

Kunze hat diese Kindheit in seinem Gedicht „Unsere Einfachheit“ festgehalten. Es ist Papst Johannes XXIII. gewidmet, dessen Einfachheit Kunze faszinierte. Johannes XXIII. hatte, als man ihn fragte, wie er unter den hochrangigen Persönlichkeiten der Welt ohne alle Verstellung seine Natürlichkeit bewahren könne, geantwortet: „Indem ich immer die Wahrheit sage, obwohl die anderen das Gegenteil vermuten.“ Und er fügte hinzu: „Wenn ich mit ihnen verhandle, denke ich immer an die Einfachheit unserer Felder, unserer Familien.“

Diesen Text habe ich Reiner Kunze geschickt. Er hat sich mit folgenden Worten bedankt: „Indem ich immer die Wahrheit sage, obwohl die anderen das Gegenteil vermuten. Großartig. Aber der folgende Ausspruch ist erschütternd und ich werde ihn hoffentlich nicht mehr aus dem Gedächtnis verlieren (u. a. indem ich ihn oft zitieren werde): Wenn ich mit ihnen verhandle, denke ich immer an die Einfachheit unserer Felder, unserer Familien.“ (Brief vom 22.12.2005) Er hat ihn wirklich nicht mehr vergessen, sondern ihn transformiert in ein Gedicht: Unsere Einfachheit. Hier bewahrheitet sich, was Kunze von Literatur fordert: Poesie ist, was durch mich hindurchgegangen ist.

„Unsere einfachheit hatte/nicht einmal felder//(…)Im schlafzimmerschrank/an der hohen seite der dachschräge/lag im obersten wäschefach/ganz hinten/die bibel,//ein hochzeitsgeschenk, das nicht hatte/gebleicht werden müssen(…)//So eine einfachheit war’s/mit so einem himmel

(lindennacht, Frankfurt a. M. 2007, 12 f.) Kunze hält dazu fest: „Als meine Eltern gestorben waren, fand ich in dem großen Schrank, der durch alle Wohnungen mitgetragen worden war, ganz hinten, hinter der Wäsche, eine Bibel. Auch sie war ein Hochzeitsgeschenk. Diese Bibel hatte 14 Lesebändchen in verschiedenen Farben. Die waren noch so eingelegt, wie das Buch aus der Druckerei gekommen war. In ihr ist also nie gelesen worden.“ Und dennoch war sie ihrem Inhalt nach in der Familie präsent.

Von Jan Skácel hat Kunze die Metapher „Im Herzen barfuß sein“ übernommen, die mittlerweile „biblisch“ geworden ist. Sie hat die Alttestamentlerin Ulrike Bail so berührt, dass sie Vers 6 des Wallfahrtspsalms 84 folgendermaßen übersetzt hat: „Wohl denen, deren Stärke in dir gründet/die in ihrem Herzen barfuß zu dir unterwegs sind.“ Sie habe lange nach einem poetischen Bild für Pilgern gesucht, die wörtliche Übersetzung „Pilgerwege im Herzen haben“ sei ihr zu farblos und viel zu binnenkirchlich erschienen.

Als ich Reiner Kunze schrieb, dass sein Freund Jan Skácel nun zu biblischen Ehren aufgestiegen sei, antwortete er sehr verhalten. Er begriff die Ambivalenz dieser Ehre: „So geehrt und ab sofort in der Gefahr, dieses geniale Bild der Bibel entlehnt zu haben. Aber er würde nur seine Rabenflügelbrauen zusammenziehen und in sich hineinlächeln.“

Nicht immer also sind Poeten beglückt, wenn ihre Bilder in Predigten vereinnahmt werden oder gar in einer Bibelübersetzung auftauchen. Sie befürchten eine Enteignung, Arretierung oder Instrumentalisierung des eigenen Einfalls, der frei bleiben will von jedem Zwang.

Schriftsteller setzen sich mit der Bibel auseinander, sie sind nicht nur Bibelleser, sondern lassen sich von der Bibel in ihrem Schreiben inspirieren. Bert Brecht wurde genannt, Wolfdietrich Schnurre, Friedrich Christian Delius und überraschenderweise Reiner Kunze. Viele andere wären aufzuführen wie Arnold Stadler, Peter Handke, Andreas Maier oder Sybille Lewitscharoff.

Der Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, antwortete auf eine Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, welches Buch er in den Urlaub mitnehmen würde: die Bibel. Denn immer erzähle sie die eine Geschichte in mindestens zwei Geschichten, von den zwei Schöpfungsberichten im ersten Kapitel bis zu den konkurrierenden Apokalypsen am Schluss. „Dass gar das eine Evangelium in vier Evangelien erscheint, ist so selbstverständlich geworden, dass man vergessen hat, wie verblüffend es sein könnte: das schöne Skandalon einer heiligen Polyphonie. Es sind Stimmen aus fünf, sechs Jahrtausenden, die hier zu Wort kommen; Gottesgeschichte und Menschheitsgedächtnis, Offenbarung und Widerrede“ (4.8.2004). Mit der Bibel kommt man an kein Ende, auch nicht die moderne Literatur.

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