KommentarNeuer Ton

Die „Manif pour tous“ und die Haltung der Kirche.

Wozu unternimmt man Demonstrationen? Etwa um auf den Weg gebrachte Gesetzesänderungen doch noch zu verhindern oder um Forderungen nach Gesetzesänderungen Nachdruck zu verleihen. Bei der jüngsten „Manif pour tous“ (Demonstration für alle) Anfang September in Paris gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und allem, was damit zusammenhängt, liegt ihr Zweck durchaus nicht so einfach auf der Hand. Offiziell war es neben der Forderung, die gleichgeschlechtliche Ehe zurückzunehmen, das Anliegen, gegen künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft bei homosexuellen Paaren auf die Straße zu gehen.

Die Pariser Tageszeitung „Le Monde“ interpretierte dies etwas anders: Den Zweck der Demonstration sah sie darin, dass die entsprechenden Gruppen wieder mal auf sich aufmerksam machen wollten. Niemand solle annehmen, es gäbe sie nicht mehr. Die verantwortliche Organisation wollte 530 000 Demonstranten in den Straßen von Paris und Bordeaux ausgemacht haben, die Polizei jedoch nur 77 000. Auch wenn insofern nicht alle Hoffnungen der Veranstalter aufgegangen sind – eine gewisse Mobilisierungskraft für das Thema Familie kann man der Demonstration nicht absprechen.

Anfang 2013 war die „Manif pour tous“ eine kräftige Antwort auf das Gesetzesvorhaben von Justizministerin Christiane Taubira zu Gunsten gleichgeschlechtlicher Ehen, das in der französischen Öffentlichkeit unter der Bezeichnung „Mariage pour tous“ (Ehe für alle) diskutiert wurde. Inzwischen ist das Gesetzesvorhaben längst Realität und findet, nach anfänglichen Schwierigkeiten an manchen Orten, in den Gemeinden des Landes Anwendung – und wenn man den einschlägigen Umfragen glauben will, dann haben mehr als zwei Drittel der französischen Bevölkerung mit der Gleichsetzung von heterosexueller und homosexueller Ehe ihren Frieden gemacht. Selbst unter den Sympathisanten der heutigen Oppositionspartei UMP (Union pour un Mouvement Populaire) soll dies bei der Mehrheit der Fall sein.

Ein untrügliches Zeichen dafür, wie sehr die angefeindete „Ehe für alle“ schon weithin auf Akzeptanz stößt, ist die Haltung der UMP in der Frage, ob man – im Fall eines Sieges bei den nächsten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen – die „loi Taubira“ rückgängig machen würde oder nicht. Manche wenden ein, eine Rücknahme des Gesetzes würde eine nicht hinnehmbare Ungleichheit zwischen unterschiedlichen Rechtsinstituten schaffen. Bei der jüngsten Demo marschierten nicht wenige der UMP-Partei­granden mit – aber zu einer gemeinsamen Position in dieser Frage haben sie sich bisher nicht durchringen können.

Selbst Ex-Präsident Nikolas Sarkozy, der in früheren Zeiten keine Gelegenheit ausließ, im Wählerreservoir des rechtsextremen „Front national“ zu wildern, zeigte sich nicht gewillt, seine Rückkehr in die Politik und eine mögliche neue Präsidentschaftskandidatur mit der Forderung nach der Rücknahme der „loi Taubira“ zu verbinden. Möglicherweise verspricht er sich davon keinen Vorteil. Sarkozy sprach sich lediglich dafür aus, in der Verfassung zu verankern, Methoden künstlicher Befruchtung auf zeugungsunfähige heterosexuelle Paare zu beschränken und Formen von Leihmutterschaft gänzlich zu verbieten.

Apropos katholisch: Für die katholische Kirche Frankreichs ist das Thema gleichgeschlechtliche Ehe weiterhin von erheblicher Brisanz. Unter den Demons­tranten auf der Straße ist der Anteil von bekennenden Katholiken hoch, ohne dass diese sich von den Bischöfen immer richtig verstanden fühlen. Die Bischöfe des Landes tun sich schwer, bei aller Übereinstimmung in den ethischen Kernfragen, eine gemeinsame Haltung gegenüber den öffentlichen politischen Protesten einzunehmen.

In der Jubiläumsausgabe, der 40 000. Ausgabe von „La Croix“, sagte der inzwischen nicht mehr ganz so neue Präsident der Französischen Bischofskonferenz, der Erzbischof von Marseille, Georges Pontier: „Da die Demonstration keine Bewegung der Kirche ist, ist es nicht meine Aufgabe, ihre politische Entscheidung zu kommentieren, erneut auf die Straße zu gehen. Die Demonstration ist eine der Formen der Meinungsfreiheit in unseren Demokratien. Aber das ist nicht das einzige Mittel. Wir Bischöfe engagieren uns mehr in einem Reflexionsprozess, anstatt dass wir gegen ein künftiges Gesetz in den politischen Kampf ziehen. Wir setzen uns weniger auf politischer, als vielmehr auf anthropologischer Ebene ein, auch wenn ein Gesetz durchaus anthropologische Folgen haben mag.“

Das waren deutlich andere Töne, als sie sein Vorgänger, der Pariser Erzbischof André Vingt-Trois, gerne von sich gab und gibt. In der Anfangsphase des Streits um die gleichgeschlechtliche Ehe geriet Vingt-Trois unter erheblichen innerkirchlichen wie politischen Beschuss, als er zum Fest Mariä Himmelfahrt 2012 eine Fürbitte zu diesem Thema veröffentlichte und damit in den Augen nicht weniger dem innerfranzösischen Comment der Unterscheidung zwischen Kirche und Politik zuwiderhandelte.

Jean-Marie Guenois vom konservativen „Figaro“ jedenfalls ist sich sicher: Pontier verhalte sich „objektiv“ anders als sein Vorgänger. Die Vorgehensweise der Bischofskonferenz gegenüber den Kritikern der „Mariage pour tous“ sieht er weit über das konkrete Thema hinaus als verhängnisvoll für den Zusammenhalt der Katholiken des Landes an. Die Leitung der Kirche in Frankreich gehe auf Distanz zur „Manif pour tous“, die zwar keine konfessionelle Bewegung sei, dennoch aber von zahlreichen Katholiken geführt werde und viele Katholiken zu ihren Sympathisanten zähle.

Auch wenn Pontier die entsprechende Gesetzgebung sicherlich nicht gutheiße, kommentiert Guenois, so begünstige er dennoch mit seinem Verhalten politisch die anthropologische Entwicklung auf diesem umstrittenen Gebiet. Eine „junge Generation von Katholiken“ lasse Pontier auf diese Weise wie „Waisen“ zurück: „Diese Jugendlichen organisieren sich auf eigene Faust, weit entfernt von den Bischöfen. Die Kirche in Frankreich schneidet sich damit auf lange Sicht von ihren eigenen lebendigen Kräften ab.“

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